Am kommenden Wochenende endet mit den letzten Tagen der Schulferien in Baden-Württemberg – beeinflusst durch das Coronavirus – eine bislang ungekannte Sommerurlaubszeit. Für die deutsche Radiobranche erfolgte bislang zu diesem Zeitpunkt traditionell der Startschuss in eine wichtige Periode: man präsentierte hochwertige Programmaktionen, lud ein zu attraktiven Hörerfestivals und hübschte sich auf für die umsatzstarke, hörerintensive Herbstsaison.
In diesem Jahr ist alles anders: Covid19 bestimmt auf ungewisse Dauer noch immer das öffentliche, soziale, wirtschaftliche, kulturelle und private Leben der Menschen in Deutschland. Teilweise mit sehr einschneidenden Folgenerscheinungen. Und trotz einer zuletzt sichtbaren Entspannung bei der Entwicklung der Werbeeinnahmen stellen sich den Radiomachern weiter existenzielle Fragen.
RADIOSZENE hörte sich im Rahmen einer Blitzumfrage bei Programmverantwortlichen um nach ihren Erfahrungen anlässlich der Corona-Pandemie sowie zur Sendegestaltung während einer erstmaligen Herbstzeit ohne MA-Befragung.
- Die erneut aufflammende Corona-Pandemie beschäftigt weiter die Politik und Menschen im Land sowie die darüber berichtenden Medien. Wie viel an Normalität ist zwischenzeitlich wieder in die programmlichen Abläufe Ihres Senders eingekehrt? Welche Erkenntnisse aus den letzten Monaten nehmen Sie mit für künftige Arbeitsprozesse?
- In diesem Herbst wird es keine Erhebung von Hörerzahlen geben. Hat die Aussetzung der Frühjahrs-MA aktuell Auswirkungen auf die Programmgestaltung der nächsten Monate?
„Wenn man sich nur auf die Befragungszeiträume konzentriert, wird es nicht gelingen, Menschen dauerhaft an ein Programm zu binden“
Ulrich Manitz, MDR JUMP, Programmchef

02) Der Wegfall der MA-Befragung ist ja nur für die Macher ein Thema, die Nutzerinnen und Nutzer interessiert das eigentlich nicht, die wenigsten von ihnen werden davon Notiz genommen haben. Und da die Nutzerinnen und Nutzer bei uns im Mittelpunkt stehen, werden wir auch im kommenden Herbst großen Wert darauf legen, ihnen ein hochwertiges öffentlich-rechtliches Informations- und Unterhaltungsangebot zu machen. Wir entwickeln zudem unser Programm kontinuierlich und unabhängig von MA-Befragungen ständig weiter und werden das natürlich auch im diesem Herbst tun und unsere Nutzerinnen und Nutzer sicher auch wieder überraschen können. Ich glaube, dass es wichtig ist, das ganze Jahr über zu versuchen, ein zuverlässiger Tagesbegleiter zu sein. Wenn man sich nur auf die Befragungszeiträume konzentriert, wird es nicht gelingen, Menschen dauerhaft an ein Programm zu binden.
„Fuck The Format“
Thomas Jung, SWR3, Programmchef
01) Nichts ist wie vor der Pandemie. Nach wie vor sind zahlreiche Mitarbeiter in Home-Offices, wir senden aus Hygiene- und Desinfektionsgründen abwechselnd aus unseren beiden Studios. Dienstreisen sind drastisch reduziert, Videokonferenzen wurden alltäglich. Mehr Austausch findet über digitale Wege statt, es gibt viel weniger Direktkontakte. Ich denke, dass diese derzeitig notwendigen Optionen nachhaltig bleiben werden.
Der SWR3 Bereich Eventing funktioniert nur sehr eingeschränkt. Großveranstaltungen, Comedytouren und so weiter sind abgesagt. Wir haben zahlreiche Ideen, probieren einiges im kleineren Stile aus. Denn Eventing ist ein wichtiger Baustein in der Erlebniswelt von SWR3. Wir stellen aber auch fest, dass viele Menschen trotz noch so perfekter Hygienekonzepte Sorge haben, zu Veranstaltungen zu gehen – sie verzichten lieber darauf.
Unser Marketing arbeitet daher an ganz anderen Konzepten, zumal ich davon überzeugt bin, dass größere Veranstaltungen noch auf längere Zeit ausfallen beziehungsweise nicht angenommen werden. Die Pandemie wird im popkulturellen Bereich einiges verändern.
2) Hoher Gesprächswert, viele Überraschungen, Radio-Aktionen, die begeistern. Trotz ausgesetzter Erhebung fahren wir weiter Vollgas. Selbstverständlich! Denn die nächste MA-Befragung kommt. Wir haben normalerweise im Sommerhalbjahr durch Veranstaltungen rund 650.000 Direktkontakte. Bei mehr als 300 Events können die Menschen die Marke erleben. Das entfällt. Umso mehr muss sich jetzt das Radio inhaltlich permanent neu aufstellen. Die Marke muss im Linearen die Fans begeistern und im Digitalen neue Nutzer an sich binden.

Aber auch on air arbeiten wir ständig an neuen Ideen und überraschenden Sendungen mit viel Interaktion. Zum Beispiel unser SWR3 Urlaubsradio, wo wir uns mit Südtirol 1, dem Inselradio Mallorca oder NDR 2 zusammengeschaltet haben. Ländergrenzen wurden überwunden, SWR3Land reichte in dieser August-Woche von Bozen über Palma bis nach Köln. Oder unsere Tour durch SWR3Land, 18 Stunden Sommerradio live aus verschiedenen Regionen, von den Urlaubs-Topspots in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Oder eben die Specials von Gottschalk & Zöller aus München, dem Salzburger Land oder demnächst aus Budapest.
Auch musikalisch sind wir ständig dabei, das Format aufzubrechen, durch Specials, Thementage. Das Ziel von SWR3 ist, den Menschen verlässliche Information zum Thema Corona zu liefern ohne den Blick auf andere relevante Themen zu verlieren. Und gleichzeitig mit guter überraschender Unterhaltung vielfältigst zu punkten. Kurzum: „Fuck the Format“!
„Von Normalität sind wir genauso weit entfernt wie die Gesellschaft an sich“
Thomas Linke-Weiser, BAYERN 3, Programmchef


„Die Abläufe sind wieder in eine „neue“ Normalität zurückgekehrt“
Roel Oosthout, HIT RADIO FFH, Programmchef

Wir hatten schon Anfang des Jahres auf ein Cloud-basiertes Redaktionssystem umgestellt. Das hat uns geholfen, als wir auch in der Redaktion im Home-Office gearbeitet haben und nur ein kleines Team im Funkhaus war. Im Homeoffice haben die Kollegen jetzt fast die gleichen Möglichkeiten wie im Funkhaus.
Noch immer laden wir keine Studiogäste ein, aber auch hier hilft die Technik. Für unser Interview- und Podcast-Format „Silvia am Sonntag“, bekommen die Gäste mittlerweile per Kurier eine kompakte Ausstattung zugeschickt, die es ermöglicht ein Interview in Studioqualität zu führen.

02) Die meisten Änderungen, die wir jetzt durchgeführt haben, waren schon geplant, bevor wir wussten, dass es keine Herbst-Erhebung der MA geben wird. Vielleicht haben wir jetzt etwas weniger Druck, weil man bei fehlender Akzeptanz mehr Zeit zur Korrektur hat. Es wäre aber ein Fehler zu denken, dass man sich jetzt bis Dezember zurücklehnen kann. Unsere Planung für den kommenden Herbst entspricht dann auch im Umfang der in den letzten Jahren.
„Wir gehen davon aus, dass durch Corona das klassische Arbeitsmodell auch im Radio ausgedient hat“
Jens Küffner, RADIO FFN, Programmdirektor


„MA ist immer!“
Andreas Holz, RPR1., Leiter Content

Unsere größte Herausforderung war, den Sendebetrieb durch Aufbau von „Backup-Linien“, Home-Studios und virtuellen Konferenzräumen für den Fall eines Corona-Ausbruchs im Sender sicherzustellen. Glücklicherweise sind wir bisher vom Ernstfall verschont geblieben. Auch wenn wir aktuell diese „Backup-Linien“ ein Stück weit auflockern und mehr Kolleginnen und Kollegen in den Sender zurückkehren: Die Alarmbereitschaft bleibt bestehen – ein „neues Normal“ beginnt. Jeder noch so kleine Bereich wurde zu einem sicheren Arbeitsplatz umfunktioniert, wir bewegen uns im Sender mit Mund-Nase-Maske – und dort, wo der Abstand zwischen Arbeitsplätzen nicht herstellbar ist, wurden Trennwände installiert.

Als wichtigste Erkenntnisse nehmen wir „mobiles Arbeiten“ und „virtuelle Konferenzen“ mit in die Zukunft. Denn beides hat gezeigt: Produktives, konzentriertes Arbeiten an verlässlichem und spannendem Content ist mit beiden Instrumenten möglich – und je nach Programmbereich kann mobiles Arbeiten sogar produktiver sein. Wir haben aber auch gemerkt: Für die ganz große Kreativität braucht es dann doch den persönlichen Austausch.
02) Wir verzichten zwar im Herbst auf eine klassische MA-Kampagne, aber: MA ist immer! Es kommt weiter darauf an, nah bei unseren Hörern zu sein und ein spannendes, interessantes, unterhaltsames Programm zusammenzustellen. Bislang vielleicht eine Floskel, zeigt sich doch in diesem Jahr, wie wichtig unser Medium Radio ist, das den Menschen verlässliche Informationen und emotionalen Halt und Nähe bietet. Und genau so werden wir im Herbst mit dem „RPR1.Herbstklopfen“ weitermachen: „Füreinander in Rheinland-Pfalz“.
„Während wir gesehen haben, dass das mobile Arbeiten mit Telefon- oder Videocalls in Teilen gut funktioniert hat, merken wir allerdings auch, dass zum Beispiel kreative Prozesse mit dem Büro oder Sender als Kommunikationszone wesentlich besser funktionieren“
Thomas Rump, RADIO NRW, Programmdirektor und Mitglied der Geschäftsleitung


„Das Thema Corona findet dann statt, wenn es etwas Neues zu berichten gibt“
Marzel Becker, Geschäftsführer und Programmdirektor sowie Niklas Naujok, Station Manager, RADIO HAMBURG

Durch den Lockdown und die damit bedingten veränderten Anforderungen unter anderem an die technische Ausstattung, wurde unsere Digitalisierung zwangsweise beschleunigt. Das wichtigste Ergebnis dabei: Unser Haus ist in der Lage, in gleicher hoher Qualität komplett von außen zu senden. Einige Änderungen in den Arbeitsabläufen behalten wir noch bei, wie zum Beispiel Hybridmeetings. Insgesamt sind wir allerdings der Meinung, dass es erheblich besser für die Kreativität, den Work Flow, die Loyalität und das Vertrauen ist, wenn man sich persönlich sieht.
02) Klare Antwort: Nein. Wir gestalten unser Programm immer auf höchstem Niveau. Es ist unser Anspruch, für unsere Hörer stets das bestmögliche Programm zu machen, da spielt der Wegfall der Frühjahrs-MA keine Rolle.
„Was sich nachhaltig auf unser Programm auswirkt, ist der weitgehende Verzicht auf Off-Air-Aktivitäten“
ANTENNE BRANDENBURG

Die umfangreichen Erfahrungen mit dem mobilen Arbeiten, die wir in den vergangenen Monaten sammeln konnten, werden wir auch weiter nutzen können, wenn die Umstände wieder „normaler“ sind. Die Produktion mit Laptop oder iPad stellt einen Geschwindigkeitsgewinn dar, den wir auch unter anderen Umständen nutzen werden.
02) Die Aussetzung der MA hat keine direkten Auswirkungen auf unser Programm. Es sind keine Programmexperimente oder ähnliches geplant. Was sich nachhaltig auf unser Programm auswirkt, ist der weitgehende Verzicht auf Off-Air-Aktivitäten. Darauf reagieren wir seit Mai mit der Aktion „Mein Brandenburg – Ihr Ort ist unser Star“. Wöchentlich, immer mittwochs, rücken wir dabei einen anderen Brandenburger Ort in den Fokus unserer Berichterstattung.
„radioeins ist weit vom Normalzustand entfernt“
RADIOEINS

2) radioeins hat die MA-Berichtszeiträume bisher nie ausschließlich genutzt, um neue Hörer*innen zu gewinnen. Wir versuchen zu jeder Zeit im Jahr Programmaktionen und Events anzubieten, die auf aktuelle Themen eingehen, aber auch neue Themen setzen und scheuen dabei auch vor Innovationen nicht zurück.
„Wir sind weiterhin in einem ‚Corona-Modus‘“
Norbert Grundei, N-JOY, Leiter Programmbereich

Ich bin sehr stolz auf mein Team, das zu Beginn der Pandemie sehr schnell viele Arbeitsprozesse umgestellt hat. Wir konnten von einem Tag auf den anderen von Zuhause senden, die Arbeitsabläufe haben auch aus dem Home-Office gut funktioniert. 
2) Wir wollen in der Programmentwicklung agiler werden und neue, Nutzer*innen-zentrierte Ideen noch schneller auf den Sender bringen. Das gilt sowohl für Phasen innerhalb als auch außerhalb der MA-Zeiträume.
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Bildcredits: Ulrich Manitz (Bild: ©Marco Prosch), Thomas Jung Programmdirektor SWR 3 (Bild: ©SWR), Thomas Linke-Weiser (Bild: ©BR/Markus Konvalin), Roel Oosthout (Bild: FFH), Jens Küffner (Bild: ©radio ffn), Thomas Rump (Bild: ©radio NRW), Marzel Becker (Bild: ©Radio Hamburg), Norbert Grundei (Bild: ©NDR)













