5 Jahre Bremen Zwei: „Kultur ist nicht schwierig“

Veröffentlicht am 12. Aug. 2022 von unter Deutschland

NordwestradioBremen Zwei feiert in dieser Woche Geburtstag! Fünf Jahre jung wird das Kulturangebot von Radio Bremen. Als das Programm am 12. August 2017 das Vorgängerkonzept Nordwestradio ablöste, begründeten die Verantwortlichen den Schritt damit, dass „Bremen“ und die regionale Kultur klarer abgebildet sein müssten. In Ausrichtung und Inhalten des zuvor gemeinsam mit dem Norddeutschen Rundfunk betrieben Nordwestradios waren diese Profile offenbar nicht akzentuiert genug zur Geltung gekommen (vgl. Warum aus Nordwestradio wieder Bremen Zwei wird). Und die Reichweiten dümpelten damals weit unterhalb der Erwartungen des Senders.

bremen zweiUnter dem Motto „Neugier lohnt sich“ startete man mit einem stark veränderten Ansatz durch in einen hörenswerten Neuanfang. Bei den Vorgaben für den damaligen Relauch schlossen die Planer einer Rückkehr zu einer klassischen Kulturwelle aus. Bremen Zwei wurde so zu einem „Tagesprogramm mit Magazincharakter als Begleitprogramm“. Das Format sollte „den Hörern möglichst wenig Anlass zum Ab- und Umschalten bieten“. Das Wort-Musik-Verhältnis beträgt etwa 40 zu 60. Im Musikprogramm der Tages- und Nachtzeiten dominiert ein zeitloser Soundmix aus Singer Songwritern, anspruchsvollem Pop, Americana  und  Soul. Die Auswahl bewegt sich abseits des Mainstreams und ist albumorientiert.

Am Abend und Wochenende bietet Bremen Zwei aber auch ein reiche Palette sehr liebevoll kuratierter (und moderierter) Musikspezialsendungen mit anspruchsvollem Indie Pop und Rock, Klassik, Liedermachern, Soul, Livemusik und Jazz. Dazu ambitionierte Wortsendungen wie  Hörspiele,  Features, Gesprächssendungen oder Literatur- und Medienmagazine.

Der Erfolg beim Bremer Publikum lässt sich an gestiegenen Zahlen festmachen:  so wurden bei der ma 2022 Audio II inzwischen 82.000 Hörer registriert. Im Vergleich zur Frühjahrserhebung ma 2022 Audio I ist dies ein Plus von 30 Prozent. Seit Sendebeginn in 2017 hat sich die Zahl der Hörer verdreifacht. Dies sind bemerkenswerte Steigerungen im Segment der Kulturradios – und Anerkennung für den seinerzeit mutigen Neuanfang (vgl. Menschen in Bremen und Bremerhaven hören am liebsten Radio Bremen).

RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Programmleiter Karsten Binder unter anderem über Programmausrichtung, Inhalte, digitale Strategien und Perspektiven.


 

Der Begriff der Hochkultur schließt ja Leute eher aus, als dass er die Menschen mit ein bezieht 

 

RADIOSZENE: Bremen Zwei versteht sich als anspruchsvolles Hörfunkprogramm, das „den lässigen Kulturbegriff auf alle Lebensbereiche ausweiten“ möchte. Was darf man unter dieser Ankündigung verstehen?

Karsten Binder: Als wir das neue Bremen Zwei vor fünf Jahren an den Start gebracht haben, wollten wir bewusst weg von der klassischen Idee von Kulturradio. Der Begriff der Hochkultur schließt ja Leute eher aus, als dass er die Menschen mit ein bezieht. Unsere Idee bei Bremen Zwei war: Wir sitzen nicht auf dem hohen Ross, sondern wir begegnen den Leuten auf Augenhöhe. Wir wollten uns öffnen und sagen: Kultur ist nicht schwierig, sondern total lebendig und steckt voller Ideen und Kraft, sie ist in allen Lebensbereichen, das muss gar nicht ernst und andächtig sein, das geht eben auch lässig.

Karsten Binder (Bild: © Radio Bremen/Andreas Weiss)

Karsten Binder (Bild: © Radio Bremen/Andreas Weiss)

RADIOSZENE: An welche Hörerschaft richtet sich Ihr Angebot? Sprechen Sie mit Ihrem Konzept auch einschlägig Interessierte an, die mit (rein) hochkulturellen Klassik-Formaten wie NDR Kultur eher weniger anfangen können?

Karsten Binder: Ich finde, die Kulturprogramme der ARD ergänzen sich gut. Es wäre Quatsch, wenn alle das gleiche machen würden. Das ist ja eine der Pointen unserer sehr ausdifferenzierten Radiolandschaft, dass wir dadurch so vielfältig sind. Wir spielen tagsüber keine klassische Musik, weil das nicht zu uns passt. Als wir das neue Bremen Zwei konzipiert haben, haben wir uns von der Medienforschung beraten lassen, die hat die Zielgruppen der „modernen Etablierten“ und der „Kulturinteressierten“ für uns identifiziert. Wir haben daraus in einem sehr lebendigen Nachmittag mit der gesamten Redaktion zwei Personas kreiert – und orientieren uns seitdem an diesen Personas. Wir spielen tagsüber Singer Songwriter und gehobenen Pop.

RADIOSZENE: Wie definieren Sie das Musikkonzept von Bremen Zwei am Tage und in der Nacht? Hier stehen neben anspruchsvoller Pop- und Rockmusik, Singer Songwritern, Nu Jazz, RnB, punktuelle Pophits von James Blunt, Sam Smith oder Maroon 5 auf den Playlisten – die auch bei Bremen Vier stattfinden könnten. Damit sprechen Sie dann doch eher jüngere Hörer an.

Karsten Binder: Tagsüber spielen wir einen lebendigen und abwechslungsreichen Mix aus Singer Songwritern und gehobenem Pop. Da sind viele neue und unbekannte Titel dabei. Das sind wirklich Entdeckungen unserer Musikredaktion. Und als Ankertitel setzen wir zwei, drei bekannte Popsongs pro Stunde. Unser Musikformat ist abgestimmt mit den anderen Wellen von Radio Bremen. Wir haben da eine Flottenstrategie fürs ganze Haus. Und die Musikchefinnen und -chefs der Wellen sind im engen Kontakt. Unsere beiden Personas sind Anfang 40 und Anfang 50. Auf diese Altersgruppe fokussieren wir, und das ist, wenn Sie so wollen, unser Begriff von „jung“. 

 

„Die Musik ist Teil der Gesamterzählung von Bremen Zwei und lässt sich vom Wort gar nicht trennen“

 

RADIOSZENE: Im Programm findet sich eine ganze Reihe an Musikspezialsendungen – von Klassik und Jazz bis hin zu Indie Sounds oder „Songs zum Täumen“. Wie wichtig sind diese Angebote für Bremen Zwei? Wie wichtig ist die musikalische Ausrichtung eines anspruchsvollen Kulturformats heute überhaupt für den Erfolg beim Publikum?

Karsten Binder: Musik ist der Träger der Emotion und absolut wichtig für jede Radiowelle, auch für Bremen Zwei. Die Musik ist Teil der Gesamterzählung von Bremen Zwei und lässt sich vom Wort gar nicht trennen. Wer uns hört, hört ja das ganze Bremen Zwei. Insgesamt muss die Mischung passen. Dazu gehört eben auch, dass wir dann am Abend von den eher aktuell getakteten Sendeflächen des Tages in die längeren Special-Interest-Strecken wechseln. Die Musiksendungen am Abend sind uns sehr wichtig.

Arnd Zeigler (Bild: © Radio Bremen/Andreas Weiss)

Arnd Zeigler (Bild: © Radio Bremen/Andreas Weiss)

Wir haben da halt die Möglichkeit, bestimmte Genres wie Jazz oder auch Soul zu bedienen, oder auch Persönlichkeiten eine Bühne zu bieten, wie Arnd Zeigler mit seiner „wunderbaren Welt des Pop“ oder Dirk Darmstaedter, Sänger der Jeremy Days, die bei uns beide eine Sendung haben.

Dirk Darmstaedter (Bild: © Radio Bremen/Andreas Weiss)

Dirk Darmstaedter (Bild: © Radio Bremen/Andreas Weiss)

RADIOSZENE: Wie hoch ist der Wortanteil im Tagesprogramm? Welche redaktionellen Angebote bieten Sie den Hörern jenseits der Musik?

Karsten Binder: Der Wortanteil liegt so bei 40 Prozent. Wobei das stark variiert. In der „Gesprächszeit“ zum Beispiel, das ist unser tägliches Interviewformat zwischen 18 und 19 Uhr, da liegen wir dann bei knapp 80 Prozent Wort. Und Bremen Zwei ist ein, ich sag mal, Kultur-Vollprogramm. Neben dem aktuellen Tagesprogramm produzieren wir Hörspiele, Feature, wir veranstalten Konzerte, machen eine Radio-Talkshow, organisieren Lesungen, kuratieren Festivals und Preisverleihungen und und und.

Und wir produzieren Podcasts, darunter den Krimipodcast „Kein Mucks!“ mit Bastian Pastewka und die Familienserie „Lost in Neulich“, beides sehr erfolgreiche Formate in der ARD-Audiothek.

Bastian Pastewka (Bild: ©RB/Boris Breuer)

Bastian Pastewka (Bild: ©RB/Boris Breuer)

RADIOSZENE: Wie viel „Bremen“ beziehungsweise regionale Inhalte stecken in Bremen Zwei?

Karsten Binder: Wir sagen in unserem Markenkern selbstbewusst: „Wir kommen aus Bremen und sind stark in der Region“. Das beschreibt es eigentlich schon gut. Uns ist beides wichtig, Bremen und die Region. Ich behaupte mal, wir sind die Welle bei Radio Bremen, die die meisten regionalen Inhalte hat. Wobei es uns in dem Change-Prozess vom alten Nordwestradio zum neuen Bremen Zwei auch wichtig war, uns ehrlich und authentisch zu verorten. Wir wollen ja anfassbar und nahbar sein. Wir kommen halt aus Bremen, hier sind die Studios, und von hier aus gucken wir in die Welt.

RADIOSZENE: Entsprechend Ihrem Motto „Neugier lohnt sich“ haben Sie auch zahlreiche Formate im Programm platziert, die gezielt eher an kleinere Hörergruppen adressiert sind: Also kritisches Feature, Hörspiele, Konzertmitschnitte bis hin zum Monatsrückblick in lateinischer Sprache. Wie intensiv werden diese hochwertigen Produktionen angenommen?

Karsten Binder: Als wir die Lateinnachrichten wieder ins Programm genommen haben, hatten wir ein riesen Medienecho. Das hat uns selbst überrascht, sie sind quasi die Rache an der eigenen Schulzeit. Aber zentral für Bremen Zwei sind andere Produktionen, wie zum Beispiel unser journalistisches Tagesprogramm oder das investigative „Schwerpunkt“-Format. Bei den „Schwerpunkten“ setzen wir eigene Themen und nehmen uns buchstäblich Zeit dafür. Zeit für eine intensive Recherche und Zeit und Raum für ein ausgebufftes Storytelling. Auch hier gilt bei uns inzwischen: Podcast first. Das heißt wir produzieren einen Podcast zum Thema, den wir in der ARD-Audiothek publizieren, plus Beiträge und Interviews fürs Tagesprogramm.

Die Schwerpunkte stehen ganz gut für die Idee von Bremen Zwei: Wir laden die Leute zu uns ein, um ihnen dann was anspruchsvolles und überraschendes zu bieten. Wir wollen anregen, inspirieren, Anstöße geben. Wir wollen, dass die Leute in die Reflektion kommen, einen Gedanken mitnehmen, den sie vielleicht vorher noch nicht hatten, und wir bieten den Stoff dafür. Hirn-Food und Genuss für den Geist. Unsere Hörspiele übrigens sind keineswegs Nischenprodukte, sondern erreichen als Podcasts zum Teil ein Massenpublikum. Die Folgen von „Kein Mucks!“ wurden über vier Millionen Mal abgerufen. In der Vor-Podcastzeit hätten wir mit unserem kleinen Sendegebiet von sowas nur träumen können.

 

„Auch bei uns gilt inzwischen: Podcast first“

 

RADIOSZENE: Führen diese (meist) längeren Inhaltsformate – wie immer behauptet –  tatsächlich zu Abschaltimpulsen beim nicht interessierten Publikum? Wie tolerant sind Ihre Hörer gegenüber Formatbrüchen?

Karsten Binder: Naja, auch ein Hörspiel ist ja ein gelerntes Format. Und es gibt auch im Bereich Hörspiel mehrere Formate. Die Idee des seriellen Erzählens ist zum Beispiel eine sehr attraktive Form geworden. Insofern brechen wir nicht das Format, wenn wir Hörspiel senden. Wir orientieren uns aber in der Komposition des Programms von Bremen Zwei an den Hörgewohnheiten und Tagesroutinen unserer Personas. Wenn Du morgens früh das Radio einschaltest, willst Du wissen, ob die Welt noch steht, was heute wichtig wird und wie die Dinge einzuschätzen sind. Und genau das bekommen die Leute bei uns am Morgen. Würden wir morgens ein langes Feature oder Hörspiel senden, würden sie sicherlich abschalten. Die längeren Formate senden wir abends, wenn die Leute zuhause sind, Essen machen et cetera und Zeit haben, zuzuhören. Aber wir nutzen natürlich die Primetime am Morgen, um auf unsere langen Podcastformate zu teasen, die ja in der ARD-Audiothek jederzeit verfügbar sind. Und wenn dann jemand auf dem Weg zur Arbeit das Radio ausmacht, um `ne halbe Stunde unseren Biologie-Podcast „Wie die Tiere“ zu hören – alles gut. 

Wie die Tiere mit Daniel Kähler und Dr. Mario Ludwig (Bild: © Radio Bremen / Martin von Minden)

Wie die Tiere mit Daniel Kähler und Dr. Mario Ludwig (Bild: © Radio Bremen / Martin von Minden)

RADIOSZENE: Die Fachwelt ist sich derzeit uneins über die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Nutzungsgewohnheiten beim Radiohören? Welche Effekte hatte die Pandemie auf das Verhalten der Hörer bei Bremen Zwei?

Karsten Binder: Die Zahlen der MA IP Audio haben gezeigt, dass eigentlich alle Radiowellen in den Corona-Hochphasen Hörerinnen und Hörer hinzu gewonnen haben. Mir erscheint das auch logisch: Wenn Du nicht weißt, wie ist die Coronalage heute, machst Du das Radio an und lässt Dich informieren.

RADIOSZENE: Ihr Programm produziert inzwischen eine beachtliche Zahl an Podcasts. Welchen Stellenwert haben diese Audiodateien heute für das Publikum?

Karsten Binder: Podcasts sind für uns immens wichtig. Wir können neue Erzähl- und Produktionsweisen ausprobieren. Wir gehen neue Wege der Distribution, das Seeding unsere Inhalte wird sehr wichtig. Und wir erreichen ein riesen Publikum mit unseren Produktionen. Das macht es natürlich auch für die Autorinnen, Autoren und Redakteurinnen, Redakteuren sehr spannend.

Wir werden deshalb auch weiterhin den Bereich bei Bremen Zwei Schritt für Schritt ausbauen. Wir haben damit vor fünf Jahren angefangen und produzieren zum Beispiel unsere langen Formate wie Hörspiele und Feature inzwischen komplett als „podcast first“-Geschichten. Das heißt wir überlegen uns, wie müssen Dramaturgie, Inhalt, Stil sein, damit das als Podcast funktioniert. Und erst danach überlegen wir uns, wie wir das im Radio senden. Und wir probieren viel aus. Wir versuchen da ein innovativer Treiber zu sein.

RADIOSZENE: Welche Zwischenbilanz für Bremen Zwei ziehen Sie nach gut 5 Jahre Sendebetrieb?

Karsten Binder: Ich bin wirklich happy, was wir in den fünf Jahren erreicht haben. Wir haben die MA-Zahlen bei Bekanntheit, weitester Hörerkreis, Tagesreichweite in der Zeit im Schnitt verdreifachen können. Wir haben ein lebendiges Programm, das sich nahezu täglich weiter entwickelt. Das Ganze wird getragen von einer tollen Redaktion, die voller Ideen und Energie ist. Und wir setzen den Weg beherzt fort. Momentan bauen wir gerade eine Crossmedia-Redaktion auf, die sicherlich auch nochmal für einen kreativen Schub sorgen wird. 

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