Bremen Zwei: “Für Alle, die Lust haben, Musik zu entdecken”

Veröffentlicht am 25. Jul. 2018 von unter Musik

Heimliche Helden des Radio präsentiert von MusicMaster - Heute: Nicole Nelhiebel

Die ARD hatte bei der Veröffentlichung der gerade erschienen MA Audio 2018 II gleich mehrfach Grund zum Jubeln. Außerordentlich erfreut zeigt man sich jedoch über die „Rekordwerte“ für die Informations- und Kulturwellen, die mit erstmals über sieben Millionen Hörern ihren Erfolgskurs fortsetzten: demnach entscheiden sich heute in Deutschland jeden Tag 7,2 Millionen Menschen für mindestens eines der einschlägigen Programme des öffentlich-rechtlichen Senderverbundes – was einen Zuwachs von 300.000 Hörerinnen und Hörern im Vergleich zur letzten Erhebung bedeutet. Die Tagesreichweite der ARD-Informations- und Kulturangebote stieg von 9,7 Prozent auf 10,2 Prozent.

Zu den Gewinnern unter den öffentlich-rechtlichen Kultursendern zählt neben SWR2, Deutschlandfunk Kultur, SR 2 KulturRadio oder MDR KULTUR auch das erst im vergangenen Sommer reformierte Bremen Zwei. Das ehemalige Nordwestradio konnte seine Tagesreichweite (Montag bis Sonntag) gar um 46 Prozent steigern. Ein deutliches Signal, dass die Verantwortlichen (neben der Umfirmierung) des „neugierigen, inspirierenden und anspruchsvollen Programms“ von Radio Bremen vieles richtig gemacht haben – offensichtlich auch bei der modifizierten Musikgestaltung.


RADIOSZENE sprach mit der Musikverantwortlichen Dr. Nicole Nelhiebel über Programminhalte und die Bremen Zwei-Musikgestaltung.

Nicole Nelhiebel (Bild: ©Radio Bremen/Leonard Rokita)

Nicole Nelhiebel (Bild: ©Radio Bremen/Leonard Rokita)

RADIOSZENE: Wie haben Sie den Weg zum Radio gefunden?

Dr. Nicole Nelhiebel: Radio liegt bei mir in der Familie. Ich bin mit Radio aufgewachsen und habe schon als Schülerin erste kleine Assistenzjobs bei Radio Bremen gemacht. Später habe ich Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaften, Musik und Geschichte studiert und als Praktikantin in der Musikabteilung/Klassik bei Radio Bremen Erfahrungen im Bereich Redaktion und Moderation gesammelt, die ich als freie Mitarbeiterin vertiefen konnte. Volontiert habe ich nach meiner Promotion bei der Kreiszeitung Syke und bin nach kurzer Tätigkeit als Lokalredakteurin dort zum Nordwestradio gegangen, zunächst als freie Autorin und Moderatorin unter anderem der Frühsendung und verschiedener Musiksendungen, habe auch in der Nachrichtenabteilung gearbeitet und wurde später als Musikredakteurin fest angestellt. Dann wurde ich Musikchefin beim Nordwestradio, heute Bremen Zwei.

RADIOSZENE: Welche Tätigkeitsfelder umfasst Ihr Aufgabengebiet?

Dr. Nicole Nelhiebel: Ich leite eine Abteilung mit mehr als zehn festen und freien Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen musikalischen Bereichen. Ich bin zuständig für den musikalischen Sound von Bremen Zwei rund um die Uhr, Bremen Zwei hat ja auch eine eigene Nachtstrecke. Jeder Song der Bremen Zwei-Playlist geht über meinen Tisch. Ich bin auch ganz praktisch an der täglichen Musikplanung beteiligt und moderiere zwischendurch auch. Es ist wichtig, nah am Programm zu sein und den Sound der Welle weiterzuentwickeln. Außerdem bin ich mit Live-Übertragungen, Produktionen, Konzerten und den allgemeinen musikalischen Themen im Programm befasst. Wir denken auch crossmedial über unsere Themen nach. Zudem pflege ich Kontakt zu Künstlerinnen und Künstlern, Labels, den Organisatorinnen und Organisatoren regionaler Musikkultur, den Bremer Orchestern und anderen Kultureinrichtungen der Stadt und Region. Ich stehe in regelmäßigem Kontakt mit den Musikchefinnen und Musikchefs der Kulturwellen in der ARD, z.B. bezüglich des ARD-Radiofestivals. Als Teil der Programmleitung von Bremen Zwei beschäftige ich mich auch mit außermusikalischen Themen und der Entwicklung der Welle innerhalb der Radio Bremen-Familie. Und ich stehe im Austausch mit den Musikchefs der anderen Radio Bremen-Wellen unter anderem mit Blick auf das Radio Bremen Musikvolontariat.

RADIOSZENE:  Welchen Stellenwert hat die Musik generell bei Bremen Zwei?

Dr. Nicole Nelhiebel: Musik spielt bei Bremen Zwei eine sehr wichtige Rolle. Wir verstehen die Musik als gleichberechtigen Teil des Programms.

 

„Bei der Musikauswahl funktioniert alles nur durch die Kompetenz der Redaktion“

 

RADIOSZENE: Bremen Zwei verfügt über ein besonderes Musikkonzept „jenseits des Mainstreams“. Wie genau würden Sie das Format beschreiben?

Dr. Nicole Nelhiebel: Wir berücksichtigen im Wesentlichen die Genres Singer/Songwriter, Pop, Americana, Soul, Jazz. Das Format richtet sich an Menschen, die Lust haben, Musik zu entdecken. Sie können die Musikredaktion als Kurator verstehen. Wir möchten gern inspirieren und sind selbst neugierig auf das, was in der Musikwelt passiert. Wir richten uns mit unserem Format aber auch an diejenigen, die sich durchaus freuen, den einen oder anderen bekannten Song bei uns zu finden.

RADIOSZENE: Wie unterscheiden sich die Musikabläufe im Vergleich zum Vorgängerprogramm Nordwestradio?

Dr. Nicole Nelhiebel: Wir haben im Vergleich zum Nordwestradio einige bekannte Songs zusätzlich ins Programm gehoben. Sie sind in den Musikablauf eingebunden. Am späteren Abend gibt es neue Musiksendungen mit Schwerpunkten. 

RADIOSZENE: Welche Hörergruppen nutzen das Programm laut MA Audio besonders häufig?

Dr. Nicole Nelhiebel: Bremen Zwei wendet sich an die Zielgruppe der modernen Etablierten und Bildungsorientierten. Im Kern haben wir ein urbanes Publikum mittleren Alters.

RADIOSZENE: Welche  Kriterien sind für die Musikverantwortlichen entscheidend bei der Musikauswahl: die Kompetenz der Redakteure oder vielleicht doch die Aussagen von Musiktests?

Dr. Nicole Nelhiebel: Entscheidend bei der Musikauswahl sind die Konzeptidee hinter dem Programm, der Sound der Welle und dessen Weiterentwicklung, Entdeckergeist und Verlässlichkeit in der Qualität. Das alles funktioniert nur durch die Kompetenz der Musikredaktion. Bei einer so speziellen Musikauswahl wie bei Bremen Zwei spielen Musiktests eine untergeordnete Rolle, da sich unbekannte Musik in solchen Tests schwer abbilden lässt. 

RADIOSZENE: Punktuell finden sich nun wie gehört auch diverse Charterfolge im Programm. Wie sehr wiegt dieser Aspekt bei der Zusammenstellung der Musikabläufe?

Dr. Nicole Nelhiebel: Wir entscheiden bei jedem Song zunächst, ob er zu Bremen Zwei passt. Dass der Song mal ein Erfolg war oder gerade noch ist, ist ein nachgeordneter Punkt. Wir möchten unseren Hörerinnen und Hörern aber neben den vielen unbekannten Songs und Künstlerinnen und Künstlern, die bei uns zu finden sind, zwischendurch auch bewusst eine Art Höranker geben, indem sie auch einige vertraute Songs bei uns finden. Das funktioniert auch gut im Zusammenspiel mit dem anspruchsvollen Wortprogramm, das Bremen Zwei anbietet. 

RADIOSZENE: Deutschsprachige Songs finden sich dagegen keine bis kaum im Programm. Mögen die Hörer von Bremen Zwei keine deutschen Songs?

Dr. Nicole Nelhiebel: Es gibt keine Studien zur Frage, ob Bremen Zwei Hörerinnen und Hörer deutsche Songs nicht mögen. Es ist aber nicht richtig, dass wir keine deutschsprachigen Songs spielen. Wir spielen jeden Tag auch deutschsprachige Songs, darunter Interpreten wie Niels Frevert, Gysbert zu Knyphausen, Desiree Klaeukens, Dota, Joris und viele andere. Unser erstes großes exklusives Radiokonzert für Bremen Zwei war im Mai 2018 mit der Band Erdmöbel. 

RADIOSZENE: Dagegen gibt es ein große Zahl an neu veröffentlichten Titeln – darunter überwiegend Musik von Indie Labels. Liefern diese kleineren Musikfirmen für Ihr Programm einfach die passenderen Songs oder haben die Majorfirmen Bremen Zwei noch nicht entdeckt?

Dr. Nicole Nelhiebel: Wir suchen die Songs danach aus, wie sie in unser Programm passen und nicht nach den Labels. Wir scheuen uns allerdings nicht, ganz unbekannte Künstlerinnen und Künstler auf die Playlist zu nehmen. Wenn sie bei Indie Labels sind, ergibt es sich also einfach. Aber natürlich wissen auch die Majorfirmen, dass es Bremen Zwei gibt, wir spielen ja auch Musik von Majorfirmen. Unsere Kontaktpersonen dort kennen selbstverständlich aber auch unsere speziellere Ausrichtung.

 

„Die Musikspecials vertiefen an verschiedenen Stellen das Musikformat des Tages“

 

RADIOSZENE: Bei der Durchsicht der Playlisten fällt eine sehr große Titel- beziehungsweise Interpretenvielfalt auf. Wie viele Songs umfasst Ihr Titelpool?

Dr. Nicole Nelhiebel: Genug, um ein abwechslungsreiches Programm zu gestalten und auch Spezialsendungen zu fahren. Zudem gibt es eine dauernde Fluktuation durch das Austauschen von Songs und dadurch, dass wir neue Künstlerinnen und Künstler für das Programm entdecken. 

RADIOSZENE: Das Programm von Bremen Zwei beinhaltet vornehmlich am Abend zahlreiche Musikspecials – von anspruchsvollem Pop und Rock, tanzbarer Musik, Folk/Americana, Jazz bis hin zur Klassik. Alle sehr liebevoll zusammengestellt und moderiert. Wie wichtig sind die diese Specials für das Gesamtprogramm?

Dr. Nicole Nelhiebel: Die Specials sind uns wichtig, deswegen machen wir sie. Sie vertiefen an verschiedenen Stellen das Musikformat des Tages, zum Beispiel in der Soulkitchen oder in den Herzstücken. Wir geben den Facetten der Klassik und des Jazz Raum, weil diese Musik auch zur Welt von Bremen Zwei gehört. Wir haben die entsprechende Kompetenz in der Musikredaktion. Mit der freitäglichen Tanzbar wollen wir die Wochenendstimmung begleiten.

RADIOSZENE: Im Wochenverlauf finden sich diverse feste Sendeplätze für Live-Ausstrahlungen. Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie die Live-Mitschnitte aus?

Dr. Nicole Nelhiebel: Wir achten bei unseren Mitschnitten auf Konzerte aus der Region, die Relevanz der Künstler, entdecken aber auch gern Künstlerinnen und Künstler, die vielleicht zum ersten Mal einen Mitschnitt fürs Radio machen. Wir senden auch Angebote aus der ARD und EBU. Für die Live-Mitschnitte gelten die Kriterien der gesamten Musikauswahl: Qualität, Entdeckergeist und auch Dokumentationsfreude. Wir möchten ein möglichst breites Angebot machen. Wir senden Live-Musik in den Sendungen Sounds in Concert am Samstag 22.00 bis 24.00 Uhr und in der Klassikwelt in Concert, Sonntag 22.00 bis 24.00 Uhr. Außerdem veranstalten wir mehrfach im Jahr einstündige Live-Radiosessions im Rahmen der Sendung Sounds, Montag bis Freitag von 19.00 bis 21.00 Uhr. Wir übertragen im Rahmen der Sounds auch verschiedentlich Live-Konzerte, die Bremen Zwei mitschneidet. 2018 haben wir erstmals ein exklusives Bremen Zwei Radiokonzert im Sendesaal Bremen veranstaltet und auch live übertragen. Gast war die Band Erdmöbel. Wir übertragen z.B. auch regelmäßig die Eröffnung des Musikfestes Bremen live. 

RADIOSZENE: Das Thema Streaming-Dienste wird in der Radiowelt derzeit heiß diskutiert. Sind Spotify & Co, auch ein Thema bei Bremen Zwei und wie gehen Sie damit um?

Dr. Nicole Nelhiebel: Spotify & Co, wie Sie sagen, sind auch bei Bremen Zwei Gegenstand der Berichterstattung. Bremen Zwei ist dort aber nicht mit Musiklisten vertreten. Der Musiker Dirk Darmstaedter, der einmal monatlich die Sendung Sounds like Dirk bei Bremen Zwei moderiert, stellt die Songauswahl dieser Sendung bei Spotify zur Verfügung.

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