Warum schikaniert die BBC die Hörer von “Fortunately”?

Veröffentlicht am 27. Jan. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio FutureWer versucht, sich die neue Staffel von Fortunately, einen Podcast der BBC, anzuhören, der bekommt zu hören, dass er genau das nicht darf.

Fortunately ist eine von der BBC produzierte Sendung, die es nie ins Radio geschafft hat. Stattdessen folgt sie jenem Schema, das bei vielen Podcasts üblich ist: zwei Freunde unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee mit einem Stargast. Die “Freunde” sind in diesem Fall Freundinnen und heißen Fi Glover und Jane Garvey, zwei Radiofrauen, die in Sachen Humor ungefähr auf einer Wellenlänge liegen. Aufgezeichnet wird der Podcast in einem Café in der “BBC Piazza”, dem öffentlich zugänglichen Bereich außerhalb des schillernden BBC-Rundfunkhauses in der Londoner Innenstadt.

Im letzten Jahr hat die BBC eine neue Smartphone App lanciert. Sie heißt BBC Sounds und in ihr steckt bedarfsgerecht zugeschnittener Content wie dieser Podcast, sowie Radiosendungen (und demand und live) sowie einige Musikmischungen. Aus Versehen wurde die App lanciert noch bevor sie von den Funktionen her ihrem Vorgänger, dem BBC iPlayer Radio, ebenbürtig war. Die App ist darüber hinaus außerhalb Großbritanniens nicht verfügbar.

BBC Sounds

Bei BBC Sounds muss man sich erst registrieren, bevor man etwas hören kann, ähnlich wie bei Spotify. Das bringt dann wohl einige Personalisierungsmöglichkeiten sollte man annehmen, aber vor allem ist dies ein Anzeichen dafür, dass sich inzwischen einige Leute bei der BBC aktiv mit der Frage befassen, wie man das steigern kann, was man in Technologie-Insiderkreisen “MAU” (Monthly Active Users, monatlich aktive Nutzer) nennt. Offenbar glaubt man, der App damit zum Erfolg zu verhelfen.

Das Streben nach einer höheren MAU-Zahl ist an sich nichts Schlechtes. Neben der allgemeinen Verweildauer in der App (die ähnlich zunehmen sollte) sind dies nämlich wichtige Größen für die Berechnung des Erfolges einer App.

Allerdings ist es ein schmaler Grat zwischen der Ermutigung von Hörern zur Nutzung der App und der Gängelung, diese doch gefälligst zu nutzen. Aber zurück zu Fortunately. Hier hat gerade eine neue Staffel angefangen, die man einzig und ausschließlich über die BBC Sounds-App hören kann. Der Podcast wurde aus allen Podcast-Apps herausgenommen und durch die etwas wehleidige Nachricht “Bisher waren wir hier, aber das sind wir nicht mehr” ersetzt.

Ganz schön geschäftstüchtig, werden manche wohl jetzt denken, und dieser Standpunkt ist durchaus legitim. Aber: in welcher Branche betätigt sich die BBC eigentlich? Ihre Kernkompetenz sind gute Radio- (und Fernseh-)Sendungen. Darüber hinaus kommt das Geld hauptsächlich von den britischen Gebührenzahlern, die für diese noch zu produzierenden Sendungen bereits bezahlt haben. Der wichtigste Gradmesser für den Erfolg der BBC ist allerdings nach wie vor, wie viele Leute diese Sendungen verfolgen und wertschätzen. Von daher ist die Entfernung von Sendungen aus anderen Plattformen etwas kurzsichtig.

Die Zahl der Apps, welche die Leute auf ihren Smartphones und anderen Geräten installieren, ist nicht unbegrenzt. Natürlich könnte es eine Strategie sein, Hörer in den sprichwörtlichen ummauerten Garten zu führen, in dem es eben diese ansonsten verbotenen Früchte gibt. Aber eigentlich sollten sich Hörer deswegen zu der App hingezogen fühlen, weil sie wirklich gut ist, weil sie tolle Empfehlungen abgibt und weil sie einfach perfekt funktioniert. Wenn man das Publikum zur Installation einer neuen App hin prügeln muss, indem man ihnen zuerst etwas wegnimmt, für das sie bisher ohnehin bezahlt haben, dann macht man wahrscheinlich einen Fehler.


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

 

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