Warum ein Rückzug aus TuneIn unklug ist

Veröffentlicht am 09. Jul. 2018 von unter James Cridland

James Cridland's Radio Future über Google Podcasts

Vor kurzem entschied der US-Radiokonzern Entercom, seine Streams nicht mehr über den Radiostream-Aggregator TuneIn anzubieten. Ab sofort werden die Sender nur noch über das Entercom-eigene Streaming-Portal radio.com und über die Radio.com-Smartphone-App verbreitet.

Entercom-Geschäftsführer David Field: „Wir setzen alles daran, damit Radio.com der führende Anbieter für digitale Audio-Inhalte wird.“ Offensichtlich will er das mit dieser Strategie erreichen.

Ich habe durchaus schon einmal gesagt, dass wir uns weniger von TuneIn abhängig machen sollten. Die Radiobranche ist nicht daran beteiligt, und im Großen und Ganzen sind wir für diesen Dienst sowieso nur Mittel zum Zweck. Aber ich war nie ein Freund davon, dass sich Sender aus TuneIn zurückziehen. Warum? Weil es ganz einfach falsch ist.

Tunein Logo (Bild: ©Tunein)

Tunein Logo (Bild: ©Tunein)

Der Rückzug eines Senders aus TuneIn ist in finanzieller Hinsicht unklug. Denn die meisten Einnahmen der Radiosender kommen immer noch vom Radio hören, nicht aus den Internet-Aktivitäten. Wenn man also die gesamte Hördauer um 10% steigern könnte, steigert man im Großen und Ganzen auch die Einnahmen um 10%.

PwC hat vor kurzem eine Studie veröffentlicht, die das Radiowachstum für den australischen Markt prognostiziert. Zwar ist die Internet-Komponente im Aufwind, wird aber – laut PwC – sogar bis 2022 gerade einmal 17% der gesamten Radioeinnahmen ausmachen.

Um es vereinfacht zu sagen: wenn mehr Leute deinen Sender hören und wenn dein Sender an so vielen Stellen wie möglich verfügbar ist, dann ist das die beste Finanzstrategie. Denn dort sitzt das Geld und dort sollte man dann auch den Schwerpunkt setzen.

Ein Rückzug aus TuneIn ist auch aus Sicht der Hörer nicht gerade clever.

TuneIn ist der Standard-Radioanbieter auf vielen Smart Speakern und vernetzten TV-Geräten. Natürlich kann man eigene Apps für diese Geräte konzipieren, aber das ist einerseits kostspielig und führt andererseits geradezu unweigerlich dazu, dass man sich verzettelt. Oder hat jemand Lust, mit all den Hardware-Anbietern und Autoherstellern zu verhandeln, die TuneIn bereits bei sich im Boot hat? Man kann halt nicht auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzen.

Gesetzt den Fall, du nimmst deinen Sender wirklich aus TuneIn heraus – was machen dann deine Hörer? Klar, manche werden sich deine eigene App herunterladen, viele aber auch nicht. Und diese werden sich einen andren Sender suchen, denn – so hart es auch klingen mag – dein Sender ist nun einmal nicht der Einzige, der die besten Songs der 80er, 90er und von heute spielt. Eine Monopolstellung hast du also keineswegs.

Den Hörer zu zwingen, eine App aufzugeben, die sie selbst ausgesucht haben (und das wahrscheinlich nicht ohne Grund) stellt die Markenloyalität wirklich auf eine harte Probe.

Und dann soll der Hörer auch noch zu einer nachweislich schlechteren App wechseln. Eine fragwürdige Entscheidung! TuneIn wird im Apple Store mit 4,6 bewertet, die Radio.com-App bleibt mit 2,7 weit dahinter zurück. Bei Android kommt die Radio.com-App auf einen Durchschnittswert von 3,5, gegenüber 4,4 bei TuneIn. Warum soll mich einer dazu zwingen, mit dem Zweitbesten vorlieb zu nehmen?

Die Strategie für Radio-Apps sollte meiner Meinung nach relativ klar sein.

Bringe deinen Stream in jedes einzelne potentielle Gerät und in alle möglichen Apps. Dein Sender ist das Wertvollste, was du besitzt, denn hiermit lässt sich das meiste Geld verdienen. Eine Präsenz hier ist vorteilhaft: Man kann den Sender finden, ihn ausprobieren… im Wesentlichen ist dies kostenloses Marketing.

Dann aber sollte man die eigenen Daten, die Programmier-Ressourcen und die eigene Intelligenz in eine eigene App investieren, mit der man das Hörerlebnis wirklich aufwertet. Ein Fest für Augen wie Ohren: bessere Grafik, Talentfotos und -Connections, hochwertigere Streams, vielleicht sogar überspringbare Elemente, personalisierte Werbung, Inhalte mit Alleinstellungsmerkmal und weniger störende Werbung.

Omnipräsent sein, darauf kommt es an. Man sollte sein Publikum nicht triezen, sondern vielmehr überzeugen: Schnappt euch meine App, denn sie ist die Beste. Es sind deine Daten und deine Programme. Warum also sollte deine App nicht genauso großartig sein?

Genau das wäre die klügere Strategie.

 


James CridlandDer Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

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