Das Ende des Radios, wie wir es kennen

Veröffentlicht am 17. Dez. 2010 von unter Bitter Lemmer

Ein einziger Landtag reicht, und das Gerüst stürzt ein. Es geht um die neue Rundfunk-Supersteuer und jetzt auch um den DAB-Irrsinn. Ein einziger Landtag, der nächstes Jahr das bürokratische Wortmonster namens Rundfunkänderungsstaatsvertrag nicht ratifiziert, und man könnte aufatmen. Es gibt ja neuerdings Beispiele, dass Landtage neuerdings nicht mehr alles mitmachen, was die Exekutive ihnen vorschreiben will. Der NRW-Landtag etwa, der den Staatsvertrag über die weltfremde Jugendschutzrichtlinie im Internet kippte, oder der Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, der die durchweg ungeliebte Bologna-Hochschulreform zurücknahm und den Diplom-Ingenieur wieder einführte.

Ebenso könnte ein Landtag die neue Rundfunk-Supersteuer kippen, die gerade in Propagandafilmen der öffentlich-rechtlichen Anstalten als “gerecht” und “einfach” gepriesen wird. Mit der  kann den öffentlich-rechtlichen Sendern auch egal sein, welche Konsequenz DAB für das Radio haben wird, denn mit der neuen Rundfunk-Supersteuer wird endlich auch offiziell nur noch das Programmangebot bezahlt, ausdrücklich aber nicht der Empfang. Mit dem Beschluss, DAB nun tatsächlich einzuführen, haben sich diejenigen durchgesetzt, die ein schnelles Geschäft wittern, das darin besteht, den Deutschen einen neuen Gerätepark zu verkaufen und Millionen für ein neues Sendernetz zu versenken. Die alten Radiogeräte werden mit DAB unbrauchbar. Wer künftig Radio hören möchte, braucht ein neues Gerät.

Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass sich die Privatradiobranche ins Knie geschossen hat, als sie der Unterzeichnung der DAB-Verträge zustimmte. Ein paar Subventions-Kröten eines Chipherstellers, der gerne möglichst viele seiner Chips in DAB-Empfänger einbauen lassen möchte, haben das bewirkt. Das, liebe Leute, habt Ihr Euch nicht zu Ende überlegt. Glaubt Ihr wirklich, dass die Gerätebasis bei DAB genauso hoch sein wird wie heute bei UKW? Glaubt Ihr wirklich, Ihr bekommt es hin, alle gleichzeitig Eure Claims und Eure Positionen auf der DAB-Senderskala bekanntzumachen? Und glaubt Ihr wirklich, Radio sei so dominant, dass es nicht durch andere Angebote ersetzt werden könnte? Etwa durch Musikstreams aus dem Netz oder Comedy auf Youtube?

Ich glaube etwas anderes. Dass nämlich das Trommelfeuer an Aktionen, das demnächst auf Eure Hörer losprasseln wird, nur kollektive Verwirrung stiften wird. Niemand wird begreifen, was das soll und wozu es gut ist. Denn mit DAB habt Ihr ein Problem gelöst, das nicht existierte. Die technische Verbreitung von Radioprogrammen ist exzellent und weithin akzeptiert. Da musste man nichts ändern. Das Argument, DAB schaffe zusätzliche Programmplätze und senke damit Zutrittshürden, ist dagegen fadenscheinig, so lange Medienbehörden technisch vorhandene Frequenzen deshalb nicht vergeben, weil sie keine zusätzliche Konkurrenz im Markt wünschen. Soll etwa jemand glauben, mit DAB ziehe plötzlich liberale Ordnungspolitik in die Medienwelt ein? Lächerlich!

Vielleicht begreifen ja ein paar Landtagsabgeordnete, dass der Bogen gerade überspannt wird. Die ARD-ZDF-Supersteuer und der Todesstoß für das UKW-Radio werden beim Wahlvolk nicht gut ankommen. Ein einziger der 16 Landtage genügt, und das Wortmonster Rundfunkänderungsstaatsvertrag fällt durch. Damit dürfte dann nachträglich auch DAB wieder ins Wackeln geraten. Es wäre ein guter Tag fürs Radio.

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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Archivierte Kommentare

  1. Rüdiger Landgraf

    17. Dez. 2010

    Hallo Christoph,

    das Ende des Radios wie wir es kennen, passiert so oder so. Du kennst die Nutzungsentwicklung bei jungen Hörern – vor allem was die Hördauer betrifft. Der Garten Eden – hohen Zutrittsbarrieren, geringer Wettbwerb in der Branche – wird so oder so verschwinden. Die Entwicklung bei Werbespendings etwa in den USA im analogen Hörfunk (2007-2010 -30% in vielen Major Markets) ist sogar noch schneller als die Nutzungsabnahme.

    Bleibt die Frage, ob DAB+ der Todesstoß für UKW ist. In allen Märkten, in denen DAB/DAB+/HD angeboten werden, ist die UKW Abschaltung bis heute nicht erfolgt Wenn man – so wie etwa in Großbritannien – das Abschaltszenario an Marktdurchdringung bei der Haushaltsausstattung (oder noch besser Marktanteile bei MA) knüpft, wird der Todesstoß für UKW spät, gar nicht oder irrelevant sein. Mein Tipp ist übrigens Variante 2 – weil ich nach wie vor nicht glaube, dass sich jemand im Media Markt um 60€ einen DAB+ Empfänger kauft, wenn er um 1€ ein IPhone mit Vertrag bekommt.

    In einem gebe ich dir 100% Recht: Wer dem Radio als Medium wirklich helfen will, macht die Zerobase der UKW Frequenzen und schafft heute neue Angebote, die auf bestehender Technologie basieren. Um dabei die bisherigen Stakeholder mit ins Boot zu holen, sind Lockerungen von Beteiligungsgrenzen (wie etwa bei uns in Österreich) durchaus ein Thema.

  2. Christoph Lemmer

    17. Dez. 2010

    Hallo Rüdiger,

    Du hast vermutlich recht. Ich frage mich nur, welche Chance die Gattung Radio haben kann, ganz gleich, über welche Plattform sie verbreitet werden wird. Ich habe den Eindruck, dass die Probleme nicht mit mangelhaften Verbreitungswegen zusammenhängen, sondern mit Einfallslosigkeit der Programme und neuer Konkurrenz aus dem Netz und den daraus resultierenden Vermarktungsschwierigkeiten. Aber was tun wir? Beschließen die DAB-Plattform und bestücken sie mit denselben Programmen, die jetzt schon schwindsüchtig sind. Der Effekt wird darin bestehen, dass sich die Abwärts-Entwicklung beschleunigen wird. Die deutschen Bundesländer sind ja wild entschlossen, UKW abzuschalten. Sachsen-Anhalt hatte das ja schon für 2010 beschlossen, angesichts der Null-Verbreitung von DAB aber wieder kassiert. Ich bin gespannt, wann der nächste Anlauf folgt.

  3. Elberfelder

    18. Dez. 2010

    Keine Bange. Für DAB+ könnten zwar zunächst viele weitere Millionen die Wupper runter gehen, aber weder wird DAB UKW ablösen noch den Erfolg des Webradios aufhalten. DAB bleibt eine Bürokraten- und Freakveranstaltung. Schade, dass weitere Steuer- und Gebührengelder verschwendet werden. Die Bürokraten, die das jetzt lanciert haben, verschwenden ja leider nicht ihr eigenes Geld, sondern wollen sich für die nächsten Jahrzehnte ihre Landesmedienbehördestaatskanzleien retten, weil sie im Web nix mehr zu regulieren hätten. Bei DAB können Sie weiter Ausschreibungen machen und Bouquets belegen!