Campus-Radios gestalten die Zukunft des Radios mit

Veröffentlicht am 02. Nov. 2018 von unter Deutschland

Ausprägung und Gestaltung der deutschen Hochschulradiolandschaft ist – vergleichbar mit dem Privatfunk – Ländersache. Und damit aus der bundesweiten Perspektive gesehen mehr als unübersichtlich. Hier driften die Zielsetzungen, Interessen, Finanzbudgets und Frequenzressourcen von Bundesland zu Bundesland bisweilen doch sehr auseinander.

Zwei Beispiele: In einigen Ländern wie Bremen oder Rheinland-Pfalz sind diese Angebote für Studierende innerhalb sogenannter Offener Kanäle beziehungsweise Bürgerradios untergebracht. In Bayern senden zwei „Aus- und Fortbildungskanäle“, drei Hochschulradios mit wöchentlichen Fensterzeiten bei Privatsendern sowie sieben selbstfinanzierte Hochschulprogramme im Internet. Deutschlands Hochschulradiolandschaft – ein echter Flickenteppich, an dessen Ausprägung weiter experimentiert und herumgedokert wird.  

Weit vorn bei Aufbau und Pflege eines florierenden Campusradiobiotops steht Nordrhein-Westfalen. Hier hatte sich die Medienpolitik schon früh für ein ganzheitliches Modell entschieden. Als im Jahr 1996 mit einer Änderung des nordrhein-westfälischen Landesmediengesetzes Uniradios ermöglicht wurden, erhielt „Radio c.t.“, heute CT das radio als erstes Campusradio in Bundesland eine Sendelizenz für ein zeitlich uneingeschränktes Liveprogramm und eine eigene Frequenz in Bochum (wir berichteten). Fünf weitere folgten in Dortmund, Münster, Düsseldorf, Bielefeld und Köln. Inzwischen kamen auch Ostwestfalen und Bonn/Rhein-Sieg, Duisburg/Essen, Aachen und Siegen hinzu. In der ehemaligen Bundeshauptstadt teilten sich bis ins Jahr 2013 gleich mehrere Gruppen die Sendefrequenz.

Damit wurde eine Voraussetzung geschaffen für wahrnehmbare und überlebensfähige Sender mit eigener Identität und starkem Identifikationspotenzial. So besteht für Hochschulradios die Möglichkeit, „die Radiolandschaft durch neue Formate und Musikprogramme zu beleben und neben den öffentlich-rechtlichen Sendern und dem Privatfunk nennenswerte Höreranteile auf den lokalen Märkten zu erreichen“. 

Die Organisation dieser Sender beruht auf eingetragenen Vereinen, die Mitarbeiter sind ehrenamtlich tätig. Die Hochschulradios finanzieren sich aus Mitteln der Hochschulen, Beiträgen der Vereinsmitglieder und durch Sponsoring. Werbung ist nicht gestattet. Sie senden zwischen zwei und zehn Stunden täglich live. Während der restlichen Zeit werden zum Teil andere Sender übernommen oder ein automatisiertes Musikprogramm ausgestrahlt.


Im Interview mit RADIOSZENE spricht Dr. Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW, über die Situation und Entwicklung der nordrhein-westfälischen Hochschulradioszene.

Tobias Schmid (Bild: ©LfM NRW 2018)

Tobias Schmid (Bild: ©LfM NRW 2018)

RADIOSZENE: Wie hat sich die Landschaft der Hochschulradios in den letzten 20 Jahren entwickelt?

Dr. Tobias Schmid: Hochschulradios gibt es in Deutschland schon seit den fünfziger Jahren, wobei die Struktur in jedem Bundesland unterschiedlich ist. Wir haben in Nordrhein-Westfalen ein besonderes System, bei dem wir eigene Lizenzen an die Hochschulsender vergeben und die Studierenden bereits seit 1996 die Möglichkeit haben, jeden Tag 24 Stunden auf eigenen analogen UKW-Frequenzen zu senden. Die Hochschulsender machen also ein unabhängiges, eigenes Programm und sind nicht auf andere Partner angewiesen. Dieses Angebot haben in den letzten zwanzig Jahren nahezu alle Hochschulregionen in NRW genutzt. Angefangen hat es 1997 mit „CT das radio“ in Bochum. 2009 sind zuletzt L’UniCO aus Paderborn und radioFH aus Meschede dazugekommen.

RADIOSZENE: Gibt es Zahlen über die Akzeptanz der Sender bei den Studierenden?

Dr. Tobias Schmid: Es wäre schön, wenn wir konkrete Angaben zu den Reichweiten und Hörerzahlen der Campusradios hätten, leider können diese jedoch nicht separat erfasst werden. Dass die Akzeptanz der Sender aber sehr hoch ist, zeigt sich zum Beispiel an anderen Parametern. 800 Studierende arbeiten derzeit aktiv bei den 13 Campus-Radios in NRW, und das Interesse der Studierenden, sich in den Sendern zu engagieren, ist seit Jahren ungebrochen. Trotz der natürlicherweise hohen Fluktuation in den Radio-Teams besteht der Betrieb seit Jahren mit großem Engagement fort. Und wir haben in diesem Jahr einen sehr anschaulichen Beweis dafür: Für den Campus-Radio-Preis, den die Landesanstalt für Medien NRW im Dezember zum 17. Mal verleiht, haben wir dieses Jahr eine Rekordzahl von 230 Einreichungen erhalten.

Campusradio CT das radio (Bild: ©CT das radio)

Campusradio CT das radio (Bild: ©CT das radio)

RADIOSZENE: Welche positiven Impulse haben die Hochschulsender für den Radiomarkt in NRW gebracht?

Dr. Tobias Schmid: Eines der Schutzgüter, für die die Landesanstalt für Medien NRW steht, ist die Medienvielfalt. Genau dafür sind die Campus-Radios ein sehr gutes Beispiel. Studierende werden hier zu jungen Radiomacherinnen und -machern ausgebildet und haben so die Möglichkeit, ihre Themen zu behandeln, ihre Musik zu spielen, ihre Gäste einzuladen – und so den Radiomarkt unmittelbar zu beleben. Dabei entstehen außerdem immer wieder kreative und innovative Formate und Programmideen, die von Fall zu Fall bei privaten oder öffentlich-rechtlichen Sendern Eingang finden. Darin liegt natürlich ein ganz praktischer positiver Impuls für den Radiomarkt: Die Campus-Radios gestalten die Zukunft des Radios mit. 

 

„Die jungen Redakteurinnen und Redakteure sind natürlich toller Nachwuchs für die professionellen Radiosender in NRW und in ganz Deutschland“

 

RADIOSZENE: Sind Campusradios somit nicht auch eine ideale Basis bei der Nachwuchsfindung für den privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Gibt es Zahlen wie viele der Radiomacher beim Campusfunk später zu professionellen Sendern gewechselt sind?

Dr. Tobias Schmid: Hier gilt, was auch für die Formate der Hochschulsender gilt. Die jungen Redakteurinnen und Redakteure sind natürlich toller Nachwuchs für die professionellen Radiosender in NRW und in ganz Deutschland. Leider haben wir jedoch keine konkreten Zahlen, obwohl diese sicher ebenso spannend wie ermutigend wären. Man muss bedenken, was für ein schnelllebiger Betrieb ein Hochschulsender ist – zwei Jahre aktive Mitarbeit sind bei einer Regelstudienzeit von vier bis sechs Semestern bereits viel. Beispiele für ehemalige Campus-Radio-Mitglieder, die heute bei einem Radiosender arbeiten, gibt es hingegen zahlreiche. Die Mitarbeit im Campus-Radio fördert allerdings nicht nur zukünftige Radiojournalisten. Die Kenntnisse, die durch die Arbeit im Hochschulfunk erworben werden, sind für vielfältige Berufe im Medienbereich vorteilhaft und das sieht man auch an dem einen oder anderen Werdegang.

Campusradio CT das radio (Bild: ©CT das radio)

Campusradio CT das radio (Bild: ©CT das radio)

RADIOSZENE: Wie viele Hochschulradiostandorte gibt es in NRW? Sind weitere geplant?

Dr. Tobias Schmid: Derzeit gibt es in NRW 13 Hochschulradios, die jeweils in Bochum, Dortmund, Münster, Düsseldorf, Bielefeld, Köln, der Region Ostwestfalen-Lippe, Bonn, Essen/Duisburg, Aachen, Siegen, Paderborn und Meschede zu hören sind. Alle großen Hochschulen im Land sind folglich mit einem Hochschulradiosender ausgestattet, und es besteht daher aktuell keine Nachfrage nach neuen Sendern. Grundsätzlich besteht jedoch die Möglichkeit, auch an weiteren Hochschulstandorten Sender zu gründen. 

RADIOSZENE: War für die Campusradios seitens der Landesanstalt für Medien NRW nie eine Art Mantelprogramm – wie etwa beim Lokalfunk – angedacht?

Dr. Tobias Schmid: Wie bereits erwähnt, zeichnet sich der Hochschulfunk in NRW durch Unabhängigkeit und eine jeweils eigene Identität der Sender aus. Teil dieser Identität ist es, das Programm selbstbestimmt zu gestalten. Ein Mantelprogramm wird hier von den Sendern genauso wie von uns als kontraproduktiv empfunden. Es besteht jedoch die Möglichkeit, Sendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu übernehmen.

Landesanstalt für Medien NRWRADIOSZENE: In welcher Form unterstützt die Landesanstalt für Medien NRW den Sendebetrieb der Stationen?

Dr. Tobias Schmid: Die Organisation der Sender beruht auf eingetragenen Vereinen, und die Studierenden sind ehrenamtlich tätig. Die Finanzierung des Senders setzt sich aus Beiträgen der Vereinsmitglieder, Spenden und Mitteln der Hochschulen zusammen. Die Landesanstalt für Medien NRW bietet Aus- und Weiterbildungen an. Jedes Jahr finden ca. 35 Seminare und 10 Webinare mit mehr als 300 Teilnehmern statt. So werden zentrale Kompetenzen vermittelt und die Programmqualität gefördert. Im Rahmen der jährlichen Campus-Radio-Treffen und des Campus-Radio-Tags bietet die Landesanstalt für Medien NRW außerdem die Möglichkeit zum Austausch mit Experten und anderen Radiomacherinnen und -machern. Mit dem Campus-Radio-Preis, der im Anschluss an den Campus-Radio-Tag vergeben wird, honorieren wir seit nunmehr 17 Jahren die tolle Arbeit und das außergewöhnliche Engagement der Campus-Radios. In diesem Jahr freuen wir uns besonders, dass wir den Deutschlandfunk erneut als Kooperationspartner gewinnen konnten und eingeladen sind, die Veranstaltung im Sender stattfinden zu lassen – für die Teilnehmer eine Chance, hinter die Kulissen eines professionellen Senders zu blicken und natürlich auch ein weiterer Beitrag zur Nachwuchsförderung.

 

„Alle großen Hochschulen im Land sind mit einem Hochschulradiosender ausgestattet“

 

RADIOSZENE: Wurde der Sendebetrieb der Hochschulradios durch wissenschaftliche Untersuchungen begleitet? 

Dr. Tobias Schmid: Die Einführung des ersten Campus-Radios in NRW – „CT das radio“ in Bochum – wurde umfangreich wissenschaftlich begleitet und über die ersten Jahre hinweg beobachtet. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass eine wissenschaftliche Erhebung zum Campus-Radio nicht nur aufgrund der hohen Fluktuation und Fluidität der Organisationen schwierig ist, sondern auch, dass sie keinen großen Mehrwert für die aktiven Radiomacherinnen und -macher bringt. Schwerpunkt der Unterstützung durch die Landesanstalt für Medien NRW ist es also vielmehr, die Ausbildung interessierter Studierender zu ermöglichen und so die praktische Arbeit zu stärken, anstatt sie wissenschaftlich zu erforschen.

 

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