In seinem Artikel „Falsches Signal – radioplayer.de mogelt sich an DAB vorbei“ hält „Radiowatcher“ Ekki Kern den neuen Radioplayer (vgl. auch hier) für den falschen Weg und wertet dies als eine Entscheidung gegen DAB. Das ist meiner Meinung nach zu oberflächlich betrachtet.
Man kann dem Projekt vielleicht vorwerfen, dass es schon viel früher hätte starten müssen, aber ein „Ergebnis medienpolitischer Weichenstellung“ ist es sicher nicht.
Kurz nach Einführung des App Stores im Jahre 2008 hat es bereits eine Radio-App für das iPhone gegeben, die die ganze Palette der iTunes-Radioliste wiedergeben konnte: Tuner Internet Radio. Erst viel später kamen weitere Player auf den Markt wie Phonostar, Radio.de und Tunein. Der neue deutsche Radioplayer hat gar nicht die Absicht, nur eine weitere App für Livestreams anzubieten, von denen es inzwischen Tausende gibt. Radioplayer.de soll nicht das Digitalradio ersetzen. Der Hintergrund ist ein ganz anderer: er sondern zunächst einmal einfach nur die Kontrolle über die eigenen Inhalte sprich Streams und Podcasts garantieren.
Wie fände es der Macher von Radiowatcher.de, wenn jemand alle seine Artikel per RSS-Stream abgreift und auf einer neuen Seite besser darstellt und auch noch gut mit Bannern und Video-Werbespots vermarktet, so dass sogar ein paar Mitarbeiter davon leben könnten? Das genau das passiert bei den Diensten wie radio.de, Phonostar.de, surfmusik.de und ähnlichen Diensten. Man kann das OK finden – schließlich bieten die Apps ja auch einen Mehrwert – muss man aber nicht. An dieser Stelle sei noch bemerkt, dass Tunein sehr wohl seinen Traffic-Bringern an den Einnahmen beteiligt. („Generate revenue through display and audio ads„).
Natürlich kommt die App vielleicht etwas spät, aber es ist noch nicht zu spät. Das Vorbild, der UK Radioplayer, ist ja auch erst 2011 gestartet und hat sich in Großbritannien inzwischen etabliert neben den anderen Webradio-Aggregatoren und neben DAB. Eines der Erfolgsgeheimnisse ist natürlich, dass wirklich alle Sender in Großbritannien mitmachen, die BBC und die Privatradios.
Daher sind die ARD-Radioprogramme für den den Erfolg des Radioplayers unerlässlich. Wenn alle Radioprogramme Deutschlands dann tatsächlich mal dabei sind, ist die Macht der Promotion nicht zu unterschätzen, mit der die Sender den Radioplayer bewerben können: über UKW, DAB, alle Webseiten, Facebook, Twitter usw. Das Interesse ist auf jeden Fall da, selbst über alle Inhalte und über die eigene Vermarktung zu bestimmen. Dass sich die Marktanteile über die Jahre auch schnell wieder ändern können, zeigt ein Blick auf Google Trends. (Achtung Grafik nicht mehr verfügbar)
Der Radioplayer Deustchland hat erst mal überhaupt nichts mit Digitalradio zu tun, denn die Hörer, die jetzt per Stream hören, werden es auch weiter tun. Es fragt sich nur über welche Webseite oder App sie das tun. Eines der wichtigsten Argumente, warum DAB noch immer nicht so weit ist, dass man UKW abschalten kann, liegt vor allem an Steve Jobs. Er hat als erster Mensch für eine Revolution auf dem Gerätemarkt gesorgt: den digitalen Alleskönner. Der Spruch „There´s an app for that“ gilt mehr denn je. Der Taschen-Computer ist endlos erweiterbar. 
Gegen Spotify spielt klassisches Radio im Netz demnach nur eine untergeordnete Rolle. Die erste Etappe heißt wohl erstmal Radio.de. Wenn dort die deutschen Sender irgendwann mal fehlen, und der Radioplayer sich weiterentwickelt und gut promotet wird, kann es radio.de wie Phonostar.de ergehen (siehe Google Trends-Diagramm weiter oben!).
Mogelt sich der Radioplayer nun an DAB vorbei? Nein. Denn er könnte in friedlicher Koexistenz zum Digitalradio leben, denn – und da gebe ich Ekki Kern teilweise recht – der Einbau von DAB-Chips in die Smartphones, die so intelligent sind, unterbrechungsfrei auf DAB+ umzuschalten, wenn der Empfang des gleichen Senders möglich ist (vgl. RadioDNS), kann helfen, das Datenvolumen zu schonen. Aber das liegt nicht im Einflussbereich der Radiosender, sondern im Ermessen der Gerätehersteller. Außerdem funktionieren die Radioplayer-Apps ja auch im WLAN, das vor allem zu Hause zum Standard wird.
Da es für den Hörer am Smartphone ja auch nicht mehr klar ist, ob er nun über DAB+ oder über das Internet Radio hört, – das ist ja auch das Ziel eines Hybrid-Radios – ist es nur das Kosten-Argument, das den Hörer zu einem Smartphone mit Euro-Chip greifen ließe. Warum Spotify beispielsweise so eine gute Performance erreicht, hat u.a. auch damit zu tun, dass bisher gestreamte Titel im Cache gespeichert werden und auch auf Titel aus der eigenen Musik-Library zugegriffen wird. Auch so spart man Datenvolumen. Weitere Innovationen nicht ausgeschlossen.


Über den Autor:

Ulrich Köring ist seit 1997 Inhaber und Chefredakteur von RADIOSZENE, dem Insidermagazin für Radiomacher. Seine Radioerfahrungen reichen zurück bis in die 80er Jahren – einige Stationen: 89.0 HITRADIO X, Radio Duisburg, Radio Aachen, Spreeradio 105.5, RTL Radio, 88.6 Der Musiksender, 92.9 HIT FM, KRONEHIT. Email: jb@radioszene.de









