Gnadenfrist für Radio Ennepe Ruhr

Das Lokalradio im Ennepe-Ruhr-Kreis (Ruhrgebiet) bleibt den Hörern ein wei­te­res Jahr erhal­ten, auch wenn der Betrieb nur in einer redu­zier­ten Form wei­ter­geht. Dies gibt der Veranstaltergemeinschaft ein wei­te­res Jahr Zeit, einen neu­en Betreiber zu fin­den. Das nord­rhein-west­fä­li­sche Lokalfunksystem galt 30 Jahre lang als sta­bil. Am Freitag (18.12.) ent­schied die Medienkommission der Landesanstalt für Medien NRW jedoch über einen Schritt, der zu einer end­gül­ti­gen Senderschließung füh­ren könnte.

„Fusion mit Radio Hagen ist ad acta gelegt“, lau­te­te die letz­te posi­ti­ve Schlagzeile über Radio Ennepe Ruhr in der Westfalenpost. Ende 2018 kamen Gerüchte auf, dass Radio Ennepe Ruhr und Radio Hagen fusio­nie­ren wür­den. Im Mai 2019 ver­kün­de­te Peter Dziadek, Vorsitzender der Veranstaltergemeinschaft, dass es eine sol­che Fusion nicht geben wer­de, denn die­se mache für bei­de Sender kei­nen Sinn.

Am 14. Oktober 1987 ist die Veranstaltergemeinschaft Radio Ennepe Ruhr gegründet worden. Vier Jahre treffen sich die Gründungsmitglieder im Schwelmer Kreishaus bis am 31. August 1991 "Radio en" auf Sendung gehen konnte. Der VG-Vorsitzender Peter Dziadek war von Anfang an dabei. (Bild: ©M. Schirmer)
Am 14. Oktober 1987 ist die Veranstaltergemeinschaft Radio Ennepe Ruhr gegrün­det wor­den. Vier Jahre tref­fen sich die Gründungsmitglieder im Schwelmer Kreishaus bis am 31. August 1991 „Radio en” auf Sendung gehen konn­te. Der VG-Vorsitzender Peter Dziadek war von Anfang an dabei. (Bild: ©M. Schirmer)

Im Februar 2020 flat­ter­te dann die Kündigung der Betriebsgesellschaft (BG) in das Postfach der Veranstaltergemeinschaft mit Wirkung zum Jahresende. Beteiligt an die­ser BG ist u.a. die Funke Mediengruppe mit Sitz in Essen.

Das Lokalfunksystem

Zwei-Säulen-Modell
Quelle

Das nord­rhein-west­fä­li­sche Lokalfunksystem ist eines der kom­pli­zier­tes­ten Rundfunksysteme der Welt und daher auch ein­zig­ar­tig. In den meis­ten Ländern wird die Zulassung zum Betreiben einer loka­len Radiostation direkt an einen Betreiber erteilt. In NRW sieht dies anders aus. Hier wird eine sol­che Zulassung einem Verein über­tra­gen. Dieser Verein ist dann die Veranstaltergemeinschaft. Wer in einer sol­chen VG einen Sitz erhält, schreibt das Landesmediengesetz (LMG) vor, so sol­len Körperschaften wie Gewerkschaften, Kirchen und poli­ti­sche Parteien in der VG ver­tre­ten sein. Die VG berät und beschließt u.a. den jähr­li­chen Stellen- und Wirtschaftsplan, ent­schei­det über die Grundsatzfragen der Programmplanung, sowie der Hörfunktechnik, die Änderung des Programmschemas und stellt die loka­le Redaktion ein. Lediglich bei der Einstellung des Chefredakteurs hat die Betriebsgesellschaft (BG) ein Zustimmungsrecht.

Die Betriebsgesellschaft ist die zwei­te Säule des Systems. Sie beschafft die tech­ni­sche Einrichtung, die zur Produktion des Programms nötig ist. Dafür darf die BG Hörfunkwerbung für die­sen Radiosender ver­mark­ten. Nur Unternehmen, die eine oder meh­re­re Zeitungen im Verbreitungsgebiet ver­le­gen, dürf­ten sich mit 75 % an der BG betei­li­gen, die rest­li­chen 25 % hal­ten i.d.R. Gemeinden bzw. kom­mu­na­len Unternehmen im Verbreitungsgebiet. Erst nach der Kündigung durch die BG, für die es eine halb­jäh­ri­ge Frist gibt, dür­fen ande­re Investoren die­sen Radiosender über­neh­men. Die Aufgabe der VG ist es, eine neue Betriebsgesellschaft zu fin­den. Die Kündigung im Ennepe-Ruhr-Kreis erhielt die VG kurz vor dem ers­ten Corona-Shutdown.

Radio Ennepe Ruhr im Ausschuss für Kultur und Medien des Landtags

„Wenn ein­zel­ne Medienunternehmen anfin­gen, Rosinenpickerei zu betrei­ben, indem sie lukra­ti­ve Sender behiel­ten und die ande­ren abstie­ßen, ent­ste­he ein Flickenteppich,“

kri­ti­sier­te am 5. März 2020 im Ausschuss für Kultur und Medien Alexander Vogt, medi­en­po­li­ti­scher Sprecher der SPD-Landtagsfraktion (vgl. Ausschussprotokoll APr 17/932 vom 05.03.2020) und stell­te die Frage, ob die von der CDU-/FDP-geführ­te Landesregierung das System über­haupt noch erhal­ten wolle.

„Alle Beteiligten – radio NRW, die Veranstaltergemeinschaften, die Betriebsgesellschaften – eint im Grunde das Interesse, ein flä­chen­de­cken­des Lokalfunkangebot in Nordrhein-Westfalen zu erhal­ten. (...) Die Landesregierung ver­fol­ge mit dem gesetz­ge­be­ri­schen Verfahren das Ziel, ein flä­chen­de­cken­des Angebot vor­hal­ten zu können,“

ent­geg­ne­te auf die Anfrage der Opposition Klaus Kaiser, Parlamentarischer Staatssekretär im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

9 Monate später

Es ist still um Radio Ennepe Ruhr gewor­den. Die Corona-Pandemie beschäf­tig­te neun Monate lang nicht nur die Politiker. Erst in der Einladung zur Medienkommissionssitzung vom 3. Dezember tauch­te das Thema in der Öffentlichkeit wie­der auf. Auf der Tagesordnung stand die Zuweisung von Übertragungskapazitäten im Ennepe-Ruhr-Kreis an die radio NRW GmbH mit dem Verweis auf die ent­spre­chen­den Paragraphen im LMG.

Im Dezember 2002 wollte „Sunshine Live“ „Radio en“ übernehmen. Ulrich Hürter (r.), Geschäftsführer von „Sunshine Live“ und VG-Vorsitzender Wolfgang Lange (l.) präsentierten damals im Funkhaus Gevelsberg ein neues Konzept für „Radio en“. Zur Übernehme kam es jedoch nicht, die WAZ-Mediengruppe (heute: Funke Mediengruppe) blieb Mehrheitseigner der Betriebsgesellschaft weitere 17 Jahre. (Bild: ©Marek Schirmer)
Im Dezember 2002 woll­te „Sunshine Live“ „Radio en“ über­neh­men. Ulrich Hürter (r.), Geschäftsführer von „Sunshine Live“ und VG-Vorsitzender Wolfgang Lange (l.) prä­sen­tier­ten damals im Funkhaus Gevelsberg ein neu­es Konzept für „Radio en“. Zur Übernehme kam es jedoch nicht, die WAZ-Mediengruppe (heu­te: Funke Mediengruppe) blieb Mehrheitseigner der Betriebsgesellschaft wei­te­re 17 Jahre. (Bild: ©Marek Schirmer)

In frü­he­ren Versionen des LMG war kei­ne Übergangsregel vor­ge­se­hen. Das Gesetz sieht unver­än­dert vor, dass die BG der VG zum 30. Juni des jewei­li­gen Jahres kün­digt und die VG sechs Monate Zeit hat, um eine neue BG zu fin­den. Die BG ist i.d.R. eine GmbH und kann Insolvenz anmel­den ohne die gesetz­li­chen Fristen aus dem LMG ein­hal­ten zu müs­sen. Die Redakteure wer­den von der VG ein­ge­stellt, die kei­ne eige­nen Einnahmen erzielt. Meldet eine BG Insolvenz an, stellt die­se sofort ihre Zahlungen an die VG ein. Die VG ist mit­tel­los und kann ihre Verpflichtungen aus den Arbeitsverträgen nicht mehr erfül­len und muss eben­falls Insolvenz anmel­den. Im Ennepe-Ruhr-Kreis ist der Fall nicht ein­ge­tre­ten, die Funke Mediengruppe finan­zier­te den Sender geset­zes­kon­form bis zum Jahresende.

Die ers­te Kündigung mit anschlie­ßen­der Abschaltung eines Lokalsenders erfolg­te im Jahr 2005 bei der Welle West im Kreis Heinsberg. Im Gesetz fehl­te damals noch eine Option für den „Rückfall der Frequenzen“ an den Rahmenprogrammanbieter. Radio NRW pro­du­zier­te damals 9½ Monate ein Ersatzprogramm für die Welle West. Während der öffent­li­chen Konsultation des neu­en LMG im Jahr 2013 fehl­te die­se Option noch in der Entwurfsfassung. In der nächs­ten Entwurfsfassung vom 05.02.2014 wur­de eine Notlösung für die Lokalsender gestrickt, derer VG ohne BG dasteht. Dem Rahmenprogrammanbieter wur­de ermög­licht, sein Programm für ein Jahr auf die Frequenzen des Lokalfunks rund um die Uhr aufzuschalten.

Schnell erkann­te der Verband Lokaler Rundfunk in NRW (VLR) die Sprengwirkung des Absatzes für das Lokalfunksystem und gab in sei­ner Stellungnahme zum Entwurf des LMG sei­ne Bedenken bekannt:

„Die Übertragung frei­wer­den­der Frequenzen des Lokalfunks an den Rahmenprogrammanbieter ist eine sinn­vol­le Maßnahme, um „wei­ße Flecken“ in der Versorgung zu ver­hin­dern. Der VLR befürch­tet den­noch, dass unter zuneh­men­dem wirt­schaft­li­chem Druck die­se Rückfallposition aus­ge­nutzt wer­den könnte.“

VLR for­der­te vom Gesetzgeber Sicherheitsmechanismen, damit Betriebsgesellschaften Lokalradios nicht kündigen:

„Die BGs könn­ten in Versuchung gera­ten, ein defi­zi­tä­res Sendegebiet an den Rahmenprogrammanbieter abzu­tre­ten, jedoch wei­ter­hin am Sendegebiet über die lan­des­wei­te Vermarktung und Ausschüttung zu par­ti­zi­pie­ren. VGs und BGs müs­sen daher hin­rei­chen­de Anreize vor­fin­den, Sendegebiete und Redaktionen auch in wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zeiten zu unter­stüt­zen. Zudem darf nicht die Gefahr bestehen, dass durch ver­mehr­te Zuordnung von Frequenzen an den Rahmenprogrammanbieter ein Einfallstor für einen lan­des­wei­ten Sender entsteht.“

In glei­che Richtung ging auch die Forderung des Deutschen Journalisten-Verbands NRW.

6 Jahre später wird der Absatz erstmalig angewandt

Die Sitzung der Medienkommission fand am 18.12.2020 statt. Auf der Tagesordnung stand die Zuweisung der Radio-Ennepe-Ruhr-Frequenzen an die radio NRW GmbH. Doris Brocker, die stell­ver­tre­ten­de Direktorin und Leiterin der Abteilung Recht und Aufsicht erläu­ter­te in der Onlinekonferenz den Kommissionsmitgliedern, dass der „pri­vi­le­gier­ter Verleger“ die Veranstaltergemeinschaft gekün­digt hat und ab 01.01.2021 die Veranstaltergemeinschaft ohne Finanzmittel für das Personal und Programm dasteht.

Der VG-Vorsitzender Peter Dziadek sei noch ganz emsig dabei und ver­su­che eine neue Betriebsgesellschaft zu fin­den. Der Kommission wur­den zwei Varianten zur Abstimmung vor­ge­legt, eine mit einem rei­nen Rahmenprogramm und eine mit modi­fi­zier­ten Rahmenprogramm mit zuge­kauf­ten loka­len Inhalten. Die VG und radio NRW möch­ten nicht das rei­ne Rahmenprogramm auf­schal­ten, weil zwi­schen 6 und 9 Uhr das Programm unmo­de­riert ist und instru­men­ta­le Musikbetten wäh­rend der Lokalnachrichten gespielt wer­den. Für die Hörer gebe es kei­nen Anreiz, das Programm in der Radio-Primetime ein­zu­schal­ten und der loka­le Bezug gin­ge verloren.

Reporterwagen von Radio Ennepe-Ruhr (Bild: ©M. Schirmer)
Reporterwagen von Radio Ennepe-Ruhr (Bild: ©M. Schirmer)

Würden die Kommissionsmitglieder für die zwei­te Variante stim­men, gäbe es wei­ter­hin Lokalnachrichten, eine Morgensendung, den Bürgerfunk und loka­le Werbung. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass die Hörer weg­blie­ben und Werbeträger sich umori­en­tie­ren wür­den. Das wür­de einen Neustart des Senders erschwe­ren. Die Hörer hät­ten wei­ter­hin den Eindruck, sie hören Radio Ennepe Ruhr, denn die Stationskennung wür­de wei­ter­hin ein­ge­fügt wer­den, die­se feh­le bei Radio NRW gänzlich.

Radio NRW habe ange­bo­ten bestimm­te Regeln ein­zu­hal­ten. Die loka­le Werbung soll dem­nach aus­schließ­lich zur Refinanzierung des Programms und der Verbreitungskosten die­nen, der loka­le Verleger [Anm. der Red.: die Funke Medien Gruppe] wer­de wei­ter­hin die Vermarktung des Senders [Anm. der Red.: über sei­ne Servicegesellschaft Westfunk] über­neh­men. Brocker schil­der­te die Befürchtungen, die bereits der VLR 2014 nann­te, dass die Verleger die Lokalradios auf­ge­ben wol­len, aber auf ihre Pfründe nicht ver­zich­ten wollen.

Ulrike Kaiser (Bild: Anja Cord/DJV-NRW)
Ulrike Kaiser (Bild: Anja Cord/DJV-NRW)

Ulrike Kaiser vom DJV NRW frag­te nach, wie die LfM kon­trol­lie­ren wer­de, dass Gewinne aus der Vermarktung „über irgend­wel­che Kanäle“ dem Vermarkter zuge­führt wer­den kön­nen und was genau nach einem Jahr pas­sie­ren wird. Brocker ant­wor­te­te, dass die LfM den Aufwand für die Programmerstellung, Personal- und Technikkosten abschät­zen und die Provisionen für Vermarktung auf ihre Marktüblichkeit über­prü­fen kön­ne. Die Lizenz der Veranstaltergemeinschaft müs­se ent­zo­gen wer­den, dar­über wird die Medienkommission infor­miert wer­den. Die stell­ver­tre­ten­de Direktorin kün­dig­te eine Überprüfung der Zuweisung an radio NRW Mitte 2021 an und ihren Ablauf spä­tes­tens bis zum Jahresende. Daraufhin wer­den die Frequenzen ent­zo­gen und ste­hen dem Lokalfunk nicht mehr zur Verfügung. Hier lässt sich ver­mu­ten, dass die­se der lan­des­wei­ten UKW-Hörfunkkette zuge­schla­gen wer­den, wie bereits ande­re auf­ge­ge­be­ne Frequenzen des NRW-Lokalfunks.

Lokalradio-Empfang mit und ohne Radio Ennepe-Ruhr

Jürgen Mickley, Vertreter der Bürgermedien und Andrea Stullich MdL (CDU) frag­ten genau­er nach, wie das Programm in Zukunft aus­se­hen wer­de. Mickley nann­te 200.000 Euro, die das Notprogramm kos­ten sol­le, 120.000 € ste­hen für Personalkosten zur Verfügung, 80.000 € für die Verbreitung. Mitarbeiter aus dem alten Radio Ennepe Ruhr Team sol­len beschäf­tigt wer­den, erfuh­ren die Kommissionsmitglieder aus der Vorlage.

Weil alle NRW-Lokalradios zwi­schen 6 und 9 Uhr eine eige­ne Morgensendung pro­du­zie­ren, kann Radio NRW eine Sendung für den Ennepe-Ruhr-Kreis über­tra­gen, ver­mu­tet Stullich. In Notfällen springt der Rahmenprogrammanbieter ein und lie­fert eine mode­rier­te Morgensendung aus Oberhausen. Tatsächlich pro­du­ziert Radio NRW für die Morgensendungen der Lokalradios auch über­re­gio­na­le Inhalte, die alle Lokalradios in ihr Programm ein­bau­en kön­nen. Brocker erläu­tert, dass die Frühsendung kei­ne Frühsendung für „Ennepe“ sein wird, die loka­len Inhalte wer­den von redak­tio­nel­len Kräften vor Ort zuge­kauft und als loka­le Elemente eingespielt.

Radio Ennepe-Ruhr-Frühsendungsplakat (Bild: ©M. Schirmer)
Nathalie Klein volon­tier­te bei Radio Ennepe Ruhr, heu­te mode­riert die Vormittagssendung bei radio NRW, Jan Schulte wech­sel­te im Juli 2019 zum WDR. Vgl. hier!

Die Kommission stimmt der Aufschaltung von Radio NRW im Ennepe-Ruhr-Kreis ein­stim­mig zu.

Das Sorgenkind: Radio Ennepe Ruhr

Was macht es so schwie­rig im Ennepe-Ruhr-Kreis Radio wirt­schaft­lich zu betrei­ben, hat RADIOSZENE Axel Schindler, Geschäftsführer der Servicegesellschaft Westfunk gefragt:

„Das Sendegebiet ist äußerst hete­ro­gen. Mit 9 sehr eigen­stän­di­gen Städten, deren Einwohner sich in ihrer Lebenswirklichkeit eher in unter­schied­li­che Nachbarstädte und Himmelsrichtungen ori­en­tie­ren – z.B. Hattingen nach Bochum, Herdecke nach Dortmund, Breckerfeld nach Hagen etc. – ist ein WIR-Gefühl nicht zu erzeu­gen. Die Identifikation mit dem Landkreis und damit auch mit dem Lokalsender glei­chen Namens ist daher nur in gerin­gem Maße aus­ge­prägt. Dieses ist ables­bar an den Reichweiten des Senders, die letzt­lich auch die Wirtschaftlichkeit stark einschränken.“

Täglich schal­ten den Sender 37.000 Hörer ein, was einer Tagesreichweite von 13 % ent­spricht. In der durch­schnitt­li­chen Stunde hören 10.000 Menschen ab 14 Jahren zu, geht aus der E.M.A. NRW 2020 II her­vor. Der Bekanntheitsgrad des Senders beträgt 53,4 %.

„Es gibt Regionen mit einem stär­ke­ren „Wir-Gefühl” als dies im Ennepe-Ruhr-Kreis der Fall ist. Aber auch damit lernt man umzu­ge­hen und gestal­tet sein Programm anders, als dies bei­spiels­wei­se ein Stadtsender tut. Aber das „Problem” ist dadurch natür­lich nicht weg. Dennoch möch­te ich beto­nen, dass in knapp 30 Jahren auch viel Gutes, krea­ti­ves und für die Region sinn­stif­ten­des in die­sem Sender ent­stan­den ist,“

erklärt Andreas Wiese, Chefredakteur von Radio Ennepe Ruhr. Der Ennepe-Ruhr-Kreis besteht in den heu­ti­gen Grenzen seit dem 1. Januar 1975. Die Funke Mediengruppe ver­legt im Kreis drei Zeitungen mit fünf Lokalausgaben. Das Lokalradio ist das ein­zi­ge Medium, das die Hörer in allen neun Städten mit Informationen aus dem gesam­ten Kreis versorgt.

Axel Schindler erklär­te RADIOSZENE die Gründe für die Kündigung des Vertrages so:

„In den guten Zeiten konn­te ein chro­nisch defi­zi­tä­rer Sender wie Radio Ennepe-Ruhr in einem star­ken Senderverbund auf­ge­fan­gen wer­den. Sinken jedoch die Erträge im Senderverbund – und das ist seit meh­re­ren Jahren der Fall – kippt die­ses Prinzip und der Gesellschafter der Betriebsgesellschaft muss sich die Frage stel­len, ob er in der vor­han­de­nen Konstellation und unter den bestehen­den Rahmenbedingungen Perspektiven sieht, die wirt­schaft­li­che Situation von Radio Ennepe-Ruhr zu ver­bes­sern. Diese Frage wur­de Anfang die­ses Jahres mit Nein beantwortet.“

Die Aufgabe von Radio Ennepe Ruhr durch die Funke Mediengruppe sieht Ernst-Wilhelm Rahe, MdL (SPD) als einen „grund­sätz­li­chen Einschnitt ins System“. Es gäbe Redebedarf mit allen Beteiligten des Lokalfunks, fin­det Rahe. Einzelne Kommissionsmitglieder tra­ten zuletzt an die VGs her­an, erfrag­ten die Lage bei sich vor Ort und for­dern nun von der LfM-Verwaltung die Erstellung eines Gesamtbildes für NRW. Der Informationsaustausch soll ver­stärkt wer­den. Es wer­de vor­ge­schla­gen, einen neu­en Ad- hoc-Ausschuss zu bil­den, der sich mit der Lage des Lokalfunks beschäf­tigt.

RADIOSZENE frag­te die medi­en­po­li­ti­schen Sprecher meh­re­re Fraktionen, ob die Gesamtstrategie „Radio in NRW 2022“ der regie­ren­den CDU-/FDP-Koalition zu spät oder etwa gar nicht greift.

Alexander Vogt, medi­en­po­li­ti­scher Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, begrüßt, dass der VG mehr Zeit ein­ge­räumt wird, eine neue BG zu finden:

Alexander Vogt (Bild: SPD)
Alexander Vogt (Bild: SPD)

„Ich bin sehr froh, dass die Veranstaltergemeinschaft im Ennepe-Ruhr-Kreis etwas Zeit gewinnt, um eine ande­re Lösung mit einer neu­en Betriebsgesellschaft zu fin­den. Die soge­nann­te Gesamtstrategie „Radio in NRW 2022“ der Landesregierung hat zu die­ser Lösung jeden­falls in kei­ner Weise bei­getra­gen, denn die Maßnahmen sind ledig­lich homöo­pa­thi­sche Änderungen im LMG. Eine Gesamtstrategie ist beim bes­ten Willen nicht erkennbar.“

Vogt kri­ti­siert konkret:

„Die Aussage von Medienstaatssekretär Liminski, mehr Flexibilität im System zu schaf­fen, bekommt zumin­dest ein gewis­ses Geschmäckle, wenn man sich die Maßnahmen genau­er anschaut: Einerseits kön­nen die Verlage dank der Radiostrategie nun die vol­le wirt­schaft­li­che Kontrolle erhal­ten. Andererseits wur­den die Vergabekriterien für die neu zu ver­ge­ben­de zwei­te lan­des­wei­te UKW-Kette auf ein Angebot von Radio NRW opti­miert, das für die Lokalradios meh­re­re Jahre weni­ger Ausschüttung von Werbegeldern bedeu­ten kann. Und schließ­lich wird zulas­ten des pri­va­ten Hörfunks auf die zwei­te Stufe der Werbezeitenreduzierung im WDR-Hörfunk ver­zich­tet. All das schwächt die 44 Lokalfunksender in NRW und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eini­ge Lokalradios die Maßnahmen nicht überleben.“

Oliver Keymis, medi­en­po­li­ti­sche Sprecherin der Grünen und Vizepräsident des Landtags NRW, zeigt sich erfreut, dass es Maßnahmen der Landesregierung gibt:

„Sicher ist, dass nie­mand auf Dauer Überlebensgarantien aus­spre­chen kann. Die Schließung ist sehr bedau­er­lich, aber eine unter­neh­me­ri­sche Entscheidung. Ob die bis­her vor­ge­schla­ge­ne „Gesamtstrategie Radio NRW 2022“ aus­reicht, um sol­che Entscheidungen künf­tig zu ver­hin­dern, ist noch nicht abschlie­ßend absehbar.“

Andrea-Stullich (Bild: ©rauss-fotografie.de)
Andrea-Stullich (Bild: ©rauss-fotografie.de)

Andrea Stullich, medi­en­po­li­ti­sche Sprecherin der CDU-Fraktion im Düsseldorfer Landtag ver­tei­digt die „Gesamtstrategie Radio NRW 2022“: „Die Strategie ist dar­auf aus­ge­rich­tet, die Rahmenbedingungen für einen wirt­schaft­lich trag­fä­hi­gen Lokalfunk zu ver­bes­sern.“ Thomas Nückel, medi­en­po­li­ti­sche Sprecherin der FDP-Fraktion pflich­tet Stullich bei und ergänzt:

„Die Vorgängerregierung hat frei­lich Zeit ver­strei­chen las­sen und not­we­ni­ge zukunfts­träch­ti­ge und ziel­füh­ren­de Weichenstellungen nicht ergrif­fen. Dadurch ist viel Zeit ver­lo­ren gegangen.“

Die CDU-/FDP-Koalition regier­te in NRW zwi­schen 2005 und 2010, und dann wie­der ab 2017. Die SPD-/Grüne-Koalition regier­te vor 2005 und dann wie­der von 2010 bis 2017. Jede Schuldzuweisung in NRW wirkt wie das sprich­wört­li­che Steinewerfen im Glashaus. Ein wirk­lich neu­es Zukunftsmodell für den Hörfunk im bevöl­ke­rungs­reichs­ten Bundesland Deutschlands prä­sen­tier­te bis jetzt kei­ne Partei.

„Die Tatsache, dass die Veranstaltergemeinschaft von Radio Ennepe-Ruhr das loka­le Hörfunkprogramm zum 31.12.2020 ein­stel­len muss, weil die Betriebsgesellschaft den VG/BG- Vertrag gekün­digt hat und kei­ne neue Betriebsgesellschaft gefun­den wer­den konn­te, steht in kei­nem Zusammenhang mit der Radiostrategie. Dem Zwei-Säulen-Modell liegt der Gedanke einer flä­chen­de­cken­den Versorgung mit Lokalfunk in Nordrhein-Westfalen zugrun­de. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass es sich um pri­vat­wirt­schaft­lich orga­ni­sier­ten Rundfunk han­delt. Sollte es zur Aufgabe eines Sendegebiets kom­men, kön­nen dem unter­schied­li­che Erwägungen oder Ursachen zugrun­de lie­gen. Um die Refinanzierungsmöglichkeiten des Lokalfunks zu ver­bes­sern, leis­tet die Radiostrategie „Radio in NRW 2022“ einen Beitrag,“

ergänzt Stullich, Nückel zeigt sich ver­wun­dert, dass die Veranstaltergemeinschaft Radio Ennepe Ruhr der Fusion der Lokalsender Radio Hagen und Radio Ennepe Ruhr nicht zuge­stimmt hat:

„Im Fall EN kann ich aller­dings nicht nach­voll­zie­hen, war­um man sich als VG nicht das gedeih­li­che Modell Oberhausen/Mülheim (Ruhr) zum Vorbild genom­men hat – zumal man sich ja schon im „Funkhaus Hagen“ befin­det. Das hat wohl kaum mit der Radiostrategie im Land zu tun.“

Funkhaus Hagen (Bild: ©M. Schirmer)
Funkhaus Hagen (Bild: ©M. Schirmer)

Am 5. August 2007 wech­sel­te das Lokalradio „Antenne Ruhr“ ledig­lich den Namen in “106.2 Radio Oberhausen“ und „92.9 Radio Mülheim“. Die bei­den Programme wer­den wei­ter­hin von einer VG, der „Veranstaltergemeinschaft Lokalfunk für die Städte Mülheim an der Ruhr und Oberhausen e.V.“ ver­an­stal­tet. Es wird ein Programm mit zwei unter­schied­li­chen Bezeichnungen pro­du­ziert und stun­den­wei­se auseinandergeschaltet.

Im Ennepe-Ruhr-Kreis und in der Stadt Hagen soll­ten zwei Lokalradios den umge­kehr­ten Weg gehen und fusio­nie­ren. Eine Blaupause für die­ses Vorgehen gab es aller­dings nicht. Der Einstellung von Radio Aachen am 26. Februar 2010 und die Ausdehnung des Verbreitungsgebietes der Antenne AC vom Kreis Aachen auf die kreis­freie Stadt Aachen ging die Schaffung eines „Kommunalverbandes beson­de­rer Art“ vor­aus, der Städteregion Aachen.

Der Weg zur Fusion der bei­den Lokalradios in Hagen und dem Ennepe-Ruhr-Kreis wäre auf­wen­di­ger gewe­sen. Dafür müss­te eine neue Veranstaltergemeinschaft gegrün­det wor­den, die LfM NRW hät­te die Festlegung der Verbreitungsgebiete für den loka­len Hörfunk ändern müs­sen, die Betriebsgesellschaften bei­der Sender den alten Veranstaltergemeinschaften kün­di­gen müs­sen und alle Mitarbeiter wären erst ein­mal gekün­digt wor­den. Den Schritt ver­wei­ger­te die VG Radio Ennepe Ruhr. Die Gründe dafür nennt Peter Dziadek, Vorsitzender der VG:

„Wir hat­ten meh­re­re star­ke Interessenten an einer neu­en Betriebsgesellschaft. Ein Vertrag konn­te aber nicht zustan­de kom­men, da unse­re BG uns nicht kün­di­gen woll­te. Dass die Kündigung dann ein Jahr spä­ter erfolg­te – noch vor der Coronakrise – war natür­lich, gelin­de gesagt, sehr ärger­lich. Und schließ­lich hat die Pandemie dazu geführt, dass die­sel­ben Interessenten aus wirt­schaft­li­chen Gründen kein Interesse mehr zeigten.“

 

Die Folgen der Kündigung

Am 29. Dezember 2020 wer­den im „Funkhaus Hagen“ im Studio von Radio Ennepe Ruhr das letz­te Mal die Regler am Mischpult bewegt. „Um einen unter­bre­chungs­frei­en Übergang zu gewähr­leis­ten und ggf. tech­ni­schen Support für die Behebung von Problemen sicher­stel­len zu kön­nen, haben wir uns in Abstimmung mit der Veranstaltergemeinschaft Ennepe-Ruhr dar­auf ver­stän­digt, im Anschluss an die loka­le Sendezeit den Übergang zu radio NRW zu voll­zie­hen,“ teil­te RADIOSZENE radio NRW mit. Sieben Mitarbeiter*Innen sind ent­las­sen wor­den, schrieb RADIOSZENE Chefredakteur Andreas Wiese:

„Hinzu kom­men aktu­ell fünf freie Mitarbeiter*innen, die ihre Aufträge in die­ser Redaktion ver­lie­ren. Zum Teil sind Kolleginnen und Kollegen in ande­ren Stationen neu oder in grö­ße­rem Umfang als bis­her unter­ge­kom­men. Es wer­den zum Jahreswechsel aber wahr­schein­lich nicht alle voll­um­fäng­lich ver­sorgt sein.“

Andreas Wiese (l.) im Gespräch mit Jan Schule (r.) während der Feier zum 25. Geburtstag von Radio Ennepe Ruhr in der Gebläsehalle in Hattingen (Bild: ©M. Schirmer)
Andreas Wiese (l.) im Gespräch mit Jan Schule (r.) wäh­rend der Feier zum 25. Geburtstag von Radio Ennepe Ruhr in der Gebläsehalle in Hattingen (Bild: ©M. Schirmer)

Andreas Wiese, ist es nicht ein Paradox, dass die Redaktion ent­las­sen, das Studio abge­baut wird und Radio Ennepe Ruhr rund um die Uhr im nächs­ten Jahr weiterfunkt?

„Diese Frage beant­wor­te ich mit einem ein­deu­ti­gen „Jein”. Es kommt immer dar­auf an ob man nur auf das Problem, oder auch auf die Chance schaut. Natürlich ist das sehr bedau­er­lich und auch nicht als Dauerzustand ange­legt. Aber die Veranstaltergemeinschaft hat nun zusätz­li­che Zeit gewon­nen, einen Neustart hin­zu­le­gen und Arbeitsplätze auch wie­der neu zu erschaf­fen. Hier geht es um wer­be­fi­nan­zier­ten Privatfunk. Mitten im Weihnachtsgeschäft hat der Handel sei­ne Türen schlie­ßen müs­sen, kein Restaurant in die­sem Land kann Weihnachtsfeiern aus­rich­ten. Das sind poten­ti­el­le Werbekunden. Ich den­ke, es steckt im Erhalt der Sendermarke schon auch eine Chance in schwie­ri­gen Zeiten. Bei allen Härten, die die­ser Prozess natür­lich mit sich bringt.“

RADIOSZENE woll­te auch wis­sen, wo die Hörer Andreas Wiese im nächs­ten Jahr wer­den hören können:

„Mich? Nun ich dach­te, die fet­ten Angebote kom­men erst nach die­sem Interview! Im Ernst: Wahrscheinlich hört man mich im Radio wie­der und sieht mich auch mal in Videos. Ich den­ke, dass ich als Moderator arbei­ten wer­de. Eine sehr schö­ne Aufgabe.“

Potentiellen Investoren steht Wiese ger­ne mit Rat und Tat zur Seite und dem Vorstand des Senders wünscht er viel Erfolg. Ob Andreas Wiese die Hörer auch im neu­en Jahr in der Morgensendung wecken darf, steht noch aus.

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