Ein Radiosender, der nur Podcasts spielt

Veröffentlicht am 01. Apr. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio FutureiHeartRadio hat etwas lanciert, bei dem der Name Programm ist: einen Radiosender, der nur Podcasts spielt.

Dieser nette Kanal mit dem Namen iHeartRadio Podcast Channel AM 1470 strahlt im US-amerikanischen Allentown-Bethlehem (Pennsylvania) Podcasts aus dem iHeartRadio-Katalog aus. Rund um die Uhr.

Als ich den Sender über Internet einschaltete (er ist nicht einmal geoblocked), hörte ich Hell and Gone, einen echten Krimi-Podcast. Aber auch hier kam irgendwann: “Bleiben Sie dran, wenn Sie erfahren möchte, was weiter mit Rebecca geschah…” 

Der Podcast ging in die Werbepause, und im Radio hörte ich einen Promospot für einen weiteren Podcast, woraufhin ich plötzlich mitten in einem NBC-Nachrichtenblock landete (wirklich mitten im Satz). Dann ein Werbespot für die iHeartMedia Lehigh Valley Career Expo; ein Spot für irgendeinen christlichen Verein im Lehigh Valley, ein Public Service Announcement der Polizei des Staates Pennsylvania, in dem ich zu einem vorsichtigen Fahrstil aufgefordert wurde, schließlich ein Jingle, das auf den iHeartRadio Player hinwies, und weiter gings im Podcast („Und jetzt zurück zu Hell And Gone“). 

iHeartRadio behauptete fälschlicherweise, dass sie im letzten Jahr die ersten Podcast Awards vergeben haben, und genau so wenig korrekt ist auch der Claim, dass dies der erste Sender ist, der rund um die Uhr Podcasts spielt. Diesen Status darf KYCY für sich reklamieren, ein ehemaliger Sender in San Francisco, der „KYOU“, ein reines Podcast-Format, ausstrahlte. Übrigens schon im Mai 2005. Um das mal in Relationen zu setzen: Das war noch bevor Apple auf den Podcast-Zug aufsprang. KYCY gibt es nicht mehr. Daraus ist inzwischen KGMZ geworden, ein Sportsender.

Ein Nonstop-Podcast-Sender ist schon irgendwie eine seltsame Idee. Denn im Grunde genommen liegt das Wesen eines Podcasts ja gerade darin, dass man selbst bestimmt, wann man ihn hört. Er ist on demand. Also warum sollte man einen klassischen Radiosender daraus machen?

Auch das Hörerlebnis ist irgendwie schräg: relativ bunt zusammengewürfelte Content-Elemente, die hintereinander auf einer linearen Radiostation ablaufen. Manchmal kommen Hörspiele, dann wird wieder etwas für die Bildung getan, gefolgt von einigen Nachrichten und vielleicht ein wenig Comedy.

Aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Gerade das ist doch genau dasselbe, was Sender wie NPR, ABC RN, BBC Radio 4 oder auch WDR 5 machen: eine scheinbar zufällige Sammlung von einzelnen Sendungen, die auf einem linearen Sender zusammenkombiniert werden.

“iHeartRadio Podcast Channel AM 1470” läuft unter dem Rufzeichen WSAN. Dieser altehrwürdige Sender erzielte mit seinem vorherigen Format (ESPN-Sport auf Spanisch) einen Marktanteil von 0,3%. Der Sender erreicht 728,100 Menschen.

Kommt ein Sender, der ausschließlich Podcasts spielt, überhaupt beim Publikum an? Ich bin mir da nicht so sicher, aber wären Podcasts nicht eine gute Möglichkeit, um Sendezeit außerhalb der Hauptzeiten (z. B. am Abend und in der Nacht) zu füllen? Diese Frage würde ich spontan bejahen. Das dürfte funktionieren. Schließlich ist alles besser und interessanter als dieser lausig programmierte iPod Shuffle, den man vielerorts im Radio hört.

Klar, sie sind nicht die Ersten, die damit kommen, und vielleicht ist es auch nichts für Jeden, aber es könnte durchaus zum Nachdenken darüber anregen, was man so alles im Radio senden kann. Lokale Podcasts oder Podcasts, die für das eigene Publikum von Bedeutung sind? Das könnte durchaus Vorteile haben.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie demnächst die Hörerzahlen aussehen werden. Aber eigentlich kann ich iHeartRadio jetzt schon gratulieren: dazu, dass sie mal etwas Anderes ausprobieren.


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

 

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