Gut abgeschaut ist halb gewonnen – was das Radio von Böhmermann und Schulz lernen kann

Veröffentlicht am 20. Mai. 2016 von unter Standpunkte

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Das sind sie jetzt also bei Spotify mit „fest und flauschig“ und machen das, was sie bei „sanft und sorgfältig“ auch schon erfolgreich gemacht haben. Jan Böhmermann und Olli Schulz sprechen über die Themen, die sie interessieren und haben dazu eine klar dezidierte Meinung. Im Grunde also nichts Neues – trotzdem lässt sich aus dem Wechsel und dem Auftreten doch einiges ableiten, wie Radio im Netz zukünftig auftreten muss und was noch beachtet werden muss.

1. Machen Sie Ihre Moderatoren zu Social Influencern…

Jan Böhmermann ist natürlich eine Macht im Netz. Fast 850.000 Follower bei Facebook, fast 650.000 sind es bei Twitter und auch bei Instagram hat er immerhin noch 56.000 Abonnenten – das sind schon Hammerzahlen. Damit ist Jan Böhmermann im Bereich Entertainment ein Social Influencer, wie es das Magazin t3n definiert, „ein Meinungsführer, der aufgrund seiner Reputation in einem bestimmten Umfeld und Themenbereich die Entscheidungen anderer beeinflusst.“ Ob Letzteres zutrifft, möchte ich mal mit einem Fragezeichen versehen, aber auf jeden Fall werden die Posts von Jan Böhmermann im Netz von vielen Menschen wahrgenommen, geteilt und/oder kommentiert. Und das könnte doch Ihr Moderator in ihrem Sendegebiet auch schaffen. Dabei braucht er ja nicht gleich eine Allmacht a`la Böhmermann. Aber wenn er es schafft, sich eine mit ihm kommunizierende, seine Posts, Gedanken, Ideen teilende Community aufzubauen, dann kann Ihr Moderator für Ihren Sender zu einem wichtigen Vertreter im Netz avancieren.

2….die eine eigene Haltung haben und formulieren können/dürfen…

Böhmermann und Schulz ziehen in ihrer Sendung (in die Diskussion Podcast oder Sendung möchte ich hier gar nicht einsteigen. Daniel Fiene hat das in seinem Blogbeitrag „fiene & nennt es nicht podcast“ schon sehr gut analysiert) kräftig und deftig vom Leder. Dabei bekommen auch die verschiedenen Arbeitgeber insbesondere die ARD Ihr Fett weg. Das ist sicherlich auch aus Arbeitsplatzsicherungs-Gedanken heraus keine gute Empfehlung. Aber Ihre Moderatoren können ja durchaus zu den Themen im Programm nicht nur eine Orientierung sondern auch eine eigene Haltung durchscheinen lassen.Nicht zu jedem, Gott behüte, aber dann eben, wenn Sie dazu auch eine Meinung haben. Das verbunden mit einem knackigen Zitat a `la Böhmermann aus der aktuellen Sendung „Ihr blöden Hyänen, hört endlich auf. Ich kann auch meinen eigenen Namen nicht mehr hören. Es reicht jetzt. Und während wir hier über so einen Scheiß reden, sitzen in der Türkei 35 Leute im Gefängnis, weil Erdogan seine Leute im eigenen Land einsperrt.“ So was zieht und wird sicherlich schnell geteilt.

3. …die anschließend teil- und auffindbar gemacht wird…

66,32 Minuten dauert das Gespräch zwischen Jan Böhmermann und Olli Schulz. Ich kann es mir über Spotify anhören oder runterladen und zeitversetzt hören. Das geht zwar aktuell nur mobil, ist aber zeitlich klar umgrenzt und auf Facebook bzw. anderen Plattformen wurde ich auch satt über das Erscheinen informiert. Welche Inhalte Ihres Programms sind für diesen Weg geeignet? Identifizieren, rauslösen, allein stehend produzieren und posten.

4. Schaffe Sie ein individuelles musikalisches Umfeld…

Im Netz kann mit dem berühmt-berüchtigten „besten Mix“ – siehe auch die Diskussion rund um den Beitrag von Hans Hoff`s „Radio Gaga: Der beste Mix auf den dümmsten Wellen“ – aus meiner Sicht kein Blumenpott mehr gewonnen werden. Wenn Sie also die Inhalte Ihres Moderators in Musik einbetten wollen, wäre eine „gewisse musikalische“ Individualität nicht schlecht. Die Playliste „Fidi und Bumsi“ von Böhmermann und Schulz – getrennt und eigenständig vom Talk hörbar – hat schon 23.000 Follower. Sie lebt von der persönlichen Auswahl der Protagonisten und hat so Teilpotential in den sozialen Netzen – trotz auch einiger Mainstreamtitel wie Robbie Williams „Shame“.

5. … und „pflegen“ Sie Ihre Online-affinen Mitarbeiter

Der Umzug von Böhmermann und Schulz zu Spotify ist ja im Grunde ein normaler Vorgang. Zwei (mehr oder weniger) erfolgreiche Radio-Moderatoren wechseln den Arbeitgeber. Das Besondere steckt zum einen im neuen Arbeitgeber – kein Radiosender sondern eine Streaming-Plattform – und zum anderen in einer – denke ich – auch veränderten Werteordnung. Für Spotify waren die beiden und besonders Jan Böhmermann nicht nur wegen ihrer inhaltlichen Arbeit wichtig sondern auch wegen der vorhandenen Community und Strahlkraft ins Netz – siehe Punkt 1. Die Faktoren Online-Kenntnisse und Online-Einfluss werden in den nächsten Jahren sicherlich auch beim Radio immer wichtigere Punkte für Personal-Auswahl. Die Zahl derer, die auf beiden Hochzeiten – On Air und Online – tanzen können, ist aber überschaubar. Deswegen wird es hier in Zukunft sicher einen schärferen Konkurrenzkampf geben, zumal nicht nur Radiosender um diese Personen buhlen werden. Wer entsprechende Leute hat, sollte „pfleglich mit Ihnen umgehen“. Zum anderen sehe ich hier auch eine große Chance für den Nachwuchs.

Zum Schluss noch ein Punkt, wie man es aus meiner Sicht nicht machen sollte. Wenn Sie ein neues Produkt mit viel Werbedruck und TamTam starten, dann sollte es auch fertig sein. Ich fand die Aufteilung auf Talk und Playliste zum Böhmermann/Schulze-Spotify-Start eher kümmerlich. Die Chance, dass neue Nutzer/Hörer angezogen durch den großen Wirbel gerade um Jan Böhmermann nun der Sendung lauschten und zwischenzeitlich immer wieder auf eine extra zu hörende Playliste verwiesen wurden, wird den ein oder anderen auch direkt wieder zum Abschalten gebracht haben. Werbe-Wirkung gleich zum Auftakt verpufft.

 

Michael Mennicken (Bild: privat)

Michael Mennicken ist Gründer und Geschäftsführer der FM Online Factory, dem ersten Online Kaufhaus für Radioinhalte. Zudem lehrt er als Dozent für Medienthemen an verschiedenen Hochschulen. Vorher war er Chefredakteur u.a. von Antenne Düsseldorf.

 

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