Multiplattform-Radio: Was man von Deutschland lernen kann

Veröffentlicht am 15. Jul. 2018 von unter James Cridland

James Cridland im Interview mit m 94.5 auf den Lokalrundfunktagen Nürnberg 2018 (Bild:© RADIOSZENE/Ulrich Köring)Vor etwa 10 Tagen war ich in der sonnigen Stadt Nürnberg bei den Lokalrundfunktagen zu Gast. Einer der Mitorgansiatoren dieser großen, beeindruckende Konferenz mit einer überraschend hohen Anzahl Teilnehmern ist übrigens die bayerische Landesmedienanstalt – eine Regulierungsbehörde.

Was mich am meisten beeindruckte: Mein Vortrag war für 13.30 Uhr vorgesehen, und um 13.25 Uhr saß mein Publikum schon erwartungsvoll bereit. Sonst kenne ich nur diese ewige Zuspätkommerei auf Konferenzen. Anscheinend gehen in Deutschland die Uhren anders.

Am gleichen Tag hatte das Marktforschungsinstitut Kantar TNS übrigens einige Zahlen zum Radiohörverhalten in Bayern mit einigen sehr interessanten Trends veröffentlicht.

Die Studie besagt, dass 15% aller Radiohörer in Bayern in einer normalen Woche DAB+ nutzen. Das ist ein Anstieg um 25%, und das seit mehreren Jahren in Folge. Damit wird DAB+ erstmals beliebter als Radiohören per Internet, zumindest wenn man die Gesamtreichweite betrachtet.

Tagesreichweite Mo-Fr nach Radioempfang im Trend (Bild: James Cridland/Kantor TNS 2018)

Tagesreichweite Mo-Fr nach Radioempfang im Trend (Bild: James Cridland/Kantor TNS 2018)

Das ist schon eine ziemliche Veränderung für Deutschland. DAB hatte in diesem Land nämlich einen ausgesprochenen Fehlstart. Ursprünglich nutzte man dort einen anderen Frequenzbereich, der von anderen DAB-Ländern in der Zeit abwich: das L-Band. Manche Empfänger kamen damit zurecht, die meisten leider nicht. Und weil das L-Band ein sehr hoher Frequenzbereich ist, fiel es dem Signal schwerer, in Gebäude vorzudringen. Nahezu jeder Baum war im Weg, und die Abdeckung war somit eher mager. Kein Wunder, dass es nicht so recht voranging mit DAB. Aber all dies wurde inzwischen behoben. Und die Ergebnisse können sich sehen lassen.

DAB+ ist im Aufwind, während Radio über Internet, Kabel und Satellit weitgehend stagniert. Und die UKW-Nutzung ist sogar rückläufig: um fast 5% Jahr für Jahr. Es scheint, dass sich die deutsche Radiobranche ganz schön Sorgen machen müsste, wenn es DAB+ nicht gäbe.

Die Zahlen zeigen auch das Durchschnittalter je Radioplattform. Auch das sind interessante Zahlen, die ich in der Zusammenstellung noch nicht gesehen habe. Das Durchschnittsalter bei UKW liegt bei 49 und ist damit weitgehend identisch mit dem Wert für DAB+ (48). Die Internet-Radionutzer sind im Schnitt 10 Jahre jünger, was – wie man wohl vermuten kann – bedeutet, dass die Hörer von Satelliten- oder Kabelradio eher älter sind. Wie fast immer zeigt dies wieder einmal, wie wichtig es, für die gewünschte Zielgruppe auf der richtigen Plattform präsent zu sein. Eigentlich logisch, könnte man sagen, aber gerade bei beschränkten finanziellen Mitteln sollte man besonders gut darüber nachdenken.

Eindeutig ist, dass das Radio seinen Weg zu einem Multiplattform-Medium fortsetzt. In Großbritannien hört nur noch die Hälfte terrestrisches Radio über UKW oder Mittelwelle. In Deutschland ist man noch nicht soweit (auch wenn diese Zahlen nicht unbedingt vergleichbar sind), aber die Richtung ist vorgezeichnet.

James Cridland im Interview mit m 94.5 über Multiplattform-Radio auf den Lokalrundfunktagen Nürnberg 2018 (Bild:© RADIOSZENE/Ulrich Köring)

James Cridland im Interview mit m 94.5 auf den Lokalrundfunktagen Nürnberg 2018 (Bild:© RADIOSZENE/Ulrich Köring)

Interessant ist übrigens zu sehen, wie sehr Multiplattform das Radio ohnehin bereits ist. Nach meinem Vortrag wurde ich zuerst vom lokalen Studentensender interviewt, danach wurde ich per Kamera live auf Facebook übertragen und anschließend gab es noch Aufnahmen für einen Podcast.

Und während die deutschen Konferenzteilnehmer überraschend pünktlich im Saal waren, um sich meinen Vortrag anzuhören, hatte mein Zug zurück nach München 40 Minuten Verspätung. Tja… nobody’s perfect.

 


James CridlandDer Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

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