DAB+, Streaming oder UKW – Was setzt sich durch?

Veröffentlicht am 21. Nov. 2017 von unter Deutschland

Die Diskussion um DAB+, Streaming und UKW ist noch lange nicht zu Ende, wie die kontroversen Äußerungen der Marktteilnehmer und die Reaktionen darauf auf den Münchner Medientagen zeigten. Eine neue Goldmedia-Studie im Auftrag der LFK, die jetzt erschienen ist, untersuchte verschiedene Zukunfts-Szenarien für das Radio im Jahr 2025 und deren Konsequenzen für Radiomacher. Sie befasst sich u.a. mit der Frage, ob sich DAB+ oder Streaming durchsetzt bzw. was passiert, wenn UKW weiter stark bleibt (vgl. auch 5G-Mobilfunktechnologie verändert das Radio).

DAB+, Streaming oder UKW – Was setzt sich durch? Radio App am Smartphone (Bild: ©georgejmclittle/123RF-35327167)

Radio App am Smartphone (Bild: ©georgejmclittle/123RF-35327167)

Die Studie trägt den Titel “Ausgestaltung der lokalen Hörfunklandschaft in Baden-Württemberg 2025” und zeigt sehr detalliert, welche Szenarien den Hörfunkmarkt in Zukunft vor allem auch wirtschaftlich beeinflussen.

Vier Szenarien, wie sich der Radiomarkt bis 2025 entwickeln könnte

  • Szenario 1: Starker Hörfunk dank DAB+ (“Best Case”)
  • Szenario 2: Fragmentierter Markt analog & digital (“Real Case”)
  • Szenario 3: Streaming ersetzt Terrestrik (“Challenge Case”)
  • Szenario 4: Radio weiter analog, Streaming stark (“Worst Case”)

(Eine detaillierte Beschreibung des Szenarien finden Sie weiter unten!)

Die Kernergebnisse der Szenario-Analysen und Handlungsoptionen:
  • Egal welche Szenario-Annahme: Der Nutzungs-Marktanteil für Simulcast-Streaming wird immer rd. 20-30% erreichen. Hier könnte sich die LFK positionieren und Radio-Anbieter im Wettbewerb unterstützen.
  • DAB+ kann sich vor allem mithilfe einer von der LFK initiierten Förderpolitik durchsetzen. Ansonsten droht eine Doppel-Versorgung mit unklaren Perspektiven für die Anbieter aufgrund des Wettbewerbsdrucks aus dem Streaming-Bereich.
  • Ein realitätsnahes „Status quo“-Szenario führt zu schwierigen Marktverhältnissen für Hörfunk-Anbieter. Daher bietet sich für die Zukunft an, verschiedene, offenere Lizenzierungsmodelle zu prüfen. Dazu zählen ebenso Programmkooperationen wie Funkhausmodelle und Kombi-Ausschreibungen für DAB-Plattformbetreiber. Weiter sind die Netzabdeckung und ein kommuniziertes Abschaltdatum relevante Faktoren.
  • Die inhaltliche Lokalität der baden-württembergischen Lokalradio-Anbieter ist dabei ebenso eine wichtige Zielgröße wie die wirtschaftliche Stabilität. Diese Ziele lassen sich durch eine substantielle Gestaltung der LFK bis 2025 erreichen.

(Quelle: Goldmedia-Studie 2017)


Die neue Goldmedia-Studie zur Zukunft des Radios in Deutschland und speziell in Baden-Württemberg macht deutlich, dass sich die Hörfunkbranche keinesfalls ausruhen darf auf ihrem Status Quo. Auch wenn UKW noch lange funktioniert, so kann es mittelfristig gerade bei kleineren Lokalradios zu wirtschaftlichen Problemen führen, wenn weder auf DAB+ noch auf Streaming gesetzt wird. Wie die LFK die Goldmedia-Studie bewertet und welche Schlüsse sie nun daraus zieht, wollte RADIOSZENE von LFK-Präsident Dr. Wolfgang Kreißig wissen:

RADIOSZENE: Warum wurde die Studie in Auftrag gegeben?

Dr. Wolfgang Kreißig (Bild: LFK)

Dr. Wolfgang Kreißig (Bild: LFK)

Kreißig: Wir sind inmitten großer technischer Umwälzungen, die unseren Alltag und damit die Mediennutzung aber auch die Medienverbreitung und die Endgeräte verändern werden. Die LFK plant und fördert den privaten Rundfunk in Baden-Württemberg. Darum ist es für uns wichtig, eine Prognose und erste Einschätzung zu erhalten, wie sich die wirtschaftlichen und technischen Rahmenbedingungen ändern könnten und welche Auswirkungen das auf die Zukunft des privaten Radios hat. Wir sehen in dem Gutachten aber auch eine wichtige Erkenntnisgrundlage für die Politik. Baden-Württemberg verfügt auch im Bundesvergleich über eine ausgesprochen vielfältige Radiolandschaft mit starken Unternehmen, die es zu erhalten gilt. Wir müssen nun gemeinsam mit allen Beteiligten an einem passenden Regulierungsrahmen für die digitale Zukunft arbeiten.

RADIOSZENE: Was sind Ihre Erkenntnisse aus der Studie?

Kreißig: Wir stehen als Landesmedienanstalt in Baden-Württemberg mit einem jährlichen technischen Fördervolumen von derzeit 1,1 Mio für das private Radio vor einer Grundsatzentscheidung. Wie soll und kann es hier in Zukunft weitergehen? Gibt es innovative Technologien, die neue Perspektiven für den privaten Hörfunk und damit für die Meinungsvielfalt ermöglichen? Sind die bisherigen rechtlichen Rahmenbedingungen und Gebietsplanungen passend oder brauchen wir neue rechtliche Gefäße zur Gestaltung einer zukunftsfähigen Radiolandschaft? Vor diesem Hintergrund ziehen wir zwei erste Erkenntnisse aus der Studie: DAB+ kann mit einen wesentlichen Mehr an Förderung durchaus in Zukunft ein relevanter Radio-Übertragungsweg werden. Gleichzeitig aber wird das Smartphone zum zentralen Endgerät werden. Alle Studien zeigen, dass starke Marken wie die unserer privaten Hörfunkveranstalter nachgefragt und beliebt sind und bislang nicht von Diensten wie Spotify verdrängt werden.

RADIOSZENE: Was sind Ihre nächsten Schritte?

Kreißig: Wir haben die Ergebnisse der Studie unseren Gremien und den Hörfunkveranstaltern vorgestellt. Das sehen wir als Auftakt eines gemeinsamen Strategie- und Denkprozesses, den wir als LFK gerne anstoßen, weiter vorantreiben wollen und auch müssen. Aufgrund der rasanten technischen Entwicklung können wir alle nicht die Hände in den Schoß legen, wenn es um die Zukunft des privaten Hörfunks und damit um eine Säule des dualen Rundfunksystems in Deutschland geht. Wir müssen gemeinsam neu denken und dann Richtungsentscheidungen treffen. Die Studie ist für uns ein wichtiger Anstoß dazu. Im Frühjahr 2018 werden wir zur Zukunft des Radios einen regelmäßigen fachlichen Austausch initiieren, zu dem auch die öffentlich-rechtlichen Sender als wichtige Partner eingeladen sind — denn Lösungen müssen gemeinsam gefunden werden.

Aber auch das ist ein Ergebnis der ersten Gespräche mit den privaten Hörfunkveranstaltern: Radio steht mit seinen besonderen Stärken im Regionalen und Lokalen und den neuen digitalen Möglichkeiten vor großen Herausforderungen, es gibt aber auch Chancen. Diese gilt es zu nutzen, um mit neuen Allianzen und Kooperationen die technische Teilhabe an Alexa, Siri und Co und die Auffindbarkeit in der digitalen Welt zu gestalten und im Übrigen in bewährter Form die Hörerinnen und Hörer zu gewinnen.

Beschreibung den einzelnen Zunkftsszenarien

Szenario 1: Starker Hörfunk dank DAB+

Beim Szenario 1 („Best Case“) wird davon ausgegangen, dass sich durch eine hoch attraktive Subventionierungspolitik private Hörfunkanbieter dazu entschlossen haben, den Wechsel zu DAB+ zu vollziehen. Zusätzlich wurde beschlossen, UKW als Übertragungsweg abzuschalten. Darüberhinaus werden nur noch Radiogeräte mit einem Multi-Chip verkauft, der auch digitale (Radio-)Signale verarbeiten kann. So bleibt Radio gegenüber Streaming-Alternativen attraktiv.

Lokale Angebote können ihren Kostendeckungsgrad halten und sogar steigern – denn durch eine Vollabdeckung mit DAB+ und unter der Annahme einer real angenommenen Gesamtmarktentwicklung ist auch die lokale Werbenachfrage im Vergleich zu 2016 gestiegen.

Szenario 2: Fragmentierter Markt analog & digital

Dieses zweite Szenario geht vom „Real Case“ aus. Es modelliert eine Situation, in der sich die Rahmenbedingungen gemäß der heutigen Situation weiterentwickelt haben bzw. Veränderungen eingetreten sind, die als besonders realistisch oder wahrscheinlich eingeschätzt wurden (z.B. keine UKW-Abschaltung im Szenario-Zeitraum).

Dabei geht die Szenario-Modellierung davon aus, dass eine Förderung des Simulcasts UKW/DAB+ zwar stattfindet, doch weiterhin der Umstieg für einige Privatanbieter ökonomisch unattraktiv ist. Weil ein konkreter Abschalttermin für die Ausstrahlung der Angebote über UKW nicht definiert wird, bleiben zahlreiche Privatanbieter analog. Die technische Abdeckung für DAB+ steigt, dennoch bleiben gerade ältere Nutzer bei dem ihnen bekannten Empfangsweg UKW. Jüngere Hörer nutzen stattdessen vermehrt Streaming-Dienste. Die Nutzung wird durch eine Zero Rating-Politik der Mobilfunkanbieter unterstützt.

Trotz wirtschaftlichen Aufschwungs wächst der Hörfunk-Werbemarkt kaum, langfristig bedroht die Verlagerung von Werbebudgets in Richtung Onlinewerbemarkt den privaten Hörfunk, insbesondere kleine Anbieter mit niedriger Kostendeckung.

Szenario 3: Streaming ersetzt Terrestrik

Beim Szenario 3 („Challenge Case“) geht der Trend verstärkt zu Streaming-Lösungen, der weitaus deutlicher ausfällt als bislang erwartet, so dass die klassische terrestrische Broadcast-Verbreitung (UKW wie auch DAB+) nahezu gänzlich an Bedeutung verliert. Die Hörfunkanbieter bewegen sich komplett in einem neuen, herausfordernden Online-Marktumfeld, und die Anbieter von Musik-/Audio-Streaming-Diensten sind hier besser positioniert.

In diesem Szenario wird davon ausgegangen, dass der klassische Radioempfang in weiten Teilen durch Streaming ersetzt wurde. Es ist zum „neuen Standard“ für Musikkonsum geworden. Günstige Datentarife und Zero Rating im Mobilfunk sind Normalität geworden, und so ist inzwischen auch im Auto die Audionutzung über das Internet die beste Lösung aus Nutzerperspektive.

Das klassische Radio ist dadurch zu einem Nischenprodukt geworden und bleibt nur noch für redaktionelle, insbesondere lokale Informationen interessant und spricht nur noch spitze, vor allem ältere Zielgruppen an. Angesichts dieser Entwicklung und einer nur geringen Förderung senden private Anbieter z.T. nach wie vor nicht über DAB+, stattdessen streamen sie verstärkt ihre Angebote.

Der Werbemarkt für den Hörfunk ist in diesem Szenario besonders lokal rückläufig, da bei der Online-Verbreitung starke Konkurrenz zu einer Vielzahl von Multimedia-Angeboten und insbesondere anderen Audio-Streaming-Diensten besteht. Daher können nur deutlich niedrigere Preise erzielt werden als zuvor bei den klassischen Verbreitungsformen.

Szenario 4: Radio weiter analog, Streaming stark

Dieses Szenario stellt den „Worst Case“ dar und ist somit die untere Grenze der Bewertungsspanne im Rahmen der Goldmedia Szenario-Modellierung. Für jeden Faktor ist daher die maximal (denkbare) negative Entwicklung definiert. Lediglich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wurden in allen Szenarien beibehalten.

„Negativ“ bedeutet in Bezug auf die Entwicklung der Hörfunklandschaft vor dem Hintergrund der Digitalisierung vereinfacht gesagt: Das klassische terrestrische Radio verharrt in der analogen Ära, während im stark wachsenden digitalen Segment vor allem neue Wettbewerber Gewinne machen. Daher wird der alte UKW-Standard weiter genutzt – neben Streaming, das stark zulegt.

Es wurde kein fester Abschalttermin für UKW vereinbart. Die Förderung für einen Simulcast von UKW und DAB+ ist sehr gering, und darüber hinaus rufen die Privatanbieter die Mittel nicht (vollständig) ab, da kein Interesse an einem DAB+ Engagement besteht. Es gibt weiterhin keinen flächendeckenden Digitalradio-Empfang, und nach wie vor dürfen auch Geräte verkauft werden, die nur für den Empfang analoger Radiosignale geeignet sind. DAB+ ist letztlich für Anbieter und Hörer unattraktiv, einige Nutzer hören weiter UKW, viele wandern zu Streaming-Lösungen ab. Entsprechend verlagern sich auch die Werbebudgets zunehmend: Die Kostendeckungsgrade der Privatradioanbieter sinken – auch wenn sowohl über UKW als auch Streaming-Dienste weiterhin Radioangebote möglich sind.

Mitarbeit: Jörn Krieger

Download
Goldmedia-Gutachten zur Radiozukunft 2025 im Auftrag der LFK  (PDF)

Weiterführende Informationen
Goldmedia
LFK

Teaserbild oben: georgejmclittle / 123RF Lizenzfreie Bilder

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