Na wie heißen wir denn? Von Sendernamen und von den Schwierigkeiten, einen solchen zu finden

James Cridland's Radio Future„Gesetzt den Fall, du besitzt einen Radiosender. Wie würdest du ihn nennen?“ postete kürzlich ein Mann namens Nick in einem Diskussionsforum zum Thema Radio auf Facebook.

Diese Facebook-Gruppe besteht übrigens mehrheitlich aus Leuten, die sich darüber aufregen, wie manche Wörter in den Radionachrichten ausgesprochen werden, oder die Fotos von Autonummernschildern posten, die irgendwie an den Namen von Radiostationen erinnern. Endlich mal ein interessanter Diskussionsansatz, dachte ich bei mir, stellte mir eine Schale Popcorn hin und begann zu lesen.

Nicht wenige der vorgeschlagenen Sendernamen endeten mit „FM“, manchmal wurde auch eine Frequenz dazu genannt. Beides halte ich übrigens nicht unbedingt für eine gute Idee.

Jacobs Media hat vor kurzem eine Studie unter Hörern von NPR-Sendern in den USA durchgeführt, und eines der Ergebnisse ist meines Erachtens ein ziemlich guter Indikator für die Veränderungen im Bereich des Radiokonsums.

Gefragt wurden die Respondenten, wie sie ihre „einheimische“ NPR-Station hörten. Zu 69% der Zeit benutzten die Hörer dazu ein Radio. Zu 29% kam ein Digitalgerät zum Einsatz, wobei ein „Computer-Stream“ sogar zweimal so beliebt war wie eine Handy-App.

Gut, das waren jetzt NPR-Hörer. Das Durchschnittsalter der Befragten war über 59. Dies sind in der Regel Leute, die ihr Leben lang Radio gehört haben, auch wenn sie sich inzwischen gut genug mit dem Internet auskennen, um einen Fragebogen auf der Website ihres Lieblingssenders auszufüllen. Aber selbst diese Leute benutzen zu einem Drittel der Zeit nicht mehr ein traditionelles Radio (mit UKW oder Mittelwelle), um Radio zu hören.

Deshalb warne ich vor der Benutzung einer Frequenz in einem Sendernamen, genauso wie vor dem Zusatz „FM“, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Denn viele Hörer orientieren sich nicht mehr daran, wenn sie Radio hören.

In der Facebook-Gruppe kamen übrigens auch andere Leute mit interessanten Vorschlägen wie „The Pit“, „The Local“, „Vault“ oder „Planet Mate“.

In seinem Buch The Design of Everyday Things (Das Design von Alltagsgegenständen) beschreibt Donald Norman Dinge, die er als „Affordanzen“ bezeichnet: kleine Anhaltspunkte, die uns dabei helfen zu verstehen, wie etwas funktioniert. Ein gutes Beispiel für eine „Affordanz“ ist dieser Metallstreifen auf einer Bürotür. Er wird an der Seite der Tür angebracht, die man drückt, und er signalisiert, dass man diese Tür drücken muss, um sie zu öffnen, und auf welcher Seite dies zu geschehen hat.

„FM“ oder „105.9“ ist ein kleiner Anhaltspunkt, eine Affordanz dafür, dass es sich um einen Radiosender handelt. Es gibt in Großbritannien zum Beispiel einen Sender namens Jazz FM, der schon seit 2005 nicht mehr auf UKW sendet, aber zumindest wissen die Leute, dass es ein Radiosender ist, auch wenn es sie mitunter verwirrt, dass sie ihn auf der Radioskala nicht finden können.

Obwohl mir die Idee gefällt, einen Rocksender „The Pit“ zu nennen, braucht auch so ein Sender – zumindest off-air – etwas in seinem Logo: eine Affordanz. Ich würde ins Logo „The Pit Radio“ schreiben. Denn ohne diesen Zusatz könnte „The Pit“ alles Mögliche heißen. In der Anfangszeit des Digitalradios in Großbritannien gab es viele Sender mit beliebigen Namen. „The Groove“ zum Beispiel. Ein Sender, der sich hinterher immer erklären musste: „Wir sind ein Radiosender“. Was auch nicht gerade sinnvoll war.

In der Welt der Smartspeaker wird die Namensgebung von Sendern übrigens doppelt wichtig, denn Frequenzen oder Wellenbereiche sind auf solchen Geräten natürlich gänzlich bedeutungslos.

Sicherlich wird dadurch das Branding von Radiosendern komplizierter als je zuvor. Deshalb könnte das Wort „Radio“ durchaus die wichtigste Marke sein, die wir haben.

 


James Cridland
James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.