Sendersuche in einer Multiplattform-Welt

Veröffentlicht am 14. Okt. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio FutureVor einiger Zeit habe ich einmal Dienst geschoben bei einer Hotline, die den Leuten dabei half, ihren Lieblings-Radiosender zu finden. Das hat mir die Augen geöffnet. Viele kannten nicht einmal mehr den Unterschied zwischen UKW und Mittelwelle, und manche Geräte hatten derart seltsame Markierungen, dass die Sendersuche zu einer echten Herausforderung wurde. Auch ihr kennt wahrscheinlich solche Leute, die ihr Gerät auf „ihren“ Sender eingestellt haben und geradezu panisch reagieren, wenn jemand an eben diesem Gerät herumfummelt, in der Angst, ihn nicht mehr wiederzufinden.

Radio ist in zunehmendem Maße inzwischen überall verfügbar. Allerdings sagen wir den Leuten kaum noch, wie sie einen bestimmten Sender finden. Irgendwie finde ich das seltsam.

Bei einem UKW-Sender ist es wichtig, an die Frequenz zu erinnern, auf der man sendet. Aber immer weniger Sender tun dies. Klar, das Problem liegt oft in der Regionalisierung des zentral herangeführten Rahmenprogramms, aber wenn man es für Werbespots hinbekommt, dann müsste es doch auch für Stationsansagen gehen. Denn sicher ist: Wenn ein UKW-Hörer die Frequenz vergisst, findet er den Sender nicht mehr. Wieder ein Hörer weniger, schade drum. Natürlich hört es sich griffiger an, wenn man nicht mehr sämtliche Frequenzen ansagt, sondern einfach nur „auf UKW“ sagt, wie etwa manche Sender in Großbritannien es tun. Aber gerade solche Sender, LBC zum Beispiel, sollten vorsichtig sein: es könnte sich negativ auf Hörerzahlen auswirken, wenn sie nicht zumindest manchmal auch eine Frequenz ansagen.

Allerdings ist es auch eine gute Idee, die Hörer auf andere Verbreitungswege und Geräte hinzuweisen, über die man den Sender hören kann. Denn mancher weiß vielleicht noch gar nicht, dass man sich den Sender auch auf einen Smart Speaker streamen lassen kann. Oder dass man nur den Fernseher einschalten muss, um ihn zu hören. Oder DAB+…

Natürlich braucht man keine ellenlangen Frequenz- und Verbreitungswegansagen à la “Auf 97.3 FM, auf DAB+, auf Global Player, auf Radioplayer, auf lbc.co.uk, auf Ihrem Smart Speaker, auf Freeview Kanal 732, auf Freesat Kanal 734, auf Sky Kanal 0124, auf Virgin Media Kanal 919 und auf TalkTalk TV Kanal 627”.

Aber wenn man ein wenig damit rotiert und ab und zu die UKW-Frequenz fallen lässt, weist man die Hörer galant darauf hin, dass man auch über diesen oder jenen Verbreitungsweg verfügbar ist. Einmal pro Stunde wäre nicht schlecht.

In meinem Wohnort Brisbane erwähnen die beiden großen Mittelwellensender nie ihre Fequenz. Viele sagen auch nie ein Wort über ihre Online-Verfügbarkeit und kein einziger erwähnt DAB+. Ob die sich wohl der Tatsache bewusst sind, dass sie dadurch Hörer verlieren können?

Sicherlich wollen wir die Sachen im Radio nicht komplizierter machen als sie sind. Also sollten wir es unseren Hörern auch nicht schwerer machen, uns überhaupt zu finden. Im Radio oder sonstwo. Irgendwann wird es sich auszahlen.


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine, berät eine Vielzahl von Radiosendern und veröffentlicht den täglichen Podcast-Newsletter podnews.net. James hat über 30 Jahre bei Radiosendern in Großbritannien, Australien und Kanada gearbeitet; bei Virgin Radio UK entwickelte er die weltweit erste Radio-Streaming-App. Er lebt in Brisbane, Australien. https://james.cridland.net

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