Vom Piratensender zum Bürgerfunk: Radio Jade

Veröffentlicht am 29. Nov. 2022 von unter Deutschland

Radio JadeDie meisten Protest-Piratensender sind heute in der Versenkung verschwunden. Eine Ausnahme sind Radio Dreyeckland im Südwesten und – heute unpolitisch – Radio Jade im Norden der Republik, einst Radio Überleben. Und hier kann man auch als Greenhorn mitmachen!

Wer gerne funkt, ist im Amateurfunk eigentlich gut aufgehoben. Doch ist dort Rundfunk, insbesondere das Ausstrahlen von Musik und „Mitteilungen an die Allgemeinheit“, egal welcher Art, aus gutem Grund verboten: Die Amateurfunkfrequenzen wären andernfalls mit derartigen Sendungen hoffnungslos verstopft. Wer sich gerne privat als Unterhalter, Moderator, DJ, oder auch als Wissensvermittler präsentieren möchte, benötigt eine andere Plattform.

Radio für Einsteiger

Als Rundfunkpirat im Stil von Piratensender Powerplay auf Sendung zu gehen, erschien so manchem dazu die einzig machbare Lösung. Im gleichnamigen Film mit Mike Krüger und Thomas Gottschalk recht lustig, wenn man so die Örtlichkeit der Oberpostdirektion, bei der am Vortag gerade die Amateurfunklizenz erlangt wurde, als Residenz trotteliger Schwarzfunkerjäger wiedersieht. In der Praxis jedoch weit weniger amüsant: Wer „ausgehoben“ wird, ist nicht nur seine Anlage los, sondern auch seine Amateurfunklizenz, so er eine hatte, und kann auch so schnell keine neu erlangen.

Einstige Sendeanlage des Piratensenders Radio Überleben

Einstige Sendeanlage des Piratensenders Radio Überleben (Bild: © W.D.Roth)

Doch gibt es mittlerweile auch legale Möglichkeiten, als Neuling und Hobby Rundfunk zu machen. Eine solche ist der Bagatellrundfunk, wo man mit kleiner Leistung auf Mittelwelle seine eigene Station betreiben kann, doch eher als Experiment mit wenigen Hörern. Des Weiteren kann man stundenweise Übertragungskapazität bei Senderbetreibern anmieten, so wie es Radio DARC macht, doch das geht ins Geld. Ohne Kosten ist es im sogenannten Bürgerfunk möglich, wo auch „normales“ Publikum zuhört. Sinnvoll ist dies, wenn man nur ein paar Stunden Programm machen möchte und nicht nur Rundfunkfreaks wie beim Bagatellradio erreichen will.

Christof Überschaar im Studio von Radio Jade

Christof Überschaar im Studio von Radio Jade

Im Sommer 2020 gab es nicht viele Möglichkeiten für Ausflüge und Urlaub. Der Funkamateur Christof Ueberschaar (Rufzeichen DL1BAJ) hatte mich jedoch von einem Besuch an der Nordsee überzeugt. Christof hat am dritten Samstag im Monat um 17 Uhr zwei Stunden eine eigene Rundfunksendung auf Radio Jade, das Technikmagazin Kilowatt, in dem er ähnlich Radio DARC rockige Musik mit Technik- und Rundfunkgeschichten kombiniert.

Vom Pirat zum Bürgerradio

Piratensender "Radio Überleben" -Flugblatt

Piratensender „Radio Überleben“ -Flugblatt (Bild: © W.D.Roth)

Ein Piratensender war Radio Jade einst selbst. Am 22. April 1992 sendete das von Mitarbeitern des kurz vor der Schließung stehenden AEG-Olympia-Werkes in Roffhausen bei Wilhelmshaven ins Leben gerufene Radio Überleben zum ersten Mal, um hiergegen zu protestieren und die Arbeitsplätze zu erhalten. Ein Jahr strahlte Radio Überleben fast jeden Mittwoch eine viertel- bis halbe Stunde Programm aus. Oft mit vorzeitigem Ende, weil der Funkmessdienst der Deutschen Bundespost nach dem illegalen Sender fahndete.

Als das niedersächsische Landesrundfunkgesetz (LRG) am 9. November 1993 in Kraft trat, erhob der Piratensender offiziell den Anspruch, in Wilhelmshaven und Friesland Rundfunk zu betreiben. Am 2. Februar 1995 gründete sich der Trägerverein Radio Jade Lokalrundfunk e.V. und noch im selben Jahr wurde Wilhelmshaven/Friesland eines von sechs Gebieten in Niedersachsen, in denen nichtkommerzieller Lokalfunk als „dritte Art“ nach dem öffentlich-rechtlichen und dem kommerziellen Rundfunk auf Sendung ging. Radio Jade setzte sich gegen zwei Mitbewerber durch und erhielt am 10. September 1996 von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) die Rundfunklizenz. Nach dem Aufbau der erforderlichen Infrastruktur für den Sendebetrieb und die Redaktionsarbeit ging der Sender am 30. August 1997 nun offiziell und legal als Radio Jade auf Sendung.

Tagsüber „normal“, abends „besonders“

Das Besondere ist, dass Radio Jade sowohl ein normales, redaktionelles Programm wie bei kommerziellen Stationen üblich sendet – aber ohne Werbung – als auch Bürgerfunk. Radio Jade hat entgegen anderen Bürgersendern feste Zeiten für das redaktionelle Programm und den Bürgerfunk. Bürgerfunk ist täglich von 18 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag kommen die Nachmittage dazu. Es sind aktuell etwa 50 „Bürgerfunker“ aktiv.

Radio Jade Sendestudio (Bild: © W.D.Roth)

Radio Jade Sendestudio (Bild: © W.D.Roth)

Da der Sender im Gegensatz zu seiner Piratensenderzeit heute nicht mehr politisch motiviert ist, müssen und sollen die Bürgerfunksendungen hier nicht „alternativ“ sein. Ebensowenig findet sich hier „Amateur-Funk“ im negativen Sinn wie bei so manchem unanhörbaren „offenen Kanal“ – es kann und darf zwar jeder mitmachen, doch es gibt bei Radio Jade im Gegensatz zu anderen „offenen Kanälen“ eine Qualitätskontrolle: Man muss zuerst wie im Amateurfunk eine Sendelizenz erlangen, den Sendeführerschein. Hierzu gibt es eine nett gemachte Einführung in die Theorie und Praxis an zwei Wochenenden für je vier Stunden.

Die Fahrprüfung findet „on air” statt

Als Prüfung dient dann die sogenannte Patchwork-Sendung. Im Gegensatz zu einer Amateurfunk-Lizenz wird hier nicht die Theorie abgefragt, sondern es geht direkt in medias res: Acht Aspiranten füllen eine Live-Sendung am Abend von 20 bis 22 Uhr, in der jeder zukünftige Bürgerfunker etwa 15 Minuten ohne Hilfe sein selbst gestaltetes Programm fährt und moderiert.

Sendeplan-Software bei Radio Jade

Sendeplan-Software bei Radio Jade (Bild: © W.D.Roth)

Ebenso live und auf sich allein gestellt (für Notfälle ist jedoch immer die Sendeleitung zugegen) fährt er mit bestandener Prüfung dann auch seine Sendungen, meist eine zweistündige Sendung pro Monat im Selbstfahrstudio. Sehr viel Wert wird auf das ordentliche Ein- und Ausblenden der von NDR Info übernommenen Nachrichten samt der zugehörigen Radio Jade-Jingles gelegt. Dies ist durchaus knifflig, da die NDR-Nachrichten nie sekundengenau zur vollen Stunde gesendet werden und auch ihr Ende und der Übergang zum NDR-Info-Programm variieren.

Lokale Band im Radio Jade-Studio (Bild: © Karsten Hoeft)

Lokale Band im Radio Jade-Studio (Bild: © Karsten Hoeft)

Schon über 1000 Ausgaben einer Bürgerfunk-Sendung

Die älteste Bürgerfunksendung auf Radio Jade, die jede Woche donnerstags um 20 Uhr läuft, ist die Friesenscene Backstage; weit über 1000 Ausgaben wurden schon gesendet. Hier werden Künstler vor Ort vorgestellt, die oft Studiogast sind und ihre Instrumente mit dabei haben für ein Minikonzert.

Radio Jade ist ein Verein, jeder kann Mitglied werden. Da die Einnahmen durch die Mitgliedsgebühren längst nicht reichen würden, gibt die Landesmedienanstalt noch etwas dazu.

Seit dem Bestehen waren über 650 Praktikanten im redaktionellen Programm beim Sender tätig. Dabei erlangten viele Jugendliche und auch Erwachsene aus der Region Medienkompetenz. Auch die „Bürgerfunker“ können dabei an Fortbildungen und Moderationstrainings teilnehmen und haben so teils eine professionellere Ausbildung als mancher „normale“ Rundfunkmoderator. 2020 erhielt Radio Jade erneut die Bürgersender-Rundfunklizenz der Niedersächsischen Landesmedienanstalt und darf bis zum 31. März 2031 weiter mit 1 kW (daher auch der Name von Christofs technik-Magazin!) auf der UKW-Frequenz 87,8 MHz senden.

Drei Sendestudios, 1 kW Sendeleistung

Die Technik ist dabei hochmodern, auch wenn es selbstverständlich noch möglich ist, analoge Schallplatten abzuspielen, ebenso MiniDiscs und CDs. Im Sendeausgang von Radio Jade laufen seit 1997 die Signale der anfänglich zwei, bis 2002 auf drei erweiterten, Studios zusammen und werden, bis 2019 über eine 2-Mbit/s Standleitung, an den Antennenstandort in der Schillerstraße übertragen.

Anfänglich mit einem Klinkensteckfeld zum Durchschleifen der Signale ausgestattet, wurde der Sendeausgang kontinuierlich erweitert. Zunächst um eine analoge Kreuzschiene, die von den Studios aus gesteuert werden kann, dann um einen Soundprozessor, um den Frequenzhub zu begrenzen. Zwischen den Studios kann flexibel hin- und hergeschaltet werden. Teilweise sind sie auch untereinander verbunden, um auch während der laufenden Musik einen Studiowechsel vollziehen zu können.

Radio Jade: Schaltung Kreuzschiene (Bild: © Karsten Hoeft)

Radio Jade: Schaltung Kreuzschiene (Bild: © Karsten Hoeft)

2014 folgte eine Runderneuerung. Der Sendeausgang beherbergt heute einen Netzstabilisator, ein Telefonhybridsystem für die Studiotelefone, digitale Kabeltuner für die Einspeisung von NDRInfo, von dem jede Stunde die Nachrichten übernommen werden sowie zur Kontrolle des eigenen Signals im Kabelnetz.

Radio Jade-Schaltschrank mit Prozessoren

Radio Jade-Schaltschrank mit Prozessoren

Des Weiteren den Soundprozessor, eine Abhöranlage zur Funktionskontrolle der Zuspielwege, einen Havarieplayer (springt bei Ausfall der Studios mit einem Notprogramm an) mit Stillheits-Erkennung, diverse Analog/Digitalwandler und Signalverteiler, zwei Audiocodecs für Live-Übertragungen und die Geräte der Media Broadcast für die Zuführung des Sendesignals.

2020 zogen die Senderäume in die Peterstraße um, das bisherige Gebäude war sanierungsbedürftig. Eigentlich war ein offener Tag geplant mit großer Feier, stattdessen stemmten unter Corona-Bedingungen nur eine Handvoll Mitarbeiter den Umzug unbemerkt durch die Hörer, sodass am 31.3. um 12.17 Uhr umgeschaltet und ohne Unterbrechung weitergesendet werden konnte.

Radio Jade-Chef Karsten Hoeft

Radio Jade-Chef Karsten Hoeft (Bild: © W.D.Roth)

Radio Jade sendet mit 1 kW Horizontal inkl. 3dB Reingewinn der Antenne und ist damit von der friesischen Nordseeküste bis Oldenburg und vom Jadebusen bis Wittmund auf 87,8 MHz UKW empfangbar. Wer außerhalb der UKW-Sendereichweite sitzt, kann über das Internet zuhören.

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