Warum Radio sichtbar werden sollte und wie?

Veröffentlicht am 27. Apr. 2016 von unter Standpunkte

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Auffallen, Auffallen, auffallen – das ist das Credo für erfolgreiche Arbeit im Netz. Das Verflixte für Radiomacher – Audio funktioniert dabei online leider nur sehr bedingt und viral geht es in den seltensten Fällen. Das ist natürlich erst einmal keine gute Ausgangslage, können wir unsere Kernkompetenz doch online kaum ausspielen. Aber es gibt eine Lösung: Video.

Video im Netz ist der Renner

Zwei interessante Zahlen dazu aus der letzte ARD/ZDF-Onlinestudie:

  1. Die Zahl der täglichen Videonutzung hat sich innerhalb von einem Jahr fast verdoppelt – 26% sind es schon 2015 (Online-Nutzer ab 14 Jahren 2014: 14%).
  2. Während die Nutzung von Videoportalen wie YouTube auf hohem Niveau – 61% – stagniert, steigt Facebook in der Umfrage als neuer Abfragewert direkt mit einem beeindruckenden Wert von 30% ein.

Das ist der Strategie von Facebook geschuldet. Seit einem Jahr setzt der Konzern zunehmend auf Bewegtbild. Folglich wurde der Algorithmus schon letztes Jahr dazu umgestellt. Dabei geht es um die Verweildauer auf der Plattform. Facebook möchte uns so lange wie möglich in seinem Reich halten (wie Facebook die verschiedenen Bewegtbildarten sortiert, ist hier übersichtlich aufgeführt). Grundsätzlich gilt – Qualität und Inhalt funktionieren und werden von Facebook besser bewertet.

Für Radio bedeutet das: Um bestmöglich wahrgenommen zu werden, muss Radio sichtbarer werden und dafür ist Video bzw. Bewegtbild einfach ideal. Aber wie gelingt der Einstieg? Und wie kann das Ganze mit geringem Budget umgesetzt werden, möglichst ohne eine Produktionsfirma beauftragen zu müssen.

Einige Überlegungen in diese Richtung:

Was sind meine Themen?

Grundsätzlich gilt auch bei der Auseinandersetzung mit Bewegtbild – was ist mein Markenkern, was steht für mich? Fragen, die wir im Übrigen auch für unsere gesamte Digitalstrategie unbedingt geklärt haben müssen.

Für die eigenen Überlegungen zur Umsetzung gibt es ein paar brauchbare Impulse von anderer Seite. Das Magazin „Absatzwirtschaft“ hat letztes Jahr aufgelistet, mit welchen Themen Topmarken im Netz per Video werben. Sechs Punkte haben die Kollegen heraus gearbeitet, von denen fünf durchaus auch für Radio relevant sind:

  1. Tradition bzw. hier die Geschichte der Marke eines Radiosenders. Das könnte z.B. ein Thema werden für den nächsten Sendergeburtstag.
  2. Handwerk – wie funktioniert Radio? Nun ist Radio nicht gerade sexy anzuschauen, trotzdem sind die Zugriffszahlen auf die Senderwebcams meist ansprechend. Weitergedreht könnte das ja z.B. ein (Snapchat-)Tagesablaufvideo Ihres Morningteams sein…
  3. Pause von der Realität: Ein Thema, das auch relativ einfach auf Radio übertragen werden kann: Sehr beliebt sind doch Kamerafahrten, die die Schönheit des Sendegebiets zeigen – siehe beispielsweise die Drohnen-Serie von ANTENNE BAYERN (mehr siehe unten) oder (Straßen-)Bahnfahrten.
  4. Das klassische „Was ist in der Redaktion los vor und nach der Sendung?“ bietet einen für die Hörer sicherlich auch spannenden Blick. Nicht umsonst sind „Tage der offenen Tür“ bei Radiosendern durchaus beliebt. Das hat dann häufig auch mit den …
  5. …Moderatoren zu tun. Wir können sie zu sogenannten Social Influencern machen. Ein paar praktische Denk-Tipps hat dazu Keynote Speaker Silyat Ülbeyi zusammengefasst. Dabei sind Social Influencer sozusagen die Hollywood-Stars des Internets, sprich Personen, die im Netz aufgrund ihrer großen Community Einfluss haben. Auf YouTube sind das beispielsweise Gronkh, LeFloid oder Dagi Bee. Wenn es gelingt, den eigenen Frühmoderator mit Haltung und Themen zum Social Influencer im Sendegebiet zu machen, hilft das sicherlich für die Positionierung des Senders im Netz.

Wie könnte das schlichte „Radio-Bewegtbild“ aussehen?

Das ist natürlich erst einmal ein breites Feld. Die Möglichkeiten reichen dabei vom einfachen bebilderten O-Ton bis hin zur klassischen Beitragsvideoproduktion. Letzteres ist aufgrund Aufwand und Kosten sicherlich für viele kleinere und mittelgroße Stationen ein schwierig zu realisierendes Thema und damit eher eine Option für öffentlich-rechtliche Sender bzw. große landesweite Stationen. Deswegen möchte ich einen Blick auf die einfacheren, smarten Möglichkeiten werfen.

Smart 1 – der O-Ton mit Bildern

Die Kollegen von BR 24 haben in den letzten Tagen gezeigt, wie elegant ein O-Ton bei Facebook aussehen kann. Allerdings – was so schlicht aussieht – funktioniert auf mehreren Ebenen. Das „Video“ beginnt mit einem Bild und einem Zoom sowie ersten Textzeilen, die das Thema quasi visuell anmoderieren. Dann erst kommt der O-Ton inklusive stilisierter, cool wirkender Audiowelle.

BR24

Das genutzte Tool „After Effects“ ist allerdings nicht billig – 24 Euro pro Monat sind für ein paar visuell topaufbereitete Teaser-O-Töne viel Geld – wobei das Tool natürlich auch viel mehr kann. Tobias Grasser hat aber in einem Gastbeitrag für das Blog „Radio machen“ einen Weg aufgezeichnet, wie eine ähnliche Optik auch mit einfachen Mitteln geschafft werden kann. Apropos „Radio machen“: die Gründerin und Betreiberin der Seite, Sandra Müller, ist eine glühende und bekennende Verfechterin von sichtbarem Radio. Sie schreibt auf ihrer Seite immer wieder über neue Entwicklungen und Tools. In Sachen Bebilderung von O-Tönen stellt sie z.B. auch noch das Tool Clammr und die interessanten Erfahrungen von Thomas Reintjes vor.

Smart 2 – die Audio-Slideshow – Sparvariante

Die nächste Audio-Bewegtbild-Erregungsstufe sind einfache Slideshows.

Mit dem Google-Editor lassen sich dabei Fotos aneinanderreihen, verblenden und mit einem Musikbett unterlegen, individuelle Audios sind aber nicht möglich. Das geht aber mit klassischen Videoprogrammen wie z. B. iMovie. Damit lassen sich einfache aber – wie ich finde – wirkungsvolle Audio-Slideshows gestalten.

Das hat vor zwei Jahren das Berliner Projekt „Crowdstory“ gezeigt. Per WhatsApp hatten die drei Macherinnen die Geschichten und Fotos von Hörern eingesammelt und daraus einfache Audioslideshows geschaffen.

Sandra Müller empfiehlt zudem das neue Tool TapeWrite. Damit können Bilder über einen Ton oder Beitrag gelegt werden. Die Funktion ist megaeinfach und macht es möglich, mit wenig Aufwand, Töne zu visualisieren.

Auch wenn damit jetzt keine Megaproduktionen entstehen – eine Art Videoformat ist es allemal und genießt damit bei Facebook schon eine bessere Performance. Wer weitere (Audio-) Tools sucht, die Website Bleiwuesten.de von Daniel Späth und Michael Penke bietet viele Tests und Einschätzungen nach Kategorien sinnvoll sortiert.

Auch smart aber vor allem „Live“

Seit Meerkat und Periscope ist Live-Streaming ganz groß angesagt. Die Bild hat es schon gemacht, der SWR auch und auch Jan Böhmermann – sie bringen z. B. Aktuelles, ihre Redaktionskonferenzen oder Aktionen per Livestreaming zum Nutzer.

Ein – wie ich finde – gerade für Radio sehr spannendes Format: Es hilft uns, eine der Radiostärken auch visuell auszuspielen – live. Zudem gelingt dies mit einem überschaubaren Aufwand: Im Grunde braucht es das Smartphone und schon kann`s losgehen. Dazu gibt es die Möglichkeit, direkt mit den Hörern in der App selbst in Echtzeit zu kommunizieren.

Spannend für viele Radiosender: Seit wenigen Wochen ist Streaming auch bei Facebook möglich. Letztes Jahr noch nur eine Option für Promis, steht das Tool jetzt jedermann zur Verfügung. Wie das aussehen kann, hat Daniel Fiene z. B. in einem Live-Take von der Digitalmesse SXSW aus dem texanischen Austin aufgezeigt. Tipps und erste Erfahrungen hat Thomas Hutter in seinem Blog zusammengestellt.

Weniger smart aber auch nicht sooo aufwändig

Die BBC hat mit Ihrem Video von Taylor Swift zusammen mit Frühmoderator Greg James sicherlich eins der meistgeklickten „Radio-Videos“ der Welt geschaffen. 17 Millionen Klicks sind schon eine Ansage.

Dabei ist das Setting doch gar nicht so aufwändig. Im Grunde braucht es eine Smartphone-Halterung im Auto und einen guten Auto-Studiogast.

Radio Hamburg zeigt das z. B. mit seiner Serie „Mein Hammer in Hamburg“. Und muss es dazu immer ein Auto sein – es reicht vielleicht auch ein Aufzug oder eine lange Rolltreppe oder… – immer dabei ein Smartphone für`s Video, ein Mikro fürs Audio und schon ist das magische Bewegtbild im Kasten.

Alternativ reicht vielleicht auch die Drohnenausleihe. ANTENNE BAYERN hat letztes Jahr sein Sendegebiet überflogen und kurze Bayern-von-oben-Sequenzen ins Netz gestellt. Aktuell gibt es eine ähnliche Serie bei Radio ffn. Aus meiner Sicht eine perfekte Visualisierung der lokalen Kompetenz. Kosten ab 250 Euro aufwärts.

Wie eine einfache Idee funktioniert, hat zudem die Woche Puls 4 Sport bewiesen. Sie haben die Vidal-Pokal-Halbfinal-Schwalbe einfach in die Redaktion übertragen. Aufwand – überschaubar, Ergebnis über 330.000 Aufrufe.

Welche Plattform?

Das ist sicherlich eine der entscheidenden Fragen und sie ist aus meiner Sicht einfach zu entscheiden: Facebook dürfte ganz klar für viele die erste Anlaufadresse sein: Fast jeder Sender hat mittlerweile einen eigenen Account und meist auch eine mehr oder weniger große Community. Allerdings sollten zwei Dinge beachtet werden.

  1. Facebook „mag“ keine YouTube-Videos. Die Folge – sie sind in der Timeline kleiner dargestellt und wir können sie auch nicht vorschauen. Eine Lösung hat Jörg Schieb im Blog Digitalistan in petto: Dabei hilft die Seite „YouTube to Facebook“ (kurz YT2FB). Über sie können wir die YouTube-Quelle für Facebook „verschleiern“. Damit erscheinen auch YouTube-Videos mit ganzer Timeline-Breite und können vorgeschaut werden.
  2. Auch auf Facebook muss es schnell gehen. Das Startbild muss faszinieren wie eine Earcatcher bei der Moderation. Darauf verweist Facebook-Fachmann und Berater Thomas Hutter: „Das Startbild und die ersten 3 Sekunden eines Videos entscheiden, ob der Nutzer beim Scrollen stoppt und das Video abspielt.“ Insofern ist es teils eine gute Idee, das Startbild noch mit einer Textschlagzeile zu „würzen“.

Im zweiten Plattform-Entscheidungs-Schritt ist es sicherlich sinnvoll, wenn die nötigen Kapazitäten vorhanden sind, einen YouTube-Account anzulegen. Das Durchschnittsalter der Nutzer passt zum klassischen AC-Format und so lässt sich eine passende Community aufbauen. Bei anderen Plattformen gilt meist zunächst mal die Frage – bespiele ich die schon oder muss ich neben der Bewegtbild-Produktion auch noch die Plattform erst einmal lernen. Das wird dann doppelt aufwändig. Wer in diese Richtung denkt – eine praktische Übersicht zu Bewegtbild auf den verschiedenen Plattformen gibt Martin Beck von Marketingland. Diese ist zwar schon etwas älter, aber für den Einstieg… .

Und dann ist doch noch dieses Snapchat

Snapchat ist Hype – besonders unter jungen Leuten. Und es bietet mit seiner Tagebuch-Funktion auch eine rudimentäre Option, Bewegtbild zu schaffen. Landauf – landab wird damit aktuell experimentiert. So haben die Kollegen des SWR getestet, wie Nachrichten per Snapchat erzählt werden können und ihre Erfahrungen auch dokumentiert. Es lohnt sich ein Blick, um ein erstes Gefühl zu bekommen.

Philipp Steuer war einer der ersten, der sich überhaupt aus journalistischer Sicht mit Snapchat hierzulande auseinandergesetzt hat. Empfehlenswert ist sein ultimativer Snapchat-Guide (gerade ist die 2. Auflage erschienen/kostenlos). Zudem hat er mit Snapgeist eine praktische Plattform aufgelegt, auf der Snapchat-Starter sehen können, wie die anderen es machen. Wer Snapchat lieber im Video kennenlernen will, Janis Kucharz von Netzfeuilleton.de hat die Funktionen der App in einem 17-minütigen Tutorial zusammengefasst.

Ich finde Snapchat und die Bewegtbid/Tagebuch-Funktion besonders spannend, weil es eben nur eine kleine Palette an Möglichkeiten bietet. Statt technisch erschlagen zu werden, was alles geht, gilt bei Snapchat aus den wenigen Optionen so viel wie möglich rauszuholen. Zudem haben wir unser Produkt direkt im mobil passenden Format.

Also Zeit für ein wenig Video bzw. Bewegtbild für Radio?

 

Michael-Mennicken-FotoMichael Mennicken ist Gründer und Geschäftsführer der FM Online Factory, dem ersten Online Kaufhaus für Radioinhalte. Zudem lehrt er als Dozent für Medienthemen an verschiedenen Hochschulen. Vorher war er Chefredakteur u.a. von Antenne Düsseldorf.

 

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