Inge Seibel: „Radio der Zukunft muss mehr sein als Lieferant von linearem Audiocontent“

Veröffentlicht am 22. Sep. 2015 von unter Standpunkte

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Inge Seibel im Gespräch über Innovationsbedarf im Radio

Hörfunk ist schon längst nicht mehr das schnellste und persönlichste Medium unserer Zeit. Die Journalistin Inge Seibel findet, es ist höchste Zeit, dass sich das Medium Radio neu erfindet. Welche Bedeutung dabei einer innovativen Höreransprache und Veranstaltungen wie dem Radio Innovation Camp 2015 zukommen, haben wir im Interview herausgefunden.

Vor wenigen Wochen wurde der Deutsche Radiopreis verliehen, natürlich auch in der Kategorie „Beste Innovation“. Inge Seibel, warum sind Innovationen im Radio heutzutage wichtiger denn je?

Inge Seibel-MüllerInge Seibel: Ob Innovationen im Radio ‚wichtiger denn je‘ sind, sei mal dahin gestellt. Tatsache ist, dass die digitale Revolution und die Social-Media-Welle bisher mehr die Fundamente der Kollegen bei Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen angekratzt haben, als das bisher beim Radio der Fall war. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass laut jüngster MA der Durchschnittshörer aller erfassten deutschen Radioprogramme stolze 46,9 Jahre alt ist und nur wenige jugendlicher orientierte Sender überhaupt unter die Altersgrenze von 30 Jahren Durchschnittsalter fallen.

„Bisher war der Druck auf die Radiomacher gering, ihre Programme zu modernisieren. Er nimmt aber zu, je mehr andere Mediengattungen mit Audio-Podcasts, Livetickern oder Apps in das ureigenste Revier des Radios vordringen.“

Damit war bisher der Druck auf die Radiomacher, ihre Programme merklich zu modernisieren, wesentlich geringer als bei anderen Mediengattungen. Der mit 47 Jahren altersmäßig fast schon aus der engen Werbe-Zielgruppe 14 bis 49 fallende Durchschnittshörer tummelt sich eher selten auf Snapchat oder Twitter und scheint weiterhin relativ zufrieden, wenn sein Radio im Hintergrund als Begleitmedium dudelt.

Der „Leidensdruck“ nimmt aber bei den Radiomachern zu, je mehr die Kollegen anderer Mediengattungen immer mehr aufs Gas drücken und crossmedial beachtliche Fortschritte machen und via Audio-Podcasts, Bewegtbildern, Livetickern, Newslettern, direkter User-Interaktion etc. auch in das ureigenste Revier des Radios vordringen. Ehemalige USP’s wie „schnellstes Medium“, „emotional“, „persönlichste Ansprache“ etc. bleiben nicht mehr dem Radio vorbehalten. Verkehrsservice und Wetterdienst werden längst von irgendwelchen Apps bedürfnisorientierter bedient, als vom Radio. Es wird also höchste Zeit, dass auch das Radio sich neu erfindet. Nicht zuletzt, damit es nicht irgendwann nur noch verstaubt und altmodisch wirkt, sondern als progressive Marke wahrgenommen wird

Und welche Entwicklungen beobachtest Du konkret in Deinem Arbeitsalltag?

Inge Seibel: Jahrelange Jurytätigkeiten fürs Radio – und auch Printmedien – bringen es mit sich, dass ich mich oft analytisch mit der aktuellen Medienlandschaft beschäftige. Ich gehöre gerne und leidenschaftlich zu den „Early-Adaptern“ und finde es toll, welche neuen Möglichkeiten sich in den letzten Jahren für uns Journalisten technisch und inhaltlich eröffnet haben. Die jährliche Teilnahme an den Radiodays Europe erlaubt einen tiefen Blick über den deutschen Tellerrand. Social Media Konferenzen, die re:publica in Berlin – das finde ich nach wie vor spannend.

„Das Radio der Zukunft muss mehr sein als der Lieferant von linearem Audiocontent.“

Darum habe ich mich immer gewundert, warum es nur so lange gedauert hat, bis sich das Gros der Radiokollegen gerade in Deutschland gegenüber den neuen Herausforderungen überhaupt geöffnet hat. Was waren das vor noch nicht allzu langer Zeit sogar bei jungen Kollegen für K(r)ämpfe, sie von den Vorteilen der Socialmediatools wie beispielsweise Twitter oder WhatsApp zu überzeugen! Mittlerweile wächst der Innovationswille und der Mut zum Experimentieren – zumindest bei einigen. Und es dürfte sich auch herumgesprochen haben, dass Radio in Zukunft weit mehr sein muss als der Lieferant von linearem Audiocontent. Das lässt hoffen! Ich finde es großartig, was mittlerweile einige – im positivsten Sinne – radioverrückte Kollegen unter enormer Eigeninitiative auf die Beine stellen. Ich finde die Innovationslabors, meist bei den Öffentlich-Rechtlichen angesiedelt, äußerst wichtig, wenn auch manchmal zu „verkopft“ und zu sehr auf das jugendliche Publikum konzentriert.

Welche Voraussetzungen sind in der Radiobranche denn notwendig, damit Innovationen überhaupt entstehen können?

Inge Seibel: Zunächst einmal das Bewusstsein, dass man nur gut bleiben kann, wenn man bereit ist, sich allem Neuen aufgeschlossen zu zeigen. Dazu gehört auch, dass man es nicht zulässt, im Alltagstrott zu ersticken, sondern neugierig bleibt. Ich wünsche mir noch viel mehr Radiokollegen auf scheinbar artfremden Veranstaltungen wie der re:publica. In den vergangenen zwei Jahren gab es dort spannende Sessions im Innovationspace des MIZ Babelsberg. Das waren leider kleine, dafür aber sehr feine Veranstaltung im Rahmen dieser großen Bloggerkonferenz.

„Ich wünsche mir noch viel mehr Radiokollegen auf scheinbar artfremden Veranstaltungen. Programmierer beispielsweise, vielleicht auch Newsgames-Pioniere oder Datenjournalisten. Mit unterschiedlichem Input könnten spannende Projekte entstehen.“

Deshalb finde ich es fantastisch, dass im Oktober ein Radio Innovation Camp in Erfurt stattfinden wird. Es ist total wichtig, dass man sich über neue Trends austauscht und gemeinsam darüber nachdenkt, was sich davon zugunsten des Radios umsetzen lässt. Noch besser, wenn dort Menschen aus verschiedenen Sparten zusammentreffen sollten. Programmierer beispielsweise, vielleicht auch Newsgames-Pioniere oder Datenjournalisten. Mit unterschiedlichem Input könnten spannende Projekte entstehen.

Aber ich halte es auch für wichtig, dass man sich immer wieder Gedanken darüber macht, was wir überhaupt unter Innovationen im Radio verstehen und an welche Zielgruppe wir dabei denken. Nur dem „neuesten Scheiß“ hinterher rennen, das kann es nicht sein. Innovationen nur für ein Zielpublikum unter 25 – das ist meines Erachtens auch der falsche Weg. Siehe oben: Der Durchschnittshörer ist 47 Jahre alt. Der mag zwar selbst nicht alle neuen Trends kennen und ist auch nicht immer sofort dabei. Aber er weiß mehr davon, als wir manchmal vermuten. Weil er Teenager zuhause hat, die Papa und Mama für so manches Neue empfindsam machen. Wie können wir das Radio genau für diese Zielgruppe erneuern und wieder spannender gestalten?

Trifft man Dich auch auf dem Radio Innovation Camp in Erfurt?

Inge Seibel: Auf jeden Fall.

Und was erwartest Du vom RIC?

Radio-Innovation-Camp-RIC2015Inge Seibel: Ich bin gespannt, auf welches Interesse eine solche Zukunftsveranstaltung stösst. Ich erhoffe mir neue Impulse für die Branche und ganz persönlich neue Kontakte zu interessanten und optimistisch zukunftsorientierten Menschen. Hoffentlich auch zu Kollegen, die zwar schon „alte Radiohasen“ sind, aber dennoch das Feuer in sich spüren, Innovatives auf die Beine zu stellen.

„Fantastisch, dass ein Radio Innovation Camp stattfinden wird. Es ist total wichtig, dass man sich über neue Trends austauscht und gemeinsam darüber nachdenkt, was sich davon zugunsten des Radios umsetzen lässt.“

Nicht zuletzt erwarte ich mir Impulse von der Basis auf die Frage: „Wie schafft man eine neue Innovationskultur in den Stationen und welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um die Branche zu modernisieren?“ Genau diese Frage soll ich nämlich Ende Oktober mit Verantwortlichen privater und öffentlich-rechtlicher Stationen beim Radio-Gipfel der Medientage München durchdiskutieren.

Wirst Du denn selbst eine Session beim Radio Innovation Camp anbieten?

Inge Seibel: Mir ist klar, ein Barcamp lebt von der aktiven Beteiligung. Würde ich eine Session anbieten, dann wäre das Thema vermutlich erst einmal ein Brainstorming über eine gemeinsame Zielformulierung: Worin wollen wir uns überhaupt neu aufstellen, für wen wollen wir uns erneuern, was oder wen brauchen wir dazu? Also Zielgruppen definieren, Schwerpunkte setzen und schließlich Lösungsvorschläge. Als Schwerpunkte fallen mir Schlagworte wie Relevanz, Personality und Interaktion ein. Würde ich ein Unterthema anbieten, dann wäre das: „Snapchat – was sollen wir damit im Radio?“. Jedoch möchte ich meine Beobachterposition nicht soweit aufgeben, dass ich eine eigene Session anbiete. Ich habe auch versprochen, meine Erlebnisse auf dem Barcamp hier bei RADIOSZENE aufzuschreiben.

Inge, vielen Dank für das Interview.

 

Link-Tipp
Radio Innovationcamp 2015

 

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