Das iPhone, zehn Jahre später – Zerstörer des Radios?

James Cridland's Radio Futrure

Hatten Sie eines? Ich schon. Das iPhone. Das ursprüngliche iPhone.

In einem Ausbruch von Steve Jobs‘ alternativer Realität entstanden, war es ein spannendes Umdenken, wie ein Smartphone sein könnte. Es hatte keine Apps – die kamen später – aber es war ein fabelhaftes Gerät mit einem anständigen Web-Browser, eingebauten Google Landkarten, Googles neuer Tochter YouTube – und E-Mail.

Original iPhone-Case (Bild: ©Ulrich Köring)
iPhone 2007 (Bild: ©Ulrich Köring)

Ich habe meines aus dem Keller von Selfridges in London. Die Handyfirma, die ich im Schlepptau hatte, hatte einen speziellen Plan für das iPhone – mit viel mehr Daten als jeder andere. Innerhalb einiger Monate hatten sie einen Vertrag mit zwei Wifi-Versorgern abgeschlossen, um ihren Kunden freies WLAN anbieten zu können – ein Versuch, so viel Daten aus ihrem eigenen Netz heraus zu halten wie sie nur konnten.

Das iPhone galt als eine unglaubliche Bedrohung fürs Radio. Streaming-Radiostationen würden via iPhone das UKW-Radio ersetzen, wurde uns gesagt. Führungskräfte amerikanischer Radiostationen standen auf Konferenzen und erklärten, das iPhone wäre die Zukunft.

 iPhone-App einer japanischen Radiostation im Jahre 2010
Die erste iPhone-App einer japanischen Radiostation im Jahre 2010. Das eingebaute GPS-System sorgte dafür, dass die App nur im Raum Tokyo genutzt werden konnte – aus Urheberrechtsgründen und um nicht den anderen 38 Radiostationen der Firmengruppe in Japan ins Gehege zu kommen! (Foto: © James Cridland)

Sicherlich hat es die Dinge verändert. Das iPhone brachte eine neue Ära der Erreichbarkeit und tragbaren Rechenleistung. Erstaunt erinnere ich mich daran, dass das ursprüngliche iPhone nicht einmal 3G aufwies – das kam ein Jahr später. Ich glaube nicht, dass ich Wifi zuhause hatte, bis das iPhone kam – wozu sollte ich es schließlich brauchen? Ich glaube, meine ADSL-Verbindung beschränkte sich noch auf 512k.

Heute wird das iPhone durch Android-Handys ergänzt, und das „Smartphone“ ist jetzt allgegenwärtig. Wir haben jetzt mobile High-Speed-Verbindungen mit 4G und LTE. Vergessen Sie Live-Radio! Live-Fernsehen ist jetzt im Anmarsch.

Öffentliche WLAN-Hotspots findet man in fast jedem Café und Einkaufszentrum. YouTube hat inzwischen zu fast jedem Lied, das jemals aufgenommen wurde, ein Video. Spotify und Podcasting ist auch selbstverständlich. Und dann wären da noch Facebook, Twitter und all die „sozialen“ Netzwerke, die uns unsere Zeit und Aufmerksamkeit rauben. Alle zum Teil wegen des iPhone.

Das iPhone wird diesen Monat zehn Jahre alt. Mal ehrlich: wie schrecklich hat es Radio beeinträchtigt? Mit all diesen technologischen Fortschritten der letzten zehn Jahre muss Radio eingestampft werden, oder? Was kümmerts uns noch?

In den USA hörten im Jahr 2007 immerhin 91% der Erwachsenen (12+) Radio. Diese Zahl ist tatsächlich auf 93% gestiegen. In Großbritannien waren es 2007 tatsächlich 90% der Erwachsenen (15+); inzwischen sinds fast identische 89%. Diese „Kurve“ ist natürlich nur die halbe Geschichte. Während sie stabil bleibt, sagen die Radio-Schwarzmaler, die mit Radiohören verbrachte Zeit würde schwinden.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Gesamtzeit der Radionutzung gesunken. Alltäglich sind die Hörerzahlen (vergleichsweise) um etwa 20% gesunken, in Großbritannien insgesamt um 8% – von 23,2 Stunden pro Woche auf 21,5. Die Leute hören also immer noch Radio – in etwa gleicher Zahl wie zuvor. Und nach all dem unglaublichen Wandel – nachdem wir jedes einzelne jemals veröffentlichte Lied an den Mann und die Frau gebracht haben – erhöhten wir das Ausmaß der Ablenkung durch soziale Medien massiv, haben den Medienkonsum für immer verändert und verbringen aber immer noch 80% oder mehr unserer Zeit mit Radio.

Da wir uns in eine noch unsichere Zukunft begeben, lohnt es sich, uns daran zu erinnern, wie widerstandsfähig Radio ist – und wie, auch mit all dieser neuen Technologie – Radio weiterhin überlebt, wächst und gedeiht.

 

james-cridlandDer „Radio-Futurologe“ James Cridland beschäftigt sich mit neuen Plattformen und Technologien und ihre Wirkung auf die weltweite Radiobranche. Er spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.cridland.net.