BAYERN 3-PD Schmich: “Das klassische Formatradio ist tot”

Veröffentlicht am 25. Feb. 2011 von unter Standpunkte

Interview mit Walter Schmich, dem Programmchef von BAYERN 3. Der Radiomacher aus Leidenschaft ist in Geisenfeld aufgewachsen und startete seine Hörfunkkarriere bei Radio IN.

Bayern 3 Chef Walter Schmich im Sendestudio

Bayern 3 Chef Walter Schmich im Sendestudio

Täglich hören 2,7 Millionen Menschen das dritte Hörfunkprogramm des Bayerischen Rundfunks. Eine große Verpflichtung für die „Macher“ von BAYERN 3, denn diese Hörer wollen informiert und unterhalten werden. Programmleiter von BAYERN 3 ist Walter Schmich. Aufgewachsen ist der Kommunikationswissenschaftler in Geisenfeld, vor seinem Wechsel zum BR war er bei Radio IN tätig.

Wie wurde der „Radiovirus“ in Ihnen geweckt und wie hat Ihre Radiolaufbahn begonnen?

Der Radiovirus wurde durch den amerikanischen „Soldatensender“ afn geweckt. Den Sender habe ich in meiner Jugend fast rund um die Uhr gehört. Später war ich dann Fan von den BAYERN 3-Radiostars Thomas Gottschalk, Fritz Egner und Jürgen Herrmann.Da ich Mitte der 80er Jahre Kommunikationswissenschaft studierte, bei der Geisenfelder Zeitung als freier Journalist arbeitete und in verschiedenen Discotheken der Region als DJ jobbte, waren die Bedingungen für mich fast ideal, als diverse Privatsender erstmals on air gingen. Angefangen habe ich bei „Radio 10“ in Ingolstadt (ein Sender, der nie auf Sendung ging) und bei „Radio Holledau“ (im Pfaffenhofener Kabel). Richtig los ging es dann bei Radio IN in Ingolstadt, wo ich bis 1991 tätig war.

An welches Ereignis oder welche Person erinnern Sie sich besonders gerne?

Ich erinnere mich gerne an die Zeit bei Radio IN, da wir in den Anfangsjahren als Moderatoren sehr viele Freiheiten hatten und die Möglichkeit, viele Dinge auszuprobieren. Dadurch gab es natürlich auch viele – aus heutiger Sicht – sehr lustige Pannen… Als Person möchte ich den damaligen Programmchef, Georg Hausmann, herausheben, der bei vielen von uns den Grundstein für unsere späte Laufbahn gelegt hat.

Mit „Classic Rock“ ging es dann beim Bayerischen Rundfunk 1991 los. Wer ist für Sie der „größte Rocker“?

Es fällt natürlich schwer, sich auf eine Person festzulegen, aber wahrscheinlich steht Angus Young von AC/DC doch über allen anderen…

Was hat sich seit den frühen 90er Jahren am Hörfunk am meisten verändert?

Radio ist heute erwartbarer und in vielen Fällen auch nicht mehr so überraschend wie früher. Die kleineren Stationen sind wesentlich professioneller geworden und oftmals leider auch nicht mehr so regional oder lokal in der Berichterstattung wie früher. Die Musikauswahl beschränkt sich bei vielen Sendern auf ein kleines Repertoire und aktuelle Titel werden manchmal bis zu 50 mal und öfter in einer Woche „totgedudelt“. Allerdings sehe ich momentan eine Trendwende. Es gibt bereits wieder Radiosender, die viele sogenannte „Formatzwänge“ über Bord geschmissen haben. Ich könnte da auch einen nennen…

Wie muss modernes Radio heute klingen, was muss es dem Hörer bieten?

Ein Radiosender muss seinen Hörern zwar ein verlässlicher Begleiter sein, aber auch immer wieder überraschen. Das beginnt bei der Musikauswahl und endet bei den Moderatoren. Echte Radiopersönlichkeiten sind gefragt, die sich auch eine Meinung sagen trauen – auch wenn sie dabei anecken. Auch wenn es ziemlich altbacken klingt: Ich sehe unsere Moderatoren als „Freunde der Hörerinnen und Hörer“. Spannende und interessante Themen dürfen nicht in ein Zeitkorsett gezwängt werden, sondern müssen so aufbereitet werden, dass die Hörer im Zweifel im Auto sitzen bleiben, um ein Thema zu Ende zu hören. In der Musikauswahl setzen wir bei BAYERN 3 mittlerweile wieder auf eine sehr große Bandbreite an Klassikern und wollen auf der anderen Seite immer die ersten sein, die den Hörern interessante Newcomer und neue Songs vorstellen. Aus meiner Sicht ist das klassische Formatradio tot – die Sender müssen sich wieder mehr trauen und voneinander unterscheiden.

Mal ganz dumm gefragt: woher wissen Sie eigentlich, welche Musik bei den Bayern 3 Hörern ankommt?

Wir führen in regelmäßigen Abständen mit Hilfe eines Marktforschungsinstituts sogenannte „Musiktiteltests“ durch. Damit erfahren wir auf der einen Seite welche Musikrichtungen bei unserer Zielgruppe gut ankommen, andererseits sehen wir auch bei Einzeltiteln, welche bei unseren Hörern besonders „gut testen“. Allerdings setzen wir vor allem auf die Kompetenz unserer Musikredaktion – gerade bei dem emotionalen Thema „Musik“ muss auch mal das Bauchgefühl entscheiden.

BAYERN 3 feiert gerade 40. Geburtstag. Da wird ja sicherlich viel im Archiv gekramt. Haben Sie schon „verschollene Hörfunk-Schätze“ zu Tage gefördert?

Natürlich tauchen jetzt wieder viele Dinge wie z.B. die legendären Übergaben zwischen Thomas Gottschalk und Günther Jauch auf. Allerdings muss man feststellen, dass man viele Dinge viel lustiger in Erinnerung hat, als sie tatsächlich waren. Da spielt wohl das Zeitgefühl eine wichtige Rolle. Als alter Radio-Fan freut man sich natürlich auch über viele alte Jingles / Erkennungsmelodien aus den 80er Jahren, wie z.B. die Titelmelodie von Thomas Gottschalks „Pop nach 8“

Wird es BAYERN 3 auch in 40 Jahren noch geben?

Natürlich!

Ist das Internet eine Gefahr für das Radio?

Ich sehe das Internet eher als eine Chance für das Radio. Wir haben mit unserer online-Anbindung „bayern3.de“ die Möglichkeit Themen zu vertiefen und Radio „sichtbar“ zu machen. Natürlich entsteht durch die vielen Webchannels eine zusätzliche Konkurrenz für traditionelle Radiosender, aber so lange wir ein für den bayerischen Markt unverwechselbares Angebot nach oben beschriebenen Kriterien machen können, ist mir vor Netz-Konkurrenz nicht bange.

Sie sind ja nicht der Einzige mit Ingolstädter (Radio)Wurzeln bei BAYERN 3 – gibt’s da eine „Schanzer Connection“?

Natürlich sind einige von uns schon seit der gemeinsamen Radio-IN-Zeit befreundet, aber als „Schanzer-Connection“ würde ich das nicht bezeichnen. Es kommen ja auch aus anderen Regionen und Städten wie z.B. Weiden in der Oberpfalz größere Gruppen von Mitarbeitern bei BAYERN 3. Aber ab und zu gibt es schon Gelegenheiten, wie z.B. in der Pause am Kickertisch, bei denen sich die Ingolstädter zusammentun…

Was tun Sie am liebsten, wenn Sie nicht gerade mit dem „Radiomachen“ beschäftigt sind?

Beim „Memory“ gegen meine vierjährige Tochter Theresa verlieren. Leider bleibt zur früheren Lieblingsbeschäftigung – Motorradfahren – kaum noch Zeit.

Und jetzt bitte noch der Schnellcheck: Frühaufsteher oder Morgenmuffel?

Frühaufsteher, kommt wahrscheinlich noch aus der Zeit als Morgenmoderator bei Radio IN

BMW oder Audi?

Nach mehreren Audi-Jahren jetzt BMW – hat sich so ergeben.

Bayern München oder TSV 1860 München?

Wer oder was war gleich nochmal 1860 München? Ganz klar FC Bayern, geprägt durch meine Kindheit in den glorreichen 70er Jahren des FCB und natürlich erst recht seit ich Leute wie Uli Hoeneß und Paul Breitner durch unsere Kooperation mit dem FC Bayern kennenlernen durfte.

Schallplatte, CD oder mp3?

Schallplatte – auch wenn einen früher das Knistern oft gestört hat. Eine Vinyl-Schallplatte „lebt“, konserviert oft den Geruch der guten alten kleinen Schallplattenläden und hat vor allem wesentlich mehr an „Cover-Art“ zu bieten als CDs oder mp3s, die ja gar nicht mehr greifbar sind.

Livesendung oder aufgezeichnet?

Livesendung mit allen Vor- und Nachteilen. Als Hörer nimmt man doch lieber Pannen hin als ein perfektes und von allen Fehlern bereinigtes Programm, das dadurch oft auch langweilig klingt.

(Das Interview erschien am 25. Februar auf Stattzeitung.in.)

Link
Stattzeitung Ingolstadt

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