Polen: Acht Bewerber für landesweiten DAB+ Multiplex

Veröffentlicht am 26. Apr. 2022 von unter Weltweit

Warschau (Bild: pixabay)Die polnische Landesmedienanstalt KRRiT hat im Februar zwei Ausschreibungen für einen landesweiten DAB+ Multiplex veröffentlicht. Die Frist endete am 1. April und zwei Wochen später wurden die Bewerber bekannt gegeben. Drei der insgesamt 12 Plätze in diesem Multiplex wurden für Polskie Radio reserviert, das sich nicht bewerben musste. Drei Plätze wurden für die drei Inhaber einer landesweiten UKW-Konzession reserviert. Auf eine zweite Ausschreibung konnten sich nur neue Anbieter bewerben und diejenigen, die über mindestens 8 UKW-Sender mit einer technischen Reichweite von mindestens drei Millionen Menschen verfügen. Auf die freien sechs Plätze der zweiten Ausschreibung sind sechs Bewerbungen eingegangen.

Der Preis für eine landesweite DAB+ Konzession ist in Polen mit umgerechnet 380.000 Euro nicht gerade ein Schnäppchen, jedoch bei weiten günstiger als eine Lizenz für UKW. Der erfolgreichste landesweite Sender RMF FM zahlte im Jahr 2016 für die Verlängerung seiner UKW-Zulassung für 10 Jahre umgerechnet 2,6 Mio. Euro.

Landesweite Bewerber

RMF FMDie drei Programmanbieter Radio Zet, Radio Maryja und RMF FM verfügen in Polen über eine landesweite UKW-Lizenz. Nur die zwei letztgenannten haben sich auf die für sie reservierten Plätze beworben. Das zur Eurozet Gruppe gehörende Radio Zet nahm an der Ausschreibung nicht teil. Radio Maryja gehört der römisch-katholischen Ordensgemeinschaft der Kongregation des Heiligsten Erlösers (Redemptoristen), RMF FM der deutschen Bauer Media Group.

Etablierte Bewerber

radio eskaNach der Veröffentlichung der Ausschreibung zählten polnische Fachmedien 11 Anbieter auf, die mindestens über acht Frequenzen drei Millionen Menschen erreichen. Von diesen hat sich nur „ESKA“ beworben. ESKA betreibt unter dieser Marke 41 Lokalradios, die über 52 Sender 44 Prozent der Bevölkerung erreichen aber nur knapp 1/4 der Landesfläche abdecken. ESKA gehört zur Holding ZPR, die übersetzt „Vereinigte Unterhaltungsunternehmen“ heißt und Eigentümer von 20 Casinos, sowie Hotels, Restaurants und Catering-Unternehmen ist und auch Fachmessen organisiert. ZPR betreibt ebenfalls die Radiosender Eska Rock, Radio Plus, Radio SuperNova, VOX FM, Radio WaWa und verlegt die Tageszeitung Super Expres, sowie zahlreiche Fachzeitschriften. Die gleichnamigen Fernsehsender hat ZPR im Jahr 2017 an Polsat verkauft.

Newcomer

Mit FAMA DANCE und Radio TOP starten im Wettbewerb um die landesweite Verbreitung zwei neue Programme aus dem südpolnischen Kielce, ein Sender mit tanzbarer Musik und einer mit den neuesten Hits. Jan Marian Jagielski startete im Jahr 1995 in Kielce das Lokalradio „Radio FaMa“. Heute betreibt Jagielski Lokalradios in vier mittelgroßen Städten, seine erste Station musste allerdings am 18. Februar 2022 UKW verlassen, weil die KRRiT wegen eines Formfehlers seine Sendelizenz nicht verlängerte und seine Frequenzen erneut ausgeschrieben hat. Acht Bewerber nahmen an der Ausschreibung teil, die Frequenz erhielt ein Mitbewerber. Im März veröffentlichte die KRRiT erneut eine Ausschreibung für Kielce, deren Ausgang noch aussteht. Schon in einem Monat könnte Radio FaMa jedoch auf DAB+ zurückkehren, kündigt Jagielski im Interview mit RADIOSZENE an.

Radio Voyager ist ein neues Programm von Imperium Media aus dem schlesischen Gleiwitz. Zu dem Medienimperium von Czesław Chlewicki gehört seit 1995 ein lokales Kabelnetz mit einem lokalen Fernsehsender, einem Nachrichtenportal und seit diesem Jahr auch mit dem Hörfunksender Radio Imperium im lokalen DAB+ Multiplex in Kattowitz.

Mit dem MixRadio bewirbt sich die MWE Networks Gruppe mit ihrer Radio-Tochtergesellschaft um eine Genehmigung. MWE steht für Michał Winnicki Entertainment, der bereits im Fernsehbereich aktiv ist und 14 Fernsehsender in Polen, Litauen, Tschechien und der Slowakei betreibt. Die Verbreitung findet in DVB-T und Kabelnetzen statt. Im vergangenen Jahr gewann MWE mit seinem Fernsehsender „Antena HD“ die Ausschreibung für einen Platz im landesweiten DVB-T-Multiplex in Polen. Auf dem Hörfunkmarkt ist Winnicki noch nicht vertreten.

„Radio dla dorosłych“ (Radio für Erwachsene) hat die gemeinnützige Stiftung Emanio Arcus sein zweites Programm genannt. Mit „Radio Bezpieczna Podróż“ (Sichere Reise) ist die Stiftung aus Legionowo bei Warschau bereits in lokalen DAB+ Multiplexen vertreten. Die Stiftung wurde im Jahr 2012 gegründet, um Menschen mit Behinderungen und sozial Ausgegrenzten zu helfen. Menschen mit und ohne Behinderung gestalten das Programm gemeinsam und sind gleichzeitig auch die Zielgruppe des nicht kommerziellen Senders.

In Zukunft soll „Radio Bezpieczna Podróż“ vier Stunden täglich regional auseinandergeschaltet werden. Über die lokalen Multiplexe erhalten lokale Communitys die Möglichkeit, sich zu vernetzen und auszutauschen. Das neue landesweite Programm „Radio dla dorosłych“ wird sich an Konsumenten fern der Metropolen richten, die die lokalen Multiplexe nicht empfangen können. Die Stiftung hilft Menschen mit erworbener Behinderung (hauptsächlich durch Verkehrsunfälle) mit Rechtsberatung und beruflicher Fortbildung.

Die nächsten Schritte

Die Landesmedienanstalt KRRiT wird in den nächsten Wochen über die eingegangenen Bewerbungen entscheiden. In der Ausschreibung wurde jedoch nicht erwähnt, wie schnell und in wie vielen Schritten das Sendernetz aufzubauen ist.

KRRiT

In Polen wurde prognostiziert, dass mit etwa 100 Standorten eine landesweite Abdeckung erreicht werden kann. Das Staatsgebiet Deutschlands ist etwa 14% größer und der 1. bundesweite DAB+ Multiplex mit aktuell 151 Standorten garantiert immer noch keine Vollversorgung. Die Topografie Polens scheint günstiger zugeschnitten zu sein.

Witold Tomaszewski (Bild: ©UKE)

Witold Tomaszewski (Bild: ©UKE)

Wir stolpern über den Begriff „landesweit“ und fragen bei der KRRiT und bei der polnischen Behörde für elektronische Kommunikation UKE nach. UKE-Sprecher Witold Tomaszewski erläutert, dass weder das Rundfunkgesetz, noch das Telekommunikationsgesetz eine Definition des Begriffs „landesweit“ enthalten. Es handelt sich um eine landesweite Reservierung von Frequenzen, die einen Netzbetreiber ermächtigen, die ihm zugewiesenen Übertragungskapazitäten landesweit zu nutzen. Der Betreiber des 4. DVB-T-Multiplexes erhielt vor 14 Jahren landesweite Frequenzen für das mobile Fernsehen DVB-H zugewiesen. Das Signal können bis heute nur 2/3 der Polen stationär und 44% mobil empfangen. Wie weit der Ausbau des DAB+ Netzes erfolgt, kann heute noch niemand sagen.

Der Betreiber des landesweiten DAB+ Sendernetzes wird in einer Ausschreibung auf Grundlage der Verordnung des Ministers für Digitalisierung über die Ausschreibung, Versteigerung und den Wettbewerb, sowie des Rundfunk- und Telekommunikationsgesetzes ausgewählt.

UKE bereitet derzeit Unterlagen vor, in denen die Bedingungen für die Teilnahme an der Ausschreibung, die Anforderungen und Verpflichtungen für zukünftige Netzbetreiber genannt werden.

Analogistan in höchster Ausprägung

Das polnische Rundfunkgesetz verpflichtet im Art. 40, Abs. 11 die Konzessionsinhaber zur Zahlung der gesamten Gebühr oder dem Beginn der Ratenzahlung 60 Tage nach dem Erhalt der Lizenz. Bei UKW entscheidet der Programmanbieter selbst, wie schnell er sein Sendernetz aufbaut. Bei DAB+ bedient er sich eines Netzbetreibers. Wie schon erwähnt sind es nach dem heutigen Wechselkurs ca. 380 Tsd. Euro für 10 Jahre. Von der Vergabe der ersten DAB+ Konzessionen bis zum Start der Lokalmultiplexe in Polen vergingen zwei Jahre.

Der Grund dafür liegt im Telekommunikationsgesetz. Nach der Zulassung neuer DAB+ Programme durch die KRRiT führte UKE erst eine öffentliche Anhörung durch, bevor es zu Ausschreibung und der Auswahl des Netzbetreibers kam. Dazu ist die Behörde durch das Telekommunikationsgesetz verpflichtet. Bei lokalen Multiplexen waren die anfallenden Gebühren überschaubar, bei dem landesweiten Multiplex werden über 3.100 Euro jeden Monat fällig, ohne dass der Programmanbieter sein Programm in einem DAB+ Multiplex aufschalten kann. Umso mehr muss man die Wegbereiter bewundern, die sich in Polen der Hausausforderung stellen und DAB+ mit ihren neuen Programmen zum Erfolg verhelfen wollen.

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