Polen: Analogistan bis Sankt-Nimmerleinstag

Veröffentlicht am 17. Okt. 2021 von unter Weltweit

Paradiesische Zustände für alle Verfechter der UKW-Rundfunkverbreitung herrschen immer noch in Polen. DAB+ ist östlich der Oder bei der Bevölkerung kaum bekannt und der Ausbau kommt nicht voran. Im Oktober sollte das staatliche Polskie Radio weitere DAB+ Sender aufschalten, doch noch immer wird die Ausschreibung vorbereitet. Der neue Termin wurde auf den Sankt-Nimmerlein-Tag verlegt.

Das landesweite Polskie Radio, 17 regionale Hörfunkanbieter und das staatliche polnische Fernsehen TVP finanzieren sich aus dem Abonnement, der Werbung und beträchtlichen staatlichen Zuschüssen. Sie sind verpflichtet der Landesmedienanstalt KRRiT Vierjahrespläne vorzulegen. In dem „Pflichenheft“ schildern sie, wie sie den Auftrag erfüllen und ihre Finanzmittel einsetzen werden. Am 5. Mai 2020 veröffentlichte Polskie Radio ihre Ausbaupläne für DAB+. Während der Veröffentlichung waren 25 Sender in Betrieb, am 1. Oktober 2020 sollte das Netz auf 41 Sendeanlagen erweitert werden, was mit kleinen Verzögerungen gelang. Die nächste Ausbaustufe sollte am 1. Oktober 2021 erfolgen, 65 Sender sollten 80% der Bevölkerung (30,3 Mio.) erreichen und 61,5 % der Fläche abdecken. Warum kein neuer Sender aufgeschaltet wurde, erklärte Tomasz Berezowski, neue Leiter der Abteilung Rundfunktechnik bei Polskie Radio im Interview für wirtualnemedia.pl. Berezowski wechselte im September von dem kommerziellen Wettbewerber Eurozet (u.a. Radio Zet) zu Polskie Radio, zuvor arbeitete er in leitenden Funktionen für TVN und in den 1990er Jahren für RMF FM. 

Der Ausbau des DAB+ Netzes erfolgte ab 2013 zuerst in den Großstädten, fern von Wojewodschaftsgrenzen. Das Konfliktpotential war somit gering. Der nächste Ausbauschritt sollte die Lücken zwischen den Großstädten entlang wichtiger Fernstraßen und Autobahnen schließen, um den durchgehenden Empfang während der Autofahrt zu ermöglichen. Während Polskie Radio immer die gleichen neun Programme zu allen Multiplexen liefert, ergänzen die regionalen Anstalten das Angebot um ein oder zwei Programme. Polskie Radio würde es reichen, wenn an der Wojewodschaftsgrenze nur ein Sender aufgeschaltet würde, für die regionalen Anbieter müssten es aber bis drei Sender sein, damit alle Hörer auch ihr Regionalprogramm empfangen können. Diese Lösung treibt die Kosten in die Höhe, deshalb spricht sich Berezowski für eine Aufteilung der Programme in einen landesweiten und viele regionale Multiplexe aus. Diese Lösung ist nicht vorgesehen. Hinzu kommt es, dass einige regionale Anstalten auf UKW ihr Programm in weitere Regionalversionen aufteilen. Einige können auf fast jeder ihrer UKW-Frequenzen Lokalnachrichten ausstrahlen, wie Radio Dla Ciebie – RDC aus Warschau das ein Programm in fünf Versionen auseinanderschaltet. Würde man das in DAB+ abbilden wollen, wären viele Multiplexer nötig, die das Bouquet zu einem Datenstrom zusammenfügen. Die Kosten für so eine Lösung würden explodieren. Polskie Radio reicht für seine Programme ein Multiplexer aus. 

Berezowski kündigt eine Ausschreibung an. Netzbetreiber hatten im Jahr 2019 50 Tage um ihre Angebote einzureichen, weitere 29 bis 49 Tagen vergingen bis zur Auswahlentscheidung für 34 getrennte Vergaben, nach Vertragsabschluss erhalten die Netzbetreiber neun Monate für den Netzausbau. Es dürfte sich also um eine Verzögerung um ein ganzes Jahr handeln.

Die KRRiT kündigt seit Monaten eine Ausschreibung eines landesweiten Multiplexes für kommerzielle Anbieter an. Zuerst sollte die Ausschreibung nach den Sommerferien erfolgen, nun heißt es im Herbst. Ausschreibungen für regionale Multiplexe werden noch nicht einmal angekündigt. Die Ausschreibung 33 lokaler Multiplexe geriet in Stocken, nach dem Konzessionen für sieben Städte vergeben wurden. Die erste DAB+ Konzession erteilte die KRRiT den drei Programmen Bezpieczna Podróż, Open FM und Trendy Radio am 16. Oktober 2019. Diese können weiterhin nicht über DAB+ in Tarnów empfangen werden, denn die polnische Behörde für elektronische Kommunikation (UKE) führte erst ein ganzes Jahr später öffentliche Konsultation zum Frequenz-Vergabeverfahren durch, wertet diese aus und veröffentlichte am 8. April 2021 eine Ausschreibung für die Netzbetreiber. Die Netzbetreiber wurden am 19. Juli 2021 bekanntgegeben. Der Start einiger lokaler Multiplexe wird noch in diesem Jahr erwartet. Wer also Polen mit dem Auto besuchen will, sollte auf sein UKW-Radio nicht verzichten, immerhin gibt in einigen Großstädten DAB+ Versuchsausstrahlungen, deren befristete Genehmigung im Jahr 2022 ausläuft. Zwischen den Großstädten gibt es häufig Funkstille.

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