Guy Fränkel: Wir sind die Keimzelle der deutschen Rockradios

Veröffentlicht am 11. Feb. 2019 von unter Musik

Eisbrecher-Frontmann Alex Wesselsky (Bild: ©ROCK ANTENNE)

Eisbrecher-Frontmann Alex Wesselsky (Bild: ©ROCK ANTENNE)

Radio und Rock, derzeit eine etwas ambivalente Beziehung. So ist es kein Geheimnis, dass bereits seit geraumer Zeit bei einem guten Teil der AC- und Jugendwellen die Musikanteile für das Genre stagnieren, meist sogar rückläufig sind. Was vordergründig nicht unbedingt am verlorengegangenen Interesse der Hörer liegt – eher an einem (sagen wir) Nachschubproblem in Form einer ausreichenden Zahl neuer Mainstreamrock-kompatibler Hit-Singles. Da kam zuletzt – im Vergleich zu früheren Jahren – wenig. Verlässliche Top-Lieferanten der Branche wie Bon Jovi, Bryan Adams oder (selbst die Rockhymnen-Produktionsfabrik der 2000er) Nickelback hatten hier auf ihren letzten Alben nur wenige wirkliche Ohrwürmer zu bieten. Manche Helden sind eben in die Jahre gekommen, treten kürzer, sind verstorben oder verdienen ihr Geld heute vorzugsweise lieber mit dem lukrativen Tourgeschäft. Auch die in den Mainstream-Markt eingetretenen Bands aus der Alternativeszene wie Red Hot Chili Peppers, Linkin Park oder Green Day, die in den 2000ern zahlreiche (perfekt) auf das Radio zugeschnittene Songs geliefert hatten, lassen nur noch großen Abständen von sich hören.

Was sich gelegentlich dann doch in den Bestenlisten durchsetzt, klingt (mit Verlaub gesagt) dann doch eher nach austauschbar glatt-gebügeltem Pop-Rock als Rock. Offenbar scheint das Songwriting neuer Rockstücke tatsächlich schwieriger geworden zu sein. Aber zur Not kramt man ein wenig in der Mottenkiste und modelt mal eben „The Sound Of Silence“ zur Rockhymne um, die in der Tat dann zum Airplay-Renner im deutschen Radio mutierte. 

KISS (Bild:: ©Universal Music Group)

KISS (Bild:: ©Universal Music Group)

Keine leichte Aufgabe also für die Musikstrategen der Radiosender, die  – mangels Masse an herausragenden neuen einschlägigen Titeln – nun auch nicht ewig auf die immer gleichen großen Best-Tester früherer Jahre zurückgreifen wollen. Irgendwann erreicht der „Burn“ auch den letzten großen Rockhit der Rotation. 

Allerdings ist den Radiohörern die generelle Lust an Rockmusik keineswegs abhanden gekommen. Gewinner dieser Entwicklung sind beim Blick auf die letzten ma-Erhebungen die reinen Rockstationen im Land. ROCK ANTENNE, RADIO BOB! oder Radio 21/Rockland Radio sammeln offenbar viele der von den AC-Sendern unterversorgten Rockfreunde ein und bedienen sie mit Generations-übergreifenden Musikmischungen aus Classic Rock, Rockhits der 80er, 90er, 2000er und neuen Rocksongs. Zuletzt punkten mit diesem Konzept aber auch einige – mit weniger Frequenz-Power ausgestatteter – Programme wie Rockland.FM, Radio Gong 97,1, REGENBOGEN ZWEI oder das saarländische CLASSIC ROCK RADIO.

Die zur ANTENNE BAYERN-Familie gehörende ROCK ANTENNE konnte in den letzten Jahren ihre Reichweiten-Anteile beständig ausweiten, in 2018 sogar massiv. RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Geschäftsführer und Programmchef Guy Fränkel unter anderem über Musikausrichtung und die Digitalstrategie des Senders.


RADIOSZENE: Die Musikstruktur der deutschen Rockradios ist relativ vergleichbar. Wobei der Anteil an Songs aus dem Classic Rock Segment eine tragende Säule bildet, während aktuelle Titel eher weniger vertreten sind. Sind die Rockgrößen bei der Veröffentlichung neuer Songs müde geworden und fehlt es an attraktiven aktuellen Rockhits?

Guy Fränkel, Geschäftsführer und Programmdirektor ROCK ANTENNE (Foto: Antenne Bayern)

Guy Fränkel, Geschäftsführer und Programmdirektor ROCK ANTENNE (Bild: ©Antenne Bayern)

Guy Fränkel: Aus meiner Sicht haben die unterschiedlichen Rockradios teilweise auch einen unterschiedlichen Fokus. Aber klar, an Bands wie beispielsweise AC/DC, KISS, Metallica, Led Zeppelin kommt man einfach als echter Rocksender nicht vorbei. Wir geben dem Classic Rock eine gezielte Positionierung, da er einfach das Lebensgefühl einer ganzen Generation wiederspiegelt und auch großen Einfluss auf junge Rockbands hatte. Heute hat Rockmusik zwar nicht mehr die gleiche Fläche im Radio wie vor 20 bis 30 Jahren, aber junge und alte Rockstars veröffentlichen nach wie vor viel gute Musik und die findet sich natürlich auch bei uns im Programm wieder. Bands wie Volbeat, Greta van Fleet bis hin zu Emigrate und Bullet for my Valentine sind im Programm von ROCK ANTENNE fester Bestandteil der Rotation.

 

„Hamburg ist der ideale Standort für ein echtes regionales Rock-Radio. Auf ROCK ANTENNE HAMBURG ist extrem positiv“

 

RADIOSZENE: Wie ist es überhaupt um den Rocknachwuchs bestellt? Sie fördern Newcomer in speziellen Sendungen im besonderen Maße. Für das Rock Genre sollte ein stärkerer Output an mehr neuen, attraktiven Songs und Bands ja von elementarer Bedeutung sein – unter anderem auch für das künftige Konzertgeschäft …

Guy Fränkel: Ich glaube, es ist ganz gut um den Rocknachwuchs bestellt. Sie haben mit einem Sender wie ROCK ANTENNE und den neuen Online-Möglichkeiten sehr gute Vermarktungsflächen und finden ihr Publikum. An unseren Standorten wie zum Beispiel in München und Hamburg gibt es auch eine lebendige Club-Kultur. Dort können die Bands dann auch live ihre Zielgruppen erreichen. ROCK ANTENNE unterstützt sie dabei mit viel Promotion-Fläche im Programm. Nehmen wir zum Beispiel die Newcomer von Kissin Dynamite, die gerade mit Hilfe von ROCK ANTENNE in Hamburg das erste Konzert ihrer aktuellen Tour ausverkauft haben und mit denen wir mittlerweile eine echte Rockfreundschaft pflegen – genauso wie mit anderen Bands, die heute schon viel weiter sind wie etwa die Broilers.

RADIOSZENE: Kommt Ihnen bei der Musikausrichtung entgegen, dass viele landesweite Infotainmentwellen ihren Rockanteil in den letzten Jahren zurückgefahren haben?

Guy Fränkel: Ich glaube, es kommt eher den Hörern und der Gattung Radio entgegen, dass sich die Programme weiter segmentieren. Sollte die Marktforschung der landesweiten Stationen zeigen, dass Rock funktioniert, werden sie ihren Anteil sicher wieder erhöhen. Aber wirklich Rock 24/7 gibt es nur bei uns. Das wissen die Hörer, sowohl die Rockfans, als auch die sogenannte Zielgruppe der „rockaffinen Menschen“, die gerne mal den Sender wechselt. Unser Motto und Versprechen an die Hörer ist: „Der beste Rock nonstop!“ und das wissen sie zu schätzen.

RADIOSZENE: Wie würden Sie in zwei Sätzen Ihr Musikformat beschreiben?

Guy Fränkel: Dazu brauche ich keine zwei Sätze, sondern nur einen: „ROCK ANTENNE ist das Original!“. Wir sind die Keimzelle der deutschen Rockradios und sind seit 20 Jahren in diesem Format zu Hause. Unsere Ausrichtung ist seit vielen Jahren nicht mehr auf Bayern fokussiert. Mit UKW und DAB+ -Standorten in Bayern, Hessen und Hamburg, mit zusätzlichen DAB+ Standorten in Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg und einer Top-Streaming Position in der MA IP Audio sind wir ebenfalls ein bundesweites Produkt.

RADIOSZENE: Am Abend und Wochenende haben Sie eine gute Zahl an Rockspecials im Programm. Welchen Stellenwert haben diese Shows?

Guy Fränkel: Die Shows werden von den Rockfans sehr gut angenommen. Sie dienen dazu, unser Rockimage weiter zu festigen. Es ist schon toll, dass die Rockstars mit sehr viel Spaß eine zweite Karriere als Radiomoderator anstreben pastedGraphic.png Die Hörer lieben die Specials und dass sie unser Programm natürlich immer wieder auffrischen. Aktuell überarbeiten wir gerade die Konzepte und freuen uns auf noch mehr rockige Abwechslung im Programm.

Guy Fränkel (Bild: ©ROCK ANTENNE)

Guy Fränkel (Bild: ©ROCK ANTENNE)

RADIOSZENE: Gibt es Aussagen über das generelle Wachstum der Hörerschaft durch DAB+ und durch die Ausstrahlung via Internet?

Guy Fränkel:  Was man zu DAB+ klar sagen kann: Man spürt, dass die Technologie bei den Hörern immer besser ankommt. Die Hörer-Resonanz im Sender wird immer größer und einige DAB+-Only Sender können mittlerweile erste Reichweiten in der MA vorweisen.  Online ist die Hörerschaft durch die exakten Messungen der MA IP Audio besser messbar als bei DAB+. ROCK ANTENNE steigert die Session des Simulcast-Streams sowie der Special-Streams kontinuierlich.

 

„Man spürt, dass DAB+ bei den Hörern immer besser ankommt“

 

RADIOSZENE: Zuletzt haben Sie die digitale Reichweite in Ländern wie Hessen oder Baden-Württemberg ausgebaut. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit DAB+?

Guy Fränkel: Wie bereits erwähnt, die Resonanz und Akzeptanz von DAB+ wird immer größer. Auf Grund des positiven nationalen Feedbacks in den vergangenen Jahren auf unser Programm ist es für uns wichtig, unseren Hörern das Programm auf allen Kanälen anzubieten. Da gehört neben UKW, dem Stream und der App natürlich auch DAB+ dazu. DAB+ ist mittlerweile sehr gut ohne Störungen in vielen Gebieten empfangbar und für den Hörer kostenfrei. Insofern wird es immer mehr genutzt und die Resonanz ist auch in den neuen Gebieten sofort positiv gewesen. 

ROCK ANTENNE Hamburg

 

RADIOSZENE: Planen Sie das Programm auch in weiteren Bundesländern zu verbreiten?

Guy Fränkel: Klar! Wenn es Ausschreibungen gibt, wird sich ROCK ANTENNE um Kapazitäten bemühen, egal ob analog oder digital. Es gibt noch viele Bundesländer, in denen sich die Hörer einen echten Rocksender wünschen. Dieser Wunsch erreicht uns jeden Tag aus dem gesamten Bundesgebiet.

RADIOSZENE: Grundsätzlich werden die deutschen Rocksender ja mehrheitlich von Männern gehört. Ist das Potential weiblicher Hörer bereits ausgeschöpft?

Guy Fränkel: Die Fokussierung liegt auch bei uns auf der männlichen Zielgruppe – nicht nur musikalisch, sondern auch redaktionell und im Marketing. Aber auch immer mehr Frauen wollen „mal etwas Anderes hören“, als die üblichen Hitradios. Bei uns spiegelt vor allem das Segment „Classic Rock“ ein Lebensgefühl wieder und das kommt auch bei Frauen gut an.

ROCK ANTENNE-Musikchef Tom Moser und Heavy-Metal-Gigant Udo_Dirkschneider

ROCK ANTENNE-Musikchef Tom Moser und Heavy-Metal-Gigant Udo_Dirkschneider

RADIOSZENE: ROCK ANTENNE hat über die Jahre die Palette an Spartenstreams kontinuierlich ausgebaut. Wie stark werden diese Angebote genutzt?

Guy Fränkel: Die Zusatzstreams werden sehr stark genutzt und sind eine perfekte Ergänzung zum Hauptprogramm. Rockmusik bietet so viele Musik-Facetten, die man gar nicht in einem einzigen Programm bedienen kann. Also teasen wir nach einem Elvis Song im Hauptprogramm auch gerne auf unseren Rock ‘n’ Roll-Stream, in dem wir dieses Genre 24 Stunden anbieten. 

RADIOSZENE: Welches erstes Fazit ziehen Sie zur Entwicklung Ihres Lokalprogramms in Hamburg?

Guy Fränkel: In Hamburg senden wir ja erst seit knapp einem Jahr unter dem Label ROCK ANTENNE Hamburg. Da kann man maximal ein Zwischen-Fazit ziehen. Das wäre aus meiner Sicht folgendes: Hamburg ist der ideale Standort für ein echtes regionales Rock-Radio. Das Feedback von unseren Hörern, Partnern, Event- und Konzertveranstaltern ist extrem positiv. Ich denke, dass sich das Produkt weiterhin sehr gut entwickeln wird. Der Radiomarkt in Hamburg kann mit diesem neuen und klar fokussierten Format an Vielfalt gewinnen, was am Ende wiederum für den Standort im Ganzen gut ist, wenn mehr Radio gehört wird.

RADIOSZENE: Auch ROCK ANTENNE steht in verstärktem Wettbewerb mit neuen Diensten wie beispielsweise den Streaming Diensten. Wie machen Sie Ihr Angebot zukunftssicher?

Guy Fränkel: Indem wir uns immer weiterentwickeln, programmlich, wie auch technisch. Am Ende des Tages machen wir Radio und sollten uns auch als Audioanbieter verstehen. Das heißt zum Beispiel: Wir müssen unser Produkt auf allen Wegen dem Hörer oder eben User anbieten. ROCK ANTENNE gab es neben den terrestrischen Empfangswegen bereits sehr früh als App, mit eigenem Alexa Skill, als Smart TV App usw. Natürlich profitieren wir hier von unserer Zugehörigkeit zur Unternehmensgruppe ANTENNE BAYERN. Auch inhaltlich entwickeln wir uns immer weiter. Einige Beispiele sind unter anderem eigene regelmäßige Shows in unseren Streams, modularer Content wie News und Service steht immer und überall dem Hörer zur Verfügung. Natürlich umfasst das Content-Angebot von ROCK ANTENNE immer mehr eigene Inhalte auf den Social-Media-Kanälen von Instagram bis YouTube. Last but not least entwickeln wir unsere Podcast-Aktivitäten in Kooperation mit der Digital-Abteilung unseres Unternehmens immer weiter. Wichtig für uns ist, inhaltlich niemals stehen zu bleiben. 

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