Spotify kills the Radio Star? Ein Realitätscheck

Veröffentlicht am 15. Dez. 2015 von unter BUNSMANN

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Mitte November wurde mit viel Emphase die erste MA Audio veröffentlicht – die erste konvergente Darstellung, die sowohl die terrestrische wie auch die Online-Radio-Hörer-Reichweite erfassen soll. Sozialwissenschaftlich ein problematisches Vorgehen, werden hier doch auf völlig unterschiedliche Weise erhobene und dadurch nur bedingt vergleichbare Informationen zusammen ausgewertet: einerseits durch eine Telefonabfrage gewonnene, auf Erinnerung basierende Daten aus der Media-Analyse Radio (weitestgehend Terrestrik), andererseits tatsächlich gemessene Stream-Abrufe aus der Media-Analyse IP Audio (Online-Hören).

Kritik an der Methode und Zweifel an der absoluten Genauigkeit der Ergebnisse sind von daher sicher berechtigt, zumal die verantwortliche Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse schon am Tag der Veröffentlichung erste Ergebniskorrekturen vornehmen musste. Dazu tragen auch der gegenüber der MA Radio wieder verkleinerte Altersgruppen-Fokus (jetzt wieder nur 14+ statt 10+) und das Fehlen von Stunden-Reichweiten bei.

Dennoch ist die MA Audio sicher ein deutlicher Fortschritt bei dem Versuch, das Radio-Hören in Deutschland besser abzubilden und auch die Relevanz der einzelnen Verbreitungswege korrekt einzuschätzen. Wobei für viele Beobachter die Aussagekraft der Veröffentlichung (neben den methodischen Mängeln) vor allem durch das Fehlen des mutmaßlich stärksten Online-Players Spotify eingeschränkt ist.

Das Spotify-Radio und ein nostalgisches Radio

Jetzt gibt es mit der gerade veröffentlichten MA IP Audio IV/2015 zum ersten Mal tatsächlich gemessene Werte nicht nur für eine Vielzahl von Online-Channels und Online-Kombis etablierter Radio-Programme, sondern auch von Spotify. Und die Zahlen von Spotify sind auf den ersten Blick beeindruckend: Im 3. Quartal 2015 kommen alle werbetragenden Online-Audio-Angebote (Simulcast-Angebote terrestrischer Sender, Web-Channels, User generated Radio und Personal Radio) zusammen auf knapp 150 Mio. Sessions im Monat, davon entfallen allein auf Spotify fast 90 Mio.

Leider ist der Wert „Sessions im Monat“ mit keinem anderen Wert in den veröffentlichten Radio-Reichweiten (Weitester Hörerkreis, Hörer pro Tag, Tagesreichweite, Stundenreichweite) vergleichbar, sodass die Validität der scheinbar großen Zahl schwer einzuschätzen ist.

Jeder Versuch, aus den vorliegenden Daten mit der gängigen Radio-Währung vergleichbare Werte zu errechnen, wird berechtigterweise aus methodischer Sicht noch weitaus kritischer zu sehen sein als die MA Audio. Aber auch wenn die Ergebnisse sicher nicht Grundlage einer fundierten Werbeplanung sein können, kann eine solche Berechnung trotzdem aufschlussreiche Informationen liefern und Einschätzungen ermöglichen.

Ziel der Berechnung ist die Annäherung an die Stundenreichweite als den zentralen Wert der bisherigen Radio-Reichweiten-Währung, wobei sich (anders als bisher bei dem Wert „Hörer pro durchschnittliche Werbestunde 6 – 18 Uhr“) nur ein Durchschnittswert über 24 Stunden ermitteln lässt.

Wie sieht nun die Rechenoperation aus? Basis sind einerseits die Zahl der gemessenen Sessions im Monat für einen bestimmten Radio-Stream, andererseits die gemessene durchschnittliche Dauer der Sessions für alle Streams (Einzelwerte liegen mir nicht vor), sie beträgt für alle werbetragenden Radio-Streams 40 Minuten 29 Sekunden.

Ich multipliziere zunächst die Zahl der Sessions mit der durchschnittlichen Session-Dauer (Ergebnis: Alle in 1 Monat gehörten Stream-Minuten), teile diesen Wert zunächst durch 30 (Ergebnis: Stream-Minuten pro Tag), dann durch 24 (Ergebnis: In einer Stunde gehörte Stream-Minuten) und schließlich durch 60 (Ergebnis: Zahl der Stream-Hörer, die 60 Minuten = 1 Stunde hören).

Um die Berechnung zu demonstrieren, nehme ich die Werte für den Simulcast-Betrieb von Antenne Bayern. 4.769.408 Sessions multipliziert mit 40 Minuten ergibt 190.776.320 gehörte Stream-Minuten im Monat; dividiert durch 30 = 6.359.210 Stream-Minuten in der Stunde; dividiert durch 24 = 264.967 Stream-Minuten in der Stunde; dividiert durch 60 = 4.416 Stream-Hörer in der Stunde. Ist diese Berechnung (trotz aller angesprochenen Einschränkungen) plausibel? Dazu multipliziere ich die Zahl der Stream-Hörer in der Stunde mit 24, um eine Tagesreichweite zu errechnen. Ergebnis: eine Tagesreichweite von 105.986, dies entspricht dem Ergebnis des Antenne Bayern-Simulcast in der MA Audio (105.000).

Was bedeutet das nun für die Relevanz von Spotify im aktuellen Radio-Markt? Lassen wir noch mal die Zahlen sprechen: 87.607.074 Sessions im Monat x 40 Minuten = 3.504.282.960 Stream-Minuten/Monat : 30 = 116.809.432 Stream-Minuten/Tag : 24 = 4.867.059 Stream-Minuten/Stunde : 60 = 81.117 Stream-Hörer in der Stunde (Der entsprechende Wert für alle anderen werbetragenden Online-Audio-Angebote beträgt 56.802 Stream-Hörer in der Stunde).

Unterstellt man die aus dem Antenne Bayern-Test ermittelte Ratio als zutreffend, ergibt sich daraus eine vermutliche Spotify-Tagesreichweite von knapp 1,95 Mio. Was einem Anteil von 3,69 % bei allen werbetragenden Audio-Angeboten entspräche.

Mir sind alle Einwände, die man gegen dieses Vorgehen und diese Berechnungen vorbringen, durchaus bewusst, es handelt sich sicher nicht um eine valide Forschungsmethode, aber aus meiner Sicht sehr wohl um eine aufschlussreiche Zustands- und Trendbeschreibung. Spotify kills the radiostar? Ist das nicht ein bisschen viel Hype um ein zumindest derzeit noch überschaubares Phänomen?

 

Ulrich Bunsmann, seit 25 Jahren Radio-Profi, schreibt regelmäßig für RADIOSZENE seine Gedanken zum Radio aus der deutschen Medienhauptstadt Hamburg.

E-Mail: bunsmann@radioszene.de

 

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