Neues aus DABistan

Veröffentlicht am 25. Jun. 2009 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Heute könnte der Privatfunkverband VPRT den Digitalstandard DAB endgültig kippen. Die Geschichte hier. Kuriositäten hier:

Ist DAB jetzt tot oder untot? Sollte der erfolglose, aber teure digitale Übertragungsstandard noch nicht tot sein, könnte der VPRT auf seiner Fachtagung heute im Berliner Flughafenhotel Mercure tatsächlich den Sargdeckel zuklappen. Aus Kreisen der Teilnehmer ist zu hören, dass 90 Prozent der im VPRT organisierten Sender endgültig Schluss machen wollen mit DAB. Damit wäre das Thema wohl auch für die Öffentlich-Rechtlichen erledigt – folgt man den Worten des KEF-Geschäftsführers Horst Wegner. Ohne die Privaten sinke die Marktakzeptanz weiter. Die Akzeptanz im Markt sei aber eines der Entscheidungskriterien für weitere Geldmittel. Nachlesen kann man das auch im aktuellen KEF-Bericht auf Seite 115.

Zurück zur Ausgangsfrage: Schaut man sich in Elektromärkten um, ist DAB mausetot. Probe aufs Exempel im Saturn am Potsdamer Platz in der Mitte Berlins. Frage an den Verkäufer: Führen Sie DAB-Empfangsgeräte? Der Mann muss erst nachfragen, führt mich dann zu einem HiFi-Tuner und sagt, er vermute, dieses Gerät könne DAB. Er sei sich aber nicht sicher. An der Preistafel steht jedenfalls nichts von DAB. Dann lasse ich mir die Autoradios zeigen. An einer Demowand sind 14 verschiedene Exemplare installiert, kein einziges kann DAB. Nächste Frage: Haben Sie Webradios? Der Verkäufer freut sich, dass er endlich ein brauchbares Angebot vorführen kann. Im Regal schräg gegenüber liegen 13 verschiedene Typen von Radios, die via WLAN gestreamte Internetsender empfangen. Einige beherrschen zusätzlich analoges UKW. Als ich das Geschäft verlasse, sehe ich den Verkäufer an einem Computer stehen. Ich schaue ihm über die Schulter. Er liest die Wikipedia-Seite über DAB. Wir müssen beide lachen. Es sei ihm ein bisschen peinlich, sagt er. Aber von DAB habe er bis dato noch nichts gehört.

Anruf bei Michael Richter. Er leitet die Initiative Marketing Digital Radio und ist bei der Medienbehörde Sachsen-Anhalt für die Digitalisierung zuständig. Er ist einer der entschiedenen Verfechter von DAB und macht das im Gespräch fast verzweifelt deutlich. 2006, als DAB endlich genug Sendeleistung für den Empfang in Gebäuden bekam, habe es einen „Neustart“ gegeben. Das betont er gleich mehrere Male. Er spricht über die Technik, die offenen Standards und die Notwendigkeit einer „Broadcast“-Verbreitung. Das Internet könne Radio immer nur ergänzen, Streaming sei für Broadcast-Zwecke viel zu teuer. Ich frage, wie er sich die Weigerung der Hörer erklärt, sich mit DAB-Geräten einzudecken. Er weicht aus, spricht lieber wieder über die technischen Vorzüge. Die fehlende Akzeptanz auch nach 22 Jahren und vielen Millionen Euro Vorabinvestition ist sein wunder Punkt. Ich frage ihn, was ihn antreibt, so vehement für DAB zu streiten. Er stockt kurz und sagt dann – wörtlich: „Ich bin mit DAB groß geworden“. Erzählt von seinem Autoradio, das natürlich DAB-Programme empfängt. Sagt, er wolle eine Alternative zu Mainstream-Hits und Werbung. Ich wende ein, dass die Programme bei DAB ja überwiegend dieselben seien wie die im UKW-Band. Er protestiert und nennt das Rockland-Radio von SAW, das ein originäres DAB-Programm sei. Dass der technische Sendeweg das eine ist und das Programm, das darauf übertragen wird, das andere, ist ihm natürlich klar, aber er mag diese Erkenntnis nicht, so viel ist herauszuhören. Er sei doch Realist, beteuert er mehrmals.

Konfrontiert mit der kritischen Haltung des VPRT seufzt er auf. „Wenn der VPRT meint…“, sagt er und nennt die Liste der DAB-Unterstützer: Die Privatsender im APR, den ADAC, Audi, BMW, weitere.

Richter hat auch schon einmal eine Abwrackprämie für UKW-Radios ins Gespräch gebracht, damit die Leute endlich DAB-taugliche Empfänger kaufen. Sein Kollege Uwe Ludwig, der Vorsitzende des Vereins Digital Radio Mitteldeutschland, verlangt gar, „die Politik müsse die Industrie zu Multinormradios verpflichten“ – also Geräten, die beides können, UKW und DAB, damit die Chose endlich ins Rollen kommt. Bezahlt wird der Verein Digital Radio Mitteldeutschland übrigens von der Medienanstalt, also mit GEZ-Gebühren. Wenn die Industrie staatlich verpflichtet werden soll, DAB-Empfänger zu produzieren – sollen dann Saturn und Media-Markt gleich mitverpflichtet werden, die Geräte zu verkaufen? Soll der Kauf von analogen Geräten unter Strafe gestellt werden?

Es ist ja allgemein gerade sehr modern, dass der Staat sich um möglichst viele Angelegenheiten kümmert. Sogar die Quelle-Kataloge werden jetzt mit Steuermillionen gedruckt. Vielleicht ist das ja der Ausweg aus der DAB-Misere: Wenn der Staat jetzt schon Versandhauskataloge bezahlt, könnte er daran ja die Bedingung knüpfen, dass es darin ab sofort nur noch DAB-Empfänger zu bestellen gibt. Womit die Gretchenfrage allerdings immer noch nicht beantwortet ist, sondern gleich doppelt schwierig: Wie bringt man die Leute dazu, 1., DAB-Empfänger zu bestellen, die sie bisher nicht wollten, und das, 2., beim Versandhaus Quelle, das seinen Katalog-Kredit ja gerade deshalb bekommt, weil die Kundschaft offenbar lieber anderswo einkauft?

Update: VPRT beschließt DAB-Ausstieg

Die Privatsender im VPRT haben sich einstimmig entschieden, den Digitalstandard DAB nicht länger zu unterstützen. Die Diskussion im Berliner Flughafenhotel Mercure soll munter verlaufen sein und dauerte mehr vier Stunden, verlautet aus Teilnehmerkreisen. Für den späteren Nachmittag ist eine offizielle Mitteilung angekündigt. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass DAB endgültig zu Grabe getragen wird. Auch die ARD steht jetzt unter Druck. Der Geschäftsführer der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF), Horst Wegner, sagte der Radioszene, ein Kriterium für die Einführung eines digitalen Funkstandards sei die Marktakzeptanz. Nach Aussteigen der VPRT-Sender sinke die Akzeptanz aber weiter. Anfang Juli beraten die Gremien der KEF über einen Projektantrag der ARD, für den 30 Millionen Euro für einen neuerlichen Neustart von DAB angefragt sind. Die KEF hatte den Öffentlich-rechtlichen für die laufende Gebührenperiode bereits 188 Millionen Euro Budget verweigert und lediglich 15 Millionen zur Abwicklung genehmigt. chl


Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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