Die Macht der Powerpoint-Experten

Veröffentlicht am 08. Dez. 2009 von unter Bitter Lemmer

Bitter LemmerSeit Mitte der 90er Jahre wächst auch in Radiosendern die Macht der Administratoren. Damit meine ich den Typus, der sich auch gern bei McKinsey oder einer anderen schicken Beratungsfirma tummelt und in seine Ansprachen gern englisch-businessmäßig klingende Floskeln einwebt. Diese Sorte Administrator führt Radiogeschäfte ebenso wie die Geschäfte von Kaufhäusern, Solarfirmen oder Krankenhäusern. Der Administrator von Welt funktioniert in jeder Branche. Das ist gut für die Klasse der Administratoren, aber schlecht für jede dieser Branchen.

So ein Administrator beginnt einen Job meistens damit, erstmal “Opimierungspotenziale” zu “identifizieren”, um es in deutsch übersetzten Anglizismen auszudrücken. Nach zahlreichen Powerpoint-Präsentationen, bei denen meistens keine Sau etwas verstanden hat, weil die gleichzeitige geistige Aufnahme von Folien und Worten dem Menschen von Natur aus nicht gegeben ist, werden dann gern Action-Pläne exekjuted, die bei Lichte besehen meist darin münden, dass etwa die Technik ausgessorrst wird und der Rest ein bisschen Budget gestrichen bekommt. Der Administrator behauptet dann gern, nunmehr werde der Laden für die Zukunft “aufgestellt”, was aber faktisch eher zweitrangig ist. Vieles, was ein Administrator tut, tut er, um zu dokumentieren, dass es ohne ihn nicht geht.

Der Typus Administrator ist inzwischen überall zu finden, in öffentlichen wie in privaten Breichen. Nehmen wir den Bildungssektor. Gekürzt wird bei der Renovierung von Schulen oder Unis und bei der Sorte Personal, die Schülern oder Studenten etwas beibringen soll. Feste Anstellungen sind selten geworden, Zeitverträge und reduzierte Honorare für Neueinsteiger die Regel. Nicht gekürzt wird im Wasserkopf, was daran liegt, dass der Wasserkopf entscheidet, wie Mittel verteilt werden.

Nehmen wir das Gesundheitswesen. Ein befreundeter Klinik-Arzt erzählte mir, er und seine Kollegen würden zunehmend Zeit darauf verschwenden müssen, Formulare auszufüllen, Daten für Statistiken zu liefern und immer zahlreichere Nachfragen der immer zahlreicheren Verwaltungsleute in Kliniken und Krankenkassen über Arbeitsabläufe oder organisatorische Fragen zu beantworten.

Nehmen wir die Bundesarbeitslosenverwaltungsbehörde, die sich seit einigen Jahren Bundesagentur nennt. Dort haben die Administratoren in seltener Dämlichkeit die Arbeitslosen zu Kunden ernannt. Der Herrgott möge sie davor bewahren, die von ihnen im Handelsgeschäft so beliebten Kundenbindungsprogramme hier auch einzuführen.

Wie ineffektiv sich das Wirken der Administratoren manchmal auswirkt, mag schließlich dieses Beispiel belegen. Kürzlich hörte ich von einem Radiosender, der für eine Reisepromotion für einige Wochen eine seiner täglichen Shows an einer exotischen Strandlage produzieren ließ. Damit die Sendungen reibungslos ins kühle Deutschland übertragen werden, schickte die ausgegründete Technikabteilung einen Praktikanten auf den fremden Kontinent, der, wie ich hörte, auch erst am Tag vor der ersten Sendung dort eintraf. Es klappte dann erstmal nichts. Der hyperventilierende PD musste einen längeren Dienstweg über die Administratorenebene gehen, weil die Technik eben nicht seine Firma, sondern ein quasi externer Dienstleister ist.

Das erinnert mich an eine ähnliche Geschichte, die ich selber im Jahr 1997 mitmachen durfte und die ganz anders lief. Damals arbeitete ich bei 104.6 RTL. Die Morgencrew flog geschlossen nach Hongkong, als sich dort die Briten zurückzogen und ihre einstige Kronkolonie an China zurückgaben. Ein Weltereignis. Arno moderierte live von dort, samt Sidekick und Nachrichten. Alles klappte. Der hausinterne Technikchef war höchst persönlich vor Ort (und hätte vermutlich freiwillig auch nie auf diesen Job verzichtet) und hatte alles professionell vorbereitet. Ein Wort wie Dienstweg war noch nicht erfunden. Dafür waren alle mit viel Herzblut bei der Sache und hatten nebenbei eine Menge Spaß.

Und darum geht’s ja schließlich.

Frohe Feiertage und ein erfolgreiches Jahr 2010 – mit möglichst viel Spaß für Euch und Eure Hörer!

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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