
Ein Nervenkitzel ist auch – wenn es die Möglichkeit gibt – das Off-Air-Monitoring mit den eigenen Kopfhörern: die Wirkung des Optimod auf die Stimme und insbesondere das Knistern und die Verzerrungen auf der Mittelwelle. Nach Anpassungen des Mikrofonsignals und der Übertragungskette klingt alles fantastisch.
Live-Radio ist fast wie russisches Roulette. Man ist sich nie ganz sicher, ob der Anrufer das F-Wort fallen lässt, ob man den nächsten Übergang „genau richtig“ hinbekommt oder ob der Sportkommentator den Namen des Everton-Spielers Gylfi Sigurðsson verlacht. Hauptsache „Pi mal Daumen“ passt alles!
Ein Versprecher hier, ein falsch gedrückter Knopf dort, eine Moderation, die besser gewesen wäre, wenn man es anders versucht hätte – das ist schon in Ordnung – denn es ist Live. Und uns wurde schließlich gesagt, Live-Radio sei das, was Radio so einzigartig macht.
Außer:
Glauben Sie wirklich, dass jedes Mal, wenn Sie Ihren Mund aufmachen und reden, alles perfekt klappt? Jedes einzelne Mal? Oder wäre eine kleine Nachbehandlung nicht besser?
Wenn dieser eine Übergang erstaunlich gut gemacht worden wäre, indem er vorab aufgenommen und die Songs auf den Takt genau abgestimmt worden wären – warum wurde es dann nicht gemacht? Wäre dieses langweilige Interview mit dem Ratsherrn etwas besser geworden, wenn es vorher aufgenommen worden wäre und seine Fehler und diese blöd gestellte Frage, die eigentlich nirgendwo hinführt, herausgeschnitten worden wären?
Haben die Worte „und nuuun zum Verkeeehr“ die Sendung bereichert, um das nächste Intro zu überbrücken – oder wäre es besser gewesen, den Song einfach zwei Sekunden im Playout zurück zu schieben?
Warum klingt „Das war der Tag“ zum Beispiel so viel besser als die morgendliche Nachrichtensendung? Vielleicht, weil es ausproduziert wurde, damit es großartig klingt?
Warum begnügen Sie sich damit, Ihren HörerInnen das Zweitbeste zu bieten?

Beim Radio geht es darum, real und relevant für die Hörer zu sein. Natürlich ermutige ich Sie nicht dazu, mehr als 12 Stunden im Voraus zu produzieren – schließlich können Sie nie wissen, was passieren wird oder wie die Stimmung sein wird. Um das klar zu stellen: ich möchte, dass Sie im Studio sind während Ihre Show läuft – denn ich möchte, dass Sie bei Bedarf dann doch live dabei
sein können.
Aber ich ermutige Sie, darüber nachzudenken, was alles wirklich live sein muss. Wenn jedes Live-Element eine gründliche Rechtfertigung haben müsste, welche wäre es dann?
Die HörerInnen haben heutzutage viele Möglichkeiten. Ein perfekt vorproduziertes Programm oder Podcast klingt immer besser, als eine dem Zufall überlassene Produktion.
Natürlich können vorab aufgenommene Segmente überdies noch mit anderen Dingen auf anderen Plattformen verknüpft werden, wo live und linear weniger relevant ist. Das Aufnehmen, Bearbeiten, Polieren und Vorbereiten großer Audiodateien braucht natürlich Zeit. Verlockend ist dagegen, alles live zu produzieren.
Aber ich konnte hoffentlich aufzeigen, dass Live-Radio es sich eigentlich zu bequem macht – zumindest könnte das der Fall sein. Verdienen die HörerInnen nicht doch etwas Besseres?








