Musiktrends im Radio Teil 3: „Radio macht eben nach wie vor Hits“

Veröffentlicht am 08. Feb. 2021 von unter Musik

The Trend is your Friend! Wie entwickelt sich die Musik im Radio? RADIOSZENE stellte hierzu Musikverantwortlichen deutscher Hörfunkstationen folgende Fragen:

  1. Welches waren im Radio in 2020 die angesagten Musiktrends in Ihrem Sendegebiet?
  2. Werden sich diese Richtungen fortsetzen oder sind bereits neue Trends in Sicht? 
  3. Hat die Corona-Pandemie auch Auswirkungen auf die Musikpräferenzen der Hörerinnen und Hörer?
  4. Seit Ende letzten Jahres fließt Airplay wieder in die Ergebnisse der “Offiziellen Deutschen Charts“ ein. Wie bewerten Sie diesen Schritt? Gewinnen die Charts für das Radio damit wieder mehr an Gewicht?

MusicMaster: Einfach immer perfekte Playlists

Die Antworten der Macher aus den Musikredaktionen lieferten eine Vielzahl interessanter Hinweise auf die aktuellen und kommenden Musikströmungen.

Heute setzen wir die Einstiegsübersicht mit den Antworten weiterer Entscheidungsträger fort:


 

„Über alle unsere Musikangebote hinweg können wir eindeutig feststellen, dass der Output von Künstlern in 2020 höher war als in den Jahren zuvor“

 

Vivian Pickelmann, RTL RADIO CENTER BERLIN, Leiter der ACB Musikredaktion

Vivian Pickelmann (Bild: ©RTL Radio Center Berlin)1) Im neuen RTL Audio Center Berlin produzieren wir die verschiedensten Audioformate für unterschiedlichste Sendegebiete. Deutschlandweit, regional und lokal. Über alle unsere Musikangebote hinweg können wir jedoch eindeutig feststellen, dass der Output von Künstlern in 2020 höher war als in den Jahren zuvor. Stars wie Ava Max oder Jason Derulo haben gefühlt alle zwei Monate einen neuen Hit fürs Radio veröffentlicht. Die Schlagzahl der einzelnen Artists war enorm!

Als Trend aus 2019 hat sich zudem „Pop“ als dominate Musikrichtung in unseren Angeboten weiter bestätigt. Viele DJs haben weniger „Clubsound“, dafür mehr „Pop-Radiosound“ produziert. Ein gutes Beispiel ist Kygo mit dem Remake von Donna Summer oder Tina Turner.

Außerdem wurde 2020 Corona-bedingt international viel Musik in den eigenen vier Wänden produziert. Dieser sogenannte „Bedroom Pop“ rückte mehr als schon 2019 in das Spotlight von Musikern und Fans. Neben jungen und neuen Artists wie Tate McRae veröffentlichten auch etablierte Künstler wie Taylor Swift in 2020 Alben aus den heimischen vier Wänden. Von ihr gab es gleich zwei Alben dieser Art!

2) Beim „Bedroom Pop“ ist davon auszugehen, dass noch mehr neue, interessante Künstler im Markt auftauchen werden. Einige davon schaffen es sicherlich auch ins Radio. Trends auszumachen finde ich derzeit sehr schwierig. Aus meiner Erfahrung heraus bilden sich viele Musiktrends auf Open-Air-Festivals oder bei Live-Konzerten heraus. Davon konnte seit dem Frühjahr 2020 leider fast gar nichts stattfinden.

3) Vor allem kann man feststellen: Hörer konsumieren tagsüber länger Radio und Musik. Dies leiten wir aus den Simulcast-Daten unserer Angebote ab. Und das ist eine gute Nachricht für uns Radiomacher, für Künstler und Labels! Es wird vermehrt aus dem Home-Office gearbeitet und Radio hat als Tagesbegleiter mit Lieblingsmusik, den wichtigsten Nachrichten und vertrauten Stimmen hohen Stellenwert in der Nutzung über Apps, Computer oder Smart-Audio.

4) Offen gesagt verlieren die “Offiziellen Deutschen Charts“ für die Erstellung unserer Produkte immer mehr an Bedeutung. Relevanter für unsere Musik-Entscheidungen für die Angebote sind die eigenen Marktforschungsergebnisse im Zusammenspiel mit den Airplay- und Streaming-Charts.


 

„Ein weiterer Trend ist definitiv, dass durch TikTok, Tracks, die es bei ihrem Erscheinen kaum zu Ruhm schafften, Monate, teilweise Jahre später, noch zu Hits werden!“

 

Matthias Zähler, BREMEN NEXT, Musikchef

Matthias Zähler (Bild: @Radio Bremen/Christian Wasenmüller)

1) 80s Sounds à la The Weeknd “Blinding Lights“ und Dua Lipa “Physical“, Dance Remakes, Frauenpower im Deutschrap und ein weiterer Trend ist definitiv, dass durch TikTok, Tracks, die es bei ihrem Erscheinen kaum zu Ruhm schafften, Monate, teilweise Jahre später, noch zu Hits werden!

2) Dance Remakes älterer Klassiker sind nicht neu und es wird auch immer wieder gute, funktionierende geben, der inflationäre Overkill hat sich aber hoffentlich erledigt. Der positive und willkommene Trend von mehr Frauen im Deutschrap und urbanen Pop wird sich aber fortsetzen. Badmòmzjay hat aktuell, zusammen mit Kasimir1441, ihren ersten richtig großen Hit. Das seit Jahren immer wieder von einigen herbeigesehnte Comeback der Gitarre wird wohl auch 2021 ausbleiben, zumindest im klassischen Band-Gewand. Mal mehr, mal weniger subtil, aber als Crossover im HipHop/Trap-Kontext ist dafür schon seit längerem eine Bewegung in diese Richtung zu beobachten!

3) Vorstellbar, dass es einen Zusammenhang des Comebacks des 80s Sounds und der vielen Dance Remakes gibt, da diese das Gefühl des Bekannten, die Erinnerung an einfachere, weniger komplizierte Zeiten transportieren. Ist mit Bestimmtheit aber schwer zu sagen.

4) Der Verdacht liegt nahe, dass die Deutschrap-Dominanz der letzten Jahre ein Grund für die Wiederberücksichtigung der Airplay-Charts in den deutschen Charts ist. Ob das reicht, um das aufzuweichen, bleibt abzuwarten. Die Bedeutung der Charts für die Musikredaktionen ist wohl auch vom Sender abhängig. Für ein junges Programm mit unserer Ausrichtung zählen sie eher weniger! Es wird spannend zu beobachten, ob Rap-Künstler:innen und ihre Teams dann ab jetzt noch stärker auch ihren Fokus auf Radio legen werden.


 

„Die drei wichtigsten Musiktrends waren Dance, Pop und Singer/Songwriter Songs“

 

Dorothee Seyser, HITRADIO ANTENNE 1, Musikchefin

1) Die drei wichtigsten Musiktrends waren Dance, Pop und Singer/Songwriter Songs. Auch der Deutsch-Pop mit seinen etablierten Künstlern spielte nach wie vor eine wichtige Rolle bei uns. Auffällig waren die vielen, sehr erfolgreichen Dance-Versionen der 80er Hits.

2) Diese Musikrichtungen spielen auch 2021 weiterhin die Hauptrolle im Radio. Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass der „handgemachte“ Sound, insbesondere von vielversprechenden, talentierten Newcomern wie JC Stewart, Blake Rose oder Tom Grennan dieses Jahr noch erfolgreicher wird.

3) Eine pandemiebezogene Änderung des Musikgeschmacks kann ich bei unseren Hörern nicht feststellen. Melodiöse Songs mit einer eingängigen Hookline und einer guten Portion Emotion sind nach wie vor sehr beliebt.

4) Ich begrüße diesen Schritt sehr, war er doch schon lange überfällig. Man muss jetzt aber erst mal abwarten, inwieweit die Charts sich dadurch langfristig verändern werden.


 

„Wir erleben immer mehr eine Gleichzeitigkeit von verschiedensten Musikstilen und aktuellen und vergangenen Trends“

 

Christoph Lindemann, PULS, Musikchef

1) HipHop und Deutschrap sind bei jungen Zielgruppen nicht mehr ganz so dominant. Der Pop wird immer innovativer. Neben den ewigen ermüdenden Mainstream-Coverversionen, die mit “sonnigen” Beats aufgepeppt werden, gibt es sowohl national wie international richtig spannende und innovative Produktionen! Als Beispiele dafür, wie vielfältig und interessant die Musikszene in Deutschland grade ist, fallen mir spontan Amilli, Shelter Boy, Emily Roberts und Telquist ein – letztere haben es zu Recht auch auf die New Music 2021 Hotlist der jungen Programme der ARD und Deutschlandfunk Nova geschafft.

2) Das wird sich fortsetzen, aber ohne notwendigerweise etwas anderes zu verdrängen. Wir erleben immer mehr eine Gleichzeitigkeit von verschiedensten Musikstilen und aktuellen und vergangenen Trends. Und um noch eine Prophezeiung zu wagen: Ich glaube, dass in den nächsten Jahren diskriminierende Inhalte aus dem Deutschrap-Mainstream verschwinden werden. Homophobie taucht in Texten schon kaum mehr auf – hier haben auch Medien, die dieses Thema konsequent behandelt haben und Künstlerinnen und Künstler damit konfrontiert haben, eine wichtige Rolle gespielt. Eine Ähnliche Entwicklung wird vermutlich – hoffentlich – mit sexistischen Texten passieren. Höchste Zeit.

3) Wir haben das Gefühl, dass das Interesse an lokalen und regionalen Acts gestiegen ist. Wir spüren bei unseren Hörerinnen und Hörern gerade jetzt eine starke Solidarität mit der Musikszene in Bayern.

4) Das ist ein guter und richtiger Schritt. Je mehr relevante Faktoren berücksichtigt werden, desto ehrlicher bilden die Charts ab, welche Bedeutung ein Song gerade hat.


 

„Nachdem zwischenzeitlich Streaming-Anbieter das A und O für die Musikindustrie waren, zeichnet sich hierdurch  wieder eine größere Gewichtung des Mediums Radio ab“

 

Tanja Ötvös, Radio Hamburg, Beraterin der Musikredaktion

1) Auch 2020 hat sich der Trend des Vorjahres fortgesetzt, rhythmischer PopDance  hat den Sound von Radio Hamburg dominiert. Verantwortlich dafür ist sicher auch die durch Covid 19-bedingte Lage, mit diesem Sound ist ja auch eine gewisse Leichtigkeit verbunden, die dann im Home Office angesichts der täglichen Horror-Meldungen auch ganz gut tut.

2) Der Trend wird sich weiter fortsetzen, alles, was eher in Richtung „Rhythmisch“ geht, wird wieder rauf und runter von den Hörern gewünscht und den Radiosendern gespielt.

3) Nicht so deutlich, aber viele Titel, die unter dem  Motto “Gute Laune” laufen, kamen auch überaus gut bei unseren Hörern an.

4) Ich sehe dies eher umgekehrt als Zugeständnis an das Medium Radio. Nachdem zwischenzeitlich Streaming-Anbieter das A und O für die Musikindustrie waren, zeichnet sich hierdurch  wieder eine größere Gewichtung des Mediums Radio ab. Radio macht eben nach wie vor Hits.


 

„Ich denke eine wichtige Rolle im Airplay werden auch Künstler mit einer eher kantigen, düsteren Stimmfarbe sein“

 

Claus-Peter Freiherr von Hafenbrödl, RADIO REGENBOGEN, Leitung Musik

Claus-Peter Freiherr von Hafenbrödl (Bild: ©RADIO REGENBOGEN)1) Der vorherrschende Musiktrend 2020 war natürlich der 80er Sound. Künstler wie The Weekend, Miley Cyrus oder etwa Dua Lipa haben die Playlisten dominiert. Der zweite große Trend waren die Dance Cover, wie zum Beispiel Kygo mit Tina Turner oder Robin Schulz mit WES.

2) Beim 80er Sound ist kein Ende in Sicht, und auch die Cover werden uns erhalten bleiben. Auch Titel mit Musikzitaten vergangener Hits werden sich wohl durchsetzen, wie Ava Max “My Head & My Heart“, oder Leony “Faded Love“. Ergänzend erleben die 2000er ein Revival, als bestes Beispiel vielleicht das bevorstehende Comeback der No Angels. Ich denke eine wichtige Rolle im Airplay werden auch Künstler mit einer eher kantigen, düsteren Stimmfarbe sein, Sänger wie Dermot Kennedy, der ja schon etabliert ist, oder JC Stewart, Dotan oder Zoe Wees

3) Ich denke nicht, dass die Pandemie Auswirkungen auf Musikpräferenzen unserer Hörer hatte. Aber ich glaube, und da schließe ich uns als Macher mit ein, dass wir alle mal wieder richtig Bock haben, auf ein Konzert zu gehen. Live ist das alles viel schöner.

4) Umgekehrt wird da ein Schuh draus. Ich würde sagen, die Bedeutung des Radios nimmt wieder zu. Durch die Marktforschung können wir ja auch erkennen, dass die Nutzung, gerade in der Pandemie, deutlich zugenommen hat. Die Mischung aus Information, Entertainment und dem Lieblingsmix unserer Hörer kann ansonsten auch kein anderes Medium leisten.


 

„Irgendwann sind dann auch mal alle Hits der 80er und 90er recycelt, dann sind wieder echte Songwriter-Qualitäten gefragt“

 

Torsten Birenheide, RADIO PSR, Programmchef

Torsten Birenheide (Bild: ©RADIO PSR)

1) Weiter extrem stark waren EDM und DJ-Sounds, dabei vor allem 80er Synthie Retro-Pop. Hier war “Blinding Lights“ von The Weeknd quasi der Wegbereiter. Das war im Grunde der Megahit im vergangenen Jahr, der sich auch als erstaunlich haltbar erwiesen hat. Dieser Retro-Sound hat dann richtig Fahrt aufgenommen, egal ob recycelt, wie beispielsweise bei Kygo mit Tina Turner oder „neu“ entwickelt, wie bei Mark Forster, Miley Cyrus und anderen. Deutsch-Pop spielt weiterhin auch eine große Rolle, wobei diese Songs nach wie vor auch immer etwas polarisieren.

2) Der Retrosound wird 2021 stark bleiben – einfach, weil bei umkämpfter Aufmerksamkeit schnelle Bekanntheit Trumpf ist. In diesen Zeiten, in denen es vor allem auf schnelle Klicks ankommt, ist das für die Macher ein großer Vorteil. Aber: je gleichförmiger und langweiliger ein Trend, desto größer die Chancen auf Ausreißer im Sound. Irgendwann sind dann auch mal alle Hits der 80er und 90er recycelt, dann sind wieder echte Songwriter-Qualitäten gefragt.

3) Auf die großen Trends aus meiner Sicht nicht. Wer allerdings ein aufmerksamer Musikfan ist, der hat einfach derzeit viel mehr Auswahl. Fast jeder Künstler, jede Band hat in der Corona-Zeit etwas Neues aufgenommen – ein schier unendlicher Pool an richtig cooler Musik – wenn man sie denn sucht und findet.

4) Damit spiegeln die Charts wieder etwas mehr die Masse der Leute wieder, die neue Musik eben immer noch vor allem über ihre Lieblingsradiosender kennenlernt. Ob die Charts dadurch für das Radio wieder mehr Gewicht bekommen, muss man abwarten.


 

„Gitarrenmusik wird fast gar nicht von unseren Radiohörer*innen nachgefragt, weder aktuelle Titel, noch Klassiker. Diese Präferenz hat sich auch im Corona-Jahr fortgesetzt“

 

Axel vom Bruch, N-JOY, Musikchef

N-Joy

1) Auch in 2020 waren das viele Songs aus dem Genre Dance/EDM, und der Trend zu Coverversionen, Remakes und Adaptionen von 80er, 90er und mittlerweile auch 2000er Songs/Hits setzte sich fort. Außerdem gab es spannende Veröffentlichungen im Bereich Sophisticated-Minimal-Female-Pop (nicht nur von Billie Eilish), die es im letzten Jahr auch zunehmend in die oberen Regionen der Airplay-Charts geschafft haben. In der jungen Zielgruppe wird immer noch verstärkt deutschsprachiger HipHop nachgefragt, aber auch die Pop-affinen, melodiösen Produktionen aus den USA aus dem Genre HipHop/R’n’B funktionierten zunehmend auch im Radio.

2) Diese Trends werden sich auch in 2021 fortsetzen und für das erste Halbjahr sind noch keine neuen Strömungen beziehungsweise Trends spürbar, zumindest nicht im Norden.

3) Eine sehr harmoniebedürftige Haltung – und das nicht nur was musikalische Präferenzen betrifft -, beobachten wir schon seit Jahren. Zornige Texte und „roughe“ Produktionen und Musikstile finden ja kaum noch in den Airplay- und Verkaufscharts statt. „Gitarrenmusik“ wird fast gar nicht von unseren Radiohörer*innen nachgefragt, weder aktuelle Titel, noch Klassiker. Diese Präferenz hat sich auch im „Corona-Jahr“ fortgesetzt.

4) Es wurde ja auch Zeit. Nein, im Ernst. Wir sind uns sicher, dass dadurch wieder einer größere Zielgruppe (30 plus) abgebildet wird und daher die Charts auch wieder an Relevanz für alle Radiomacher*innen gewinnen werden.

…Fortsetzung folgt!

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