Ist da die Maus drin? Oder: Wie macht man Radio für Kinder attraktiv?

Veröffentlicht am 16. Feb. 2020 von unter Standpunkte

Der Westdeutsche Rundfunk aus Köln bringt jetzt die “Sendung mit der Maus” auch im Radio. Dafür hat Technisat ein spezielles “Mausradio” auf den Markt gebracht. Doch wird Radio damit für Kinder interessant?

Das Technisat Digitradio1 im Mausdesign

Das Technisat Digitradio1 im Mausdesign

Viele Jahrzehnte war Radio ein Medium, das auch Kinder begeisterte und das ihnen eher offenstand als das Fernsehen: Die Glotze hatte den Platz des Radios im Wohnzimmer eingenommen und jenes durfte deshalb in die Küche, das Schlaf- oder gar das Kinderzimmer wandern und war somit für den Nachwuchs verfügbar. Der Pumuckl von Ellis Kaut wurde so als Hörspielserie im Bayerischen Rundfunk berühmt, lange bevor er auch als Buch, als Fernsehserie und als Film erschien, ebenso spielten Manfred Sexauer oder Thomas Gottschalk im Radio eine größere Rolle für Jugendliche als der “Beat-Club” im Fernsehen.

Tablets können nicht Radio hören

Heute gibt es neben Kinderfernsehprogrammen gemischter Qualität (bei “Toggo” von Super RTL fehlt eigentlich das Label “Dauerwerbesendung”…) auch von Amazon speziell für Kinder ausgelegte Tablets, auf denen neben Büchern und Internet auch YouTube und der von Amazon gekaufte Hörbuch-Dienst Audible für eine Flatrate vertreten sind. Radio über Antenne hören kann man damit allerdings nicht – die Radio-Chips, die in manchen Smartphones verbaut sind, werden ohnehin meist gar nicht erst aktiviert und können mit Ausnahme eines einzigen inzwischen historischen Geräts von LG auch kein Digitalradio (DAB+) empfangen, sondern nur UKW.

In Tablets werden diese Chips jedoch erst gar nicht verbaut. Es soll schließlich Traffic im Internet generiert werden – das freut die Kraftwerksbetreiber und Freunde der Erderwärmung. Die Sender werden dagegen auf diese Art arm – jeder Internet-Hörer kostet extra. Der Westdeutsche Rundfunk Köln hatte deshalb zur Jahrtausendwende noch eine Zeitbegrenzung auf seinen Audio-Streams – nach 20 Minuten war Schluss mit Lustig, aus die Maus!

E-Mail? Pay-TV? DAB? Das Böse hat für den ÖRR viele Gesichter…

Nun ist der Westdeutsche Rundfunk Köln ohnehin kein Freund des Internets. Er startete zu eben jener Zeit eine “Internet-Offensive” – eine Offensive ist ein Angriffskrieg, und das nahm man wörtlich. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sieht das Internet als seine “dritte Programmsäule“, weshalb auch er dafür Gebühren kassieren wollte und nicht etwa die Provider, und alles andere als öffentlich-rechtliche Audio- und Video-Streams muss da weg. So ein Lob des Autors auf das deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, das zusammen mit dem Rest der Website und vor allem allen E-Mail-Adressen einkassiert wurde: Plötzlich sollten die Wünsche des Chefs auf dem Tisch des Intendanten landen statt auf meinem, ebenso wie die meiner Familie und Partnerin, vom Zugriff auf meine Amazon- und Ebay-Accounts und das Gehaltskonto ganz zu schweigen.

Also ist der Sender ein Freund des klassischen Rundfunks? Nein, auch das nicht unbedingt: Das Pay-TV über Satellit ist ebenso böse wie Homebanking oder E-Mail im Internet, weil mit Passwort versehen, also nicht für jeden offen, sondern nur für den jeweiligen Kunden. Öffentlich-rechtliche Intendanten können sich selbstverständlich auch den Zugriff auf fremde Konten und Kreditkarten per einstweiliger Verfügung holen – bei anderen nennt man so etwas dagegen Hacking, Kartensharing und Phishing und es ist strafbar.

Und DAB(+) – Digitalradio? Auch das war für Fritz Pleitgen des Teufels, pardon, Bayerischen Rundfunks, und ein weiterer Grund, mich als Feind und Gegner zu bekämpfen, nur weil ich darüber Berichte schrieb. Erst Monika Piel förderte es – und sich selbst wohl auch damit aus dem Intendantenposten.

Öffentlich-rechtliche Väter und kommerzielle Töchter

Dennoch gab es von Technisat schon einmal ein Kiraka-DAB+-Kinderradio, und nun gibt es ein Mausradio, denn das Kinderradioprogramm des Westdeutschen Rundfunks als Pendant zum Kika im Fernsehen wurde durch eine ganztägige “Sendung mit der Maus” ersetzt. Immerhin eine bessere Marketingidee der “WDR mediagroup”, der “kommerziellen Tochter des Westdeutschen Rundfunks Köln”, die einst nur die Rundfunkwerbung organisierte, heute aber all das rund ums Geldverdienen macht, das ein öffentlich-rechtlicher Sender eigentlich nicht machen darf, als das Mausbrot, bei dem es doch als Maus- und Brot-Liebhaber viel einfacher gewesen wäre, weiter bei Müller-Brot einzukaufen.

Kratz kratz, schnüffel schnüffel, klapper klapper…

Ein Digitalradio mit Maus-Bezug ist also schon ein mutiger und positiver Schritt eines Senders, der sich mit allem Digitalen lange so schwer tat. Die Basis des Technisat Mausradios ist das Technisat Digitradio1. Kann denn das “Mausradio” die Kinder tatsächlich wieder vom Tablet zum Radio locken?

Nein, leider nicht, aus mehreren Gründen:

  • Das Radio ist nicht wirklich kindgerecht. Nur das Gehäuse ist im “Mausdesign” bedruckt, das Radio aber ein ganz normales Erwachsenenmodell. Tatsächlich warnt die Anleitung sogar davor, es Kindern zu überlassen. Und klar, die Teleskopantenne kann ins Auge gehen und abbrechen. Auch die Bedienung ist nicht auf Kinder ausgerichtet.

  • Das Radio bietet nur Radio und sonst nichts. Kinder wollen auch gerne CDs/MP3s hören. Im Zweifelsfall ziehen sie eine “Toniebox” dem Radio vor.
  • Das neue Programm des Westdeutschen Rundfunks ist zwar werbewirksam, weil “die Maus” jeder kennt. Doch kann sie ja nicht sprechen, was im Radio ohne Bild etwas ungünstig ist, mehr als das Klappern der Augenlieder, das Kratzen und das Schnuppern sind hier nicht zu hören. Es ist auch kein tagesfüllendes Programm, es wird viel wiederholt und ein Podcast täte es eigentlich auch.
  • Das neue Programm ist gar nicht deutschlandweit zu hören.

Ok, das sind andere Kinderprogramme wie Radio Teddy auch nicht – und dieser Sender verärgerte seine Hörer, die zur landesweiten DAB+-Verbreitung in Hessen extra ein DAB+-Radio angeschafft hatten: Als er als Alternative zur landesweiten rauschfreien Versorgung eine einzelne, schwache UKW-Frequenz im Großraum Frankfurt bekommen konnte, gab er DAB+ sofort wieder auf. Zwar startete er in anderen Bundesländern wie Bayern neu auf DAB+ – aber ein DAB+-Kinderradio für Radio-Teddy-Hörer wäre auch dort keine sichere Investition – man weiß ja nie, ob die Betreiber dann das landesweite DAB+ wieder gegen einem kleinen 100-W-Sender in einem Münchner Vorort tauschen und den Rest Bayerns mit einem “ällabätsch” im Rauschen versinken lassen. Zudem: Werbung und Kinderprogramm sind wirklich keine gute Kombination, siehe “Toggo” – man hat dann quengelnde Kinder am Hals, die alles Mögliche gekauft haben wollen.

Von daher wäre das Kölner Kinderprogramm durchaus besser – wenn es halt nicht gerade von diesem Sender käme…

Das richtige Technisat-Kinderradio kommt erst noch!

Doch Technisat weiß dies und sieht das Mausradio ganz realistisch lediglich als eine Designvariante, die auch manchen Erwachsenen locken könnte, der sich dieses Modell als Erinnerung an seine Kindheit auf den Büro-Schreibtisch stellt. Eine “Mausradio”-Taste wie bei anderen für einen Sender speziell hergerichteten Varianten des Digitradio1 gibt es deshalb gar nicht erst, um Käufer außerhalb des Sendegebiets nicht zu frustrieren.

Wie ein richtiges, kindgerechtes Radio aussehen sollte, darüber macht man sich bei Technisat dagegen ganz ohne den Westdeutschen Rundfunk und seine Maus schon länger Gedanken – der große Erfolg der Tonieboxen mit ihren noch über dem Preis von CDs liegenden Figuren zeigt hier den Weg. Es wird ein Radio sein, das auch Tonträger – welcher Art auch immer – abspielen kann und wirklich für die Benutzung durch Kinder entwickelt wurde.

In einigen Monaten soll das neue Gerät auf den Markt kommen – man darf gespannt sein. Und im Gegensatz zu Toniebox, Amazon-Kindertablet & Co. wird es Radio empfangen!


Wolf-Dieter RothÜber den Autor:
Wolf-Dieter Roth, Dipl.Ing. Nachrichtentechnik, ist Radiofan seit der Kindheit und war in den Datennetzen über Festnetz und (Amateur-) sowie Mobilfunk schon aktiv, als 1200 und 9600 Bit/s als “schnell” galten und man gewohnt war, die eingehenden Daten live mitlesen zu können. Beruflich ist er in Elektronik, Internet- und Funktechnik, Fachjournalismus, PR und Marketing zu Hause.

 

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