Georg Rose: „Wir haben jeden Tag Spaß beim Radiomachen“

Veröffentlicht am 16. Jun. 2019 von unter Deutschland

Radio Köpfe: Georg Rose (Radio Wuppertal) – Chefredakteur und Ausbilder

Georg Rose (58), seit 1997 Chefredakteur von Radio Wuppertal, ist eine der Radio-Persönlichkeiten in Nordrhein-Westfalen (NRW), die am längsten mit dem Medium Privatfunk in diesem Bundesland vertraut sind. Die wenigsten wissen aber, dass bei dem stets farbenfroh gekleideten Radiomacher auch die vorherigen Karriereschritte bunt und vielfältig waren.

Chefredakteur Georg Rose an seinem digitalen Arbeitsplatz (Bild: ©Hendrik Leuker)

Chefredakteur Georg Rose an seinem digitalen Arbeitsplatz (Bild: ©Hendrik Leuker)

Unser Mitarbeiter Hendrik Leuker traf Rose im Funkhaus Wuppertal, das sich seit Mitte 2018 im alten ELBA-Fabrikgebäude befindet, zum Interview. Die ELBA war eine Firma für Büromaterialien. 

Von Print zum WDR

Nach dem Abitur studierte Rose in Freiburg im Breisgau und Münster Geographie, Politik und Anglistik. Studienbegleitend machte er eine Ausbildung beim Institut zur Förderung vom publizistischen Nachwuchs (IFP), einer katholischen Journalistenschule in München. „Journalistische Ethik im Sinne von Werteorientierung hat dort einen hohen Stellenwert“, erläutert Georg Rose. Dort wurde Rose trimedial, also in Hörfunk, Fernsehen und im Printbereich, ausgebildet. Bereits vor dem Abitur war Rose freier Mitarbeiter der „Münsterschen Zeitung“, während des Studiums war er beim „Südkurier“ in Freiburg. Über die Printschiene gelangte er zum Hörfunk, als freier Mitarbeiter beim damaligen SWF in Baden-Baden und in gleicher Funktion im WDR- Landesstudio in Münster. Dort war er in den Jahren 1984 bis 1988 tätig für eine dreistündige Radiosendung auf WDR 1, für das Frühmagazin „Radio Münsterland“, das von Montag bis Freitag von 6 bis 9 Uhr lief.

Blick ins Studio von Radio Wuppertal (Bild: ©Hendrik Leuker)

Blick ins Studio von Radio Wuppertal (Bild: ©Hendrik Leuker)

„Wir machten damals ein konservativ ländliches Radioprogramm“, erinnert sich Rose. Seinerzeit fuhr der WDR eine Regionalisierungsstrategie in seinem ersten Hörfunkprogramm. Mitte der Neunziger Jahre kamen die Programmverantwortlichen zu dem Schluss, dass die Hörerschaft zusehends veraltete. Am 1. April 1995 fiel dann der Startschuss für 1LIVE, das popmusiklastige Angebot für junge und junggebliebene Hörer. Als „fester Freier“ beim WDR im Landesstudio Münster war Rose sowohl für das Radio als auch für das Fernsehen tätig. Rose zieht das Radio dem Fernsehen als Medientätigkeit vor: „Radio ist das spannendste Medium. Sehr lebendig und spontan. Ich liebe diese Lebendigkeit, die man beim Radio hat. Das gibt es so nirgendwo.“, begründet Rose seine Wahl. 

Aufbauarbeit in Baden-Württemberg

Ende 1988 wechselte Rose zu den Privaten und wurde Chef des privaten RMB (Rems-Murr-Bürgerradios) in Waiblingen (bei Stuttgart). Rose wurde dort ins kalte Wasser geschmissen und durchlebte ein Wechselbad der Gefühle: „ Ich war vom WDR gewohnt, dass alles durchorganisiert war. In der Anfangszeit befand sich unser Sender im Souterrain eines Gebäudes in der Waiblinger Dammstraße, das vorher von einer Arbeitsloseninitiative genutzt wurde, und so sah es dort auch aus.“, erinnert sich Rose.

Zu Beginn habe es einen Scheck des Geschäftsführers in Höhe von 10.000.- DM gegeben, um den Sender aufzubauen: „ Wir waren dann erst mal einkaufen und haben unseren Sender mit Schallplatten eingedeckt. Auch damals gab es natürlich schon CDs. Die waren aber viel zu teuer.“ Hauptanteilseigner des Senders war Werner Weng, der vorher als Tonbandamateur auf Jagd nach Vogelstimmen war und dann die Zulassung zum Betreiben eines Senders erhielt. Privatfunk war damals etwas ganz Neues.

Der Begriff „Bürgerradio“ sollte die Nähe zum Bürger signalisieren: „ Es handelte sich gerade nicht um Bürgerfunk im nordrhein-westfälischen Sinne (Anm.: Laienfunk)“, erläutert Rose. – Was bedeutet eigentlich Aufbauarbeit? „Man muss sich vorstellen, dass es beim RMB- Projekt keine vorgefertigten Strukturen gab. Es galt damals, ein Team erst zusammenzustellen, die Technik aufzubauen und Ideen für das Programm zu konzipieren. Viele Vorbereitungen waren also zu treffen, ehe am 6. Dezember 1988 um 6 Uhr der Sendestart erfolgen konnte.“, schildert Rose die Anfänge.

Wegen eines Fehlers im Lizenzierungsverfahrens, gegen den gerichtlich vorgegangen wurde, musste der Sender bereits nach wenigen Stunden seinen Sendebetrieb einstellen und durfte erst wieder ab Juli 1989 seinen Probebetrieb aufnehmen. Am 21. August 1989 wechselte der Sender in den regulären Sendebetrieb. 1991 verließ Rose den Sender, der noch bis 2004 existieren sollte. Danach gingen die Frequenzen von RMB an ENERGY Stuttgart.

Rose wechselte zum Reutlinger Regionalsender RT4. Reutlingen im Neckar-Alb-Kreis galt als boomende Stadt, nachdem man dort im Jahr 1989 die 100.000 Einwohner-Marke überschritt und zur Großstadt avancierte. Heute hat Reutlingen 115.000 Einwohner. Damals war man der Ansicht man bräuchte gleich zwei Lokalsender: RTL 104,8 und RT4. Letztlich stellte sich dieses als ökonomischer Trugschluss dar. Zu RT4 wechselte Rose. Auch dort leistete Rose Aufbau- bzw. Erweiterungsarbeit: RT4 war bis dahin ein Sender, der sich die Frequenz 103,4 MHz mit Radio Neufunkland teilte und nur nachmittags zu hören war. „Aus einem Halbtagsprogramm sollte ein Vollprogramm entstehen“, so Rose. Georg Rose musste sich um neue Programmstrukturen kümmern, eine Morgensendung konzipieren und ein neues Programmschema für ein Programm, das nun rund um die Uhr lief, erarbeiten. RT4 kooperierte im Programm bereits 1994 mit dem Bereichssender Antenne 1 (Stuttgart) und wurde schließlich zu Antenne RT4. Wie so oft im Baden-Württemberg der 1990er- Jahre fehlte es einem Sender an wirtschaftlicher Tragfähigkeit.

Im Osten was Neues

Ab dem Januar 1993 war Rose dann in den neuen Bundesländern tätig, als Chefredakteur von Antenne Thüringen. In den Monaten zuvor pendelte Rose noch zwischen Reutlingen und Weimar, dem Sitz des ersten Thüringer Privatsenders. Von 5-9 Uhr die Morgensendung „Aufgeweckt“ von RT4 moderieren und am Nachmittag Vorstellungsgespräche in Weimar führen, jeden Tag hin- und herzufahren, daraus bestand in dieser Zeit sein stressiger Alltag. Denn alle, so schien es, wollten zum neuen Sender: An der Autobahnausfahrt Karlsruhe-Durlach bekam Rose von einem Gesellschafter einen großen Umzugskarton mit 600 Bewerbungen überreicht, aus denen die Kandidaten für die Vorstellungsgespräche und schließlich die ersten Mitarbeiter – beim Sendestart 23 an der Zahl – ausgewählt wurden.

Die Landesmedienanstalt Thüringens machte Druck. Der Sender sollte eigentlich schon vor Weihnachten 1992 auf Sendung gehen; am 15. Januar 1993 begann der Probebetrieb mit einem 24 Stunden-Vollprogramm und am 01. Februar 1993 startete Antenne Thüringen schließlich offiziell mit „What a wonderful world“ von Louis Armstrong. – In einem Zeitraum also von wenigen Tagen vor Weihnachten bis Mitte Januar musste zur Jahreswende 1992/93 eine komplette Redaktion aufgebaut und der Sender installiert werden.

„Das war ein spannendes Erlebnis mit wenig Schlaf.“, resümiert Rose. Unterscheidet sich eigentlich der Hörergeschmack in Ost- und Westdeutschland? „Wir waren damals aber enorm unter Zeitdruck. Diese Frage war für uns am Anfang nebensächlich. Die Hälfte des Personals musste aus dem Osten sein, die andere Hälfte aus dem Westen. Im Osten war eine andere Technik gebräuchlich. Es gab dort Magnetophone (Bandmaschinen) mit drei anstatt wie im Westen üblich zwei Spulentellern. Bald kamen nur noch Geräte mit zwei Spulentellern zum Zug. Zum Sendestart haben wir das komplette Musikarchiv von Radio Berg (Anm.: NRW-Lokalradio für den Oberbergischen und den Rheinisch-Bergischen Kreis) zur Verfügung gehabt. Die waren damals noch nicht auf Sendung. Nur so konnten wir den Start rechtzeitig hinkriegen. Man hatte anfangs keine andere Wahl als zu improvisieren.“, plaudert Rose aus dem Nähkästchen.     

Wuppertal im Fokus

Nachdem die erste Aufbauarbeit in Weimar geleistet war, zog es Rose wieder ins heimische Münsterland. Von 1993 bis 1997 war er Chefredakteur von Radio Kiepenkerl in Dülmen. Kiepenkerle werden im niederdeutschen Sprachgebiet umherziehende Händler genannt, die gewissermaßen einen Warenaustausch zwischen Stadt und Land ermöglichten: Auf einer Kiepe (hochdeutsch: Rückentrage) wurden den Städtern landwirtschaftliche Produkte wie Eier und Geflügel gebracht, den Leuten auf dem Land wurden z.B. Salz, aber auch die neuesten Nachrichten aus der Stadt feilgeboten. Insofern passt der Begriff „Kiepenkerl“ auch gut zu einem Radiosender…

Wuppertal ist mit 353.590 Einwohnern die größte Stadt und das Oberzentrum des Bergischen Landes. Sie wird auch „Großstadt im Grünen“ genannt und liegt südlich des Ruhrgebiets.

Firmenwagen von Radio Wuppertal (Bild: ©Hendrik Leuker)

Firmenwagen von Radio Wuppertal (Bild: ©Hendrik Leuker)

Wo liegen die Herausforderungen beim Sender dieser Stadt, Radio Wuppertal? „Wir fragen uns selbst, wo wir in zwei Jahren stehen wollen. In erster Linie wollen wir Inhalte auf lokaler Ebene schaffen und verbreiten, damit wir für Hörer in der Stadt attraktiv bleiben“, umreißt Rose die Kernaufgabe. Man muss wissen, dass die Musikauswahl in NRW nicht Sache der Lokalsender selbst ist, sondern vom gemeinsamen Dienstleister Radio NRW in Oberhausen kommt.

Mit der Musikauswahl, die einem Chefredakteur eines nordrhein-westfälischen Lokalsenders gewissermaßen vorgegeben wird, ist Rose mittlerweile wieder zufrieden: „Anderthalb Jahre lang war Radio NRW ohne Musikchef. Im Jahr 2018 bekam Radio NRW mit Robby Gierer einen neuen Musikchef. Er kommt von SWR 3. Ich traue ihm zu, dass er das Musikangebot deutlich verbessert.“ Das Musikformat ist AC (Adult Contemporary) und hat die gängige Zielgruppe der 14-49jährigen. Heutzutage sei es kein Problem, damit auch die 50+ zu erreichen. Diese fühlten sich durch das Musikangebot ebenfalls angesprochen. Außerdem hätten ältere Hörer eher das Geld, um für die Werbewirtschaft attraktiv zu sein. Andersherum sei es eine Herausforderung, junge Leute dazu zu bringen, Radio zu hören an Stelle von Streamingdiensten wie z.B. Spotify: „Um erfolgreiches Radio heutzutage zu machen, brauchen Sie nicht so sehr Gewinnspiele sondern gute Inhalte“. Insofern sei lokales Radio zu betreiben in erster Linie eine journalistische Aufgabe.

Nach Ansicht Roses ändert sich gerade viel bei den Verbreitungswegen: „UKW bleibt das wichtigste Verbreitungsmedium, um Leute zu binden. Wir sind aber auch in Alexa, im Tablet und im Smartphone. Auch viele, die sich Internetradio angeschafft haben, das zeigt die Erfahrung, kehren nach erster Neugier zu den altgewohnten Sendern zurück. Wir sagen den Leuten, besorgt Euch so ein Teil und wir sind schon drin!“, kann Rose den technischen Neuerungen durchaus Gutes abgewinnen.

Von Digital Audio Broadcasting (DAB+) hält Georg Rose indes nicht viel: „Das hören nicht viele. Das steht bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ganz oben, da sie ihre Entwicklungskosten herausholen wollen. Meine Sorge dabei ist, dass wir viel Geld in eine veraltete Technik stecken. Ich spreche mich dafür aus, besser das Geld in Apps und Skills wie Alexa zu stecken.“, fügt Rose hinzu.

Radiomachen hat lustige und sentimentale Seiten. Eher lustige: „Wir haben jeden Tag Spaß beim Radiomachen.“, bemerkt Rose. Sein Ausbilderherz pocht in sentimentalen Momenten laut, wenn junge Moderatoren einschlagen, die man selbst ausgebildet hat: „Das ist schon ein gutes Gefühl. Dann haben sich die Investitionen und die ganze Mühe gelohnt.“, fügt Rose hinzu. Er ist Ausbilder im Sender, hält Vorträge und Workshops u.a. auch beim IFP in München ab. 

Die passende Philosophie

Plakat von Radio Wuppertal (Bild: ©Hendrik Leuker)

Plakat von Radio Wuppertal (Bild: ©Hendrik Leuker)

In Roses Radiomacherwerkkasten befindet sich auch eine Radiophilosophie: „Ob Sie es jetzt Philosophie oder Konzept nennen mögen, Sie brauchen eine theoretische Grundlage. Für ein Programm wie das unsere bedeutet das, eine Balance zwischen journalistischer Information und Unterhaltung hinzukriegen.“ Rose ist es wichtig, auch ein positives Programm zu machen. „ Als ich vor 20 Jahren nach Wuppertal kam, ging es der Stadt schlecht. Es herrschte eine hohe Arbeitslosigkeit. Wir haben es uns damals zur Aufgabe gemacht, nicht nur schlechte Nachrichten zu verbreiten, sondern mit Beiträgen auch ein bisschen Stolz auf das Gemeinwesen hier in Wuppertal zu vermitteln. Wir haben damals mit positiven Nachrichten und Beiträgen Quote gemacht“, merkt Rose nicht ohne Stolz an. – „Man muss eine Überzeugung haben. Man darf das, was man tut, nicht zufällig tun“, fügt Rose hinzu.

Hobbys

Als Hobbys gibt Rose Radfahren und analoges Fotografieren an. Leidenschaftlich begibt er sich auf zwei Rädern auf längere Touren und macht regelmäßig Fahrradurlaub. Er fährt selbstverständlich kein E-Bike, sondern ein Trekkingbike mit 14 Gang-Nabenschaltung. Seine Lieblingsstrecke führt ihn an der Loire entlang. Das analoge Fotografieren ist schon „mehr als ein Hobby“, so Rose. Mehrmals im Jahr stellt er seine besten Fotos aus. Vor kurzem erfüllte er sich einen Fotografen-Traum: er erstand eine gebrauchte Leica M – selbstverständlich ein analoges Exemplar.

 

Hendrik Leuker ist Redakteur des RADIO KURIER. Dieser Beitrag aus seiner Serie „Radio Köpfe“ erschien dort im April 2019. 

Kontakt

Georg Rose
c/o Radio Wuppertal
Moritzstraße 14
42117 WUPPERTAL
Telefon: 0202- 25 77-200
Email: georg.rose@radiowuppertal.de
Internet (Privat): www.georgrose.de  (Analoges Fotografieren und Ausstellungen)

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