Radio-Köpfe: Peter Stockinger (SWF3-Programmchef a.D.)

SWF3-LogoUrsprünglich sollte das SWF3-Vollprogramm ein Autofahrersender werden wie zuvor schon Bayern 3 und hr3. Peter Stockinger (84) war beteiligt daran, dass es im Jahr 1975 nicht so kam. Ihm schwebte ein Pop-Vollprogramm vor, gewissermaßen ein Ausbau des „Popshops“, der bereits seit Anfang der 70er Jahre in der dritten Senderkette auf Sendung gewesen war (neben Ausländerprogrammen). Dieser wurde von der Geschäftsleitung auf Vorschlag der Programmkommission, der Stockinger angehörte, in die Abendstunden verlegt. Gleichfalls kamen auf diese Weise weitere originelle Sendungen, spezifische Elemente wie verständliche Nachrichten, Interviews und Beiträge von Relevanz, Jingles und sog. Radiocomics, dem Vorgänger der Radio-Comedy, hinzu.

Im Funkhaus am Baden-Badener Fremersberg war intern von ihm, dem Rotbart mit Glatze, und seinem Team als „Dschingle Kahn und seiner wilden Horde“ die Rede. Sie traten nämlich gemeinsam den Beweis dafür an, dass auch in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt lebendiges Radio möglich ist und die bisweilen dröge, gestelzte und formelhafte Ansprache aus Reichsrundfunkszeiten ein für alle Mal der Vergangenheit angehörte.

Peter Stockinger 2022 (Bild: Hendrik Leuker)
Peter Stockinger in seinem Wintergarten 2022 (Bild: Hendrik Leuker)

Stockingers Lebenswerk, für das er im Jahr 2013 den Deutschen Radiopreis überreicht bekam, war für unseren Mitarbeiter Hendrik Leuker ein triftiger Anlass, sich mit ihm im Wintergarten seines Hauses bei Kaffee und Kuchen im Stuttgarter Osten zum Interview zu treffen.     

Auf Umwegen zum Radio

Stockingers Vorbild war Jack London gewesen, ein US-amerikanischer Schriftsteller, der zu Zeiten der vorletzten Jahrhundertwende durch Abenteuerromane weltberühmt wurde. Wie er wollte er  Journalist werden. Nach 6 Jahren Gymnasium (gleichbedeutend mit Mittlerer Reife) machte Stockinger eine Buchhändlerlehre, die er abschloss. Dann war er, Schwabe von Geburt, im Jahr 1959 Hafenarbeiter in Hamburg. Stockinger machte sodann nach einer erfolgreichen Bewerbung über den Deutschen Journalisten Verband (DJV) ein Volontariat beim Hohenloher Tagblatt (Crailsheim) und war anschließend bei der Heidenheimer Zeitung, bei der Rhein-Neckar- Zeitung (Heidelberg) und dem Heidelberger Tagblatt tätig.

Peter Stockinger am SWF-Mikrofon (Bild: SWF/SWR)
Peter Stockinger am SWF-Mikrofon (Bild: SWF/SWR)

In Heidelberg bekam er im Jahr 1970 ein Angebot vom Südwestfunk (SWF): Dieses galt für die Magazinsendung „Heute Mittag“ auf SWF 1 und für Unterhaltungsprogramme am Nachmittag (Feature-Sendungen und Live-Diskussionen). So kam er zum Radio. Von 1975 an war er Abteilungsleiter, Leiter der Schlussredaktion von SWF 3, unter Hauptabteilungsleiter und Programmchef Gert Haedecke und ab dem 01.02.1989 SWF 3-Programmchef, nachdem er vorher kurzzeitig Verhandlungen mit Dr. Helmut Thoma von RTL führte. – Bei SWF 3 gehörte er zudem zum Moderatorenteam der Info-Sendung „SWF 3-Extra Drei“(werktags, 12.05-13 Uhr).

Markenkern von SWF 3

Im Jahr 1974 tagte die von Intendant Helmut Hammerschmidt einberufene Programmkommission, die sich mit der Neuordnung der drei Hörfunkprogramme des Südwestfunks (SWF) nach dem Vorbild der BBC und anschließend mit dem Ausbau von SWF 3 zum Vollprogramm beschäftigte. Zuvor hatten die bereits existierenden Vollprogramme Bayern 3 (seit 1971) und hr3 (seit 1972) eine Zusammenarbeit vereinbart. SWF 3 sollte ebenso eine Autofahrerwelle werden.

Das ging bei Bayern 3 sogar so weit, dass der ADAC weitgehend die Musikauswahl bestimmte: „Es sollte, wie ich es nenne, Fahrstuhlmusik gesendet werden. Musik, die nicht bei der Fahrt ablenkt.“, erinnert sich Stockinger und weiter: „Es gab einen Aufstand bei uns allen!“ Stockinger gehörte für die Redaktion „Aktuelles“ dem Planungskreis an. Der damalige SWF-Intendant Helmut Hammerschmidt bat daraufhin die fünfköpfige Programmkommission, die aus dem Planungskreis einberufen wurde, um konkrete Ausarbeitung der Vorschläge.

BBC Radio 1Stockingers Vorschlag als deren Mitglied, ein Pop-Vollprogramm zu senden, orientiert am Vorbild von BBC Radio 1, setzte sich schließlich durch. Zudem wollte er keine altbackene Sprache im Radio mehr hinnehmen, aber auch keine „aufgesetzte Fröhlichkeit“, die er bei Radio Luxemburg ausmachte, wie er im Oktober 2016 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ äußerte. Stockinger zog damals Rückschlüsse aus der von Infratest analysierten Marktsituation: Der Südwestfunk (SWF), ein Lizenzierungs-Kunstprodukt als Sender der französischen Zone, zuständig für Rheinland-Pfalz und Südwürttemberg-Hohenzollern/Südbaden, hatte seinerzeit in der ARD die schwächste Sender-Hörer-Bindung.

OE3 Logo 1967In weiten Teilen von Rheinland-Pfalz waren Radio Luxemburg und SR 1 Europawelle Saar auf UKW zu empfangen. Genauso wie die BBC sich mit dem Pop-Vollprogramm Radio 1 gegen die Seesender Radio Caroline & Co. letztlich behauptet hatte, müsste SWF 3 so ein Programm werden, das dem etwas entgegenzusetzen hatte, da die Marktlage schließlich eine andere war als in Bayern oder Hessen. Vor Programmstart holte sich die fünfköpfige Programmkommission Anregungen bei Ö3 in Wien, welches schon am 01. Oktober 1967 auf Sendung gegangen war. Gleichfalls ein Vollprogramm, das aus sog. Versuchsprogrammen hervorgegangen war.

SWF 3 startete schließlich am 01.01.1975 als Pop-Vollprogramm. In den „Popshop“ integriert waren damals noch Sendungen für Auszubildende („Hallo Stift!“) und Hochschüler, Sendungen für Behinderte, der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes, die Segelflugwetterberichte sowie Fußball-Live-Übertragungen zu hören, die übernommen werden mussten, was abends die – wie man heute sagen würde – Durchhörbarkeit beeinträchtigte.

Radiolegende Bernd MOHRHOFF 1 Bernd Mohrhoff Pop Shop
Das Pop Shop-Team von SWF3 (Bild: ©SWR)

Dazu gehört natürlich ein Team, das ein unverwechselbares Programm und einen Markenkern schafft: „Ich möchte jetzt kein einzelnes Programm hervorheben. Es ging zum Beispiel nicht ohne einen Gerd Leienbach (Anm.: Später „Bananas“ in der ARD), der sehr erfinderisch war.“, gibt Stockinger zu bedenken. Leienbach erfand das Maskottchen des Senders, den „SWF 3- Schwarzwaldelch“, der ursprünglich fiktiv aus einer umgekippten Milchdose entstand, die ein Geräusch wie „Mäh“ von sich gab.

Peter Stockinger (Bild: Wolf-Peter Steinheißer)
Peter Stockinger (Bild: Wolf-Peter Steinheißer)

Leienbach war der kreative Geist hinter Radiocomic-Figuren, dem Vorgänger der Radio-Comedy („Feinkost Zipp“), im Morgenmagazin „Litfaßwelle“ wie dem Norddeutschen „Knut Buttnase“ und dem Rheinländer „Herr Schniebelpuhl mit seinem Ölkännchen (Öölkännschen)“.

Gunnar Schultz-Burkel, später USA-Hörfunkkorrespondent in Washington, erfand „Hein Piepenbrink und seine (Anm.: schweigsame) Frau Agathe“. Die Radio-Comics ernteten nicht nur hellauf Begeisterung: „Eine Gewerkschaftsvertreterin fand es frauenfeindlich, dass Agathe nichts sagt und immerzu mit dem Kopf nickt. Oder nehmen Sie Elmar Hörig („Captain Kippdotter“), der einen eigenen Stil kreierte“. Hörig, von Haus aus Englisch- Lehrer, hatte zuvor nach seinen Angaben bei der Bewerbung eine Art Praktikum  bei „Capital Radio“ (London) absolviert (was er in seiner Biografie 2019 indes als Bluff offenbarte) und eckte mehrfach bei Rundfunkräten und Hörern mit seinen frechen Sprüchen an.

Auch Elke Heidenreich hatte als „Else Stratmann“, der fiktiven schnoddrigen Metzgersgattin aus Wanne-Eickel, ihre eigene Comedy. Stockinger weiter: „Anke Engelke (später „Ladykracher“ auf SAT.1) moderierte als Zwanzigjährige bei uns den Popshop. Nach einem Kinobesuch in Karlsruhe Mitte der 80er Jahre habe ich sie einmal im Autoradio gehört und extra in einer Haltebucht angehalten und zu mir gesagt: ‚Besser geht es nicht!’“, zeigt sich Stockinger vom Hang zur Perfektion bei Engelke immer noch beeindruckt.

SWF3-Autogrammkarte Frank Plasberg
SWF3-Autogrammkarte Frank Plasberg

Er habe junge Moderatoren wie Anke Engelke oder Stefanie Tücking aber nicht geprägt: „Man kann sie doch nicht prägen! Das sind nicht meine Schüler gewesen“, entgegnet Stockinger. Weitere namhafte Moderatoren gingen aus SWF 3 unter anderen hervor: Frank Plasberg („Hart aber fair!“-ARD), Claus Kleber („Heute- Journal“- ZDF) , Christian Sievers („Heute-Journal“-ZDF), Christine Westermann („Zimmer frei!“-WDR), Evi Seibert, Wetterexperte Jörg Kachelmann, Patrick Lynen, Thorsten Otto, und natürlich Musikexperte Frank Laufenberg, Mann der ersten Stunde, welcher bereits vor 1975 dabei war. Bis auf einige Moderatoren beim „Popshop“ wie Frank Laufenberg durfte übrigens niemand die Musik selbst auswählen.

Der Lohn ließ nicht lange auf sich warten: SWF 3 wurde unbestritten zum Kultsender: „Unser weitester Hörerkreis bestand aus 7,5 Millionen Hörern. Wir waren zu empfangen vom Alpenhauptkamm bis ins Ruhrgebiet, jedenfalls bis zur Kölner Bucht. Wir hatten auch viele Hörer in der Schweiz. Im Vergleich zu Radio Luxemburg hörten uns mehr formal Höhergebildete an den Universitäten im Sendegebiet, aber weniger Frauen.“, fasst Stockinger den Erfolg zusammen. Einige Frauen schienen an den Radiocomics Anstoß zu nehmen…

Zur Marke gehört auch bisweilen eine klare Abgrenzung. Anfang der 80er Jahre plakatierte SWF 3 „Heino darf bei uns nicht singen. Den müssen andere Sender bringen!“ – Der so gescholtene Sänger nahm dazu in dieser Zeitschrift (RADIO KURIER 12/2019) dergestalt Stellung, dass er erst durch Wim Thoelke auf diese Aktion aufmerksam gemacht worden sei, da die Werbeaktion nach seinen Worten nur in Baden- Württemberg gelaufen sei. Außerdem sei die Angelegenheit mit einem Vergleich beendet worden, wonach SWF 3 Heino mehrmals auf die Playlist habe setzen müssen. Dem widerspricht Stockinger energisch: „Die Werbeaktion der Frankfurter Werbeagentur Ogilvy in unserem Auftrag lief in unserem gesamten Sendegebiet, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Ein solcher Vergleich kann schon deswegen nicht geschlossen worden sein, da SWF 3 damals gar keine Playlist gehabt hatte.“ Nach seinen Unterlagen sei im Vergleich festgehalten worden, dass Heino sehr wohl in anderen Programmen des SWF gespielt werde. Heino habe die Redaktion von SWF 3 in Baden-Baden besucht und man habe sich des gegenseitigen Respekts versichert. Außerdem sei er zusammen mit Heino in „Bio´s Bahnhof“(ARD) bei Alfred Biolek im Fernsehen aufgetreten. – Und: „Es ist doch eine logische Geschichte, dass SWF 3 keinen Heino spielt. Insgesamt war es eine klasse Werbeidee!“, findet Stockinger.

Anders als die anderen

Wie sieht es mit lustigen Erlebnissen aus? Stockinger sind in diesem Zusammenhang besonders die regelmäßigen Treffen in den 80er und 90er Jahren nach dem regulären Feierabend in einer Gaststätte in der Baden-Badener Fremersbergstraße in Erinnerung. Wegen der mitunter fragwürdigen Qualität des Abendessens wurde sie im Intimjargon „Das grüne Kotelett“ genannt. Hier sei ständig in geselliger Runde am Programm getüftelt worden: „Das ging so weit, dass Kollegen spät abends ins Studio gegangen sind und noch etwas ausprobiert haben.“ – Stockinger wehmütig: „Leider waren auch viele Kolleginnen und Kollegen dabei, die wir bereits durch Tod verloren haben.“

Peter Stockinger (Bild: © Hendrik Leuker)
Peter Stockinger (Bild: © Hendrik Leuker)

Ein Programmchef muss immer auch das Ohr bei der Konkurrenz haben: „Anfangs vor allem bestand die Konkurrenz aus Radio Luxemburg und SR1 Europawelle Saar. Die aufgesetzte Fröhlichkeit von Radio Luxemburg, die unecht rüber kam, wollten wir nicht kopieren. Ich habe nichts gegen Radio Luxemburg. Einige Moderatoren von uns (Anm.: unter anderen Anke Engelke, Patrick Lynen und Michael Wirbitzky) waren vorher bei Radio Luxemburg. Dann SDR 3 besonders nach der Programmreform im Jahr 1990 (Anm.: , SDR 3 – Der wilde Süden´). Eine angedachte Kooperation mit SDR3 kam nicht zustande. Das Jugendmagazin POINT von SDR 3 war stark linksorientiert, während wir keine politische Tendenz im Programm, z.B. im , Popshop´, haben wollten.“

ClubCollageDie aufkommenden Privaten hätten hingegen dem Journalismus von SWF 3 wenig entgegenzusetzen gehabt. Mit dem SWF 3-Club seit September 1992 (Anm: Firmiert heute unter „SWR 3-Club“) hielt man noch engeren Kontakt mit den Hörern. Aber schon vorher: „Bei uns wurde immer jeder Hörerbrief beantwortet.“, betont Stockinger. Auch öffentliche Veranstaltungen seien in diesem Zusammenhang wesentlich gewesen, um auf Tuchfühlung mit dem Hörerpublikum zu kommen. „Damit meine ich keine pure Präsentation dieser Konzerte. Wir haben mit den Konzertveranstaltern Fritz Rau und Marek Lieberberg zusammengearbeitet und uns die Übertragungsrechte gesichert. Dadurch war es möglich, (Pop)-Konzerte in Ausschnitten oder ganz live zu übertragen.“ Dem Pop-Star Prince schien die besagten Übertragungsrechte jedenfalls nicht zu stören: Vor seinem Konzert, das übertragen werden sollte, entdeckte er das entsprechende Kabel und riss es mit den Worten: „Who the f…. is S-W-F?“ heraus… Selbstverständlich waren solche Live-Konzertübertragungen – wiederum nach dem Vorbild der BBC – nicht, da die Stars Angst vor sog. Bootlegs (illegale Tonaufnahmen, also Mitschnitt mit Leerkassetten) hatten.

SWR3-NewPop-Elch
SWR3-NewPop-Elch

Seit 1994 gibt es mit dem „New Pop-Festival“ ein Sprungbrett für neue Künstler, die in verschiedenen Sportarenen im Sendegebiet auftreten. Vorbild dafür war das Jazz-Festival in Montreux (Schweiz). Der Nachfolgesender SWR 3, der im Übrigen viele Elemente von SWF 3 übernahm, setzt diese Veranstaltung nun fort. Musikalischer Schwerpunkt waren internationale Hits, deutsche Versionen wurden bei SWF 3 grundsätzlich nicht gespielt, von den Anfangszeiten des „Popshops“ – vor Start des Vollprogramms – und der darin enthaltenen „Deutschen Hitparade“ einmal abgesehen.

Anfang der 80er Jahre stellte die konservative Tageszeitung „Welt“ bei SWF 3 einen Hang zu grünen Themen fest und unterstellte eine Nähe zu den damals aufstrebenden Grünen. Diese weist Stockinger von sich: „Grüne Themen, also die Auseinandersetzung mit Umweltthemen, gab es bei SWF 3 von Anfang an, also seit 1975. Die Grünen als Partei wurden erst 1980 gegründet. Es wurden Themen aufgegriffen, über die sich die Hörer unterhalten haben. Zuständig war bei Umwelt-Themen damals unser Redakteur Thomas Deicke, der später zum BR ging. Ich wollte Parteipolitik immer aus dem Programm heraushalten, nach dem Vorbild der BBC, und lehne es ab, über Parteien im Rundfunk Karriere zu machen.“

Anders als die anderen war SWF 3 sogar im Nachtprogramm: 1988 stieg SWF 3 aus der „ARD-Popnacht“ (Mo-Fr, 0-5 Uhr, Sa und So 0-6 Uhr) aus: „Die Musikauswahl und die Art der Moderation haben uns nicht zugesagt“, begründet es Stockinger. Dieses, obwohl man schon zuvor die wichtige Samstagnacht mit Party-Musik aus Baden-Baden bestreiten durfte. Die eigenständige Sendung nannte sich „SWF3-Lollipop“ und Samstag blieb es „SWF 3-Lollipop in der ARD-Popnacht“: „Da haben wir uns im Haus und in der ARD durchgesetzt.“, fügt Stockinger hinzu (der eigenständige Kurs fand dann bei weiteren Sendern Nachahmer).

Am 31.12.1982 um 12 Uhr mittags war SWF 3 wieder der Erste: Der erste Pop-Sender der ARD, der dauerhaft auf Kurzwelle zu hören war, und zwar im 41-m-Band auf 7265 kHz (Sender: Rohrdorf). „Damals habe ich mir von Sony eigens ein Kurzwellen-Gerät gekauft und auf den Kanarischen Inseln damit SWF 3 gehört“, berichtet Stockinger. Aus Hörerbriefen, untechnischen und technischen Empfangsberichten entstand die Sendung „SWF 3-Weltweit“, die in der Nacht am Samstag und Sonntag gesendet wurde (auf SWR 3 gab es eine Fortsetzung mit dem Internet und Emails). Das hatte den Nebeneffekt zu erfahren, wo und wie gut SWF 3 auf Kurzwelle zu hören gewesen war.

Im Jahr 1994 ging SWF 3 wieder mit der Zeit und war online mit eigener Website. Eine Online-Redaktion gab es schon vor dem Internet. Bertolt Bittel war leitender Ingenieur in der Technischen Direktion, später stieg er zum Technischen Direktor auf und war für die Digitalisierung des Senders verantwortlich. „Bill Gates hat uns 1995 in der Redaktion besucht und bekam von uns einen SWF 3-Elch überreicht.“, fügt Stockinger hinzu. Auch Konrad Zuse, der Erfinder des Computers, schaute bei SWF 3 vorbei

SWF3-Homepage von 1998
SWF3-Homepage von 1998

Überhaupt 1995, 20 Jahre SWF 3-Feier in Baden-Baden mit „Tag der offenen Tür“ auf dem Fremersberg: „ Es gab damals eine unglaubliche Resonanz, mit der niemand von uns gerechnet hatte. Eine überfüllte Stadt! Einfahrende Züge quollen über. Es gab zahlreiche Besucher auch aus anderen Teilen Deutschlands und aus der Schweiz.“, bleibt es bei Stockinger in guter Erinnerung.

SWF 3 war auch vorne dabei bei der Umstellung auf Selbstfahrerstudios. Viele Moderatoren konnten im Südwestfunk, wenn es darauf ankam, selbst Bänder schneiden: „Ich habe selbst schon Anfang der 70er Jahre mit der Schere Bänder geschnitten. Im „Popshop“ wurde schon immer im Selbstfahrermodus der Studiobetrieb gefahren, schon vor 1975. Zug um Zug kam dann, unter Protest des Betriebsrats, das ganze Programm dran, bis die Umstellung auf Selbstfahrerstudios Anfang der 90er Jahre abgeschlossen war.“ Moderatoren mussten somit ohne einen Techniker zurechtkommen. „Wir haben es einfach mit Wissen der Geschäftsleitung gemacht, weil wir einen größeren Bedarf an Sendezeit hatten als es Techniker-Arbeitszeiten gab.“, erklärt Stockinger. Stark gekürzt wurden die Beiträge beim Schneiden übrigens nicht: „Das ist ein Irrtum. Ich bin nicht der Erfinder der 1:30 Minuten- Beiträge, als der ich bisweilen angesehen werde. Bei SWF 3 waren die Beiträge bis zu 5 Minuten lang.“,  ruft Stockinger in Erinnerung.

SWF3-Studio 1998
SWF3-Studio 1998

Am 30. August 1998 erfolgte die Fusion von SWF und SDR zum Südwestrundfunk (SWR). Stockinger war an den Fusions-Verhandlungen beteiligt. Es stellte sich heraus, dass angedacht war, dass SWF 3 und SDR 3 in SWR 1 aufgehen und aus Stuttgart gesendet werden sollten. „DASDING“, das bisher mit SWF 3 zur Pop-Unit vereinigt war, sollte fortan der jugendliche Sender sein. „Wir hätten uns selber Konkurrenz gemacht“, kritisiert Stockinger das von der Politik zunächst favorisierte Konzept. Hans-Peter Archner (SDR3-Chef) und er legten dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Günther Oettinger, der später Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden sollte, mehrmals detailliert dar, weswegen SWF 3 in SWR 3 weiterexistieren und weiterhin aus Baden-Baden gesendet werden sollte. Letztlich lenkte die politische Seite nach langen Verhandlungen ein.

Gedanken über das Medium

Stockinger ist nach eigenen Angaben weder Freund noch Feind des Formatradios unserer Tage: „Ich finde nicht, dass Private ein Formatradio senden müssen. Zumindest sollte es kein von Consultants (Beratern) vorgestanztes Format sein.“ Es käme bisweilen sogar vor, dass Radioleute aus Rest an Scham wegen der mangelnden Qualität des Programms sich zynisch über ihr eigenes Programm äußerten und damit ihr Hörerpublikum verhöhnten. Außerdem würde ich bei den Öffentlich-Rechtlichen die Werbung abschaffen nach dem Vorbild der BBC. Bei SWF 3 litten wir aufgrund unseres Erfolges in der Primetime an einer Werbelast von achteinhalb Minuten pro Stunde.“

Wie wird Radio in 10 Jahren aussehen? „Es kommt aufs Radio an. Radio muss unentbehrlich sein. Beim Deutschlandfunk weiß ich, dass ich auf seine Informationen angewiesen bin. Es ist das meist zitierte Radioprogramm. Auch mit SWF 3 hatten wir dank des Journalismus z.B. von Claus Kleber, Peter Zudeick oder Christine Westermann eine politische Relevanz bei jungen Politikern, die uns in Bonn auf UKW hören konnten.“, gibt Stockinger zu denken. Junge Leute, die mit dem Smartphone und Streamingdiensten wie Spotify aufwüchsen, fänden immer weniger den Weg zum Radio. „Radio ist im Vergleich dazu umständlich und nicht attraktiv genug.“, so Stockinger. Dem müsse man entgegenhalten, dass Radio im Vergleich zum Fernsehen das schnellere Medium sei und Ton im Vergleich zum Bild emotional tiefer gehe. Stockinger weiter: „Radio stiftet Teilhabe vergleichbar mit der Teilnahme an wichtigen Ereignissen wie an einer Kommunionfeier“.

Kritische Stimmen werfen dem Radio von heute vor, ein Langweilerprogramm zu machen, bei dem die Moderatoren glattgebügelt sind und gleich klingen. „Das stimmt meistens. Es stellt sich eine Uniformität ein. Es werden angenehme Stimmen bevorzugt. Ich weiß nicht, ob Anke Engelke, Claus Kleber oder Elke Heidenreich über diese Hürde gekommen wären. Zumindest nicht am Anfang.“, merkt Stockinger kritisch an. „Das führt zur Belanglosigkeit. Ich brauche Radio doch nur, wenn etwas Originelles und Einmaliges gesendet wird. Gesucht werden Originale!“

Peter Stockinger (Bild: @Deutscher Radiopreis)
Peter Stockinger (Bild: @Deutscher Radiopreis)

Für sein Lebenswerk bekam Stockinger im Jahr 2013 den Deutschen Radiopreis verliehen. Die Laudatio hielt Frank Plasberg. In seiner Rede forderte Stockinger damals die Konzentration bei der Ausbildung auf das Radio angesichts der heutigen trimedialen journalistischen Ausbildung (Radio, Fernsehen und Online). „Das wurde missverstanden, als ob ich gegen das Digitale an sich sei. Bin ich überhaupt nicht“, betont Stockinger.        

Hör- und Sehgewohnheiten

Seit September 1998, seitdem er 59 Jahre ist, ist Stockinger in Radio-Rente und Privatmann: „Ich wollte kein Berater werden“. Andererseits war er altersbedingt aus dem jugendlichen Programm herausgewachsen. Hobbys habe er keine. Seit seiner Buchhändlerlehre lese er viel, was er aber nicht zu den Hobbys zähle. Im Radio höre er den Deutschlandfunk und online BBC Radio 1 sowie britische Talkradios. Im Fernsehen sehe er Filme auf Netflix, nutze die Mediatheken und schaue CNN und auch TV5 Monde, nachdem er in Rente Französisch gelernt habe. Früher habe er auch Radioprogramme auf Kurzwelle gehört, im Urlaub Deutsche Welle und SWF 3. Auf Spotify läuft im Hintergrund unseres Gesprächs „SWF 3. Das Original“.

Dieser Bericht erschien zuerst im RADIO KURIER (11/2022).

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