Radio-Trends 2020: Verkehrsfunk ade und Podcast First?

Veröffentlicht am 01. Jan. 2020 von unter Standpunkte

Bisher hat die digitale Transformation, die sich in den letzten 10 Jahren in fast allen Bereichen intensivierte und zu großen Umwälzungen führte, die Radioprogramme noch vergleichsweise wenig beeinflusst. Noch immer ist die Verweildauer von klassischen Hörfunksendern unverändert hoch, wie die letzte Media Analyse ma 2019 Audio II gezeigt hat.

Verkehrsfunk ade

DeutschlandfunkIn den 20er Jahren kommt nun immer mehr ein Umdenken in den Chefetagen der Radiosender. Den Anfang macht dieses Jahr der Deutschlandfunk, der ab 1. Februar 2020 auf Verkehrsmeldungen komplett verzichten will. Gerade beim deutschlandweiten Programm ist diese Entscheidung nachvollziehbar, da die meisten Staumeldungen für die HörerInnen völlig irrelevant sind. Wer gerade in München unterwegs ist, interessiert sich nicht für den Verkehr in Hamburg und umgekehrt, und für alle, die gerade gar nicht im Auto sind, sondern zu Hause oder in der Bahn, sind die minutenlangen Verkehrsbericht lästig. Abgesehen davon konnten aus Zeitgründen im DLF nur die wirklich langen Staus gemeldet werden. Ab Februar will der Sender daher die gewonnene Zeit lieber mit ausführlicheren Nachrichten und erklärenden Hintergrundinformationen füllen. Auch das ist eine gute Entscheidung, denn in Zeiten von Fake-News Internet steigt das Bedürfnis an validen Nachrichten weiter. Hier kann der als seriös positionierte Deutschlandfunk in Zukunft weiter punkten.

Der DLF ist der erste Sender, der vor den Navigationssystemen und Traffic-Apps kapituliert. Diese können erstens schneller und vor allem individueller die Staus auf den Straßen anzeigen. Gegen die Schwarm-Intelligenz der WAZE-App zum Beispiel, die die Standorte und Geschwindigkeiten der Verkehrsteilnehmern in Echtzeit anzeigt und gleich alternative Routen darstellt, wenn der Verkehrsfluss stockt, kann kaum ein Radiodienst etwas entgegensetzen. Auch wenn sich in punkto Schnelligkeit viel getan hat, auf persönliche Fahrstrecken kann ein Massenmedium wie Radio nicht vollständig eingehen und eine zeitliche Verzögerung gibt es ja sowieso: der Hörer muss – mit Ausnahme der Geisterfahrer – im linearen Radio immer bis zu den Verkehrsnachrichten warten, im ungünstigsten Fall 30 Minuten. Manche Sender verbreiten Staumeldungen auch über die RDS-Laufschrift im Autoradio, aber das ist nicht nur nervig sondern mindestens genauso gefährlich wie während der Fahrt zu SMSen.

Je kleiner das Sendegebiet eines Senders, um so mehr haben Verkehrsmeldungen noch Sinn, da die Wahrscheinlichkeit umso größer ist, dass es einen Autofahrer wirklich betrifft. Aber auch einige landesweite Sender wie 1LIVE senden längst nicht alle Staus, sondern nur die längsten, damit die Hörer zu Hause nicht genervt abschalten.

Was kommt nach dem Verkehr denn vielleicht noch auf den Prüfstand? Der Wetterbericht? Auch dafür schauen immer mehr Menschen auf ihre Wetter-App, die das Wetter für ihren Wohnort mehr oder weniger genau vorhersagt – aber vor allem genau dann, wenn sie es wissen wollen. Die Echtzeit spielt im Leben der Menschen heute die entscheidende Rolle, die Smartphones geben den neuen Takt vor, an ihr müssen sich alle linearen Medien messen lassen. Daher wird der Trend zu On Demand als zweiter großer Trend in den 20er Jahren anhalten.

Podcast First

Manche Privatradios machen es schon seit Jahren: eine 1-3 stündige Radiosendung wird als Podcast angeboten und in einer Endlosschleife auch als Audio linear gestreamt. Nun ist auch z.B. der WDR dazu übergegangen, statt eines 24-Stunden-Musikstreams mit Jingles und Ansagen, lieber einen zweistündigen Podcast in einer Endlosschleife als Webstream anzubieten, siehe Aus KiRaKa wird ab 1. Dezember “Die Sendung mit der Maus zum Hören” . Die Art und Weise, wie Radio gemacht wird und welche Prioritäten dabei gesetzt werden, ändert sich immer mehr in Richtung “Podcast First”: zuerst online verbreiten und später im linearen Radioprogramm einbauen. Manche Live-Liebhaber werden das vielleicht verteufeln, weil sie live immer besser finden als vorproduziert, aber der Vorteil der Distribution über viele Verbreitungswege überwiegt meist. Live-Mitschnitte als Podcast anzubieten hat es auch schon gegeben, werden aber von der Podcastszene nicht als Podcast akzeptiert. Podcast und Radio werden aber trotzdem weiter zusammenwachsen, so dass die Unterscheidbarkeit immer schwieriger wird. Daher wird seit einiger Zeit auch lieber über “Audio” geredet als über “Radio” (vgl. auch Trendmonitor: 2020 hört jeder dritte Deutsche Podcasts), da der Radio-Begriff eher linearen Rundfunk meint und Audio zusätzlich zeitunabhängig sein darf.

Gerade bei wortlastigen Radioprogrammen ist eine Modulisierung des linearen Programms zu beobachten. Mit den Nachrichtensendungen hat es begonnen, die man jederzeit digital nachhören kann, wann man will. Immer mehr lineare Radioprogramme werden in alle Einzelteile zerlegt und nach können nach Belieben neu zusammengesetzt und in Audiotheken abgerufen werden. Bei der ORF-Radiothek z.B. sind viele Live-Elemente ca. eine Woche lang chronologisch verfügbar.

Auch moderierte Musiksender experimentieren mit einer schleichenden Spotifysierung des Programms, bei der einzelne Titel weggewischt werden können in der Radio-App, (vgl. SWOP: Mit neuer RTL-App Musik im Radio selbst bestimmen). Schon 30% der RTL-Hörer würden das laut Stephan Schmitter tun. (Eine Morgenshow wurde testweise auch einmal mit drei unterschiedlichen Musikformaten angeboten: vgl. 104.6 RTL stellt “Arno hoch 3” wieder ein.

Spotify arbeitet umgekehrt mit Hochdruck daran, immer radioähnlicher zu klingen, in dem User ihre Lieblings-Podcasts mit ihrer Lieblingsmusik mischen und so ihr eigenes Lieblingsradio basteln können. Jetzt hat Musikstreaming zwar die Tonträger und mp3-Downlaods überflüssig gemacht, aber das Radio noch lange nicht. Lineares Radio wird weiterhin für die musikalisch eher unentschlossenen Menschen das richtige Medium bleiben, die das Gefühl haben wollen, dass echte Menschen sie mit unterhaltsamen und informativen Inalten versorgen. Sie brauchen im Prinzip nur einen Knopf zum Ein- und Ausschalten und einen für die Lautstärke. Alles andere wäre zu mühsam. Die Leanback-Mentalität wird es immer geben, aber wahrscheinlich wird sie seltener.

Goldmedia-Trendmonitor-2020-TIK-TOK-Infografik

Goldmedia-Trendmonitor-2020-TIK-TOK-Infografik

Die Dopamin-Spritzen wie TikTok, YouTube, Facebook, Snapchat oder Tinder knabbern immer mehr am Zeitkontingent der RadiohörerInnen, weil sie meistens auch mit Ton konsumiert werden, da stört das Radio im Hintergrund schnell. Was sollen Radiosender und alle anderen klassischen Sender tun, um sich gegenüber soviel digitaler Ablenkung zu wehren? Na klar, sie importieren ihre Inhalte dort, wo sich ihre HörerInnen aufhalten, um sie zu erreichen und hoffentlich auch zurückzuholen. Denn viele Radiosender finanzieren sich durch Werbung, die sie aber auf den Plattformen kaum verdienen können, sondern eher zu Hause im Radio oder auf der eigenen Webseite.

Die große Frage ist heute, wie kann man als Radioanbieter mit all die vielen endlos Spaß-Videos konkurrieren? Geht man mit den eigenen Inhalten dort nicht komplett unter? Ja, es sei denn, man passt sich mit den Inhalten an die Plattform an. Dort ist man dann nicht einer von 10-20 empfangbaren Radiosendern, sondern einer von Millionen Contentproduzenten, die gleichberechtigt nebeneinander stehen und dem gleichen Like-Mechanismus ausgesetzt sind. Deswegen suchen die Hörfunksender ständig junge Mitarbeiter mit Social-Media-Erfahrung oder engagieren junge YouTuber und bekannte Influencer. Oftmals hat dann der Online-Content nichts mehr mit eigentlich Radioprogramm zu tun. Wichtig ist nur, dass jeder Post gebrandet mit dem Senderlogo ist. Denn die einzige Hoffnung der Radiomacher ist, dass sich die Plattform-User an den Sendernamen erinnern, wenn sie bei einer Telefonumfrage nach ihrem Lieblingssender gefragt werden. Mit den so generierten MA-Zahlen können Radiosender noch immer am meisten verdienen. Die Radiobranche hofft,  dass das Prinzip der digitalen Werbemittelstreuung noch lange so funktioniert.

Digitale Audio-Endgeräte

Die Digitalisierung der Audio-Welt lässt auch den digitalen Gerätemarkt wachsen: die einen schwören auf DAB+ Digitalradios, andere Alleskönner mit WLAN-, UKW- und DAB+ inklusive Spotify Connect bzw. Amazon Music.

Am meisten verkauft werden weiterhin sprachgesteuerte Lautsprecher von Amazon, Google oder Apple. Dass mit dem Smartphone noch vergleichsweise selten Radio gestreamt wird, liegt sicher am Verbrauch des Datenvolumens und des Akkus und weil viele andere Funktionen des Smartphones einfach relevanter erscheinen. Zu Hause wird neben dem Smartphones also immer ein zweites Gerät mit Lautsprecher benötigt. Und da gibt bei z.B. bei einigen DAB+ Digitalradios noch Luft nach oben, was z.T. auch an der Bitrate liegt, aber das ist ein anderes Thema, zu dem in Kürze hier ein weiterer Artikel von Wolf-Dieter Roth erscheint.

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