BJV report: Nur noch ein Radio für Oberfranken?

Veröffentlicht am 21. Okt. 2009 von unter Deutschland

Zumindest enge Kooperation geplant – und die BLM weiß von nichts

Von Michael Anger

BJV-ReportDie fünf Lokalradios in Oberfranken rücken enger zusammen. Es gibt das Bestreben, Bamberg als gemeinsames Sendestudio zu etablieren. Die Beschäftigten befürchten massiven Stellenabbau.

Schaut man sich im Internet um, sind unter „Redaktion“ immerhin rund 90 Namen zu finden. In Coburg (Radio Eins) lächeln, inklusive Sendehund „Hazel“, 22 Mitarbeiter den Website-Betrachter an. Zwölf sind eindeutig als JournalistInnen benannt. Die Truppe des Funkhauses Hof (Radio Euroherz) umfasst sogar 18 Redakteure und Moderatoren. Der Internet-Auftritt von Radio Plassenburg in Kulmbach ist wegen einiger fehlender Bilder und Doppelnennungen etwas verwirrend. 19 Namen sind mit den Begriffen „Redakteur“, „Moderator“, „Gartenecke“ und „Häggbergs Welt“ verbunden. 22 journalistisch Tätige führt Radio Mainwelle in Bayreuth auf und beim Funkhaus Bamberg zählt man unter „Redaktion“ 14 Namen, unter der separaten Rubrik „Moderatoren“ etwa ein weiteres halbes Dutzend. Somit sind bei den Lokalradios rund 90 Menschen für journalistische Tätigkeit in Entgelt und Brot, davon 42 eindeutig als „Redakteur“ beziehungsweise „Volontär“. Gemeinsam haben die fünf Sender bisher eindeutig nur eines: die Beteiligung der Neuen Welle Rundfunk-Verwaltungs GmbH. Die, nachzulesen auf den Internet-Seiten der KEK (Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich), gehört zu 100 Prozent der Müller Medien GmbH & Co. KG. Deren Geschäftsführer und 80-Prozent-Besitzer ist Gunther Oschmann. Oschmann ist wiederum unter anderem an Antenne Bayern beteiligt.

Nun soll eventuell eine weitere Gemeinsamkeit hinzukommen: ein Sendestudio für ganz Oberfranken in Bamberg. „Überlegungen“ für eine Kooperation gibt es, bestätigt Mischa Salzmann, Geschäftsführer der Funkhäuser Bamberg und Coburg. Konkrete Frage des BJVreport: Wird man künftig im Bayreuther Lokalradio einen Ansager hören, der zwar eine Bayreuther Sendung ankündigt, aber in Bamberg sitzt und dort auch auf den Knopf drückt? Salzmann: „Ich halte das für akzeptabel.“

Keine Anträge aus Oberfranken

Aber man müsse halt das Aufsichtsorgan BLM, die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien, fragen. Deren Chef, Wolf-Dieter Ring, zeigt sich von der Anfrage des BJVreport überrascht. Aus Oberfranken seien keine derartigen Überlegungen oder gar Anträge für die nächste Sitzung des Medienrats Mitte Oktober bekannt.

Das steht im deutlichen Widerspruch zu dem, was Neue-Welle-Geschäftsführer Roland Finn berichtet. In Sachen Kooperation „haben wir schon vor langer Zeit mit der BLM gesprochen und sie hat gelegentlich nachgefragt, wie weit wir denn seien“. Auch Finn beschwört die Nähe zum Kunden: „Es muss weiterhin den lokalen Knopfdruck geben.“ Aber eine Kooperation könne die Qualität des Produkts heben, weil alle Redaktionen darunter litten, 24 Stunden senden zu müssen. Auch er hat schon gehört, dass sich in Bayreuth Ärger anbahnt. Der Oberbürgermeister wurde aufgefordert, dem Stadtrat zu berichten, ob die Wagnerstadt ihr Lokalradio verliert. Die Grünen-Stadträtin und Landtagsabgeordnete Ulrike Gote sitzt im Medienrat der BLM. Vielleicht als Beruhigungspille behauptet Finn: „Ich persönlich würde ja Bayreuth als Standort einer Zentrale bevorzugen. Wir werden jedenfalls sorgfältig abwägen.“ Die Pläne sollen möglichst noch heuer fertig sein. Dann sinniert Finn laut und deutlich vor sich hin: „Eigentlich haben wir die Genehmi gung der BLM ja schon…“

Die BLM hat die Lokalradio-Standorte registriert und die Mindestsendezeiten festgelegt. Ob am „Senderstandort“ auch der Sendeknopf gedrückt werden muss, darauf vermeidet Wolf-Dieter Ring eine eindeutige Festlegung. Die lokale Nähe sei auf jeden Fall das Erfolgskonzept. Ohne diesen eindeutigen Bezug sei die Existenz eines Senders sinnlos. Nach Ansicht der BLM sei die Aufteilung Bayerns in rund 60 Senderstandorte in Ordnung. Ganz selten seien Standorte aufgelöst worden. Aber schon bei der Genehmigung eines gemeinsamen Funkhauses in Nürnberg habe man lange diskutiert und überlegt, um die Qualität des lokalen Programms weiterhin zu garantieren. Da sich jedoch die wirtschaftlichen Bedingungen änderten, müsse auch das Konzept alle paar Jahre neu überdacht werden. Auch eine Kooperation von Sendern sei möglich. Aber die Grundidee des lokalen Radios müsse unbedingt erhalten bleiben.

Davon schwärmt auch sehr beredt Mischa Salzmann. Nur eine Redaktion vor Ort schaffe es, schneller zu sein als die lokale Zeitung. Nur ein Redakteur, der schon jahrelang aus dem Stadtrat berichtet, werde auch rechtzeitig und ausführlich notwendige Hintergrundinfos bekommen.

Aber: „Ich muss jeden Mitarbeiter refinanzieren, und zwar über die Werbung.“ Andererseits sieht er gemeinsame Werbung für den ganzen Regierungsbezirk in größerem Umfang als Problem. Der Bayreuther Metzger sei mit Werbung in Coburg oder Bamberg nicht zu locken. Die „Überlegungen“ im journalistischen Bereich sind offenbar schon etwas weiter gediehen. Es werde wohl eine „neue gemeinsame Verpackung und ähnliche Musikformate“ der fünf Sender geben. Gemeinsame Sendestrecken sind kein Tabu. So könne er sich eine oberfränkische Wunschsendung zwischen 18 und 20 Uhr vorstellen. „Dann brauch ich nur einen Moderator statt fünf.“ Auch könnte man Berichte von bezirksweitem Interesse von nur einem Team machen lassen. „Für einen Bericht über den Wahlkampf von Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg oder über den Baur-Versand brauche ich dann nur einen Redakteur statt fünf.“ Strikte lokale Darstellung, darauf schwört auch Hartmut Schmidt, Geschäftsführer der Radios in Hof und Kulmbach. Es habe wenig Sinn, einen Moderator von Plauen nach Bamberg zu schicken. Auch er sieht aber die Chance, Redaktionen durch Kooperation zu entlasten. Die Marken und die Senderstandorte würden aber bleiben. Und da überall personell bereits gespart werde, sieht er auch nicht die Gefahr eines Kahlschlags.

Anzeichen für eine oberfrankenweite Zusammenarbeit gibt es etliche, berichteten Kollegen und Kolleginnen dem BJVreport auf Nachfrage. So werde teilweise deutlich am Personal gespart, Arbeitszeiten in Sekretariaten verkürzt, ein Moderatoren-Workshop unter Beteiligung aller fünf Sender habe den Eindruck einer Casting-Show für die gemeinsame Zentrale erweckt. Man befürchtet, dass es in absehbarer Zeit nur noch die Bamberger Zentrale und an den anderen Standorten eine Art Notbesetzung mit je drei oder vier Journalisten geben wird, die ja nicht alle fest angestellt sein müssen.

Stimmen diese Überlegungen wäre der vermutetet Zentrale-Chef Mischa Salzmann natürlich aus dem Schneider, wenn er dem BJVreport zur Frage nach Personalabbau antwortet: „Für den Westen Oberfrankens kann ich sagen, dass wir schlank aufgestellt sind und ja sogar Arbeit von Freien zukaufen. Ich rechne nicht mit Kündigungen . . . und wenn, höchstens im üblichen Rahmen.“

aus: BJVreport 5/2009

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BJV


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