30 Jahre nichtkommerzielles Radio in Baden-Württemberg

NKL-Nichtkommerzielle Radios in Baden-Württemberg

Die Geschichte des nichtkommerziellen Hörfunks (oder auch wie die Macher sich selbst gerne bezeichnen der „Freien Radios“) begann in Deutschland 1977 mit der Aufnahme der seinerzeit noch illegalen Sendetätigkeit von Radio Dreyeckland (RDL), damals noch Radio Verte Fessenheim (wir berichteten gestern). 1988 ging RDL als erstes lizenziertes „Freies Radio“ auf einer 24-Stunden-Frequenz auf Sendung. Wobei der Begriff „frei“ in Zusammenhang mit Radio sicherlich diskutabel ist, sind denn alle anderen Sender „unfrei“? Sei’s drum.

Bis Radio Dreyeckland mit Erlaubnis der baden-württembergischen Landesmedienanstalt endlich hochoffiziell senden durfte – und in Folge weitere Sender on air gingen, verging viel Zeit. Die neue Programmform war in dieser Form auch sicher keine Wunschlösung der damaligen CDU-Regierung. Später ging es vor allem um das liebe Geld, das die Initiativen zum Sendebetrieb benötigten. Denn die Möglichkeiten der Generierung von Mitteln hierfür waren zunächst strikt limitiert.

LFKSchließlich einigte man sich auf eine Bezuschussung der nichtkommerziellen Lokalradios (NKL) durch die Stuttgarter Landesanstalt für Kommunikation (LFK). Die Medienbehörde fördert nun die Sender, die eine Zuweisung als NKL erhalten haben finanziell, damit beispielsweise Übertragungskosten und Kosten für technisches Equipment bezahlt können. Aber auch für die Ausbildung der Programmgestalter stehen Gelder für Workshops zur Verfügung.

Auch sonst hat sich einiges getan: an neun Standorten in Baden-Württemberg senden heute nichtkommerzielle Lokalradios (NKL), getragen vor allem von ehrenamtlichem Engagement. Hier können eigenverantwortlich Radiosendungen produziert und damit Themen und Musik von unterschiedlichsten Gruppierungen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Förderung von Meinungsvielfalt und Zugangsoffenheit soll bei den NKLs im Vordergrund stehen. 

Und dieses Ziel erfüllen die Programme. Lokal tragen die Nicht-Kommerziellen oftmals in erfrischend „anderer“ Weise zu einem Mehr an Pluralität bei. Die Beiträge werden hier nicht in 1’30 „abgefeiert“, sondern gelegentlich auch einmal über eine Stunde oder mehr vertieft beleuchtet. Es droht ja auch nicht die strikte Einhaltungen von Stundenuhren oder Werbeinseln. Die Themenauswahl geht bisweilen weit über die von Privatradios und vielen öffentlich-rechtlicher Wellen gekannte Bandbreite hinaus; sonst im Radio eher vernachlässigte Randgruppen wie Migranten oder sozial Benachteiligte werden in teils außergewöhnlicher Form ins Programm eingebunden. Zudem sind die NKLs wahre Biotope für die Musik „jenseits des Mainstream“.


RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Eva-Maria Sommer von der Landesanstalt für Kommunikation über den Entwicklungsstand der nichtkommerziellen Bürgerradios in Baden-Württemberg.

Eva-Maria Sommer (Bild: LfK)
Eva-Maria Sommer (Bild: LfK)

RADIOSZENE: Wie viele Hochschul- beziehungsweise nichtkommerzielle Radiostandorte gibt es derzeit in Baden-Württemberg? Sind weitere geplant?

Eva-Maria Sommer: Derzeit sind in Baden-Württemberg zwölf nichtkommerzielle Lokalradios auf Sendung. Die meisten strahlen ein 24-stündiges Vollprogramm aus, an drei Standorten teilen sich zwei Veranstalter eine Frequenz. Lizensierte Lernradios gibt es in drei Universitätsstädten – Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart. Weitere Standorte sind aktuell nicht geplant. 

 

„Baden-Württemberg ist deutschlandweit das Bundesland mit den meisten Freien Radios“

 

RADIOSZENE: Wie hat sich die Landschaft der nichtkommerziellen Bürger- und Hochschulradios in den letzten 30 Jahren entwickelt?

Eva-Maria Sommer: Baden-Württemberg ist deutschlandweit das Bundesland mit den meisten Freien Radios. Mit Radio Dreyeckland aus Freiburg ist auch das älteste NKL hier beheimatet – es wurde bereits 1988 lizensiert. 

Im Bereich der Lernradios erhielten im Jahr 2004 die Staatliche Hochschule für Musik Karlsruhe zusammen mit dem IFM – Institut zur Förderung von Wissenschaft und Ausbildung im Bereich der Neuen Medien e.V. – als erste Hochschule eine Übertragungskapazität zur Verbreitung eines Lernradioprogramms. Es folgten im Jahr 2005 die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, an deren Programmangebot auch die Pädagogische Hochschule Freiburg beteiligt ist und im Jahr 2009 der Hochschulradio Stuttgart (HoRads) e.V.. Der Verein war im Jahr 2004 bereits als NKL zugelassen worden. Alle drei lizenzierten Lernradios sind auch heute noch Lizenzträger, wobei in Karlsruhe das IFM ausgeschieden ist und andere Hochschulpartner sich am Programm beteiligen.

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RADIOSZENE: Mit welchem Anspruch sind die Programme damals auf Sendung gegangen?

Eva-Maria Sommer: Das Radio war für die Radio-Aktivist*Innen ein Sprachrohr, um alternative Sichtweisen einem größeren Publikum mitteilen zu können, die in die als „Mainstream-Medien“ empfundenen bestehenden Angebote keinen Eingang fanden. Zudem ging es um eine generelle Partizipationsmöglichkeit für Bürger an der Erstellung und Verbreitung von Medieninhalten. Mit dem Aufkommen des Internets und insbesondere Social Media-Angeboten ist die Vision der frühen RadioAktivist*Innen mittlerweile Medienrealität geworden. 

Gegenstand des Lernradiokonzeptes ist die Vermittlung von Medienkompetenz an Studierende, dabei insbesondere das Erlernen von journalistischen Techniken der Radiopraxis, die Verbindung mit crossmedialen Projekten sowie die Vermittlung von Schlüsselqualifikation, welches unter anderem auch durch Einbindung in die Lehre vermittelt wird. 

RADIOSZENE: Welche Vorgaben müssen die Programmbetreiber erfüllen?

Eva-Maria Sommer: Die Vorgaben für NKL- und Lernradioveranstalter*Innen ergeben sich aus Art. 5 des Grundgesetzes, dem Rundfunkstaatsvertrag und dem Landesmediengesetz sowie ergänzenden Rechtsgrundlagen, wie dem Jugendmedienschutzstaatsvertrag. Darüber hinaus sind die Veranstalter*Innen an allgemeine journalistische- und Programmgrundsätze gebunden. 

NKLs erhalten ihre Zulassung auf Basis des Landesmediengesetzes, nach Prüfung der persönlichen und sachlichen Zulassungsvoraussetzungen. Sie dürfen keinen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb bezwecken und müssen die Gewähr bieten, dass sie unterschiedlichen gesellschaftlichen Kräften, insbesondere durch die Einräumung von Sendezeiten für selbst gestaltete Programmbeiträge, Einfluss auf die Programmgestaltung gewähren.

RADIOSZENE: Wurde der Sendebetrieb der Sender durch wissenschaftliche Untersuchungen begleitet?

Eva-Maria Sommer: Im Rahmen ihrer Aufsichtsfunktion führt die LFK regelmäßig stichprobenartige Programmuntersuchungen bei allen lizensierten NKLs und Lernradios durch. Diese belegen sehr unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte, je nach Standort. 

RADIOSZENE: Gibt es Zahlen über die Akzeptanz der Sender oder die Struktur der Nutzer?

Eva-Maria Sommer: Zweimal jährlich führt die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. die Studie „ma Audio“ durch. Hierbei werden auch die Reichweitenzahlen der NKL- und Lernradios Baden-Württembergs erhoben. Aufgrund der Ausgestaltung des Erhebungsinstruments und geringer Fallzahlen lassen sich aus den Ergebnissen jedoch nur bedingte Rückschlüsse auf Akzeptanz und Nutzerstruktur ziehen. 

 

„Mit dem Aufkommen des Internets und insbesondere Social Media-Angeboten ist die Vision der frühen RadioAktivist*Innen mittlerweile Medienrealität geworden“

 

RADIOSZENE: Wie werden die Programme publizistisch in der Bevölkerung wahrgenommen?

Eva-Maria Sommer: Zur publizistischen Wahrnehmung der NKL-Programme in der Bevölkerung liegen uns keine Daten vor. 

RADIOSZENE: Sind diese Angebote nicht auch ein ideales Trainingscamp für den privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Land? Gibt es Zahlen oder Beispiele wie viele Radiomacher aus den nichtkommerziellen Sendern später in den professionellen Programmbetrieb gewechselt sind? 

Eva-Maria Sommer: NKLs stellen durch die medienrechtlich festgeschriebene Zugangsoffenheit einen guten, niederschwelligen Einstieg in die Radiowelt dar. Dem Rechnung tragend, engagiert sich die LFK gemeinsam mit weiteren Partnern im Bildungszentrum BürgerMedien e.V. (BZBM). Der Verein verfolgt das Ziel, die Fort- und Weiterbildung in den NKLs zu vernetzen und weiterzuentwickeln. Dies geschieht durch zahlreiche individuelle Seminare und Workshops an den NKL-Standorten im Land. 

Aus Datenschutzgründen führt die LFK keine Statistik darüber, ob und wie viele Radiomacher*Innen nach einem ehrenamtlichen Engagement ihr Hobby zum Beruf machen. 

RADIOSZENE: In welcher Form unterstützt die LfK den Sendebetrieb der Stationen?

Eva-Maria Sommer: Neben des bereits beschriebenen Engagements im Bildungszentrum BürgerMedien e.V. (BZBM) unterstützt die LFK die NKL finanziell mittels einer Institutionellen Förderung sowie einer Förderung der technischen Infrastruktur. Die Lernradios erhalten eine projektbezogene Förderung und eine Förderung der technischen Infrastruktur. Die Förderung der LFK ist der bei weitem größte Faktor für die Finanzierung der NKL. Mitgliedsbeiträge oder Zuwendungen Dritter haben eine Ergänzungsfunktion, die meist im einstelligen Prozentbereich der Gesamtfinanzierung liegt. 

RADIOSZENE: Derzeit senden die Angebote noch über lokale UKW-Frequenzen. Sind diese Programme nicht auch Anwärter für eine Verbreitung via DAB+?

Eva-Maria Sommer: Ein vor drei Jahren aufgelegtes Projekt, das eine Verbreitung von NKL und Lernradios auf einem Kanal im landesweiten Multiplex vorsah, wurde von den meisten NKL aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt. Das Projekt, das letztlich von drei Sendern, die sich den Kanal teilten, genutzt wurde, ist zum Jahresende 2018 ausgelaufen. 

Die LFK prüft derzeit Möglichkeiten, die sich aus dem Betrieb lokal begrenzter DAB-Sendeanlagen („Small Scale DAB“) ergeben. Nutzbar wäre dies für die NKL und weitere Formen lokalorientierten Engagements.

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Hörfunkliste Hörfunk in Baden-Württemberg (PDF)