Digitalradio DAB+: Wie sag’ ich’s meinem Kinde?

Veröffentlicht am 03. Mrz. 2019 von unter Standpunkte

Von Stefan Grünig (Betreiber DAB-Swiss)

Noch immer scheinen die schönsten Umzugskampagnen, teuer finanziert vom Bund, nicht wirklich Früchte zu tragen. DAB+ ist in den Schweizer Köpfen noch nicht wirklich angekommen, auch wenn Netzabdeckung, Sendervielfalt und Qualität einigermassen stimmen und die Hörerzahlen langsam ansteigen. Doch an was liegt es, dass in so mancher Wohnung, auf mancher Baustelle und in so vielen Büros noch immer gemütlich UKW vor sich hin dudelt. Wir haben den Test in unserem Umfeld gewagt und waren, gelinde gesagt, etwas schockiert!

Fallbeispiel 1: Das befreundete, bereits etwas ältere Ehepaar, haben wir auf Sunradio und seine monatliche Livesendung angesprochen. Sofort bemerkten wir die Unsicherheiten, welche in folgender Aussage gipfelten: «Wir haben einen UKW und einen DAB+ Radio im Haus. Auf dem DAB+ Gerät läuft DRS 1 (!!!) und auf dem UKW-Radio haben wir Radio BeO eingestellt, da dieses ja nicht auf DAB+ zu empfangen ist. Wir haben keine Ahnung, wie man da Sunradio finden würde!» Nach einer kurzen Fassungsphase erklärten wir den beiden dann, dass Radio BeO schon seit zwei Jahren rauschfrei über DAB+ sendet, dass DRS 1 schon seit ungefähr 6 Jahren SRF 1 heisst und dass neue Programme jeweils mit einem Sendersuchlauf zu finden seien. Die ebenfalls verblüffende Antwort: «Uii, wir verstellen lieber nichts, sonst finden wir SRF 1 nachher nicht mehr.» Was will man da noch entgegen?

Fallbeispiel 2: Bei meinem Frisör läuft seit ca. 20 Jahren SRF 3 oder Radio BeO auf der alten UKW-Stereoanlage mit der abgebrochenen Stabantenne. Heute, beim Haarschnitt auf Sunradio angesprochen, erhielten wir folgende frustrierende Antwort: «Ach weisst Du, wir wechseln immer zwischen Radio BeO und SRF 3 hin und her, je nachdem, welches Programm gerade weniger rauscht. Ich weiss, man sollte mal ein DAB+ Gerät kaufen, aber dieses kommt leider nicht von selbst in den Laden.» Unsere Antwort: «Na ja, bis 2024, wenn UKW spätestens abgeschaltet wird, werdet Ihr es auch noch schaffen auf DAB+ umzuschalten.» Zum Heulen…!

Fallbeispiel 3: Beim Töpferkurs läuft zu unserer Freude Swiss Pop auf DAB+. Angesprochen auf Sunradio meint die Töpferin: «Ach, das Radiogerät ist schon so alt und empfängt nur DRS 1 und Swiss Pop, etwas anderes kommt nicht rein und ich habe keine Ahnung von der Bedienung. Wahrscheinlich sind die Wände hier im Keller viel zu dick für andere Programme.» Das hat durchaus was, Kanal 12C kommt nur rein, weil die Sendeleistungen kürzlich drastisch erhöht wurden. Am nächsten Kursabend bringen wir einen Sony DAB+ Empfänger, als Ersatz für das alte Gerät mit der ebenfalls gebrochenen Antenne, mit und siehe da: Sunradio auf dirgis Kanal 6A läuft sogar zwischen den dicken Kellerwänden ohne Probleme und mit 100% Signalqualität. Die Töpferin ist begeistert und möchte das Gerät gleich behalten.

Noch immer finden sich landein, landaus solche “vorsintflutlichen” UKW-Radiogeräte in Hotelzimmern und Büros. Dabei sind einfache DAB+ Radios heute mehr als erschwinglich! (Bild: S. Grünig, Krattigen)

Noch immer finden sich landein, landaus solche “vorsintflutlichen” UKW-Radiogeräte in Hotelzimmern und Büros. Dabei sind einfache DAB+ Radios heute mehr als erschwinglich! (Bild: S. Grünig, Krattigen)

Fazit: Trotz mittlerweile einfach zu bedienenden Geräten, grosser Sendervielfalt auf DAB+, den jahrelangen Aufklärungsanstrengungen von DAB-Swiss im Internet und mit viel Geld angelegten Imagekampagnen und Umzugsslogans, ist die Hemmeschwelle für einen Umstieg auf DAB+ in der Schweiz beim Durchschnittsbürger immer noch viel zu gross. Man hört zwar sehr gerne Radio, wenn, dann aber immer dieselben gewohnten Sender, ohne einmal etwas Neues auszuprobieren und wehe, wenn man am Radiogerät etwas «rumdrücken» sollte. Einmal eingestellt, immer eingestellt! So kommt die neue Radiotechnologie wirklich auf keinen grünen Zweig. Einzig hilfreiche Methode wäre wirklich die baldige Abschaltung von UKW, um die Bürger aus der gewohnten «Radio-Komfortzone» zu holen und für mehr Sendervielfalt ohne Rauschen zu begeistern. Radiohören will jeder, aber wenn’s ja läuft, braucht man schlichtweg nichts Neues! Wichtig wäre dabei auch, den Konsumenten zu erklären, wie einfach die Bedienung mit dem Sendersuchlauf tatsächlich ist und vielleicht würde es auch durchaus Sinn machen, diese auf all den verschiedenen Geräten ein Wenig zu normen, wie beim UKW-Band mit der liebgewonnenen Anzeige zwischen 87,5 und 108,0 MHz. Wüssten die Hörer erstmal wie so ein DAB+ Gerät bedient werden müsste, fänden sie ganz sicher auch Freude daran und würden sogar mal andere Programme testen.

DAB-Digitalradio (Bild: S. Grünig, Krattigen)

DAB-Digitalradio (Bild: S. Grünig, Krattigen)

Kurz: Gegen die angestammte Trägheit der Menschen (ausser ein paar Radiofreaks) kommt keine auch noch so gute Kampagne an. Da hilft nur die «Holzhammermethode» eines baldigen UKW-Ausstieges. Erst dann wird man sich neu orientieren und seine Programme künftig digital konsumieren, wahrscheinlich sogar ohne großen Widerspruch.


Stefan Grunig

Stefan Grunig

Über den Autor:

Stefan Grünig aus der Schweizer Gemeinde Krattigen ist Betreiber der Plattform DAB-Swiss und befasst seit den frühen 90er Jahren intensiv mit dem Thema Schweizer Privatradios. Er arbeitet heute als Kaufmann in der öffentlichen Verwaltung, sowie als freischaffender Naturfotograf.

 

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