Das norwegische Experiment: UKW-Abschaltung

Veröffentlicht am 20. Mrz. 2018 von unter RadioFuture

James Cridland's Radio Future

Diese Woche befinde ich mich in der kalten und verschneiten Umgebung von Wien in Österreich auf der weltgrößten Radiokonferenz, den Radiodays Europe. Laut einem Poster sind hier – ungelogen – 1.600 Delegierte versammelt.

Letzten Sonntag habe ich einen speziellen Workshop über die norwegische Entscheidung, UKW abzuschalten, moderiert. Das haben sie inzwischen für alle nationalen und viele lokale Radiostationen durchgesetzt; geht man nach dem Marktanteil, nutzen 95 % aller Radiohörer nicht mehr UKW, sondern Online-Angebote und DAB+.

DAB+ ist Rundfunk: ein Lautsprecher in einer Box mit Antenne, die ein Signal empfängt, das von irgendeinem Hügel aus ausgestrahlt wird. Keine SIM-Karte, kein Datentarif – aber benötigt wird ein nagelneues Radio. Online-Radio ist natürlich anders – und im Vergleich dazu recht klein.

UKW abzuschalten war eine ziemlich mutige Entscheidung. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Norwegens haben es geschafft, mehr Radiostationen auf Sendung zu bringen – von drei nationalen Programmen auf über zehn nationale Programme (und sie sparen dabei viel Geld für Übertragungskosten); die Privatstationen betreiben 8 Programme statt nur einem bei gelockerter Regulierung der Inhalte. Insgesamt ist ein typischer Norweger von fünf Programmen auf UKW zu mehr als 35 auf DAB+ gewechselt.

Die letzten UKW-Sender sind im Dezember verstummt; die wöchentliche PPM-Messung hat gezeigt, wie das Publikum darauf reagiert hat. Ein spezieller Workshop war also eine gute Möglichkeit, der Branche über den Effekt der UKW-Abschaltung zu berichten.

Die Antwort: Es hat sich überraschend wenig getan. Der kommerzielle Rundfunk hat leicht an Marktanteil gewonnen, öffentlicher Rundfunk ist leicht geschrumpft. Das tägliche Radiohören ist um etwa 10% zurückgegangen, aber das wöchentliche Hören scheint im Jahresvergleich um weniger als 2% zurückgegangen zu sein. Es zeigt sich kein massiver Erfolg – nicht, dass irgendjemand das erwartet hätte. Aber es war auch kein massiver Misserfolg.

Die Privatstationen blieben wortkarg, als ich sie nach den Einnahmen fragte, aber sie machten den Eindruck, als ob sich an ihren Kosten nicht viel geändert hätte, obwohl sie nunmehr acht Programme statt nur eines betreiben: Die Lockerung der Vorschriften zum Inhalt hat geholfen. Sie haben das Gefühl, dass das Radio nun fit für die Zukunft ist.

Die freundlichen Norweger sind sehr daran interessiert, dass andere Länder ihrem Vorbild folgen. Wie gut, dass im Raum mindestens ein Delegierter aus der Schweiz war – aus dem Land, das wahrscheinlich als nächstes UKW abschalten wird. Dort nutzen bereits 60% der Radiohörer DAB+ – die Umstellung soll bis 2022 oder sogar noch früher abgeschlossen sein.

Mit Interesse nahm ich eine fröhliche Gruppe von Tastaturquälern zur Kenntnis, die mit Begeisterung unsinnige E-Mails an Journalisten verschickt haben, in denen zu erfahren war, wie schlecht DAB+ in Norwegen zu empfangen und was für eine schreckliche Sache das Ganze sei. Es ist doch wunderbar, dass das Radio die Menschen so emotional macht. Ob es sich nun um HD-Radio oder DAB im Vereinigten Königreich handelt: Es gibt immer etwas über Übertragungstechniken zu erfahren, das manche Leute aufmuntern kann. Ich freue mich, dass die Menschen sich so sehr darum kümmern.

In der Zwischenzeit warten wir auf den 17. Mai, denn dann kommt Klarheit aus Großbritannien. Dann erscheint die nächste Veröffentlichung von Radio-Hörerzahlen von der Insel und wahrscheinlich wird die Umfrage zeigen, dass das digitale Hören zum ersten Mal über die 50 Prozent-Marke gestiegen ist. Das wird – sagt die Branche – der Auslöser für die Umstellung auf Digitalradio sein: Naja – nicht ganz – es wird vielmehr der Auslöser für die Regierung sein, darüber nachzudenken. Nachdem sich die britische Rundfunkindustrie jahrelang darüber aufgeregt hat, scheinen sie nun darauf bedacht zu sein, zur Vorsicht zu mahnen.

Wie auch immer – die Norweger haben ihre Geschichte online gestellt – mit vielen Daten und Informationen.

Sie ist eine Lektüre wert.


James CridlandDer Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land. Kontakt: james@crid.land oder @jamescridland.

 

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