John Ment: “Ich fühle mich nicht als Losbudenverkäufer”

Veröffentlicht am 03. Nov. 2006 von unter Deutschland, News

Interview mit Radio Hamburg-Morgenmoderator John Ment über Nachwuchssorgen der Sender und “Veteranen” am Mikrofon

Von Horst Müller, www.blogMEDIEN.de

John_Ment_JackeDeutschen Radiosendern gehen nicht nur die jungen Hörer verloren – sie haben offenbar auch Probleme mit dem eigenen Nachwuchs. Inzwischen werden sogar schon Moderatoren für Morgensendungen per Stellenanzeige gesucht. Der Platz am Mikrofon scheint kein Traumjob mehr zu sein, weil die Sender offenbar nur uniformierte Moderatoren wollen, wie der frühere SWF3-Chef Peter Stockinger dem medium magazin (Ausgabe November 2006) sagte.

Horst Müller fragte bei John Ment nach. Der stellvertretende Programmdirektor und Morgenmoderator von Radio Hamburg zählt zu den wenigen “Stars” im deutschen Radio.

Frage: Hallo John Ment, Sie sind ja ganz schön knauserig. Bei Ihrem Kollegen Leikermoser von Antenne Bayern kann man 100.000 Euro gewinnen, bei Ihnen gerade mal 20 Kinokarten. Reicht das denn aus, um bei der Media-Analyse gut abzuschneiden?

John Ment: Was spricht gegen Kinokarten? Auch hier spart der Hörer Geld – und die Idee, die dahintersteckt, zählt. 20 neue Filme an einem Tag – und mit uns verpassen Sie keinen! Darüber hinaus sei`s gesagt: Wir haben vor den 2 mal 20 Kinokarten (wer geht schon gerne alleine) grade über 120.000 Euro rausgehauen beim „Radio Hamburg Hinhörer“, Hamburgs beliebtestem Radiogewinnspiel. Es wurde von einer Bürogemeinschaft aus Hamburg das Geräusch erraten, was entsteht, wenn man ein Kaugummi ausspuckt und wegkickt. Soviel zum Geld. Aber es geht ja auch nicht um Kinokarten, es geht generell um den Gesprächswert einer Aktion. Das muss nicht unbedingt Geld sein, es muss nur beim Hörer hängen bleiben und neugierig machen auf die nächste Aktion, damit der Hörer wieder einschaltet. Überraschend sein! Das ist die beste Werbung für einen Sender. Wir haben auch andere Ideen drauf, die uns bei der Media-Analyse helfen sollen für den vordersten Platz. Ein paar Beispiele: Beim Kinostart von „Das Parfüm“ haben wir eine Lady gesucht, die bei mir morgens das Wetter moderiert und dabei nichts weiter trägt, als ihren Duft. Eine nackte 24jährige Lüneburgerin schmückte dann am nächsten Morgen um 7 Uhr 17 unser gläsernes Studio. Belohnt wurde sie dafür mit einer Reise an den Drehort (Barcelona). Oder „Bohlen versohlen“ – als Dieter seine Estefania betrog durch Fremdknutschen, gab es einen Punchingball vor dem Studio mit Dieters Gesicht und jede Frau, die vorbeikam, konnte dem Fremdknutschisten „eine reinhauen“. Auch hier ergibt sich ein aktueller Gesprächswert, über den die Stadt spricht.

Frage: Ganz offensichtlich haben Radiosender immer größere Probleme damit, junge Hörer zu erreichen. Auch Radio Hamburg hat zuletzt innerhalb eines Jahres rund 15% seiner 14-19jährigen Hörerschaft verloren. Senden Sie an den Youngsters vorbei?

John Ment: Ich glaube nicht, dass wir an den Youngsters vorbeisenden. Wir bedienen uns einer frischen und aktuellen Sprache und lassen auch viele Hörer um 18 Jahre herum bei uns zu Wort kommen on air. Da unser Hörer immer genau personalisiert wird, weiß man eben „Da ist Peter Müller, 18 Jahre, Azubi aus Barmbek“. Sie finden sich also wieder bei uns im Programm. Warum die Youngsters uns dann nicht oder weniger als sonst einschalten, kann ich nur mutmaßen, nicht belegen. Wir spiegeln oft den Kampf der Geschlechter wieder, vielleicht ist das für diese jüngere Zielgruppe noch nicht so relevant; auch Rap oder Hiphop – Fans werden und können bei uns nicht bedient werden, so wie sie es vielleicht gerne hätten. Wir fragen viele unserer jüngeren Volontäre und Praktikanten: Was macht ihr so, wo geht ihr abends hin, was sind Eure Themen? Und wenn es zu Radio Hamburg passt, hieven wir es ins Programm.

Frage: Schalten die jungen Hörer auch deswegen seltener ein, weil zumeist „ältere Herren“ wie Carsten Köthe bei Radio Schleswig-Holstein oder Wolfgang Leikermoser bei Antenne Bayern in den wichtigen Sendezeiten am Mikrofon sind. Sie selbst moderieren – von einem Gastspiel beim NDR abgesehen – seit fast 20 Jahren die Morgensendung bei Radio Hamburg. Wird es für die Veteranen des Privatradios nicht langsam Zeit, das Mikrofon an den Nachwuchs zu übergeben?

John Ment: Zeit, das Mikrofon an den Nachwuchs abzugeben? Gute Frage. Ich bin sicher, dass das von der Zielgruppe abhängt. Würden wir nur für „Youngsters“ senden, wäre ich sicher zu alt. Aber in unserer Zielgruppe sind die Hörer, für die meine Ansichten und Erfahrungen relevant bzw. nachempfindbar sind. Menschen, die sich in mir wiedererkennen bzw. an mir reiben und deswegen einschalten. Der Nachwuchs moderiert außerdem bei Radio Hamburg. Ein ehemaliger Volontär bei Radio Hamburg war schon zu seiner Volontärszeit meine Vertretung in der Morningshow: Christian Fremy. Und am Nachmittag zum Beispiel moderiert auch Dennis Dabelstein, ein Volontär für Jan Bastick. Wissen Sie, bei uns in der John-Ment-Show steht morgens ganz klar die Idee der Senderfamilie im Vordergrund. Wir wollen am Morgen für unseren Hörer eine Familie sein – und Familienmitglieder wechseln ja auch nicht jede Woche. Trotzdem ein paar Gedanken dazu. Wann macht man Platz? Ich denke, es wird Zeit, abzutreten, wenn die Zahlen nicht mehr stimmen, wenn man die Sprache der Hörer nicht mehr spricht, wenn man nicht mehr zur Musik passt, die man spielt. Es wird Zeit, abzutreten, wenn man sich nur noch wiederholt, sich auf nichts aktuelles einlässt, nicht bereit ist, für schräge Aktionen mit einem selber an der Front. Ja, dann sollte unbedingt der Nachwuchs ran. Ansonsten gebe ich meinen Arbeitsplatz ungern ab und arbeite für drei: meine Frau, meinen Sohn und mich. Klar – wir leben von meinem Job und sollte ich freiwillig darauf verzichten?

Frage: Inzwischen werden immer häufiger Radiomacher per Stellenanzeige gesucht, sogar Morgenmoderatoren für landesweite Privatsender. Gibt es keinen talentierten Nachwuchs bei den Stationen? Was ist da schief gelaufen?

John Ment: Es gibt sicher talentierten Nachwuchs in den Radiostationen! Aber oft bekommen die keine Chance, zur „On Air Personality“ aufgebaut zu werden, weil Sender zu klein sind und jeder einfach alles machen muss. Da werden dann oft Talente anderweitig eingesetzt, als in der Moderation – oder man erkennt entsprechendes Potential einfach nicht, oder kann es aus Personalmangel nicht anders planen. Mit Radiomachern oder Morgenmoderatoren für landesweite Sender, die über eine Anzeige gesucht werden, habe ich keinerlei Erfahrungen – an Bewerbungen mangelt es uns nicht bei Radio Hamburg. Diese werden auch alle bearbeitet, jeder bekommt von uns eine Antwort. Wenn Radiosender jemanden per Anzeige suchen, mag dahinterstecken, dass doch wieder Leute mit Lebenserfahrung gebraucht werden, gerade am Morgen. Mit gesundem Menschenverstand durch Lebenserfahrung, glaubhaft und nachvollziehbar. Und diese Lebenserfahrung, die da gebraucht wird, hat der Nachwuchs rein biologisch nicht, weil er noch gar nicht im entsprechenden Alter ist. Dann würde ich auch per Anzeige Leute suchen.

Frage: Bei vielen Sendern hat man inzwischen den Eindruck, dass das Programm neben den „größten Hits der 80er, 90er..“ und so weiter, vor allem aus dem Herunterbeten von Stationsslogans und der Bewerbung von eigene Gewinnaktionen besteht. Verkommen Radiomoderatoren immer mehr zu „Hütchenspielern“ oder „Losbudenverkäufern“? Ist es denn für intelligente und talentierte junge Leute überhaupt noch attraktiv zum Radio zu gehen?

John Ment neutralJohn Ment: Gewinnaktionen oder Stationsslogans werden doch aus strategischen Gründen ins Programm gehievt, weil man nach einer Imagestudie gemerkt hat, dass hier Handlungsbedarf besteht. Oder der Sender (und damit die Mitarbeiter) Geld verdienen müssen. Hier ist der Profi im Moderator und Redakteur gefragt, sich auch so einer Herausforderung zu stellen. Ich stelle mir beim Moderieren immer vor: „Was soll der Hörer von mir denken, der mich zum ersten Mal einschaltet?“ Ich gebe mir gerne bei allem Mühe. Ich fühle mich nicht als „Losbudenverkäufer“, wenn ich unseren Claim moderiere mit Pride and Passion. Das ist schließlich unsere Visitenkarte und der Haupteinschaltgrund: Die Musik. Und ein Gewinnspiel intelligent zu verkaufen ist doch für einen talentierten Moderator eine Herausforderung. Etwas so groß zu verkaufen, dass es für alle relevant ist und spannend, den Benefit herauszustellen und zu zeigen: Hey, wir sind die Guten! Wir verbessern Euer Leben! Das muss man erst mal gut hinkriegen. Und zeig mir den Job, wo es nur Torte gibt. Wenn ein Gewinnspiel für einen Moderator das Schwarzbrot ist, muss er es eben schmackhaft machen wie eine Torte. Dafür wird er schlussendlich auch bezahlt, das darf man nicht vergessen. Und im Regelfall gar nicht mal so schlecht.

Frage: Wenn man Medienkongresse wie zuletzt in München verfolgt hat, bekommt man zunehmend den Eindruck, dass Radio in einer dicken Krise steckt. Kein Radiomanager kann oder will heute offenbar die Frage beantworten, auf welchen technischen Wegen in 10 Jahren die Programme zu den Hörern kommen – und vor allem, was dann gesendet wird. Immer noch die „größten Hits der ….“?

John Ment: Wir haben vor 10 Jahren auch nicht gewusst, was von wo gesendet wird. Und uns gibt es immer noch. Und wir sind immer besser geworden. Warum soll das in 10 Jahren anders sein? Und warum sollen die Hörer in 10 Jahren nicht auch immer noch gute Musik hören wollen? Die Hörer werden sich auch in 10 Jahren immer noch die Haare schneiden lassen und zum Bäcker gehen.

Frage: und was machen Sie selbst in 10 Jahren?

John Ment: In 10 Jahren bin ich 53. Wenn ich mich dann immer noch so gut fühle wie jetzt, würde ich gerne immer noch diesen Job machen. Es gibt diesen Spruch „Wenn Du Deine Arbeit liebst, musst Du nie wieder arbeiten!“ Und ich liebe meine Arbeit. Aber ich habe auch rechtzeitig angefangen, mich für die Hierarchien in einem Sender zu interessieren, damit ich nicht als „Nur-Moderator“ ende. Als stellvertretender Programmdirektor von Radio Hamburg könnte ich auch mal als Programmdirektor für einen Sender hinter den Kulissen arbeiten. Dieser Sender hätte dann echt Glück (Augenzwinkern).

John Ment arbeitet – von einem 4monatigen “Gastspiel” bei NDR 2 abgesehen – seit dem Sendestart am 31. Dezember 1986 für Radio Hamburg. Er moderierte von Anfang an die Frühsendung “Guten Morgen Hamburg”, die 2001 aufgrund seiner großen Popularität in “John Ment Show” umbenannt wurde. Seit 2002 ist der inzwischen 43jährige auch stellvertretender Programmdirektor des Marktführers in der Hansestadt. Seine besten Sprüche und Geschichten aus den Sendungen hat er in mehreren Büchern veröffentlicht.

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