Facebookst Du noch oder WhatsAppst Du schon?

Veröffentlicht am 13. Apr. 2015 von unter Kolumnen

banner_big-mennicken-minUnd ewig lockt die nächste Plattform. Jetzt also WhatsApp. Immer mehr Radio-Redaktionen springen auf den WhatsApp-Kommunikationszug auf. Zu verlockend sind die Zugriffszahlen und die Nähe zum Hörer. „Wer es als Medienmarke schafft, in WhatsApp der Nutzer reinzukommen, der wird richtig abgehen. Denn das ist der intimste Kreis“, so hatte ich Hansi Voigt von watson.ch schon im September in meinem Blog zu WhatsApp zitiert. Seither drängen bundesweit sicherlich über 20 Sender in den „intimen WhatsApp Kreis“.

Ein paar Zahlen gefällig?

700 Millionen Menschen nutzten weltweit im Januar 2015 WhatsApp. Dabei hat der Dienst „mal eben“ 100 Millionen Nutzer zwischen August und Dezember 2014 dazu gewonnen. Da geht doch was. Doch trotz dieser immensen Steigerung – die „Mutter aller Social Media Plattformen“ Facebook spielt immer noch in einer eigenen Liga. 1,35 Milliarden monatliche Nutzer wurden für September 2014gemeldet. Schauen wir auf Deutschland sind die Verhältnisse allerdings komplett andere: Da dominiert WhatsApp mit 32 Millionen Nutzern (Christian Buggisch geht in seinem Blog sogar schon von 35 Millionen Nutzern aus). Facebook hinkt im Deutschlandvergleich hinterher mit „nur 28 Millionen“. Wenn Sender hierzulande also über Facebook kommunizieren, arbeiten sie nur noch mit der Plattform, die am zweitstärksten frequentiert wird. Andererseits ist die Kommunikation mit dem Hörer per Facebook leichter als per WhatsApp – dazu unten mehr. Spannend für Radiomacher wären Informationen zum Durchschnittsalter der Nutzer. Aber die Angaben dazu sind mager. 2013 schwankte das Durchschnittsalter der Facebook-Nutzer zwischen 38,7, Jahren und 40,5 Jahren – Tendenz eher steigend – siehe hier der Vergleich 2011-2014. Die WhatsApp-Nutzer sollen deutlich jünger sein, aber konkrete Angaben scheint es nicht zu geben.

Indienwahl und Ebola – Die BBC und WhatsApp

Die BBC hat als erster Sender mit WhatsApp experimentiert. Vor knapp einem Jahr begleitete sie die Wahl in Indien mit dem Account „BBC News India“. Hatten sich die Hörer mit Ihrer Telefonnummer als Kontakt angemeldet, bekamen sie – laut BBC – dreimal pro Tag ein aktuelles Update zur Wahl. Seit September nutzt die BBC WhatsApp, um Nachrichten zum Thema Ebola zu verschicken. Mit Erfolg – 19.000 Abonnenten hat der Service inzwischen, die meisten aus West Afrika. Sie bekommen laut BBC einen Mix aus Nachrichten, Fotos und Audiofiles angeboten (Videos ausdrücklich nicht, weil diese das ein oder andere Übertragungsvolumen der Nutzer sprengen würde). Die Erfahrungen der BBC sind hier zu lesen. Praktische Tipps zur Arbeit mit WhatsApp gibt BBC-Redakteur Trushar Barot in einem Storify – Danke an Andreas Rickmann für diesen Hinweis.

WhatsApp für die Echtzeit-Umfrage

In Deutschland sind noch wenig Erfahrungsbeiträge online. Eine der ersten Redaktionen, die darüber schrieb, war MDR Sputnik. In einem Interview spricht Morning-Mann Raimund Fichtenberger über die Arbeit mit WhatsApp. Mit dabei hat er ein Soundbeispiel, wie er nahezu in Echtzeit (!) per WhatsApp ein kurzes Stimmungsbild der Hörer einfängt (drittes Soundbeispiel im Interview). Das eröffnet dem Moderator natürlich ganz neue Möglichkeiten, direkt und ohne Zeitverlust zu aktuellen Themen eine kurze Stimmungslage einzuholen. Aus meiner Sicht – absolut großartig.

Das ging ja flott: 1.400 Abonnenten in 5 Tagen

„Was mich aber fast noch mehr erstaunte, war die Tatsache, dass sich 79% der User einen solchen Dienst für den Alltag – Breaking News usw. – wünschten“, sagte Konrad Weber im Interview mit Daniel Bouhs. Weber arbeitet beim Schweizer Rundfunk und Fernsehen und hat über die Erfahrungen des SRF mit WhatsApp bei der Wahl im September geschrieben. Sein Fazit – als Service zu konkreten Anlässen ist WhatsApp klasse, als tägliches „Posting-Grundrauschen“ wie z.B. bei Facebook ist es (bislang) zu kompliziert im Handling. Der SRF arbeitete dabei mit der Funktion der Broadcast-Listen, über die eine Nachricht an 256 Personen verschickt werden kann. Bei 1.400 Abonnenten sind das also schon mal lässig sechs Broadcast-Listen, die handisch gepflegt werden müssen.

WhatsApp und die Redaktionsarbeit

Daniel Bouhs hat ein hoch-interessantes Audio-Take zum WhatsApp-Workflow für WDR 5 produziert: „Der lange Weg zu WhatsApp“. Darin geht es um den nach wie vor nicht leichten Umgang mit WhatsApp. Es gilt die Devise – je beliebter das Angebot desto mehr Arbeit für den Sender. Und – WhatsApp nur als weiteren Verbreitungskanal zu nutzen, das ist zu kurz gesprungen – Konrad Weber vom SRF noch mal: „Was übrigens von unseren Nutzern am häufigsten gefragt wurde, war die Frage, ob man mit uns denn auch interagieren könne. Und genau dies zeigt, dass man WhatsApp nicht einfach nur als Distributionskanal verstehen darf. Es lag uns viel daran, direkt auch mit den Abonnenten zu kommunizieren, offene Fragen zu klären und wo nötig auch weitere Infos zu liefern..“. Die Schweizer hatten für Ihre WhatsApp-Begleitung des Wahltags extra eine Mitarbeiterin für die Kommunikation per WhatsApp abgestellt! Ähnliche Erfahrungen hat auch Andreas Kramer, Chefredakteur von Radio Kiepenkerl in Nordrhein-Westfalen gemacht. Sein Sender nutzt seit Anfang des Jahres WhatsApp als Rückkanal. Für ihn beschleunigt die Plattform WhatsApp die Kommunikation mit dem Hörer ungemein. „Die Hörer wollen hier innerhalb von ein/zwei Stunden eine Reaktion auf mögliche Fragen haben, sonst gab es schon teils Proteste.“

Und jetzt?

„Neue Social-Media-Kanäle ausprobieren und alle Möglichkeiten ausnutzen, um mit unseren Nutzerinnen zu kommunizieren.“ Das hat letztens die neue Brigitte Webchefin Eva Spundflasche auf die Frage geantwortet, warum Brigitte ab sofort auch bei WhatsApp zu finden sein wird. Ähnliches gilt auch für Radiosender. Ich bin begeistert von dem Gedanken, Sprachmemos der (Früh-) Moderatoren als persönliche Botschaft zum Start in den Tag zu schicken. Oder wie wäre es mit Aktionen, bei der Ihre Moderatoren persönliche Restaurant- oder Service-Tipps weiter geben. Insofern gilt nicht ein „entweder oder“ sondern ein „sowohl als auch“. In diesem Sinne – einfach mal ausprobieren und schreiben Sie mir von Ihren Erfahrungen: mennicken@radioszene.de.

 

Michael-Mennicken-FotoMichael Mennicken ist Gründer und Geschäftsführer der FM Online Factory, dem ersten Online Kaufhaus für Radioinhalte. Zudem lehrt er als Dozent für Medienthemen an verschiedenen Hochschulen. Vorher war er Chefredakteur u.a. von Antenne Düsseldorf.

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