Digitalradiotag 2017: Quo vadis DAB+?

Veröffentlicht am 04. Sep. 2017 von unter Deutschland

Digitalradiotag 2017 Zum heutigen Digitalradiotag in Berlin hat sich RADIOSZENE-Redakteur Oskar Vitlif mit Carsten Zorger, Leiter des Digitalradiobüros Deutschland, und Martin Deitenbeck, Geschäftsführer der sächsischen Landesmedienanstalt (SLM), getroffen. Die Frage: Wie steht es 2017 um die Digitalisierung der terrestrischen Hörfunkübertragung via DAB+ in der Bundesrepublik?

Carsten Zorger (Bild: ©DLR/Bettina Straub)

Carsten Zorger (Bild: ©DLR/Bettina Straub)

„Digitalradio ist in Deutschland ganz klar auf dem Vormarsch“, freut sich Carsten Zorger. Der Leiter des Digitalradiobüros Deutschland präsentiert auf dem Digitalradiotag 2107 in Berlin die aktuellen Zahlen für die Nutzungsgewohnheiten des Übertragungsstandards DAB+. Das wohl wichtigste Ergebnis: Die Verbreitung nimmt stetig zu. Insgesamt 15 Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen zurzeit mindestens ein DAB+-fähiges Empfangsgerät. Im vergangenen Jahr waren es noch 13 Prozent. Weitere Erkenntnis: Hat jemand bereits ein Digitalradio gekauft, neigt er dazu sich auch ein zweites zuzulegen.

Besonders spannend sind für Zorger die Nutzungszahlen aus den einzelnen Bundesländern. So sei in Bayern das Programmangebot, die Netzabdeckung und auch der Rückhalt aus der Politik sehr gut, sodass knapp 20 Prozent der Haushalte Radio über DAB+ empfangen. „Auch Nordrhein-Westfalen wächst unglaublich, obwohl dort eigentlich die Dynamik der Politik fehlt“, so Zorger, „und die Stadtstaaten, wie Hamburg, wo gerade in den letzten Jahren ganz viel gemacht wurde in Sachen Privatfunk und wo wir merken, dass dort die Haushaltsdurchdringung mit Digitalradios auch stark ansteigt.“

Neue Markenkampagne für DAB+

Zorgers langfristiges Ziel: Mindestens die Hälfte der deutschen Haushalte sollten ihr Lieblingsprogramm über DAB+ hören. Dann könne in einem zweiten Schritt über eine Abschaltung von UKW als Übertragungsstandard nachgedacht werden. Um dieses Ziel zu erreichen hat das Digitalradiobüro Deutschland, ein Zusammenschluss aus öffentlich-rechtlichen und privaten Programmanbietern, Herstellern und Netzbetreibern, im Mai eine neue Imagekampagne gestartet. Mit Hilfe dieser Kampagne soll das Bewusstsein bei den Hörerinnen und Hörern für den neuen Übertragungsstandard entwickelt und auch mit Hilfe von Werbemaßnahmen im Handel der Verkauf von DAB+-fähigen Empfangsgeräten angeregt werden.

DAB+ Kampagnenmotiv 2017 (Bild: ARD/MDR)

DAB+ Kampagnenmotiv 2017 (Bild: ARD/MDR)

„Das neue Markenimage ist super, weil es raus ist aus der technischen Ecke. Wir haben damit auch geschafft, dass der alte Begriff ‚Digitalradio‘ nicht mehr zu Missverständnissen führt“, sagt Zorger, „wir reden nur noch von DAB+ und das ist eine klare Sache.“ Die Kampagne wurde auf Kosten der ARD entwickelt und wird nun mit Hilfe von Sendern, Herstellern und Händlern umgesetzt. Über die Kosten spricht Zorger nicht, genauso wie über mögliche Gründe die späte Umsetzung einer gemeinsamen Markenidentität auf allen Kanälen.

Unterstützung von medienpolitischer Seite

Damit Zorger seinem Ziel näher kommt, fordert er auch Unterstützung von Seiten aller Akteure. „Wir wünschen uns, dass noch mehr Privatradios auch ins Risiko gehen und sagen ‚das ist für uns eine Chance in DAB+ zu investieren‘. Wir wünschen uns von der Politik und von anderen ein Finanzierungsmodell, damit private Anbieter leichter diese teure Simulcast-Phase auch bezahlen können. Und wir wünschen uns auch, dass die Politik sagt ‚wir brauchen in Zukunft einen gemeinsamen neuen Übertragungskanal, der heißt DAB+ und wir stützen das mit der entsprechenden Gesetzgebung.‘“

Plattformbetreiber für zweiten Bundesmux: “Es kann nur einen geben”

Martin Deitenbeck (Bild: SLM)

Martin Deitenbeck (Bild: SLM)

Unterstützung kommt auch von Seiten der Landesmedienanstalten. Ein Signal dafür ist die gemeinsame Ausschreibung für die Veranstaltung einer zweiten bundesweiten DAB+-Plattform. Kanäle die darüber ausstrahlen können im gesamten Bundesgebiet gehört werden, wie bislang die Kanäle des Deutschlandradios oder ENERGY Digital. „Wir haben uns alle dafür eingesetzt, dass die Ministerpräsidenten uns Kapazitäten zuweisen für einen zweiten Bundesmux“, sagt Martin Deitenbeck. Er ist Geschäftsführer der sächsischen Landesmedienanstalt (SLM). „Der zweite Bundesmux war bisher frequenztechnisch noch gar nicht leistbar, sodass alle Bundesländer ihre jeweiligen Landesbedeckungen abgegeben haben, um den erstmal zu realisieren.“ Auf die Ausschreibung liegen insgesamt noch drei Bewerbungen für den Betrieb der Plattform vor, Deitenbeck erhofft sich eine Zulassungsentscheidung bis Ende des Jahres.

Doch ist dieser Zulassungsprozess auch mit Herausforderungen verbunden. „Wenn Sie eine Plattform ausschreiben, dann kann es zum Schluss nur einen geben“, sagt Deitenbeck. Bei mehreren Bewerbungen können die Landesmedienanstalten einen Einigungsprozess initiieren, aber bis Ende April sei keine Einigung zu Stande gekommen. Deshalb stehe eine Auswahlentscheidung aus. „Wenn Sie eine Auswahlentscheidung treffen, bleiben, wenn drei im Ring sind, logischerweise zwei vor der Tür stehen. Das gefällt keinem.“ Um einen reibungslosen Start des Betriebes zu ermöglichen, arbeite man an einer entsprechenden juristischen Lösung, so Deitenbeck.

So steht auch im September 2017 schon die Mission für die kommenden zwölf Monate der Digitalradio-Befürworter Zorger und Deitenbeck: Die Politik sollte einheitliche gesetzliche Grundlagen schaffen, Subventionen bereitstellen und Radiohörerinnen und -hörer stetig dazu motiviert werden Digitalradios zu kaufen. Für das wichtige Weihnachtsgeschäft ist vorgesorgt: 14 der 50 relevanten Digitalradio-Hersteller in Deutschland drucken das neue DAB+-Logo auf ihre Verpackungen.

Das komplette Gespräch zum Digitalradiotag 2017 zwischen Oskar Vitlif, Carsten Zorger und Martin Deitenbeck gibt’s in der aktuellen Ausgabe des RADIOSZENE Podcasts. Darin geht es unter anderem um die regionalen Digitalradio-Projekte in Freiberg und Leipzig sowie um Herausforderungen bei der Umsetzung mobiler Empfangsmöglichkeiten von DAB+.

Weiterführende Informationen
Reichweitenstudie 2017: Positiver Trend bei DAB+
DABPlus.de
Digitalradio-Interview mit Willi Steul auf der IFA 2016
Flyer zum Digitalradio-Tag 2017 (PDF)

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