Sind Live-Nachtsendungen im Radio bald Geschichte?

Veröffentlicht am 17. Jan. 2017 von unter RadioFuture

James Cridland's Radio Futrure

BBC Radio 2 ist eine Station, die Radio-Berater verwirrt. Sie hat ein jährliches Programm-Budget in Höhe von 53 Mio. USD. Schaltet man die Station zu verschiedenen Tageszeiten ein, hört man Up-Beat zum Frühstück, eine gemütliche morgendliche Musik und ein nachrichtenbasiertes Hörertelefon-Programm. Es gibt Musikdokumentationen. Es gibt Folk-Shows, Country-Musik, Big-Band-Shows, House und religiöse Sendungen. Und ein Programm namens “Der Organist unterhält – Nigel Ogden präsentiert populäre Orgel-Aufnahmen”.

BBC Radio 2Das kann doch nicht funktionieren! Doch die Zuhörerschaft der Station wächst weiter. Das wöchentliche Publikum ist mit 15.1 Millionen Zuhörern (das Vereinigte Königreich bevölkern 54 Millionen Über-15-Jährige). Der Marktanteil liegt bei 16,7%. Es ist das Jonglieren einer Radiostation zwischen eklektisch und beliebt zugleich. In Bezug auf die Gesamtzahl ist es – glaube ich – die größte Radiostation in Europa.

Ein Programm-Budget von 53 Millionen USD klingt viel – vor allem, weil es – naja – viel ist. (Hinzu kommen ja noch weitere 16 Mio. für Vertrieb und Hörerservice). Aber es ist ein Budget, das schrumpft. In Wirklichkeit muss BBC Radio den Gürtel enger schnallen. Und mit Budgetkürzungen, so scheint es, kommen Einschnitte ins Programm. Einige nächtliche Live-Sendungen sind vor ein paar Jahren verschwunden – und Ende dieses Monats wird die BBC auch noch den Rest der Live-Nachtsendungen abschaffen.

Sonnenuntergang bei Venedig (Foto: © James Cridland)

Sonnenuntergang bei Venedig (Foto: © James Cridland)

900,000 Leute schalten nachts BBC Radio 2 ein. Sie werden ohne irgendeine Livesendung zwischen Mitternacht und 5 Uhr morgens allein gelassen.
Stattdessen hören Hörer Wiederholungen und einige voicetracked Musik-Shows, abgedudelt von einem Automatisierungssystem, das mehr als ein Mal Probleme verursacht hat.

Sie sind nicht die einzigen. Automatisiertes Senden über Nacht ist inzwischen die Regel und nicht mehr die Ausnahme. In Irland gibt es eine Station – eine Dubliner Privatstation – die nachts einen Live-Moderator bietet. Dafür ist dann der ganze Rest automatisiert.

Man könnte argumentieren, dass nächtliche Zuhörer eher menschlicher Gesellschaft bedürfen als tagsüber. Es ist sicherlich der Fall, dass das Publikum nachts mit überraschend viel Feedback reagiert. Die Schichtarbeiter oder Schlaflosen sind halt nicht zu schüchtern für eine Kontaktaufnahme mit ihrer Lieblings-Radiostation.

Nächtliches Radio ist auch eine Spielwiese für neue Stationen. Nirgendwo lernt man das Handwerk besser – und abzuschätzen, wie man dem Publikum das Leben erleichtern kann.

Es enttäuscht, zu hören, dass sich BBC Radio 2 mit seinem 53-Millionen-Haushalt von nächtlichen Livesendungen verabschiedet. Menschliche Gesellschaft ist eben der Hauptunterschied zwischen echtem Radio und einer Spotify-Playlist! So bleibt es eine Schande, dass dies willentlich zerstört wird.

james-cridlandDer “Radio-Futurologe” James Cridland beschäftigt sich mit neuen Plattformen und Technologien und ihre Wirkung auf die weltweite Radiobranche. Er spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.cridland.net.

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