Gabi Kleinau: Im Grunde musikalisch schon fast alles gesagt!

Bremen Eins LogoIn einer weiteren Folge über die „heimlichen Helden“ im deutschen Radio stellen wir heute mit Gabi Kleinau: die Musikverantwortliche von Bremen Eins vor. Grundsätzlich waren Musikchefs schon immer im Top-Management der Radiosender angesiedelt. Auch heute sind innovative Musikspezialisten auf dem Hörfunkmarkt mehr denn je gefragt, was offene Stellen (selbst bei Premium Sendern) sowie die oftmals lange Suche nach erfahrenen Musikverantwortlichen nachhaltig belegen.

Gabi Kleinau (Bidl: ©Radio Bremen/Tammo Jans)
Gabi Kleinau (Bidl: ©Radio Bremen/Tammo Jans)

Nach einer längeren Vakanz besetzt jetzt ANTENNE BAYERN zum 1. Oktober 2017 mit Gordon Harms (bisher NDR 2) den Posten des Musikchefs neu (RADIOSZENE berichtete). Den umgekehrten Weg – von Privatfunk zum öffentlich-rechtlichen Radio – ging Gabi Kleinau, die im Jahr 2013 über die Stationen ANTENNE BAYERN, radio ffn und 105‘5 Spreeradio Chefin vom Dienst Musik bei Bremen Eins wurde. RADIOSZENE-Redakteur Michael Schmich sprach mit Gabi Kleinau über ihre Arbeit und die Veränderungen im Musikmarkt.


RADIOSZENE: Frau Kleinau, wie sind Sie beim Radio gelandet?

Gabi Kleinau: Ich wurde 1989 über das Arbeitsamt an ANTENNE BAYERN vermittelt. Dort war eine Stelle in der Musikredaktion (Assistenz) zu vergeben und mein zuständiger Berater in der Abteilung für die Vermittlung von Geisteswissenschaftlern machte mich darauf aufmerksam. Seine Frage war: „Können Sie sich vorstellen, in der Musikredaktion eines privaten Rundfunksenders zu arbeiten?“. Meine Antwort: „Ja, ich habe ja Fantasie“. Privater Rundfunk war damals noch in seinen Anfängen und es gab noch viel Platz für Quereinsteiger, etwa einer Literaturwissenschaftlerin in der Musikredaktion. Weder mein erster Arbeitgeber noch ich haben die Entscheidung je bereut.

RADIOSZENE: Welche Tätigkeitsfelder umfasst ihr heutiges Aufgabengebiet?

Gabi Kleinau: In erster Linie die Planung des Musikprogramms und die dazugehörigen Arbeiten: Auswahl der Titel auf Basis der Senderphilosophie (inklusive aktueller Songs), Erstellen von Sendeuhren, Regelwerken und Kodierungen im Musikplanungssystem, Vorbereitung, Analyse und Umsetzung von Musiktests, Pflege der Datenbank. Recherche und Besetzung von Musikthemen (Beiträge, Specials), Zusammenarbeit mit der Wortredaktion und der Produktion.

Abhören neuer Songs auf der digitalen Plattform der Plattenindustrie (mpn), Vorbereitung der Abhörkonferenz, Kontakt zur Musikindustrie. Außerdem Führungsaufgaben in meiner Funktion als Chefin vom Dienst.

RADIOSZENE: Sie waren sowohl bei öffentlich-rechtlichen wie privaten Sendern tätig. Gibt es zwischen den beiden Systemen fundamentale Unterschiede bei der Arbeitsweise oder der Bewertung von Musik?

Gabi Kleinau: Nein. Das allgemeine Diktum „Musik ist der erste Einschaltgrund“ gilt sowohl für private als auch für öffentlich-rechtliche Sender, der Stellenwert von Musik als Programminhalt ist also gleich. Auch gibt es keine unterschiedlichen Arbeitsweisen, es geht bei jedem Sender darum, für die Zielgruppe passendes Musikprogramm zu machen, und die Methoden sind dieselben.

RADIOSZENE: Welche Bedeutung haben Musik und Musikspezialsendungen bei Bremen Eins?

Gabi Kleinau: Musik ist bei Bremen Eins ein überaus wichtiger Teil der Programmgestaltung; es gibt bei Bremen Eins ausgesuchte Specials, die je nach Thema anberaumt werden können. Feste Spezialsendungen sind der „Beat-Club“ (wöchentlich),  „Die Oldiebörse“ und „Bremen Eins Live“ (jeweils 1x monatlich). Darüber hinaus haben wir von Montag bis Samstag 18.00 bis 20.00 Uhr die Wunschsendung „Grüße und Musik“ im Programm, die aufgrund des breit gefächerten Musikangebotes durchaus auch als Spezialsendung bezeichnet werden kann.

RADIOSZENE: Wie hat sich im Radio der Stellenwert von Musik im Laufe der Zeit verändert?  

Gabi Kleinau: Grundsätzlich wird Musikprogramm in den Redaktionen heute deutlicher als programmgestaltendes und -bestimmendes Element wahrgenommen als früher. Für die Hörerinnen und Hörer dürfte sich nichts verändert haben: Sie nehmen Musik als ihren Tag begleitenden Soundtrack war, finden bei den aktuellen Songs nach wie vor Anregungen und Informationen über die Entwicklungen und Trends in der Musik und singen im besten Fall ihre Lieblingssongs mit.

RADIOSZENE: Kritiker werfen gelegentlich ein, dass die Musikredaktion in Zeiten des Formatradios nur noch begrenzte Einflussmöglichkeiten auf die Musikabläufe hat. Welchen Einfluss haben Sie bei Bremen Eins? 

Gabi Kleinau: Da Musikredakteurinnen und -redakteure das Musikprogramm gestalten, kann von geringen Einflussmöglichkeiten wirklich nicht die Rede sein. Es könnte sich lohnen einen Blick darauf zu werfen, wer diese Kritiker sind, allzu viele Mitarbeiter aus Musikredaktionen dürften nicht darunter sein.

Natürlich gibt es „Formate“ und wenn man bei einer Jugendwelle arbeitet, hat man sicherlich nicht die Freiheit, Titel aus den 60ern zu setzen. Aber warum sollte man das auch tun? Die Aufgabe ist doch, Musikprogramm für das senderspezifische Publikum zu gestalten und den Sender damit erfolgreich im Sinne von beliebt im Hörerkreis zu machen.

In den Zeiten ohne Privatfunk hatte man als in München lebender Mensch die Auswahl zwischen Bayern 1, Bayern 2 und Bayern 3, für Ausflüge in andere Welten gab es noch AFN – und schon damals wusste meine Oma, dass sie Bayern 3 nicht einschalten will, weil ihr das „Format“ nicht gefiel, sie hörte Bayern 1. Und mein Sender war Bayern 3; ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen, Bayern 1 zu hören – außer bei Oma. Es gab also offenbar schon vor dem Aufkommen von Privatradio und der damit verbundenen stärkeren „Formatierung“ im Sinne von Spezialisierung durchaus unterschiedliche Programmphilosophien.

Bremen Eins Bulli (Bild ©Radio Bremen)

Mittlerweile gibt es bundesweit – schon aus Gründen des Wettbewerbes – so viele unterschiedliche Sender (und damit Formate), dass man keine Mühe haben sollte, eine Beschäftigung bei dem zu finden, der den eigenen musikalischen Vorstellungen am ehesten entspricht. Oder als Hörer den Sender zu finden, der dem eigenen Musikgeschmack am nächsten kommt.

Als ausgebildeter Fleischer könnte ich mich doch auch nicht in einem veganen Supermarkt als Verkäufer anstellen lassen und dann über „zu wenig Einflussmöglichkeiten“ klagen, weil ich keine Rindersteaks anbieten darf, da die Geschäftsleitung eine Verwässerung des „Formates vegan“ nicht akzeptiert – und die Kunden schon gleich gar nicht.

Im Übrigen arbeiten auch Streaming-Dienste (und andere Internetangebote) in gewisser Weise mit Formatierung, bei ihnen heißt das allerdings „Algorithmus“.

Als ich mich bei Bremen Eins beworben habe, war mir völlig klar, welches Musikprogramm die Hörerinnen und Hörer in Bremen von „ihrem“ Sender erwarten und was meine Aufgabe sein würde. Im Rahmen dieser Erwartungen sind meine Einflussmöglichkeiten enorm, die Titelauswahl für den Musikpool, die Auswahl aus den aktuellen Songs, das Design der musikalischen Uhren und vor allem die Gestaltung des Musikprogrammes anhand der entsprechenden Parameter, das alles ist Teil meiner Arbeitsplatzbeschreibung.

Wollte ich aus Bremen Eins einen Jugendsender machen, würden mir der Programmdirektor von Radio Bremen und die Wellenchefs von Bremen Vier und Bremen Next sofort – und zu Recht – Einhalt gebieten. Und das Publikum von Bremen Eins hätte sogar noch deutlichere „Worte“: Sie würden Bremen Eins ausschalten.

Also: Einfluss auf das Musikprogramm von Bremen Eins: 100%. Die Freiheit, im Alleingang aus Bremen Eins musikalisch einen „anderen“ Sender zu machen: keine.

Radio Bremen Funkhaus Diepenau (Bild: Radio Bremen / Martin von Minden)
Radio Bremen Funkhaus Diepenau (Bild: Radio Bremen / Martin von Minden)

RADIOSZENE: Die Bedeutung von Musiktests ist bei vielen Sendern enorm. Wie sehr beeinflusst die Musikforschung Ihre Arbeit?

Gabi Kleinau: Grundsätzlich ist Marktforschung ein Instrument, dessen man sich als SenderchefIn beziehungsweise MusikchefIn bedient. Denselben Stellenwert haben Fachwissen, Repertoire-Kenntnisse, Bauchgefühl, Fähigkeit zu strategischem Denken, Erfahrung und Kreativität.

Ich halte es für eine gute Idee, herauszufinden, was das Publikum hören möchte, schließlich wollen alle Programmgestalter mit ihrem Programm vor allem die Menschen in ihren jeweiligen Sendegebieten erreichen und möglichst zufriedenstellen.

Wenn ich also weiß, welche Titel die Hörerinnen und Hörer von Bremen Eins besonders gerne hören, wäre ich doch mit dem Klammerbeutel gepudert, sie nicht zu spielen. Umgekehrt gilt natürlich auch, dass man die Songs, die einfach nur auf Ablehnung stoßen, nicht zu Gehör bringt. Die grundlegende Frage ist doch: Machen wir Musikprogramm für uns selbst oder für unser Publikum?

Marktforschung zu betreiben und die Ergebnisse nicht zu nutzen, wäre reine Geldverschwendung – man kauft ja auch kein Werkzeug, das man nicht verwenden will.

Insofern beeinflussen Musiktests natürlich auch meine Arbeit und die Playlisten von Bremen Eins, aber ich kann darin keine Einschränkung erkennen, helfen sie mir doch, das Programm publikumsgerechter zu gestalten. Allerdings sind sie wie gesagt nur EIN Instrument von vielen.

In einem sehr wichtigen Bereich hilft im Übrigen kein Musiktest, nämlich bei der Auswahl aktueller Titel fürs Programm, denn eine der wichtigsten Erkenntnisse aus Musiktests ist, dass unbekannte Songs immer auch unbeliebt sind. Hier kann jede Musikredaktion nur auf ihr Wissen um die musikalischen Vorlieben ihrer Hörerinnen und Hörer zurückgreifen und im Sinne der Programmphilosophie entscheiden.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es für einen guten Musikredakteur nicht reicht, Excel-Tabellen lesen und Zahlen interpretieren zu können. Aus diesem Grund bietet Radio Bremen seit 2016 auch ein Volontariat mit Schwerpunkt Musikredaktion an, eine klare Investition in die Zukunft guten Musikprogramms, das nicht von Mathematikern oder Algorithmen geplant werden kann und wird.

RADIOSZENE: Welche Musik ist bei Ihren Hörern derzeit besonders angesagt – zeichnen sich bereits neue Trends ab?

Gabi Kleinau: Unsere Zielgruppe macht eine pauschale Antwort auf diese Frage unmöglich, denn Trends sind für sie – anders als bei Jugendsendern – nicht relevant, auch wenn unsere Hörerinnen und Hörer durch die aktuellen Songs, die wir spielen, bestimmte Trends mitbekommen.

Grundsätzlich würde ich sagen, dass es auch weiterhin neue Trends geben wird, zumal ja auch die „Machart“ jedes einigermaßen erfolgreichen Songs sofort von unendlich vielen Interpreten kopiert wird, die meinen, endlich ein Erfolgsrezept gefunden zu haben, und die damit den Trend befeuern.

Wie durchsetzungsfähig im Sinne von anhaltend Trends im Einzelnen sind, hängt jedoch nicht mehr allein davon ab, ob Vertreter dieses Trends im Radio gespielt werden, andere Verbreitungswege sind da mindestens so wichtig.

RADIOSZENE: Sind denn nach die Flut der großer Charterfolge (wie wir sie beispielsweise bis in die 1980er Jahre hatten) noch wirklich neue Top-Hits möglich – ist die Popmusik „kompositorisch“ gesehen überhaupt noch in der Lage regelmäßig generationsübergreifende Weltshits zu liefern?

Gabi Kleinau: Mit Blick in die Single-Charts der letzten Monate würde ich schon sagen, dass neue Top Hits nach wie vor möglich sind: Sei es Ed Sheeran mit „Shape Of You“, der nicht nur in Deutschland, sondern auch in England und den USA wochenlang auf Platz 1 war, oder aktuell Luis Fonsi Feat. Daddy Yankee mit „Despacito“.

Man muss da wohl trennen: Erfolg in den Single-Charts ist das eine, ein generationenübergreifender Welthit das andere. „Every Breath You Take“ von The Police ist sicherlich unter die letztgenannten zu rechnen, wobei der Charterfolg im Vergleich zu den beiden erstgenannten eher bescheiden war. In den Charts höchst erfolgreiche Songs sind mittlerweile – und zum Teil zu Recht – vergessen, und damit meine ich nicht nur „Schnappi, das kleine Krokodil“.

Der Blick in die Glaskugel ist schwierig; ob zum Beispiel Adele auch in 20 Jahren noch so rezipiert wird wie heute beziehungsweise in den letzten Jahren, ist kaum vorherzusehen; kompositorisch hat sie sicher das Zeug dazu und ihr Songwriting ist auch im besten Sinne „zeitlos“ genug, um zu bestehen.

Betrachtet man den musikalischen Output seit etwa 1990 und mehr noch ab 2000: So viele Interpreten, von denen viele es nicht zum zweiten Hit oder gar zum zweiten Album geschafft haben, so viele Interpreten, die den Menschen heute nichts mehr sagen, obwohl sie bei Erscheinen gefeiert wurden wie die neuen Beatles oder Rolling Stones (und das meine ich natürlich nicht im Sinne musikalischer Qualität). Die Kategorie „One hit wonder“ hat sich da schon sehr gefüllt.

Aber das Verschwinden von Bands gab es schon immer; auch wir nehmen heute in der Regel ja nur noch wahr, was „überliefert“ wurde und Bestand hatte, die vielen „untergegangenen“ oder nie auf klassischen Tonträgern veröffentlichten Interpreten werden ja nicht mitgedacht, außer von Fans einer bestimmten Musikrichtung oder Fachleuten. Die Namen, die überlebt haben, strahlen folgerichtig besonders hell. Wenn ältere Songs im Sinne von „generationenübergreifend“ heute noch Bestand haben, dann oft aus dem Grund, dass die Musik oder die Interpreten auch für einen gewissen Zeitgeist standen, der heute noch Relevanz hat – und sei es aufgrund der Erinnerungen, die damit verbunden werden. Oder, viel wichtiger, weil junge Interpreten ihre „Altvorderen“ entdecken und als ihre musikalische Inspiration bezeichnen und sie so auch dem jungen Publikum erschließen.

Im Grunde ist musikalisch schon fast alles gesagt, die Variationsmöglichkeiten also endlich. Womit ich aber nicht leugnen will, dass diese Variationen zum Teil sehr interessant und inspiriert sind und es durchaus noch jüngere Interpreten mit ganz eigenem Stil gibt, den man jederzeit heraushört.

Der Musikmarkt heute ist viel schnelllebiger, neue Musik ist via YouTube etc. weltumspannend sofort, hürdenlos und ohne Plattenvertrag veröffentlicht und verfügbar. Den Vergleich mit den Zeiten, als man seine neue Lieblingsband noch vom Tonträger auf Cassette kopieren musste, um sie zu verbreiten, oder in denen einfach weniger Musik zur Verfügung stand, weil die Plattenindustrie schon eine Vorauswahl traf, indem sie ihre Etats nur „erfolgversprechenden“ Künstlern zur Verfügung stellte, kann man wegen dieser geänderten Modalitäten eigentlich nicht ziehen.

RADIOSZENE: Wie sehr haben sich Radio- und Musiklandschaft über die Jahre verändert?

Gabi Kleinau: Auf beiden Gebieten hat natürlich der Verbreitungsweg Internet zu einer Multiplizierung des Angebotes geführt. Waren früher Koffer- oder Autoradios beziehungsweise der Walkman oder der mp3-Player die einzige Möglichkeit, Radio oder Musik „mitzunehmen“, kann man heute beides jederzeit und überall konsumieren.

Das hat im Falle von Radio zu einer Diversifizierung des Angebotes geführt: Man muss nicht mehr im Sendegebiet leben, um ein Programm der BBC zu hören. Wahrscheinlich findet man mittlerweile Radiostationen für jedes special interest und sei es Jazzsendungen, die auf Kisuaheli moderiert werden. Das bedeutet natürlich auch einen höheren Konkurrenzdruck in den „lokalen“ Märkten. Mein Eindruck ist aber, dass man nicht der Illusion erlegen ist, „alles“ anbieten zu wollen (was schlicht unmöglich ist), sondern sich die Programmverantwortlichen bei den Sendern auf das besinnen, was sie am besten können: Das Publikum zuhause mit den relevanten Programminhalten zu versorgen. In meinen Augen kam es in den letzten Jahren eher zu einer Spezialisierung in diesem Sinne.

Was die Musik betrifft zeigt sich natürlich das Phänomen, dass Interpreten sich schneller „überleben“. Was heute noch unglaublich angesagt ist, ist morgen schon überholt. Künstler haben es sehr viel schwerer, zu bestehen, weil das Publikum zu schnell abgelenkt wird vom nächsten YouTube-Hit. Für sie ist es einerseits ein Segen, dass durch die neuen Kanäle auch ihnen Aufmerksamkeit geschenkt wurde, ohne die ihre Arbeit vielleicht ungehört verpufft wäre, andererseits ein Fluch, weil diese Aufmerksamkeit endlich ist und schon sehr schnell von etwas anderem angezogen wird. Was vielleicht ein wenig verloren geht, ist die wirkliche Beschäftigung/Auseinandersetzung mit der Musik einzelner Künstler und die Wertschätzung ihrer Arbeit. Es ist wie in einer Galerie für moderne Kunst: „Das kann meine 3-jährige Tochter aber auch – und besser.“

RADIOSZENE: Zuletzt hatte man den Eindruck, dass sich in den Single-Charts immer mehr Künstler bewegen, die bis vor kurzem völlig unbekannt waren. Täuscht dieser Eindruck – und haben es „große Namen“ immer schwerer erfolgreich zu sein?

Gabi Kleinau: Dem Eindruck, nur wenige „alte Bekannte“ in den Single-Charts zu sehen, kann man sich nicht erwehren, was natürlich auch mit der Verfügbarkeit von Musik, den („Tonträger“-)Produktionskosten und der Mechanik der Single-Charts zu tun hat – oder schlicht damit, dass gerade kein „großer Name“ veröffentlicht hat.

Die diversen, um nicht zu sagen zahllosen Casting-Shows, tragen zu diesem Phänomen bei, produzieren sie doch Eintagsfliegen en masse. Auch muss man berücksichtigen, dass die früher übliche Vorauswahl von Künstlern durch die Plattenindustrie heute nicht mehr stattfindet – und damit fällt auch der entsprechende Marketingeffekt für arrivierte Interpreten weg.

„Große Namen“ ist ohnehin Definitionssache; sind Ed Sheeran, Adele, Katy Perry, Helene Fischer, Adel Tawil schon dazu zu rechnen? Wenn ja, würde ich nicht sagen, dass sie es schwerer haben, erfolgreich zu sein.

Sicherlich hilft den unbekannten Interpreten auch der  prominent positionierte Link zu Plattformen, auf denen man sich Audio schnell und bequem kaufen kann. Die ganz großen (älteren) Namen wie The Rolling Stones, Eric Clapton, Roger Waters, Deep Purple, um nur ein paar zu nennen, die in den letzten beiden Jahren neue Alben veröffentlicht haben, sind in meinen Augen heute sowieso kein Thema mehr für die Single-Charts, sie sind in den Album-Charts erfolgreich.

RADIOSZENE: Welche Bedeutung haben die Top 100 generell für Sie? 

Gabi Kleinau: Da aktuelle Songs nicht zum Schwerpunkt des Musikprogrammes von Bremen Eins gehören, sind die Top 100 überhaupt nicht relevant. Wir verfolgen sie natürlich, um auf dem Laufenden zu bleiben. Eine weitere Quelle sind die Airplay-Charts, aber auch die verfolgen wir lediglich interessiert.

RADIOSZENE: Wie wichtig sind Newcomer und Neuheiten für das Programm von Bremen Eins?

Gabi Kleinau: Das Programm von Bremen Eins umfasst Titel von den 60ern bis heute, unsere Hörerinnen und Hörer sind schon qua Zielgruppe Menschen, die auf eine lange Sozialisierung mit Musik zurückblicken können. Unser Publikum verfolgte zum Teil bereits in den 70ern die Neuerscheinungen im Radio, insofern spielen wir natürlich auch aktuelle Songs, um es über die Entwicklungen in der Musik auf dem Laufenden zu halten, sie nehmen aber naturgemäß weniger Raum in unserem Programm ein. Die Auswahl erfolgt über die Fragen: Könnte dieser Song unseren Hörerinnen und Hörern gefallen? Könnte dieser Künstler sie interessieren? Passt ein neuer Song zu unserer Programmphilosophie, denn nur dann ist er für unser Publikum relevant?

Wir entscheiden nicht nach Bekanntheit der Interpreten, sondern nach der Qualität ihrer Musik im genannten Sinne. Insofern haben auch Newcomer große Chancen, in unser Programm aufgenommen zu werden. Das gilt sowohl für Single-Auskopplungen als auch für die Rubrik „Das Album der Woche“.

RADIOSZENE: Bei Bremen Eins sind relativ wenige deutschsprachige Songs zu hören. Wie gefragt ist derzeit deutsche  Musik bei Ihren Hörern?

Gabi Kleinau: Der Anteil deutschsprachiger Musik am Programm von Bremen Eins entspricht ihrer Beliebtheit bei unseren Hörerinnen und Hörern. Auch hier verweise ich darauf, wie unsere Zielgruppe musikalisch sozialisiert wurde, nämlich in der Hauptsache mit englischsprachiger Musik. Weshalb die Beliebtheit dieser Musik auch im Vordergrund steht.

Der Stellenwert inländischer Musik hat insgesamt nicht signifikant zugenommen, aber das Interesse unserer Hörerinnen und Hörer an neuer Musik führt dazu, dass auch junge Interpreten wie Andreas Bourani, Adel Tawil (beziehungsweise Ich + Ich), Silbermond, Johannes Oerding, Phillip Dittberner oder andere im Programm von Bremen Eins gerne gehört werden und sich damit unser Angebot an deutschsprachiger Musik nicht auf Künstler wie Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Nena oder Westernhagen etc. beschränkt, die schon viel länger im Geschäft sind.

RADIOSZENE: Welchen besonderen Herausforderungen muss sich Bremen Eins und die ganze Hörfunkbranche in Zukunft stellen?

Gabi Kleinau: Die Herausforderung für die musikalische Gestaltung von Bremen Eins wird sein, sich entsprechend den Bedürfnissen der älteren Zielgruppe zu verändern. Die Zielgruppe mag die gleiche bleiben, nicht jedoch die Menschen, die ihr angehören und ihre musikalischen Vorlieben. Selbst bei einem oldie-based AC-Sender wie Bremen Eins ist das Musikprogramm ein lebendiger und sich ständig weiterentwickelnder Organismus, der sich Änderungen von Vorlieben seines Publikums nicht verschließen kann.

Die Branche an sich muss sicherlich das sich ändernde Rezeptionsverhalten der Menschen in Rechnung stellen und sich der Themen annehmen, die sich daraus ergeben.

Weiterführende Informationen
Bremen Eins
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Bremen Eins: Beat-Club Moderatorin Uschi Nerke hört auf