Denken Sie nicht immer nur an Monetarisierung, begeistern Sie lieber Ihre Hörer!

Veröffentlicht am 09. Mai. 2017 von unter RadioFuture

James Cridland's Radio Futrure

Die letzte Woche verbrachte ich teilweise auf dem Worldwide Radio Summit in Los Angeles. Das ist die interessanteste US-Rundfunk-Konferenz, auf der ich gewesen bin – mit mehr Schwerpunkt auf Musikformate als auf Business, Vertrieb und Technologie. Gratulation dem AllAccess-Team, das das zusammengestellt hat!

Als ich in Los Angeles landete, bestürmten mich kommerzielle Botschaften optisch und akustisch, was mich an den massiven Unterschied der Kulturen Europas und der USA erinnerte – besonders im Vergleich zu meiner sozialen Prägung. Als ich in den siebziger und frühen 80er Jahren aufwuchs, hatten wir nur drei Fernsehstationen. Zwei davon waren von der BBC und enthielten überhaupt keine Werbung. Unsere Familie war eine von denen, die die ITV-Programme gefunden haben – der einzige kommerzielle Kanal – er stieß auf wenig Interesse und wir haben ihn nur selten eingeschaltet.

Ich lebte damals im Westen von England, in Somerset. Die einzigen Radiostationen waren die vier nationalen BBC-Dienste und keine lokale BBC-Radiostation, die uns versorgt hätte (ich glaube, BBC Radio Bristol wäre verfügbar gewesen – aber Bristol war eine Autostunde entfernt und meistens irrelevant). Kommerzielles Radio in Großbritannien begann erst 1973 – also gab es noch keine kommerzielle Station in unserem Gebiet.

Bargeldspenden im Britischen Museum (Foto: James Cridland)

Bargeldspenden im Britischen Museum (Foto: James Cridland)

Wenn ich in die Schule gefahren wurde, hörte ich Terry Wogan auf BBC Radio 2 – eine Station, die damals viel einschläferndere Musik spielte als heutzutage. Das Küchenradio war permanent auf BBC Radio 4 eingestellt, die Wortprogramm-Station der BBC mit Nachrichten und aktuellen Berichten, Komödien und Dramen. Mit meinem eigenen Transistorradio habe ich irgendwann BBC Radio 1 entdeckt. Die ersten Songs aus dem Radio, an die ich mich erinnere, waren von Kate Bush und den Boomtown Rats. Ich war ein bisschen zu jung für Radio Luxemburg, das wohl kommerziell finanziert sein musste (obwohl ich mich nicht daran erinnern kann, irgendwelche Werbung gehört zu haben, außer für Ayds Diätpillen. Wenn man Gewicht verlieren wollte, sollte man Ayds’ Rat anscheinend befolgen. Ich bezweifle, dass das heute funktionieren würde).

Ich kann mich nicht erinnern, im ländlichen Somerset ein einziges Werbeplakat gesehen zu haben. Das alles klingt vielleicht etwas verklärt und anachronistisch – aber es ist doch nun wirklich nicht so lange her. Viele Länder und Kulturen sind auch jetzt noch so ähnlich.

In Neuseeland sind jegliche Werbung über Ostern verboten, habe ich neulich entdeckt: Spots, Sponsoring und sogar Erwähnungen von TV-Shows und Marken sind nicht erlaubt. Anzeigen in und um Kindersendungen sind in vielen Ländern – einschließlich Belgien – verboten. In vielen Teilen Skandinaviens hat der werbefreie öffentlich-rechtliche Rundfunk über 75 % Marktanteil. Die Europäer sind weit weniger von kommerziellen Messages betroffen als die USA.

Vielleicht ist das auch der Grund, dass wenn ich von einem Tool höre, das jetzt Werbesprüche sogar schon über RDS aus dem Display quillen lässt oder von Leuten höre, die stolz über den Verkauf von Radiowerbung auf Facebook-Seiten prahlen, ich zunehmend allergisch werde gegen die Kakophonie von immer mehr Werbemessages im Leben der Hörer.

Radio funktioniert am besten bei der Monetarisierung seines On-Air-Publikums. Den Effekt, den Marktanteil und damit Ihre Werbeeinnahmen Ihrer Station zu erhöhen, liefert einen echten Nutzen für das Endergebnis: Ihr Radiosender trägt einen fetten Batzen der Fix-Kosten, die sich nicht ändern, egal wie viele Hörer Sie haben. Also könnten 20% mehr Hörer eine Verdoppelung des Gewinns bedeuten. Mit Facebook herumzudoktern wird niemals so viel bringen.

Also würde ich Social Media, RDS und andere Plattformen und Tools lieber dazu nutzen, um die Hörer damit zu begeistern, neue Hörer zu gewinnen und nur das On Air-Produkt des Radiosenders zu vermarkten. Dort ist Einzigartigkeit, der Fokus und das Fachwissen zuhause. Ein gelegentlicher Zuhörer zu einem regelmäßigen Zuhörer zu machen, ist der einfachste und schnellste Weg, Hörerzuwachs zu erreichen – und Social Media kann dabei wirklich hilfreich sein. Alles, was dem Vergnügen dient und das Publikum anzieht, ist meines Erachtens das Richtige.

Aber natürlich sage ich das nur angesichts meiner sozialen Prägung, nicht wahr?

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James CridlandDer “Radio-Futurologe” James Cridland beschäftigt sich mit neuen Plattformen und Technologien und ihre Wirkung auf die weltweite Radiobranche. Er spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.cridland.net.

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