Thomas Jung: „Die Pandemie hat tiefgreifende Spuren hinterlassen“ 

Veröffentlicht am 14. Sep. 2022 von unter Deutschland

Ereignisreiche Woche bei SWR3: seit Montag, 12. September, präsentiert die Infotainmentwelle des Südwestrundfunks den Hörern veränderte Programmzeiten – inklusive neuer Sendungen und Inhalte (RADIOSZENE berichtete). Die Programmleitung um PopUnit-Chef Thomas Jung reagiert damit auf massiv gewandelte Hörgewohnheiten. Zuletzt musste der Sender (auch pandemie-bedingt) zum Teil schmerzhafte Reichweitenverluste hinnehmen. Zwar schafften SWR3 und (das ebenfalls zur PopUnit gehörende) junge Programmangebot DASDING bei der zuletzt erschienenen ma 2022 Audio II einen bemerkenswerten Befreiungsschlag, doch sollen mit den nun vollzogenen Korrekturen ganz offensichtlich die Weichen für eine nachhaltige Untermauerung der bisherigen Spitzenstellung im Markt gestellt werden. Vor einigen Wochen hatte bereits DASDING umfassenden Veränderungen im Programm vermeldet.

Die Sendungen wurden neu getaktet, heißen nun “NOW“, “PUSH“, “MOVE“ oder “PLAY“. Die spätabendliche Musikshow “POPSHOP“ erhält mit “SOUNDS“ ebenfalls einen neuen Sendetitel. Das SWR3 Topthema wird es nun zweimal täglich geben, wie gewohnt um 17.40 Uhr und zusätzlich um 12.15 Uhr. Im Zuge der Veränderungen vollzieht SWR3 zudem intern einen Relaunch seiner Redaktionsstrukturen.

New Pop Festival-Special 2022 (Bild: SWR/Paul Gärtner)

New Pop Festival-Special 2022 (Bild: SWR/Paul Gärtner)

Ab der zweiten Hälfte dieser Woche veranstaltet SWR3 – wie an jedem dritten Septemberwochenende – sein über die Sendegrenzen hinaus bekanntes New Pop Festival. Seit 1994 lädt der Sender zum Stelldichein der hoffnungsvollsten Newcomer eines Musikjahres. Veranstaltungsorte sind die extravaganten Konzertsäle der noblen Kurstadt Baden-Baden, gleichzeitig Sitz des Senders.

Peter Stockinger (Bild: Wolf-Peter Steinheißer)

Peter Stockinger (Bild: Wolf-Peter Steinheißer)

Spiritus Rector der Veranstaltung war der damalige SWF3-Programmdirektor Peter Stockinger, der kreativem Musiknachwuchs zu einer Startrampe im Radio verhelfen wollte. So wie er das beim legendären “Montreux-Festival“ kennengelernt hatte. Was nicht immer, aber in vielen Fällen sehr erfolgreich gelang. So nutzen damalige Newcomer – wie Alanis Morissette, Amy Winehouse, Bruno Mars, Ed Sheeran, Dua Lipa, Amy MacDonald, Andreas Bourani, Anastacia, Cro, Imagine Dragons und sehr viele mehr – „New Pop“ als willkommenes Entrée in den deutschen Musikmarkt.


Im Doppelinterview mit RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich geben Thomas Jung und SWR3-Musikchef Gregor Friedel Auskunft zur diesjährigen Ausgabe des New Pop Festivals sowie zu Entwicklungen im SWR3-Programm.

 

„Es gab zwei Jahre lang keinen klassischen Künstleraufbau“

 

RADIOSZENE: Mit welchen Erwartungen gehen sie in dieses – endlich wieder -weitgehend „normale“ Festivalprogramm?

Gregor Friedel (Bild: ©Stephanie Schweigert)

Gregor Friedel (Bild: ©Stephanie Schweigert)

Gregor Friedel: Es ist tatsächlich sehr schwer, nach dem Ausfall 2020 und der Corona-Edition 2021 wieder eine „Normalität“ zu erreichen. Es fehlen schlicht zwei Jahre und wir müssen vieles neu denken. Das muss nicht unbedingt schaden, weil so ein Neuanfang ja auch die Chance bietet, Dinge zu optimieren. Gleichzeitig ist der Aufwand deutlich größer. Ich bin gespannt, wie sich die Ideen und Änderungen für die Fans und uns anfühlen und ob wir alle am Donnerstag zur Eröffnung automatisch in den gelernten „New Pop-Modus“ schalten können, den wir aus den vorhergehenden Jahren kennen.

RADIOSZENE: Wegen den Folgen der Pandemie war es zuletzt ja nicht einfach – gerade aus Übersee – ein attraktives Künstlerpaket auf die Bühnen zu locken. Hat sich die Lage inzwischen entspannt?

Gregor Friedel: Die Nachwirkungen der langen Corona-Zeit im Konzertbereich sind noch deutlich zu spüren. Wir hätten uns über zwei Acts aus den USA und Kanada gefreut – sie spielen aber jetzt erst einmal „ihren“ Markt, sprich: ihre Heimatländer, die aus nachvollziehbaren Gründen Vorrang haben. Es ist ja so: es gab zwei Jahre lang keinen klassischen Künstleraufbau. Niemand hat vor 50 Leuten gespielt, dann vor 200, dann vor 1.000. Es gab so gut wie keine PR-Möglichkeiten für aufstrebende Künstlerinnen und Künstler. Wenn man nicht wirklich Fan von jemandem ist und ihm zum Beispiel auf Instagram folgt, gibt es zu den Songs kaum ein Gesicht, nicht die Form emotionaler Bindung, die sich sonst über einen gewissen Zeitraum aufbaut. Das ist für Newcomer sehr schwierig und das ist für uns nicht leicht, da wir beim SWR3 New Pop Festival keine Acts zeigen, die seit Jahren bekannt sind und sich schon ein Fangemeinde erspielt haben.

SWR3 NewPop Festival 2019 (Bild: © SWR)

SWR3 NewPop Festival 2019 (Bild: © SWR)

Dadurch, dass wir unterjährig mit den Labels gemeinschaftlich Künstleraufbau betreiben, sprich neue Acts ins Radio bringen, haben wir gleichwohl ein sehr schönes Line-Up. Mit ClockClock und Myle spielen zwei deutsche Acts, die aus dem Umfeld der Popakademie kommen. Sam Ryder und Malik Harris sind spätestens durch den Eurovision Song Contest Künstler, die europaweit bekannt wurden. Mit Lola Young, Joy Crookes und Bow Anderson spielen sagenhaft gute Musikerinnen die Theater-Konzerte, von denen jedes Einzelne ein Highlight wird. Leony ist eine begnadete Songwriterin und Performerin, die ebenfalls aus Deutschland kommt. Von Moncrieff versprechen wir uns zukünftig noch Großes und Ray Dalton und Calum Scott sind mittlerweile Stars, die wir von Anfang an unterstützt haben. Kurzum: wir freuen uns über ein tolles und abwechslungsreiches Line-Up, trotz der oben skizzierten Situation.

RADIOSZENE: Wie wichtig ist es für den gesamten Programmerfolg endlich wieder mit Off-Air-Veranstaltungen zurück zu sein? Gab in den letzten beiden Jahren messbare Signale wie sehr Ihre Hörer diese Events vermisst haben?

Thomas Jung (Bild: ©SWR/Stefanie Schweigert)

Thomas Jung (Bild: ©SWR/Stefanie Schweigert)

Thomas Jung: Eventing ist traditionell ein wichtiger Pfeiler von SWR3, sicherlich wichtiger als bei Mitbewerbern. Die Menschen wollen einerseits ihre Marke und die Macher erleben. Gerade auch bei den Themen Musik und Comedy. Andererseits ist die Off Air-Präsenz notwendig, um neue Nutzerinnen und Nutzer auf die Marke aufmerksam zu machen und ihre Neugierde für die linearen und digitalen Angebote zu wecken. In einem normalen Jahr sind wir bei bis zu 350 Events Veranstalter oder Partner mit bis zu 650.000 Direktkontakten. Damit sind wir ein wichtiger Event-Player in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Wenn dieser Pfeiler für gut zwei Jahre wegbricht, macht sich dies natürlich bemerkbar, mehr als bei anderen – und auch in der MA. Deshalb freuen wir uns, dass der Popkultur-Betrieb wieder angelaufen ist – auch wenn die Branche inklusive uns vom normalen Business noch weit entfernt ist. Die Pandemie hat tiefgreifende Spuren hinterlassen.

 

„Eventing ist traditionell ein wichtiger Pfeiler von SWR3, sicherlich wichtiger als bei Mitbewerbern“

 

RADIOSZENE: SWR3 ist im Sendegebiet in 2022 mit einem Großangebot an Veranstaltungen vor Ort im Sendegebiet. Auch andere Sender sind mit Konzerten und so weiter sehr sichtbar präsent. Weiter versucht die zuletzt gebeutelte klassische Veranstaltungswirtschaft mit hochkarätigen Events ein Comeback, dazu sind wieder Stadtfeste und zahllose kleine lokale Events vor Ort terminiert. Befürchten Sie hier nicht eine Art Overkill durch eine Übersättigung des Marktes?

Thomas Jung: Ich habe es eben angedeutet, der Markt ist überhitzt! Die Fans sitzen noch auf Tickets aus den letzten beiden Jahren. Künstlerinnen und Künstler sowie die Veranstalter wollen endlich wieder Geld verdienen und bieten eine Vielzahl von Events an. Dazu Partys, Feste. Auf der anderen Seite gestiegene Ticketpreise, Inflation, Sorge um die Energiekosten im Winter, die Menschen drehen den Euro zweimal um. Kostenfreie und sehr günstige Angebote brummen, auch die Mega-Gigs der Topstars. Aber viele kleinere Shows sind nicht ausverkauft. Und ich wage zu sagen, auch 2023 wird das noch nicht besser. Und diese Entwicklung macht auch vor den SWR3 Events nicht halt.

RADIOSZENE: Wie zufrieden sind Sie mit den Ergebnissen letzten Media Analyse? Worauf basieren die wieder ansteigenden Zahlen für SWR3 und DASDING?

Thomas Jung: Wir waren am MA-Tag bei beiden Programmen sehr happy. DASDING – wie ja auch andere junge Angebote – bewies einmal mehr, dass junge Menschen das Thema Radio noch auf dem Schirm haben. Hier hat die Pandemie das Medium wegen des Informationsbedürfnisses ins „relevant set“ zurückgeholt. Man sollte auch die jungen Radios nicht zu früh für tot erklären!

SWR3 wiederum hat sich von der Talfahrt erholt und einen relevanten Platz an der Spitze der deutschen Radios zurückerobert.

Wir hatten die Corona-Berichterstattung und die damit verbundenen Service-Elemente zu intensiv und zu lange betrieben. Ähnliches galt für den Krieg in der Ukraine. Das Infobedürfnis war und ist natürlich da. Wir haben aber die Felder Leichtigkeit, Ablenkung, Durchatmen, sprich Unterhaltung etwas vernachlässigt. Dies alles ist wieder im Lot und wir segeln auf Erfolgskurs.

RADIOSZENE: Vor allem wegen stark veränderter Hörgewohnheiten – primär ausgelöst durch die Folgen der Pandemie – beginnt Ihr Flaggschiff, die SWR3 Morningshow, seit einigen Monaten nun eine Stunde später erst um 6 Uhr. Welche weiteren dauerhaften Auswirkungen lehren uns die letzten MA-Zahlen?

Thomas Jung: Alternative Audioangebote wurden während der Pandemie noch populärer, sie nagen weiter am Medienzeitbudget für das Radio.

Der Trend zu Homeoffice und mobilem Arbeiten führt nicht nur dazu, dass manche Zielgruppen später einschalten. Auch die Nutzung im Auto geht damit zurück. Das betrifft den Morgen aber auch den Spätnachmittag. Da Video-Meetings in vielen Büros auch künftig den Alltag beherrschen werden, werden auch dort weniger Radios beziehungsweise Livestreams laufen. Die Menschen nutzen Radio, aber eben immer kürzer.

 

„Der gesamte Markt orientiert sich an unserem Radio der Zukunft“

 

RADIOSZENE: Welche Schlüsse ziehen Sie aus der immer stärker werdenden Hinwendung der Hörer in Richtung digitaler Nutzung? SWR3 hatte in 2020 eine bahnbrechende App mit bislang ungekannten Features auf den Markt gebracht. Wie intensiv und experimentierfreudig nehmen die Nutzer dieses Angebot – im Vergleich zur analogen/linearen Hörsituation – an?

Thomas Jung: Seit dem Start der App ist eine Entwicklung in der Radiolandschaft festzustellen und der gesamte Markt orientiert sich an unserem Radio der Zukunft. Die SWR3 App-Nutzerinnen und Nutzer unterscheiden sich hinsichtlich Alter, Bildung und Berufstätigkeit von der traditionellen Hörerschaft, der Livestream mit all seinen interaktiven Möglichkeiten steht dabei klar im Mittelpunkt. Die Nutzung der Zurückspulfunktion und der Funktion Songs zu liken liegt bei rund 60 Prozent. Für die Funktionen On Demand hören und Songs tauschen liegt sie bei rund 40 Prozent, Tendenz steigend.

SWR3-App-Pressefoto (Bild: ©SWR-Südwestrundfunk)

SWR3-App-Pressefoto (Bild: ©SWR-Südwestrundfunk)

Eine zunehmende Gewöhnung in der Streamingnutzung der SWR3 App ist mittlerweile klar zu erkennen, die sich vorwiegend in der hohen Nutzungsfrequenz und der täglichen Nutzung zeigt. Wir optimieren die innovativen Funktionen stetig, erhöhen zum Beispiel das Rückspulintervall, erweitern die Zahl der Songs, die On Demand in der Playlist abgespielt werden können und erleichtern die Mitnahme von Inhalten über mehrere Geräte mit einer Seamless-Experience. Die Nutzung über den Tag ähnelt einer Radio-Tagesverlaufskurve, bis auf die Abendstunden, wo vorwiegend Podcasts und On Demand-Angebote gehört werden und die Bundesliga-Wochenenden. Da können Fußball-Fans inzwischen alle Spiele live und in voller Länge hören. Interaktive Funktionen in den Apps kombinieren Live-Ticker, zurückspulbare Streams und Sport-Pushmitteilungen und machen die App somit rundum erlebbar. Wer das entscheidende Tor seiner Mannschaft verpasst hat, kann im Stream einfach an die entsprechende Stelle zurückspringen. Alle Spiele, seit dieser Saison auch der 2. Liga, können in der SWR3 App gehört werden.

RADIOSZENE: Gleich mehrere Untersuchungen attestieren in diesen Tagen den Podcasts und Radioinhalten auf Abruf ein Fortschreiten ihrer erfolgreichen Durchsetzung im Medienmarkt. Welche Bedeutung haben diese Audio-Formate für SWR3? 

Thomas Jung: Als erfolgreiche Hörfunkmarke hat SWR3 eine große Kompetenz, Audioinhalte zu entwickeln. Die digitalen und linearen Angebote von SWR3 machen wir zugeschnitten auf die Bedürfnisse unserer Nutzerinnen und Nutzer und das spornt uns an, auch im Podcast-Bereich ein wichtiger Player zu werden und mit unserer Audiokompetenz erfolgreiche und spannende Formate anzubieten.

Podcasts bieten uns die Möglichkeit, über verschiedene Plattformen neue Zielgruppen zu erschließen. Dadurch schaffen wir eine weitere Bindung an die Multiplattformmarke SWR3.

Johann Lafer SWR3-Grillpodcast (Bild: ©SWR)

Johann Lafer SWR3-Grillpodcast (Bild: ©SWR)

Neue Audioprodukte werden immer mit Blick auf die digitale Ausspielung entwickelt. Spannend wird dabei in Zukunft die Priorisierung: Wandert das digitale Produkt ins Radio oder wird aus dem Radioinhalt ein Podcast. Da ist gerade viel in Bewegung – auch vor dem Hintergrund knapper Ressourcen.

Podcast-Formate geben uns zudem die Möglichkeit, richtig ausführlich in die Tiefe zu gehen. Im Vergleich zum Radioformat gibt es einfach mehr Zeit und Raum dafür. Auch für unsere Redakteurinnen und Redakteure ist das eine tolle Möglichkeit, zu experimentieren oder auch Themen ausgeruht umzusetzen. Ein Beispiel: Mit dem Podcast „SWR3 Report“ haben wir ein digitales Produkt entwickelt, das wir perfekt mit unseren Themen-Schwerpunkte im Hörfunk verknüpfen. Im Podcast gibt es längere Interviews, ausführliche Standpunkte von Experteninnen und Experten und das Beste daran ist, dass die Hörerinnen und Hörer das SWR3 Angebot dauerhaft und zeitlich flexibel nutzen können. So schaffen wir einen Mehrwert und nutzen die entstandenen Inhalte optimal für alle Ausspielwege. Und wir unterstützen den Wunsch der Hörerinnen und Hörer, sich selbst aussuchen zu können, was sie im Moment hören wollen.

 

„Neue Audioprodukte werden immer mit Blick auf die digitale Ausspielung entwickelt. Spannend wird dabei in Zukunft die Priorisierung: Wandert das digitale Produkt ins Radio oder wird aus dem Radioinhalt ein Podcast“

 

RADIOSZENE: Haben Sie hier Zahlen über Abrufwerte und bevorzugte Genres?

Thomas Jung: Die Podcast-Abrufe sind einzeln betrachtet noch weit von der linearen Tagesreichweite von SWR3 entfernt. SWR3 ist ein Massenmedium mit einer großen linearen Reichweite. 

Mit dem vor wenigen Wochen gestarteten Talk-Podcast „1 Plus 1 – Freundschaft auf Zeit“ haben wir es geschafft, einen Podcast zu entwickeln, bei dem ausnahmsweise mal nicht eine Personality im Vordergrund steht. Durch wechselnde Promis soll das Format für unsere Nutzerinnen und Nutzer spannend bleiben, das macht den Reiz aus. Alle vier Wochen lernt sich ein neues Promipaar kennen und versucht, eine Freundschaft zu schließen.

Zudem haben wir mit „Der Gangster, der Junkie und die Hure“ einen Podcast entwickelt, mit dem wir sehr erfolgreich eine junge Zielgruppe im sehr stark wachsenden Genere „Factual Entertainment“ ansprechen.  

Der Podcast-Markt ist komplett überhitzt. Im Markt werden mitunter Preise aufgerufen, bei denen wir als öffentlich-rechtlicher Sender nicht mitspielen möchten. Daher ist es für uns wichtig, gute Inhalte und gute Formate selbst zu entwickeln, um ein nachhaltiges Angebot zu schaffen. Denn das findet auf Dauer seine Hörerinnen und Hörer und Communities und wird gewertschätzt.

RADIOSZENE: Hatte die Corona-Zeit auch maßgebliche Auswirkungen auf die Musikpräferenzen Ihrer Hörerschaft? Über wie viel Einfluss verfügt das Radio heute noch, wenn es darum geht neue Musiktrends auszulösen?

Gregor Friedel: Bei Musikwünschen haben wir festgestellt, dass die Hörerinnen und Hörer sich mehr auf ältere, bekannte Hits konzentriert hatten, sprich: Songs, zu denen es eine emotionale Bindung gibt und die eine gewisse Stabilität herstellen. Ansonsten ist es natürlich so, dass Radio nicht mehr die Rolle des Trendsetters für die Menschen übernimmt, die proaktiv nach Musik suchen. Radio bringt den Menschen neue Musik nahe, die sich dafür interessieren, aber keine Zeit mehr dafür aufwenden wollen oder können. Das Radio bringt neue Musik und neue Acts in den Mainstream, wir erzählen „das ist der und der oder die und die und wir können uns vorstellen, dass dir das gefällt“ und unsere Hörerinnen und Hörer vertrauen uns hier. TikTok hat im Bereich „Trendsetting“ eine klar führende Rolle übernommen. Nun muss man als Radio nicht bei jedem TikTok-Trend nervös werden und die Songs spielen, aber einige der derzeitigen Top-Acts sind über TikTok Weltstars geworden. Es ist natürlich auch spannend, dass über TikTok ja nicht nur neue Acts kommen, sondern eben auch alte Hits wieder zu Hits bei einer jungen Zielgruppe werden.

RADIOSZENE: Gleiche Frage zu den redaktionellen Wortinhalten und Nachrichten: haben sich bei den Radiohörern während der Pandemie die Erwartungshaltung zum Informationsbedarf sowie der Umgang gegenüber Nachrichten/Beiträgen verändert? Eine gerade veröffentliche Studie hat ermittelt, dass viele – vor allem jüngere – Menschen schlechte Nachrichten in den Medien sogar bewusst ausblenden … 

Thomas Jung: Ich möchte diese Studie nicht bewerten, aber wir haben ähnliche Beobachtungen gemacht. Dazu hat sicherlich das Übermaß an schlechten Nachrichten in den vergangenen zweieinhalb Jahren beigetragen. Und davon gab und gibt es reichlich. Manche Anbieter können es sich jetzt einfach machen und schlechte Nachrichten im Programm einfach reduzieren, um die Laune der Kundschaft nicht zu sehr runterzuziehen. Das geht bei uns als öffentlich-rechtlicher Anbieter natürlich nicht. Deshalb ist es für SWR3 umso wichtiger, neben soliden Nachrichten und gutem Journalismus auch ein starkes Unterhaltungsangebot zu machen, das der Zerstreuung dient, das überrascht und ganz einfach Spaß macht. Daran arbeiten unsere SWR3 Shows jeden Tag.

Thomas Jung Programmdirektor SWR 3 (Bild: ©SWR)

Thomas Jung Programmdirektor SWR 3 (Bild: ©SWR)

Dennoch: Es gibt bei den Nutzerinnen und Nutzern ein Grund-Bedürfnis nach schneller Information, dass wir relevante Sachverhalte für sie aufbereiten und dass wir sie durch das Info-Überangebot navigieren. Auch deshalb haben wir einen multimedialen Aktuell-Desk in der Redaktion geschaffen, mit Anchorn, Topthema-Updates und so weiter. Die Menschen sind aber noch stärker an Ausgewogenheit zwischen Aktuellem und Leichtigkeit interessiert. 

 

„Hat „Deutschpop“ vor drei Jahren noch hervorragend getestet, landen die meisten deutschsprachigen Titel in unseren Call-Outs in der Regel auf den hinteren fünf Plätzen, so gut wie kein Act schafft es mehr in den einstelligen Bereich der Liste“

 

RADIOSZENE: Die Präsenz deutschsprachiger Musik im Radio ist derzeit ein wichtiges Thema. Die Anteile einschlägiger Musik gehen seit Jahren massiv zurück, erreichen bei diversen Sendern nahe null Prozent. Inzwischen wird bei vielen Programmen mehr spanischsprachige Musik gespielt als deutsche. Ist die Qualität heimischer Musik tatsächlich so bescheiden? Oder sind die Popkünstler für das Radio inzwischen zu „schlagerhaft“ oder gleichförmig?

Gregor Friedel: Hier spielen sehr unterschiedliche Facetten eine Rolle. Zum einen glaube ich, dass wir für eine relativ lange Zeit die Situation hatten, dass es eine gewisse Sicherheit gab als deutscher Act im Radio gespielt zu werden. In meiner Wahrnehmung hatte das zur Folge, dass der eine oder die andere im Songwriting und beim Texten bei vielleicht 80 Prozent aufgehört hat, da es ja die sehr große Wahrscheinlichkeit gab, dass es Airplay gibt. Zum anderen ist es so, dass Radiosender natürlich versuchen, die Erwartungen ihrer Hörerschaft zu erfüllen, sich erkennbar zu machen und zu definieren. Wenn jetzt ein Song so geschrieben und produziert ist, dass er von den Melodie-Formaten genauso gespielt werden kann wie von den Wellen 50 plus oder den AC-Formaten, dann führt das unweigerlich dazu, dass die Messlatte für Songs höher gelegt wird. Wenn ein Song über alle Genre- und Wellengrenzen hinweg laufen kann, fehlt ihm mitunter das, was wir für unser Format wollen und brauchen. Zuletzt ist es auch eine Tatsache, dass die Call-Outs eine sehr deutliche Sprache sprechen. Hat „Deutschpop“ vor drei Jahren noch hervorragend getestet, landen die meisten deutschsprachigen Titel in unseren Call-Outs in der Regel auf den hinteren fünf Plätzen, so gut wie kein Act schafft es mehr in den einstelligen Bereich der Liste. Dieses Feedback unserer Hörerinnen und Hörer spielt natürlich auch eine Rolle beim Einsatz und der Auswahl deutscher Titel. 

SWR3 NewPop Festival 2019 (Bild: © SWR)

SWR3 NewPop Festival 2019 (Bild: © SWR)

RADIOSZENE: Ein traditioneller Höhepunkt des New Pop Festivals ist das „Special“ am Donnerstag. In welchem Rahmen wird dies in 2022 stattfinden?

Rea GarveyGregor Friedel: Das SWR3 New Pop Special findet auch dieses Jahr im Festspielhaus Baden-Baden statt. Eine Besonderheit ist sicher, dass ein ehemaliger New Pop-Act und vor allem ein „Pioneer of Pop“ die Sendung moderiert: Rea Garvey. Wir versprechen uns viel davon, dass ein Musiker durch die Sendung führt und als wir die Anfrage an Rea gestellt hatten, war die Frage quasi noch nicht ausformuliert, da hatte er schon zugesagt. Rea freut sich riesig darauf, wir freuen uns riesig auf Rea – das wird gut. Auch die Besetzung kann sich sehen lassen: mit Namika, Tom Walker und Tom Odell treten gleich drei ehemalige New Pop Acts auf. Leony spielt in diesem Jahr nicht nur am Samstag ein Einzelkonzert im Festspielhaus, sondern performed auch im Special; und mit Purple Disco Machine, der mit Sophie and the Giants und Moss Kena auftreten wird, haben wir einen europaweit mehrfach ausgezeichneten Künstler in der Show.

RADIOSZENE: Auf welche weiteren Highlights dürfen sich die Besucher freuen?

Gregor Friedel: Natürlich gibt es wieder das bekannte Rahmenprogramm mit den SWR3 New Pop Partynächten, alle Infos dazu gibt es hier. Dieses Jahr gibt es zwei größere Änderungen, auf die wir uns sehr freuen: die Star Talks und die Konzerte der Unplugged-Bands finden in der Kurmuschel statt. Im Kurgarten steht jetzt eine große Vidiwall, dadurch können mehr Menschen die Übertragungen verfolgen. Zusätzlich gibt es an der Fieser Brücke eine weitere, große Vidiwall, eingebettet in ein attraktives Angebot. Dadurch verlängern wir einerseits das New Pop in die Innenstadt, zudem schaffen wir einen neuen Ort, an dem die Fans entspannt am Festival teilhaben können.

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