Gregor Friedel: „Die Arbeit als Musikredakteur ist unfassbar komplex geworden“

Veröffentlicht am 10. Apr. 2019 von unter Musik

Derzeit erreichen uns täglich neue Meldungen zur wirtschaftlichen Lage auf den nationalen und internationalen Musikmärkten. So berichtete gerade der globale Branchenverband der Phonoindustrie, IFPI (International Federation Of The Phonographic Industry), von einem weltweit dynamischen Wachstum. Im vierten Jahr in Folge sei das Geschäft mit Recorded Music gewachsen, dabei lag das Umsatzplus der angeschlossenen nationalen Phonoverbände in 2018 insgesamt bei 9,7 Prozent (RADIOSZENE berichtete). Die branchenweiten Einnahmen erreichten ein Volumen wie zuletzt 2006. Bereits zu Beginn des Jahres hatte es vergleichbare Erfolgsverlautbarungen aus den Key-Märkten USA und Großbritannien gegeben. Beständiger Treiber dieser Entwicklungen waren die Einnahmen aus dem Streaming-Handel, die das sich weiter auf Talfahrt befindende Geschäft aus dem Vertrieb physischer Tonträger offenbar mehr als kompensieren.

SWR3 Studio in Baden-Baden (Bild: © SWR/Alexander Kluge)

SWR3 Studio in Baden-Baden (Bild: © SWR/Alexander Kluge)

Für den deutschen Musikmarkt sehen die Zahlen allerdings bei weitem (noch) nicht so erfolgreich aus. Hier konnte laut Bundesverband Musikindustrie (BVMI), trotz gestiegener Streaming-Einnahmen, gerade einmal knapp der Gesamtumsatz des Vorjahres erreicht werden. Unter dem Strich blieb ein Minus von 0,4 Prozent, das ohne die Einrechnung von Sondereffekten aus dem Jahr 2017 im Bereich der Leistungsschutz- und Aufführungsrechte sogar noch heftiger ausgefallen wäre. Deutschland sei der einzige der zehn weltgrößten Musikmärkte mit einem Umsatzeinbruch, heißt es im “Global Music Report” der IFPI.

Dabei haben die nationalen Major Player ihre Strategien und Organisationsformen bereits seit einigen Jahren in Richtung „Streaming“ gedreht. Nahezu alle internen Vermarktungsformen sind heute inzwischen auf diesen zentralen Profit Center ausgerichtet. 

Veränderungen, die sich auch auf das Binnenklima mit dem Hörfunk auswirken. So reagieren viele Musikverantwortliche der Sender mit Unverständnis, wenn etwa Exklusivitäten bei der Erstausstrahlung bestimmter Songs am Radio vorbei an Spotify und Co. eingeräumt werden. 

Gregor Friedel (Bild: ©SWR)

Gregor Friedel (Bild: ©SWR)

Aber auch ohne das Bohei um die Streamingdienste haben sich die Arbeitsbedingungen der Musikredaktionen grundlegend gewandelt, wie SWR3-Musikchef Gregor Friedel zu berichten weiß. In seine Verantwortung fallen seit der Amtsübernahme in 2017 unter anderem die Gestaltung der gesamten SWR3-Musik sowie Booking und Organisation aller Senderkonzerte.

RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Gregor Friedel über die SWR3 Musik und die komplizierter gewordene Beziehung zwischen Radio und Musikwirtschaft.

 

„Putzig ist auch, wenn Promoter als Argumentation haben‚ ‘ist in Deutschland schon eine Million Mal gestreamt worden‘. Das ist wenig beeindruckend, wenn man bedenkt, dass SWR3 morgens innerhalb einer Stunde mehr Menschen erreicht“

 

RADIOSZENE: Herr Friedel, wie haben Sie zum Radio gefunden?

Gregor Friedel: Als ich 14 Jahre alt war, spielte Gianna Nannini ein Konzert in Crailsheim, welches von Matthias Holtmann, damals SDR3, anmoderiert wurde. An dem Tag habe ich gesagt: Den Job will ich machen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war Musik in jeder Hinsicht ein großer Motor in meinem Leben, ich habe in Bands gespielt, in verschiedenen Clubs als DJ aufgelegt, fürs VISIONS als Freelancer geschrieben. Nach meinem Studium der Anglistik, Politischen Wissenschaft und Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Mannheim habe ich dann im März 1997 mein Volontariat beim damaligen Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart begonnen und bin mit der Fusion von SWF und SDR zu SWR3 gekommen. Zunächst als Reporter und Producer, dann als CvD in Stuttgart. 2001 hat mich dann eben dieser Matthias Holtmann, damals Musikchef von SWR3, als CvD in die Musikredaktion nach Baden-Baden geholt.

RADIOSZENE: Nach Ihren ersten Zeit bei SWR3 gingen Sie auf Wanderschaft nach Hamburg, waren dort bei der ARD-Unterhaltung tätig. Was haben Sie von diesen Jahren für Ihre heutige Tätigkeit mitgenommen?

Gregor Friedel: Der Schritt vom Hörfunk zum Fernsehen und das noch in Verbindung mit dem Wechsel zu einer anderen Landesrundfunkanstalt war gewaltig und viel größer, als ich zunächst erwartet hatte. Hinzu kam die neue Rolle als Referent des ARD Unterhaltungskoordinators, in der Kreativität qua Funktion des Referenten eine untergeordnete Rolle spielt. Das war mitunter schwer für mich, da meine Stärke klar im Programmlichen und in der Kreativität liegt. Superspannend an der Zeit war natürlich, ein Verständnis und einen sehr tiefen Einblick in die ARD zu kriegen. Dies verbunden mit der Chance, sich nicht nur ARD-weit ein hervorragendes Netzwerk aufbauen zu können. Durch unsere Zusammenarbeit mit den Labels beim ECHO, dem ESC und dem Reeperbahnfestival konnte ich hier auch die Kontakte in die Musikindustrie deutlich intensivieren und mir auch hier ein ausgezeichnetes Netzwerk aufbauen. Hiervon profitiere ich heute sehr, verbunden mit dem Verständnis für strategisches Denken und dem Vermögen, komplexe Sachverhalte unter Berücksichtigung von Binnen- und Außeninteressen gut einschätzen zu können. Das wiederum habe ich in der Funktion als Referent gelernt, weil hier eben ein völlig anderer Zugang zu Themen gefragt ist, als das als Redakteur der Fall ist. Das war mitunter für mich entsprechend keine leichte Schule, in der Gesamtheit habe ich von der Zeit in Hamburg aber in jeder Hinsicht profitiert.

 

„Wo früher die Liebe und Hingabe zur Musik letztlich der Hauptbestandteil der Arbeit […als Musikredakteur] war, geht es heute darum, auf welchem Ausspielweg, welches Thema wie distribuiert wird“

 

RADIOSZENE: Wie sehr hat sich mit  den Veränderungen innerhalb der Musik- und Medienszene das Berufsbild des Musikredakteurs verändert? Haben sich hier auch die Anforderungsprofile verschoben?

Gregor Friedel: Die Arbeit als Musikredakteur ist unfassbar komplex geworden. Wo früher die Liebe und Hingabe zur Musik letztlich der Hauptbestandteil der Arbeit war, geht es heute darum, auf welchem Ausspielweg, welches Thema wie distribuiert wird. Natürlich muss ein „Radio-Musikredakteur“ mittlerweile, entsprechend den Veränderungen in der Medienwelt, ebenso im Bereich online und Social Media gut aufgestellt sein. Hinzu kommen diverse Musikplanungsprogramme, Schnittsysteme, Übertragungsmöglichkeiten, und und und…, die alle fachgerecht bedient werden wollen. Das alles hat den Beruf des Musikredakteurs natürlich massiv verändert.

SWR3 Studio in Baden-Baden (Bild: © SWR/Alexander Kluge)

SWR3 Studio in Baden-Baden (Bild: © SWR/Alexander Kluge)

Was wir heute brauchen, sind Leute, die im Musikbereich als die bekannte und viel zitierte „eierlegende Wollmilchsau“ eingesetzt werden können. Die Zeit von spezialisierten Musiknerds ist längst vorbei, wenngleich man für den Beruf sicher ein bissl Nerdtum mitbringen muss. 

RADIOSZENE: Die letzten Zahlen vom Musikmarkt sehen Streaming weiter deutlich im Aufwind. Innerhalb der Musikmultis wurden die Arbeitsabläufe bereits nachhaltig in diese Richtung angepasst. „Spotify first“ heißt die Devise, auch bei den Air Dates. Fühlen Sie sich hier in die zweite Reihe geschoben?

Gregor Friedel: Ach, hier hilft ja Lamentieren nicht weiter. Es ist ja nicht nur so, dass die Labels die Devise „Spotify first“ fahren, was ich natürlich nicht akzeptieren kann. Es ist auf der anderen Seite ja auch so, dass die Radios sich hier viel selbstbewusster positionieren könnten, als sie es tun. Nehmen Sie zum Beispiel das öffentlich-rechtliche System: Laut BVMI hat die Musikwirtschaft im Jahr 2017 von den 310 Millionen Euro GVL-Erlösen 87 Millionen Euro durch Sendevergütungen erwirtschaftet. Das ist Geld, das aus unserem System in die Kassen der Labels gespült wird. Das wird gerne mal vergessen, wenn vom Superpartner „Spotify“ gesprochen wird. Putzig ist auch, wenn Promoter als Argumentation haben ‘ist in Deutschland schon eine Million Mal gestreamt worden’. Das ist wenig beeindruckend, wenn man bedenkt, dass SWR3 morgens innerhalb einer Stunde mehr Menschen erreicht. Und bei uns, nebenbei, Musiktitel und Künstler anmoderiert werden, das heißt konkret dem Konsumenten näher gebracht werden. Tatsache ist doch, dass Sender wie SWR3 derzeit die einzigen Medien sind, die Musik kuratiert in den Mainstream bringen und somit die ganz breite Masse erreichen können. Wer keine ausgeprägte Musikaffinität hat und voll im Familien- und Berufsleben steht, hat vermutlich nicht generell das Interesse an Musik verloren, wird sich aber eher nicht die Zeit nehmen, sich am „New Music Friday“ durch die Angebote zu wühlen. Für diese Menschen sind wir da.

Natürlich kann man die Systeme „Streaming“ und „Radio“ nicht solitär voneinander betrachten. Aber vielleicht wäre es spannend mal zu sehen, was passieren würde, wenn Radiosender wie wir, die sehr früh auf neue Themen gehen und das auch als ihre Aufgabe empfinden, eben nicht mehr dabei wären, Hits zu machen, sondern nur Hits zu spielen. Wann würde denn ein Hit ein Hit werden, wenn alle Radiosender erst aufspringen, wenn ein Song in den Top 40 ist? Nur durch Spotify? Sicher nicht. Oder vielleicht wäre es auch spannend, mal zu überlegen, als Radiosender bei einer bestimmten Anzahl erreichter Streams aus dem Airplay auszusteigen? Es wird ja immer so getan, als würde Spotify nur das Radio beeinflussen. Das ist natürlich Unfug, weil das System Radio ebenso Einfluss auf das Streaming hat. Hier könnte das Radio häufig mit viel breiterer Brust auftreten, als das der Fall ist. Und ehrlich gesagt empfinde ich es als meine Aufgabe, hier die Fahne des Radios hochzuhalten und in die Diskussion und mitunter eben auch in den Konflikt zu gehen. Wer denkt, dass Radio im Jahr 2019 ein „Zweite-Reihe-Produkt“ ist, liegt völlig falsch. Die aktuellen Zahlen der MA besagen, dass knapp 94 Prozent der Deutschen in einem Zeitraum von vier Wochen linear Radio hören, mehr als 95 Prozent nutzen ein klassisches und/oder Online-Audio Angebot und gerade in der viel zitierten „Streaming only“-Generation von 14 bis 29 Jahre hören mehr als 95 Prozent in diesem Zeitraum Radio. Das sind ja vielleicht auch für die Kollegen der Streaming-Abteilungen bei den Labels, die sich hiermit nicht befassen, mal ganz interessante Zahlen. 

 

„Laut BVMI hat die Musikwirtschaft im Jahr 2017 von den 310 Millionen Euro GVL-Erlösen 87 Millionen Euro durch [öffentlich-rechtliche] Sendevergütungen erwirtschaftet“

 

RADIOSZENE: Spüren Sie weitere Veränderungen? Wie etwa die Schwemme an sogenannten „Single-Auskopplungen“ aus Alben, die bei der Bestückung einer Radio-Playlist meist kaum mit den zeitlichen Vorstellungen beziehungsweise Abläufen der Sender harmonisieren …

Gregor Friedel: Natürlich nervt das. Ich verstehe auch, dass die Labels für die Streamingdienste alle naselang IGTs rausbringen, um die Playlisten oben und aktuell zu halten. Fürs Radio ist das eher mühsam, zumal wir häufig genug die Situation haben, dass die Tracks nicht eindeutig gekennzeichnet sind oder die Promoter erst selbst inhaus nachfragen müssen, ob das jetzt offiziell ist oder nicht, oder doch, oder … 

Ebenfalls mühsam sind für uns oftmals die Kooperationen von DJs mit Sängerinnen und Sängern. Wenn beispielsweise drei verschiedene DJs eine wiedererkennbare Sängerin wie zum Beispiel Dua Lipa oder Anne-Marie auf ihren aktuellen Tracks singen lassen, hört man ja nicht den DJ, sondern die Stimme. Wenn diese Sängerinnen dann auch noch selbst ein aktuelles Produkt auf dem Markt haben, ist es fast unmöglich, die Songs so zu programmieren, dass der Hörer nicht den Eindruck hat, immer dasselbe zu hören, auch wenn das objektiv nicht der Fall ist. Auf der anderen Seite muss ich zugeben, dass wir als Radio durchaus auch von der neuen Art der Produktion für Streamingdienste profitieren. Während sich früher Songs durchaus das eine oder andere Mal zum Refrain gequält haben, bis sie erkennbar waren, ist die Idee, so schnell wie möglich zur Hook zu kommen und die Tracks nicht ewig lang zu machen, auch für uns von Vorteil. Auch wenn die ursprüngliche Intention hier natürlich eine völlig andere war.

RADIOSZENE: Auch die Besetzung von Künstlern bei Radiokonzerten gestaltet sich zunehmend schwieriger. Früher haben das die Labels erledigt. Auch hier sind heute vermehrt die Sender gefragt, wollen sie ein attraktives Line-Up auf die Bühne stellen. Hinzu kommen komplizierte Online-Ausstrahlungsrechte. Sind Senderkonzerte zur besonderen Herausforderung geworden?

Gregor Friedel: Oh ja, die Situation hat sich stark verändert. Im Rahmen der Verfügbarkeit sehr deutlich, seitdem ursprünglich fachfremde Player wie zum Beispiel die Telekom den Markt für sich entdeckt haben und hier natürlich mit völlig anderen Angeboten und finanziellen Mitteln agieren können, als uns das möglich ist. Und hier handelt es sich ja zumindest noch um ein Unternehmen, das im Bereich Kommunikation unterwegs ist. Hinzu kommen ja mittlerweile selbst Player wie Penny oder dm. Das macht unser Geschäft mühsamer und letztlich klappen Dinge derzeit, weil wir oftmals einen direkten und guten Kontakt zu Künstlern und Managements haben und das eine oder andere mal auch Fürsprecher bei den Labels.

Das Thema mit den Onlinerechten ist sehr heterogen. Es gehört zu unserem Auftrag, von uns produzierte Programminhalte – wie Konzerte oder unplugged-Sessions – zu publizieren und dies natürlich über alle Ausspielwege, die wir versorgen sollen und wollen. Andererseits schrecken die Labels davor zurück, dass von ihren Künstlern überall – und eben vor allem auf Seiten von Dritten – alles verfügbar ist, weil sich somit die Möglichkeit einer Monetarisierung auf dem labeleigenen Kanal minimiert. Das kann ich verstehen, da sich der Musikmarkt so elementar verändert hat und man mit den klassischen Verkäufen in vielen Bereichen schlicht kein Geschäft mehr machen kann. Hier würde ich mir wünschen, dass wir – ähnlich dem Modell in Großbritannien – eine Möglichkeit finden, eine zu benennende Summe X als Kompensation an die Labels zu zahlen und damit die vollen Onlinerechte zu erlangen. Letztlich glaube ich, dass es auch mehr auf den Künstler einzahlt, wenn von ihm top produzierte Songs in Ton und Bild im Digitalbereich zu finden sind, als irgendwelche Wackelaufnahmen von Fans. Und wenn sie sich die Aufnahmen von unseren unplugged-Sessions oder den Casino-Sessions auf swr3.de anschauen, sehen Sie, wie groß hier die Qualität der Aufzeichnung ist.

Luoane bei der SWR3-Casino Session (Bild: ©SWR/Niko Neithardt)

Luoane bei der SWR3-Casino Session (Bild: ©SWR/Niko Neithardt)

Wir müssen uns aber auch nichts vormachen – die Leute suchen die Videos auf youtube.com und recherchieren nicht, bis sie mal auf swr3.de landen. Deswegen müssen wir meines Erachtens einen Weg und eine Lösung finden, die tollen, von uns produzierten Inhalte dorthin zu bringen, wo der Konsument ist. Verbunden mit dem Rückkanal, dass er von dort auch mal zu uns kommt, sei es im linearen Bereich, im digitalen oder über unsere Social Media-Kanäle.

 

„Tatsache ist, dass Sender wie SWR3 derzeit die einzigen Medien sind, die Musik kuratiert in den Mainstream bringen und somit die ganz breite Masse erreichen können“

 

RADIOSZENE: Wie ist heute generell Ihr Verhältnis zur Musikwirtschaft?

Gregor Friedel: Wie immer hat das Verhältnis zur Musikwirtschaft seine Höhen und seine Tiefen und seitdem hie und da die Devise „StreamingStreamingStreaming“ als das Wunderheilmittel ausgerufen wird, sind die Tiefen tiefer, als sie das mal waren. Natürlich beobachte ich sehr genau, welche Player wie bedient werden, welche Rolle Radio tatsächlich für die Labels spielt und wo das eindeutig nur als Lippenbekenntnis zu identifizieren ist. Es ist immer mein Bestreben, dass wir uns in einer Regelmäßigkeit mit unseren Ansprechpartnern bei den Labels treffen, um im direkten, vertraulichen Austausch, den Status Quo zu erörtern und auch Verständnis für die jeweilige Situation und die jeweiligen Bedürfnisse und Zwänge des anderen bekommen zu können. Dadurch, dass die Majors natürlich gewinnorientierte Konzerne sind, wurden in den vergangenen Jahren unter anderem auch immer mehr die Mittel für Events und die Marketingetats runtergefahren. Das ist oftmals ein wenig beschwerlich. Gleichwohl: Das Verhältnis ist im Wesentlichen recht gut, auch wenn die Umstände und die Wege, Einigungen zu erzielen, immer mühsamer werden.

Special mit BossHoss (Bild: ©SWR/Uwe Riehm)

Special mit BossHoss (Bild: ©SWR/Uwe Riehm)

RADIOSZENE: Viele Künstler, die nicht bei großen Firmen unter Vertrag stehen, klagen über eine Schieflage bei der Verteilung der Gelder aus Streaming. Ein guter Teil der Kreativen überlebt durch Konzerte oder Nebenjobs. Stellt dies für die Musikszene nicht eine langfristige Gefahr dar?

Gregor Friedel: Hierzu kann ich tatsächlich nicht viel sagen. Es war schon immer so, dass Bands von denen wir als junge Fans dachten, sie könnten von ihrer Musik leben, im wahren Leben Jobs hatten, um über die Runden kommen zu können. Ich habe nicht mehr die Hoffnung, dass sich Qualität immer durchsetzt (auch deswegen, weil es in meiner Wahrnehmung schlicht viele A&Rs gibt, die sich nicht mehr trauen, Stellung zu beziehen und für Themen zu kämpfen). Aber die Motivation für wahre Musiker war noch nie der pekuniäre Aspekt, sondern immer der Drang, Musik machen zu wollen. Insofern glaube ich nicht, dass sich die Grundlagen hier immanent verändert haben, wenngleich die Strukturen völlig andere geworden sind. Ein Teil dieser Entwicklung rührt natürlich ganz generell aus dem Bereich „Streaming“ her. Musik ist ein stets und überall verfügbares und abrufbares Massengut geworden. Die emotionale Bedeutung von Musik hat stark abgenommen, dadurch auch die Wertschätzung dafür, dass hier jemand Kunst geschaffen hat, dafür aber auch anständig bezahlt werden muss, weil das System sonst irgendwann nicht mehr funktionieren kann. Das ist ein weites Feld.

RADIOSZENE: Durch den Strukturwandel kommt heute deutlich mehr neue Musik auf den Markt. Kollegen klagen über eine wahre Schwemme an Veröffentlichungen. Wie bewältigen Sie diese Masse?

Gregor Friedel: Auch das ist ein wenig mühsam und tatsächlich auch hier ein Weg zurück zu den Anfängen der 2000er, als Promoter noch jede Woche bei den Radios saßen, vor sich einen Stapel von 15 Maxi-CDs, die natürlich alle Top-Priorität hatten. Damals wie heute war der Hintergrund, dass keiner wissen konnte, was funktioniert und die Devise war „je größer das Angebot, umso größer die Chance, dass halt was im Gitter hängen bleibt“. Also auch hier nix Neues, außer dass sich die Art der Zurverfügungstellung der Tracks geändert hat. Es ist schwer, hier den Überblick zu behalten, wir tauschen uns entsprechend regelmäßig in der Redaktion aus und bei acht Redakteuren, die hier die Augen, oder besser: die Ohren aufhalten, gelingt es uns in der Regel, dass nichts Wichtiges durchrutscht.

 

„In einer Welt, in der das Geld mit Streaming verdient wird, wird sich die Zeit von Album-Künstlern, die lange und fortwährend Erfolg haben, dem Ende zuneigen“

 

RADIOSZENE: Musikwirtschaft und Radio haben lange Jahre gut von der Strahlkraft von großen Künstlerpersönlichkeiten gelebt, die beständig attraktive Alben geliefert haben. Neigt sich diese Zeit zugunsten eines rein Track-basierten Geschäftsmodells ihrem Ende zu?

Gregor Friedel: So lange Labels sich dem Track-Business verschrieben haben – und die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass hier wieder ein anderer Weg eingeschlagen wird – glaube ich, dass es kaum noch Künstler geben wird, die die Chance haben, die „klassische“ Karriere zu machen, wie wir sie kennen. Sicher gibt es Ausnahmenkünstler wie Adele oder Ed Sheeran, aber in einer Welt, in der das Geld mit Streaming verdient wird, wird sich die Zeit von Album-Künstlern, die lange und fortwährend Erfolg haben, dem Ende zuneigen.

SWR Studio Session mit Max Giesinger (Bild: © SWR/Niko Neithardt)

SWR Studio Session mit Max Giesinger (Bild: © SWR/Niko Neithardt)

RADIOSZENE: Wie viel Bauchgefühl der Redakteure steckt in der SWR3-Musik, welche Rolle spielen die Musiktests?

Gregor Friedel: Ein guter Musikredakteur ist wie ein guter A&R und spürt intuitiv, ob eine Nummer ein Hit werden kann oder nicht. So etwas kann man auch nicht lernen, sondern das ist eine Begabung, an der man arbeiten kann und in der man sich durch Erfahrung immer weiter verbessern kann. Natürlich liegt man trotzdem auch mal falsch. Die Tests sind ein Mosaikstein von unterstützenden Tools, mit denen wir arbeiten und die Ergebnisse der Tests werden von uns sehr genau analysiert. Wir reagieren auch entsprechend, wenn ein Song über einen Zeitraum schlecht testet. Bei einem ersten schlechten Test darf man nicht nervös werden, aber wenn ein Song bei unseren Hörerinnen und Hörern zwei oder drei Mal in Folge schlecht abschneidet, dann besprechen wir, wie wir mit dem Titel zukünftig umgehen.

RADIOSZENE: Vor einigen Wochen haben Sie bei einer RADIOSZENE-Umfrage einen Trend hin zu jungen britischen Singer Songwritern ausgemacht. Der drohende Brexit scheint die dortige Szene eher zu beflügeln. Ähnlich kreative Strömungen kommen derzeit aus Ozeanien, Skandinavien oder Frankreich. Was macht diese Künstler so besonders? Die Szene, Talent, Songwriting? Oder wird die Entwicklung einfach durch den Erfolg eines Ed Sheeran beflügelt?

Gregor Friedel: Es gibt ja immer diese Strömungen. Die letzte große Strömung waren skandinavische Frauen, derzeit gibt es jede Menge Künstler, die nicht als Band, sondern unter ihrem Eigennamen auftreten: Christopher, Dean Lewis, Declan J Donovan, Dermot Kennedy, Sam Fender, Malik Harris, Tom Gregory, Lewis Capaldi, Tom Walker, Hugo Helmig, Dominic Fike, Marius Bear, um nur ein paar zu nennen. Die kommen nicht alle aus dem UK, es ist aber schon auffallend, dass es diesen Trend gibt. Ich glaube nicht, dass das nur mit Ed Sheeran zu tun hat. Dafür ist die Varianz des Songwritings zu groß. Keiner der oben genannten Musiker klingt wie die anderen, alle haben etwas Eigenes, das sich von den anderen unterscheidet. Der gesamten Musikszene hat es auf jeden Fall gut getan, dass mit Rag’n’Bone Man wieder „handgemachte“ Musik sehr erfolgreich im Mainstream reüssieren konnte und die absolute Dominanz von EDM endlich unterbrochen wurde. Die beiden musikalischen Welten existieren nun nebeneinander her, für Radiomacher und Radiohörer ist es dadurch aber sehr viel abwechslungsreicher und spannender geworden.

 

„Der gesamten Musikszene hat es auf jeden Fall gut getan, dass mit Rag’n’Bone Man wieder ‚handgemachte‘ Musik sehr erfolgreich im Mainstream reüssieren konnte und die absolute Dominanz von EDM endlich unterbrochen wurde“

 

RADIOSZENE: Zeichnen sich – abgesehen von den erwähnten Dance-Pop-DJs á la Guetta – aktuell weitere interessante Tendenzen ab?

Gregor Friedel: Es gibt eine kleine Entwicklung hin zu klassischen „Bands“, die mir sehr gut gefällt und von der ich hoffe, dass sie sich auch im Radio widerspiegeln wird. So richtig los ging das im vergangenen Jahr mit dem Überhit „Summer Is A Curse“ von The Faim, jetzt stehen Bands wie Picture This, Giant Rooks, Sea Girls kurz vorm Sprung ins Radio und Radio ist ein guter Gradmesser und Katalysator von und für Trends. Daneben wünsche ich mir, das wiederhole ich aber gebetsmühlenartig, wieder „pure Pop“ zurück. Davon gibt es derzeit zu wenig.

RADIOSZENE: Welche Rolle spielen bei den SWR3 Hörern derzeit die in den Charts so erfolgreichen Künstler aus der Rap/HipHop-Riege?

Gregor Friedel: Rap/HipHop spielt für uns absolut keine Rolle und ich sehe auch nicht, dass sich hieran in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Seitdem es Call-Outs gibt, haben wir auf dieses Genre und unseren Hörerinnen und Hörern schlechtes Feedback bekommen, entsprechend gibt es keinen Grund, dieser Musikfarbe bei uns eine Fläche einzuräumen. Das bedeutet übrigens keineswegs, dass aus diesem Genre alles schlecht ist, aber SWR3 hat einen wiedererkennbaren Sound und der hat mit Rap/HipHop nichts zu tun. 

RADIOSZENE: Polarisiert „Deutsch Pop“ tatsächlich so extrem bei den Radiohörern wie immer behauptet?

Gregor Friedel: Jawohl, dieses Genre polarisiert auf eine emotionale Art und Weise, wie es sonst keine andere Musikrichtung tut. Von „große Liebe“ bis hin zu „Schlagerjammerlappen“ (und natürlich spielen wir keinen Schlager) ist alles dabei. Viele (vorwiegend) Männer behaupten, dass Deutsch Pop für sie der Abschaltfaktor Nummer eins ist. Das ist für uns aus verschiedenen Gründen schwierig. Zum einen hat sich der Anteil deutschsprachiger Musik immens gesteigert, weil die Labels mit nationalen Signings natürlich mehr „eigenes“ Geld verdienen. Gleichzeitig bekommt die Qualität der Texte eine viel größere Bedeutung, weil der größte Teil der Hörerinnen und Hörer naturgemäß eher auf den Text achten, wenn er in Deutsch gesungen wird. Vorsichtig ausgedrückt ist jetzt auch nicht jeder Texter ein Rilke. Man kann aber feststellen, dass die Akzeptanz unter Jüngeren für Deutsch Pop viel größer ist als die in der Generation, die noch mit der ZDF Hitparade aufgewachsen ist und hinter jedem deutschen Text sofort „Schlager“ wittert.

Rea Garvey (Bild: ©SWR/Uwe Riehm)

Rea Garvey (Bild: ©SWR/Uwe Riehm)

RADIOSZENE: Und Rock? Hier scheinen viele Künstler ihren Platz inzwischen im Mainstream gefunden zu haben. Zumindest sind etliche Protagonisten mit ihren Singles dahin abgebogen und werden jetzt massiv im Radio gespielt …

Gregor Friedel: Das beste Beispiel hierfür ist Maroon 5. Ursprünglich wirklich als Rockband gestartet, machen sie jetzt – und das vermutlich erfolgreicher denn je – „Radiopop“. Deaf Havana konnte im deutschen Radio überhaupt nicht reüssieren, die Single „Holy“ hätte das Potential ein erster Hit zu werden. 

Rock spielt fürs Radio bei Weitem nicht mehr die Rolle, die er in den 90ern und vielleicht noch in den Nuller Jahren hatte. Übrigens glaube ich bei allen oben genannten Bands nicht, dass sie ihren Musikstil ausschließlich deswegen verändert haben, weil sie im Radio gespielt werden wollen. Es ist vielleicht eher eine generelle Entwicklung, in der sich Stile mehr voneinander abgrenzen, manche „härter“ werden und manche eben eher in Richtung Mainstream-Pop-Rock gehen. Dafür gibt es aber auch eine Art „Modern Rock“ im Stile von Imagine Dragons. Das hat wenig mit dem klassischen Rock zu tun, den wir uns vorstellen, ist aber im Radio an dessen Stelle getreten.

 

„Deutsch-Pop polarisiert [… bei Musiktests] auf eine emotionale Art und Weise, wie es sonst keine andere Musikrichtung tut“

 

RADIOSZENE: SWR3 setzt traditionell auf eine hohe Frequenz an musikredaktionellen Inhalten. Und dies in vielerlei Form – ob durch Interviews, gezielte Vorstellung von Neuheiten, Pop History und vieles mehr. Ist dies die passende Antwort auf die stärker werdende Sreaming-Konkurrenz?

Gregor Friedel: Nun ja, es ist eine der großen Stärken, die SWR3 hat: wir haben nicht nur im Wortbereich, sondern eben auch im Musikbereich gestandene, top ausgebildete und höchst motivierte Redakteure. Sie können sich vorstellen, wie viel tiefe und akribische Recherche beispielsweise in „Die größten Hits und ihre Geschichte“ steckt. Das bindet deutlich Kapazitäten und man muss sich das als Redaktion schon auch leisten wollen. Jeder Mitarbeiter der Musikredaktion kompensiert hier die Zeit, die für die Serie benötigt wird. Dafür ist das eine gute Marke, die eben auch als Podcast hervorragend funktioniert – und somit SWR3 in eine digitale Welt führt, in der wir sonst vielleicht nicht auftauchen würden. Zudem ist es eine zutiefst öffentlich-rechtliche Aufgabe, neben einem kuratierten und moderierten Musikprogramm auch Künstler bei uns im Studio und im Interview zu haben. Wir hatten zum Beispiel im März 2017 Dean Lewis zu uns ins Studio eingeladen, obwohl der ganz große Hit damals gefehlt hat. Wir waren aber alle überzeugt, dass aus ihm ein Topstar werden kann. Jetzt hatte er mit „Be Alright“ einen Riesenhit und als er dieses Jahr zum Interview hier war, erinnerte er sich natürlich daran, dass wir ihn von Anfang an unterstützt haben. Das ist das, was unsere Hörer von uns erwarten und das ist auch das, was wir leisten wollen. Und ja – damit unterscheiden wir uns von den Streaming-Diensten und ja, das ist einer der Gründe, weshalb Musikjournalismus für und bei SWR3 so eine große Rolle spielt.

Impressionen vom SWR3 New Pop Festival 2018 (Bild: © SWR/Björn Pados)

Impressionen vom SWR3 New Pop Festival 2018 (Bild: © SWR/Björn Pados)

RADIOSZENE: In diesem Jahr feiert das SWR3 New Pop Festival 25. Geburtstag. Wie steht es um die Vorbereitungen? In der Presse war sogar von einer Ausweitung auf fünf Tage zu lesen …

Gregor Friedel: Das hat sich etwas missverständlich transportiert. Das SWR3 New Pop Festival findet wie gewohnt ganz regulär von Donnerstag bis Samstag statt, 12. bis 14. September 2019. Im Moment planen wir, das Jubiläumsfestival am Mittwoch, 11. September mit einer SWR3 Casino Session im wunderschönen Florentinersaal des Casinos Baden-Baden zu beginnen und es gibt die Überlegung, das Festival in diesem Jahr mit einem Sonderkonzert im Theater am Sonntag, 15. September, ausklingen zu lassen. Dieses Konzert würden wir auch auf die Vidiwall in der Konzertmuschel übertragen. Gleichwohl reden wir nicht über „fünf Tage New Pop“. Natürlich planen wir zum Festival Diverses. So arbeiten wir zum Beispiel an einer Ausstellung „25 Jahre New Pop“, mehr möchte ich hierzu und zu anderen Ideen im Moment noch nicht verraten. Generell wird sich aber an dem bewährten Konzept New Pop nichts ändern, schließlich haben wir das Festival und die Ausspielwege über Jahrzehnte immer weiter optimiert. Beim Booking haben wir bereits zwei Acts verpflichtet, fünf weitere stehen kurz vor der Bestätigung, wir liegen mit allem gut in der Zeit. Im Juni geben wir dann bekannt, wer dieses Jahr beim SWR3 New Pop Festival spielen wird.

 

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