Moskau sendet noch aus Deutschland – nun kommt der russische Rotstift

Veröffentlicht am 01. Nov. 2012 von unter Deutschland

Russisches Radio auf Mittelwelle in Deutschland

Fast jedes Radio verfügt noch über einen Knopf, der den UKW-Genuss in verkratzten Wellensalat und die Frequenzanzeige „MHz“ in „KHz“ für Kilohertz ändern sowie die RDS-Anzeige verschwinden lässt: Willkommen auf der Mittelwelle. In Deutschland ist die Zahl der Mittelwellensender überschaubar: Einige ARD-Anstalten sowie das Deutschlandradio senden einzelne Programme noch in diesem Wellenbereich, gelegentlich gespickt mit Sonderprogrammen wie Verkehrslageberichten oder Bundestagsdebatten. Darüberhinaus sendet im Raum Nürnberg noch das Campusradio biteXpress in digitaler Modulation (DRM) auf 909 kHz, in Teilen Nordrhein-Westfalens testet Radio 700 auf 1593 kHz, in Süddeutschland strahlt das „American Forces Network“ noch für US-Soldaten auf „AM“ seine Programme aus.

Neben den Öffentlich-rechtlichen und AFN ist die letzte große Kraft auf Mittelwelle in Deutschland das russische Radio in Form des russischen Staatsrundfunk. Seit den 90er Jahren sendet die „Stimme Russlands“ auf Deutsch, Russisch und anderen Sprachen über Mittelwellensender in den alten und neuen Bundesländern, teils mit beachtlich hohen Sendeleistungen und beachtlich holprig klingenden Programmen. Hätte die „Stimme Russlands“ nicht den Umstieg auf volldigitale Studios bekanntgegeben, man könnte meinen, die Sendungen würden noch immer an der Bandmaschine zusammengeschneidert werden.

Sendeantenne der Stimme Russlands in Wachenbrunn

Doch auch der staatliche Rundfunk des russischen Riesenreiches will sparen. Die Mittelwellensender, die allgemein als Stromfresser bekannt sind, passen nicht mehr ins gekürzte Budget der „Voice of Russia“, das sich früher „Radio Moskau“ nannte und als Stimme der ganzen Sowjetunion auftrat. Zum Ende des Jahres 2012 trennt man sich von einem Mittelwellensender im Tessin, der auch bis nach Italien und Deutschland zu empfangen war. Darauf sollen nun auch Kürzungen bei den in Deutschland angesiedelten Mittelwellensendern folgen, die von der Media Broadcast GmbH betrieben werden. Wie der  deutsche Treuhänder der Stimme Russlands mitteilte, sei davon auszugehen, dass es eine „enorme Reduzierung der Sendestunden über Mittelwelle“ geben werde. Besonders von diesen Kürzungen betroffen seien die Sendeanlagen Braunschweig-Cremlingen (630 kHz, 100 Kilowatt), Wachenbrunn (Thüringen, 1323 kHz, 500 Kilowatt) und Wilsdruff (nahe Dresden, 1431 kHz, 250 Kilowatt). Darüberhinaus nutzt die Stimme Russlands auch die Sendestation Zehlendorf nahe Oranienburg auf der Frequenz 693 kHz (250 Kilowatt), die jedoch nicht vom russischen Rotstift berührt werden soll. Kurios: Teile der Sendeanlage Zehlendorf wurden zu DDR-Zeiten zur sowjetischen Enklave erklärt, nachdem ein russisches Militärflugzeug einen der Sendemasten rammte und die UdSSR daraufhin einen neuen Mast für den kleinen Bruder errichten ließ – nach sowjetischen Sicherheits- und Baubestimmungen, wohlbemerkt.

“Hier ist Moskau!”

Das staubige Sowjetunions-Image versucht sich auch die „Stimme Russlands“ abzuschütteln – mit mäßigem Erfolg. Wobei: Auf Facebook ist man, zumindest gemessen an der Anzahl der „Gefällt mir“-Klicks, der erfolgreichste deutschsprachige Auslandssender. Ob das auch auf eine besonders treue, alteingesessene Fangemeinde zurückzuführen ist, ist unbekannt.

Fest steht aber: Der russische Auslandsrundfunk will seine Aktivitäten im Internet, auf mobilen Endgeräten und speziell auf sozialen Netzwerken ausbauen. Darüberhinaus denkt das russische Radio durchaus auch über eine Verbreitung des Programms im Digitalradio DAB+ in der Schweiz und in Deutschland nach. Konkrete Planungen gebe es hierzu jedoch noch nicht, offensichtlich auch aufgrund medienrechtlicher Fragen, die zunächst geklärt werden müssten.  Kürzlich scheiterte man aus formalen Gründen mit einer Bewerbung für eine UKW-Verbreitung in Berlin.

Bereits vor einigen Jahren sendete die Stimme Russlands zeitweise ihre Sendungen in Berlin-Brandenburg im Digitalradio DAB. Inzwischen ist die deutsche und internationale Radioszene jedoch im Umbruch. Wie viel Umbruch davon auch im Funkhaus von Radio Moskau ankommen wird, ist unbekannt.

 

Weiterführende Informationen:

Homepage der Stimme Russlands (Deutsch)

Podcast des deutschen Programms der Stimme Russlands

“Die vergessene Stimme Russlands” (Deutschlandfunk, 2003)

 

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