Zwangsdeutsch für Radios – Der Staatssekretär a.D. und die Deutschquote.

Veröffentlicht am 11. Aug. 2003 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Jetzt kommen die Intellektuellen: Julia Nida-Rümelin, Kulturstaatssekretär a.D. des Bundeskanzlers, fordert die Quote für die deutsche Popmusik im Radio. Er beklagt das Einerlei, das überall zu hören sei, und er bedauert, daß deshalb die deutsche Musikproduktion schlechte Geschäfte hinnehmen muß. Nida-Rümelin wörtlich (laut Spiegel-Online): „Wir haben hier ein schönes Beispiel dafür, dass Regellosigkeit nicht immer von ökonomischem Nutzen ist.“

Wie bitte? Seit wann ist Radio nicht-reguliert? Im Saarland und in Bremen kommt auf ein einzelnes Privatradio gleich eine komplette Behörde. Wichtiger Zweck der Landesmedienanstalten: Die Regulierung des Privatradios. Das tun die, indem sie Lizenzen ausstellen und ihre Einhaltung kontrollieren. In den Lizenzen steht, was die Radios senden dürfen und was nicht. Wenn ein Radio nicht sendet, wofür es lizensiert ist, kann es bestraft werden – bis hin zum Entzug der Lizenz. Man nennt das Regulierung.

Richtig ist freilich: Radio in Deutschland ist kreuzlangweilig geworden. Einheits-AC dominiert. Eine mehr oder weniger witzig-peinliche Morgenshow mit einem meist männlichen Potenzzentrum, einem fiepsigen Wetterhaserl und einem nerdigen Verkehrsexperten. Des weiteren mit der stets gleichen, garantiert einmaligen Musikmischung, die so einmalig ist, daß das Wort einmalig eine ganz neue Bedeutung erlangt: Einmalig = Einheits-AC. Die Definition für Vielfalt hätten wir damit auch modernisiert: Vielfalt = das eine gibt’s auf vielen Frequenzen.

An den Machern liegts nicht, daß Radio-Deutschland in vielfältiger Eintönigkeit vergeht. Praktisch jeder, der heute vor irgendeinem Mikrofon sitzt oder einfältige Bits vorbereitet empfindet sein Gehalt als Schmerzensgeld, wenigstens teilweise. Wer hat noch nicht darüber geschwärmt, endlich mal für einen Sender zu arbeiten, der die eigene Lieblingsmusik spielt und nicht den angeblich unvermeidbaren DSDS/Britney/Phil/Tina/&Co-Einheitstopf. Nur die Streber unter uns labern irgendwelche Guru-Ansichten nach, die sie nicht verstehen. Goldene Radioregeln, die eines Gurus schon deshalb bedürfen, weil sie mit Logik nicht erklärbar sind.

An den Eigentümern liegts schon eher. Mutig sind die nicht gerade – verständlicherweise, es geht ja schließlich um ihre eigenen Euros. Die wollen die Herren (meist aus dem Zeitungsgewerbe) nicht leichtfertig riskieren. Also setzen sie auf das, was sie für Sicherheit halten: AC! Denn, so beten es ihnen die Guru-Berater vor, nur mit AC kann man die magische Nummer 1 werden. Wegen der werberelevanten Hörerschicht zwischen 14 und 49. Nummer 1 sein! Yeah! Und sei es zumindest bei den 31,2 bis 33,7 Jahre alten weiblichen Hörern mit Körbchengrößen zwischen 35 und 35,5. Wow! Ein Nummer Eins-Sender! Darum schmähen die Gurus einen Anti-AC-Sender wie Project auch immer als dummen Unfall, und Kreklau und Fitzek sind ja sowieso doof.

An Medienbehörden und Politikern liegts natürlich auch, denn die bestimmen ja letztlich, wie die Radiolandschaft aussieht. Schon kurios: Da gibt es Beamte – gelernte Juristen, Soziologen, Medienwissenschaftler, jedenfalls was Theoretisches -, die einfach bestimmen dürfen, was die Sender so senden dürfen, sollen, müssen. In jedem Bundesland kommen die zu unterschiedlichen Lösungen für die Struktur (quasi freier Markt in Berlin, monopoliges Ko-op-liziertmodell in NRW unter freiwilliger Zwangsbeteiligung des WDR), aber fast immer zu denselben Hör-Resultaten: AC!

Kleiner Traum: Medienanstalten gönnen sich Langzeiturlaub und lassen Sender einfach ein paar Jahre allein. Einheitsbreiberater müssen mit (und dürfen erst wieder einreisen, wenn sie ihre Schubladenlösungen vernichtet und mal wieder was Neues erdacht haben!). Keine Wort-Musik-Anteile, keine Formatzwänge in der Lizenz, kein Guru-Catwalk. Wetten, es käme mehr Vielfalt dabei heraus?

Falls nicht, wäre dann immer noch Zeit für eine deutsche Musikquote. Dann hätte Herr Nida-Rümelin nämlich endlich Recht mit seiner Aussage, Nichtregelulierung führe nicht immer zum Erfolg. Aber eben erst dann.

Übrigens, Herr Nida-Rümelin: Die Musikindustrie wird von niemandem reguliert. Aber sie ist gut darin, prominente Lobby-Vertreter zu keilen. Aber das wußten Sie ja vielleicht schon selbst…

Lemmer

Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

 

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