Mit Ende der Sommer- und Ferienzeit eröffnen zahlreiche Radiosender die umsatzstarke Herbstsaison traditionell mit Musikfestivals. Vorbild ist die südwestdeutsche Welle SWR3, die über die Jahre hinweg mit dem “New Pop Festival“ ein international anerkanntes Premium-Event etabliert hat.


Erfolgreiche Mischung zu kleinen Preisen
Die Klassiker unter den Radiofestivals steigen jedoch unter öffentlicher-rechtlicher Regie. Wie beispielsweise das vom RBB-Jugendradio FRITZ zum siebten Mal organisierte Konzerterlebnis “FRITZ Neue DeutschPoeten“ am 2. und 3. September im Berliner IFA-Sommergarten. Bei vergleichsweise überschaubaren Ticketpreisen wird dort eine prominente Phalanx deutschsprachiger Künstler wie Sido, Wanda, Fettes Brot, Bosse, JORIS oder MAXIM erwartet.
FRITZ-Programmchefin Karen Schmied: „Die ‘FRITZ DeutschPoeten‘ sind unser wichtigster Event im Jahr. Rund 20.000 junge Hörerinnen und Hörer feiern mit uns Fritzen zwei Tage lang deutschsprachige, gute Musik. Gestartet sind wir 2010 im Berliner ’Astra‘. Schon im zweiten Jahr sind wir in den großen IFA Sommergarten umgezogen, wo wir bis heute die ‘FRITZ DeutschPoeten‘ stattfinden lassen. Das war ein Risiko, denn aus 1.800 Besuchern sollten plötzlich über 10.000 werden. Aber sie kamen. Vergangenes Jahr verlängerten wir von einem Tag auf zwei Tage und waren auch hier – wie jedes Jahr – ausverkauft. Das Publikum ist jung, kommt aus dem Sendegebiet und die Stimmung ist unfassbar gut – sowohl vor als auch hinter der Bühne.“

Die Eintrittspreise seien, so Schmied, absichtlich so niedrig wie möglich gehalten: „FRITZ hat junge Hörer, und die sollen sich das leisten können. Wir haben mit ‘fourartists‘ einen hochprofessionellen Veranstalter beauftragt. In enger Absprache koordinieren wir gemeinsam das Booking und verhandeln die Gagen. Durch die Medialeistung, die FRITZ bietet, sind geringere Gagen möglich, die wir direkt an den Eintrittspreis weitergeben.
Dazu kommt die Umsetzung im Programm. Wir übertragen das Festival natürlich bei uns im Radio. Wie im vergangenen Jahr bieten wir außerdem auf fritz.de einen vier- (Freitag) und zehnstündigen (Samstag) Video-Livestream an. Eine Woche nach dem Festival zeigt das rbb Fernsehen einen Zusammenschnitt. Und natürlich werden unsere Social-Media-Kanäle mit den ‘FRITZ DeutschPoeten‘ bespielt. Das Festival ist für die Redaktion zwar ein Kraftakt, aber einer, der riesigen Spaß macht!“
Deutsche Sounds auf dem Vormarsch

Auch grundsätzlich sieht die Programmverantwortliche heimische Musik im Radio weiter schwer im Kommen: „Und nicht erst seit Kurzem. FRITZ hat die wochentägliche Musikwunschsendung ‘MeinFRITZ‘. Die Auswertung zeigt: die Mehrheit wünscht sich deutschsprachige, junge Musik aller Musikrichtungen.“

Überhaupt zeigen die Öffentlich-Rechtlichen bei der Ausrichtung ihrer Festivals viel Herz für inländische Künstler und Newcomer – im Idealfall sogar für beides. Das bedeutendste nationale Radiofestival findet in Baden-Baden statt. Dort feiert das über die Sendergrenzen hinaus bekannte “SWR3 New Pop Festival“ vom 15. bis 17. September seine 22. Auflage. Wieder einmal haben die Organisatoren um SWR3-Musikchef Uli Frank ganze Arbeit geleistet: Mit Louane, Jamie Lawson, Dua Lipa, Jess Glynne, Walking On Cars, Sigala oder The Strumbellas steht erneut das Gros der erfolgreichsten Saison-Newcomer auf den Bühnen der badischen Kurstadt. Uli Frank: „Newcomer sind sehr wichtig für unser Programm, SWR3 ist ein vorwärts gerichteter Sender, wir wollen gute neue Künstler fördern – denn nur durch neue Künstler kommt auch Frische und die angestrebte Modernität ins Programm. Einen direkten thematischen Schwerpunkt haben wir nicht gesetzt, wir achten immer sehr auf Ausstrahlung und Überzeugungskraft der einzelnen Künstler. Für uns spiegeln die Auftritte zum Beispiel von Dua Lipa, Matt Simons oder auch den Strumbellas das Popmusikjahr. Wir wollen immer ein hohes Mass an stilistischer Abwechslung erreichen, dazu gehören immer auch akustische Shows und inzwischen auch DJ Auftritte, in diesem Jahr mit Sigala und seinem Gefolge – wir sind gespannt!“.

Mit NEW POP auf Hörerfang

Die rund 20.000 verfügbaren Tickets waren binnen weniger Tage vergriffen. Musik-fans können aber auch ohne Eintrittskarten das Festival vor Ort ausgiebig miterleben: alle Auftritte werden via Videoleinwand in der Kurhausmuschel live übertragen. Dazu gibt es bei freiem Eintritt Unplugged-Konzerte auf einer Live-Bühne vor dem Kurhaus. In der “SWR3 New Pop City Baden-Baden“ laufen zudem öffentliche Star-Talks mit den Festivalkünstlern, die “SWR3 Live-Lyrix“ im Museum Frieder Burda und Vieles mehr. Das sonst eher beschauliche Baden-Baden rollt in der Innenstadt im wahrsten Sinne wieder den roten Teppich aus und lädt zu Mitternachtsshopping, die Clubs der Stadt locken mit “Party-Nächten“, bei denen SWR3-Moderatoren und DJs „for free“ auflegen. Das Erste, das SWR Fernsehen und EinsPlus sorgen bundesweit für die begleitende TV-Berichterstattung.

Alles begann im Jahre 1994 als der damalige Programmchef Peter Stockinger das Event mit dem Anspruch aus der Taufe hob, aus “New Pop“ eine mit dem legendären Montreux Festival vergleichbare Veranstaltung auf die Beine zu stellen. Stockinger und seine Nachfolger hielten Wort: das Festival ist etabliert und im Laufe der Jahre nutzten zahlreiche Künstler wie Alanis Morissette, Duffy, Amy Winehouse, Xavier Naidoo, Anastacia, The Fugees, Amy MacDonald, Bruno Mars, Olly Murs, Ed Sheeran, Kraftklub oder die Bloodhound Gang “New Pop“ als willkommenes Entreé in den deutschen Markt. Bewusst orientieren sich die SWR3-Booker bei der Auswahl der teilnehmenden Künstler nicht nur an Charts-Platzierungen. Eher versteht man sich als Scouts bei der Findung hoffnungsvoller Talente – und immer auf der Suche nach dem musikalischen Zeitgeist von morgen. Uli Frank: „Schon direkt nach einem gerade beendeten ‘New Pop Festival‘ beginnt die Arbeit am nächsten Event. Wir sichten internationale Trends und bewerten auch, was zum Beispiel in den USA oder UK als kommende Stars am Ende eines Jahres veröffentlicht wird. Natürlich bekommen wir auch jede Menge Anfragen und Angebote aus der Musikindustrie. Die letztendliche Auswahl trifft das Team der Musikredaktion, es muss immer auch geprüft werden, ob ein Künstler ein Liveprogramm von einer Stunde trägt – und er überhaupt verfügbar ist. Wir versuchen natürlich auch immer, das Beste aus einer Generation deutscher Künstler für das Festival zu buchen.“

Hervorragende Grundlage für die Musikbranche

Für die Musikbranche besitzen die Festivals innerhalb ihrer Planungen als Top-Veranstaltungen höchste Priorität. „Die Firmen unterstützen uns in jeglicher Hinsicht“, freuen sich die SWR-Organisatoren. Florian Ziesmer, Director Promotion bei Sony Music: „Festivals wie ‘New Pop‘ oder ’Soundcheck‘ haben für uns bei Sony Music trotz des sich rasant ändernden Marktes nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert. Der Streamingmarkt wächst rasant und verdrängt sowohl physischen, als auch digitalen Absatz, aber ist im Mainstream von Radio abhängig. Je vielfältiger die gemeinsamen Zielgruppen angesprochen werden, desto stärker wird das Profil des Künstlers. Je beliebter der Künstler wird, desto besser kommt er auf beiden Ausspielkanälen an. On Air und on Stream. Dafür bieten diese Festivals eine hervorragende Grundlage.“

Die NDR 2-Cheforganisatoren Fred Schoenagel und Alexandra Wolfslast vermelden zum kleinen Jubiläum denn auch ein starkes Interpretenpaket: „In diesem Jahr haben wir elf Einzelkonzerte. Bosse macht den Auftakt. Besondere Highlights sind unter anderen Shawn Mendes, der erstmalig sein neues Album in Deutschland vorstellen wird. Auch Walking On Cars, Dua Lipa, Zara Larsson und Louane gehören zu den besonderen Konzerthighlights. The Strumbellas, Adesse, Wincent Weiss und Alex Vargas sind hochkarätige Künstler, die auf der öffentlichen City Stage auftreten. Erstmalig werden diese Künstler auch live im Internet gestreamt.“

Unikat ist beim NDR 2 Festival die Abschlussveranstaltung “Musikszene Deutschland“ am 17. September – bei der ausschließlich deutsche Künstler wie Tim Bendzko, Mark Forster, Gentleman, Max Giesinger, Topic und Philipp Poisel auftreten. Credo der Verantwortlichen: „Die deutsche Musikszene wird immer vielfältiger und findet immer mehr Beachtung.“

Auch bei der norddeutschen Vier-Länder-Anstalt zeigt man sich zufrieden über die Entwicklung. NDR 2-Musikchef Fred Schoenagel: „Das Festival hat sich binnen kurzer Zeit am Markt etabliert – erkennbar beispielsweise an wesentlich schnelleren Abverkäufen der Tickets im Vergleich zu den Vorjahren. Auch die Akzeptanz in der Stadt Göttingen ist gestiegen. Bei den Künstlermanagements und Labels ist das Festival ebenfalls fester und wichtiger Bestandteil bei der Promotion-Planung neuer Themen. Die Veranstaltung betont die Musikkompetenz von NDR2 – insbesondere auch in viralen Netzwerken. Durch die neuen Musik-Themen erreichen wir eine junge musikaffine Zielgruppe, die sonst eher kaum noch Radio nutzt. Die Finalshow wird mittlerweile Hörfunk, Fernsehen sowie online sogar trimedial verbreitet.“
Unverzichtbarer Bestandteil zur Markenbildung

Zwischenzeitlich unterstützen auch Partner und Sponsoren wie Audi die Radiofestivals. Den organisatorischen Aufwand für seinen Sender bezeichnet SWR3-Programmchef Thomas Jung als „groß“. Dennoch sind Musikevents zwischenzeitlich unverzichtbarer Bestandteil zur Markenbildung der Programme und sorgen für eine dauerhafte Hörerbindung an den Sender. Thomas Jung: „‘New Pop‘ oder die ‘Hautnah‘-Konzertreihe beispielsweise sind bei den Hörern heiß begehrt. Das ‘SWR3 New Pop Festival‘ könnte 3 – 4 Mal ausverkauft werden, so groß ist die Ticketnachfrage. Um die 300 Plätze bei einem ‘SWR3-Hautnah‘-Konzert bewerben sich regelmäßig bis zu 50.000 Fans. Die Hörerinnen und Hörer nehmen dreistündige Anfahrten in Kauf, um die Stars auf den SWR3-Bühnen 60 Minuten lang zu erleben. Musik bindet, Musik verbindet. Deshalb sind wir im Sendegebiet über den SWR3 Club auch ein beachtlicher Event-Veranstalter. Wir holen die Fans einerseits zu uns und gehen andererseits dorthin, wo wir neue Nutzer für die Markenwelt von SWR3 begeistern können. Konzerte, Festivals und Party-Reihen sind hier besonders wichtig, weil wir viele Menschen mit emotionalen Produkten erreichen können.“









