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Andy Marada: „Facebook war ein Trojaner, auf den alle reingefallen sind.“

radiosender_in_socialnetworks_bigIn Österreich hat die Ö3-Moderatorin Elke Lichtenegger in einem Interview im Wiener Community-TV-Kanal Okto eher beiläufig einen Satz zum Thema österreichische Bands fallengelassen, der einen wahren Shitstorm auslöste, so dass sie mit einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus musste. Die Quote österreichischer Musik hat sich bei Hitradio Ö3 seitdem schlagartig von 7% auf 13% erhöht, wie DerStandard.at gestern berichtet. Zum diesem Themenbereich gab Radio Arabella-Moderator Andy Marada dem Online-Magazin Social Telegraph folgendes Interview.

Kollektives Medienbasteln oder ein neues Top-Down? Andreas Marada über die Zukunft von Kommunikation, Presse und Medienlandschaft:

Als Medienprofi und vor allem Radiomacher haben Sie schon häufiger die Parallelen zwischen Radio und Social Media betont. Was sind Ihrer Meinung nach die Gemeinsamkeiten, was die Unterschiede beider Mediengattungen?

Andy Marada
Andy Marada

Andy Marada: (Also das mit dem „betont“ stimmt so nicht, aber) Da muss man in der Facebook Entwicklungsgeschichte 10 Jahre zurückgehen und beachten, dass sich Facebook als „cooles Gimmick, witziges Tool“ entwickelt hat und nicht als Medium. Wenn man ein klassisches Medium erfindet gibt es zwei Intentionen: entweder ich möchte Werbeplätze verkaufen und kreiere um darum redaktionellen Content oder ich will einen Themenbereich abdecken zu dem ich dann eben Werbeplätze verkaufe. Am Ende treffen sich alle bei den Media-Agenturen oder in den Werbeabteilungen und rittern um Etats. Weder das Eine noch das Andere hat Facebook von Anfang an gemacht. Soviel zu den Unterschieden. Aber: Heute fischt Facebook im gleichen Teich, versucht mit „Erdbeben“ die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ist maßgeblich an der Verschiebung der „tektonischen Budgetplatten“ beteiligt und treib sie voran. Das geht zwar ein wenig schleppend, verändert aber nachhaltig. Solange Wachstum signalisiert wird, wird es für Theoretisches immer Geld von Banken oder Investoren geben, denn nur dann schaffen Broker Geld heran, weil sie daran am meisten verdienen können. Guerillamarketing-Experten von Verlagen, TV-Stationen und Radios dachten am Erfolg von Facebook im Ambushstyle, also als Trittbrettfahrer, mit naschen zu können, aber das soziale Medium Facebook war eigentlich ein Trojaner, auf den alle reingefallen sind. Den Konkurrenten Facebook haben sich vor allem Radiostationen selbst geschaffen. Erstens, weil Redakteure darüber berichtet haben, wie lustig, interessant etc. das nicht alles ist und zweitens weil Radiomitarbeiter immer schon gut mit ihnen Hörern interagieren konnten. Jetzt haben die Hörer halt ein Gesicht bekommen. KRONEHIT – 430.000 Fans, Ö3 – 406.000, ENERGY – 39.000, 88.6 Der Musiksender – 25.000, Arabella – 20.000, Superfly 98,3 – 14.000 etc. (Vgl. auch die aktuelle Zahlen bei den Social Media Charts). Der Mehrwert für die klassischen Medien hilft immer nur und hauptsächlich dem sozialen Netzwerk, wenig aber den Radios.

Der Fall Lichtenegger zeigt klar: Auch ein professionelles Medienhaus wie Ö3 läuft leicht Gefahr, die Dynamik des Internets zu unterschätzen. Woraus erklärt sich aus Ihrer Sicht die geringe Bedeutung, die „klassische“ Medien dem Netz zuweilen beimessen?

Andy Marada: Schlichtweg aus Arroganz. Ö3 und seine Macher befinden sich seit der Ära Hary Raithofer auf einem Höhenflug. Da sieht man auch wie nachhaltig ein Ex-Top Star sein kann. Raithofer hat den Österreichern Ö3 nach einer jahrelangen Image-Durststrecke wieder näher gebracht. Leider haben aber seine Erben den Kontakt zum Heimatboden und damit auch zur österreichischen Musik verloren, respektive sind orientierungslos, wenn sie dort mal aufklatschen. So lange alles bestens läuft, brauchen sie das auch nicht, aber dann kam Elke Lichtenegger und die Denke, die sie in ihrer Arroganz verbreitet und sie hat dem oktroyierten Ö3-Musikgeist freie Bahn gelassen. Tja, da hilft im Nachhinein keine Entschuldigung. Wenn du da nicht schon vorher das Ohr genau an der Türe hast, vor der der Tratsch im Treppenhaus passiert und auch nicht klug reagierst, dann bekommt der Basenatratsch eine Eigendynamik, die man nicht mehr aufhalten kann. Gleich die Türe aufreissen und zu versuchen entschuldigende Worte zu finden ist auch falsch. Die Facebook-Gemeinde per se ist eine gewaltige und eine gewaltbereite. Nachdem sich viele außerdem im rechtsfreien Raum glauben, wird auch gleich zum „Stein“ gegriffen oder der Stinkefinger wie im geschützen Auto gezeigt. Die Masse gibt dem Einzelnen Sicherheit, obwohl jeder identifizierbar ist. Ich denke nicht, dass klassische Medien dem Netz zuwenig Bedeutung beimessen, nur die Denkrichtung ist eine falsche. Selbstreflektierende Kritiker aus den eigenen Redaktionsreihen hat man rausgeschmissen, weil sie unangenehm waren. Also gibt’s anscheinend nur noch eine Meinung und das ist die, die den Arbeitsplatz erhält. Klar waren hier auch Meister der Manipulation am Werk, denn das Video mit dem Lichtenegger Interview war schon ein Jahr alt. Google wird zwar jetzt befohlen zu vergessen, das Netz aber vergisst nie und Aussagen wie jene sind nicht vergraben und werden durch Zufall entdeckt, nein, sie lagern in einem Magazin scharfer Granaten.

Das Netz ist ebenso gut für Text und Bild wie für Bewegtbild und Ton geeignet. Werden Internet, Radio und TV eines Tages verschmelzen, und wenn ja, welche Konsequenzen wird das für die Medienlandschaft bedeuten?

Andy Marada: Alles aus einer Hand, das würde so manchem Medien Geschäftsführer gut gefallen und seinen Shareholdern noch mehr. Aber als User-generated content? Der Konsument macht sein eigenes Programm und darf dafür Werbung schauen? Pfu, das hoffe ich nicht, denn das zeichnet eine grausame Zukunft. Damit ist der Gedankeninzucht Tür und Tor geöffnet. Nicht jeder der einen Social Media Accout kreieren kann, ist auch ein guter Redakteur. Ich denke aber, dass sogar ökologische Ansätze der Nachhaltigkeit der Weg sind. Intelligente Mitarbeiter produzieren intelligentes Programm und machen aus ihrem Publikum engagiertes Publikum. Und ja, dann kann auch der Medienbetrieb der Zukunft eine minütlich wandelnde Programm-Matrix aus mehr oder weniger intelligentem Text, Bild und Ton erzeugen und eine mit persönlichen Vorlieben programmierte App macht dann daraus den launigen Samstagabend. Von mir aus. Konsequenzen für die Medienlandschaft hat das keine, denn die Macher sind die gleichen, wie auch das Publikum das gleiche ist. Hier spielen die Hardware-Lieferanten die entscheidende Rolle und die haben ja schon Lunte gerochen und wollen durch Leistungsfähigkeit à la Smart TV die Medienlieferanten der Zukunft sein. Erst wenn sich Facebook, Apple und Google Samsung schnappt, sich alle Journalisten die Meinung bezahlen lassen und die Objektivität vor Nestle am Boden liegt, wird’s eng.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die wesentlichen Erlösquellen der Medien von morgen – oder anders gefragt: Werden Medien auch in Zukunft mit entsprechender Qualität finanzierbar sein?

Andy Marada: Auf Tageszeitungen kommt eine harte Zeit zu. Derzeit spricht man schon von einem Stahlbad, dem sich der Anzeigenverkauf aussetzen muss. Auch Radioprogramme spüren die verhaltene Werbebudgetierung. Events und Promotions mit nachhaltiger Wirkung abseits von bloßer Bespaßung können dazu beitragen, klassische Medien mit denkenden redaktionellen Mitarbeitern wieder nach vorne zu bringen, wenn ihnen auch ein entsprechendes Repräsentationsumfeld geboten wird. Denn Menschen machen Medien. Wer nur Schlagzeilen konsumiert und sich so seine Meinung bildet, bleibt nur gut informiert und hat am Ende nichts für sein Wissen getan. Damit bekommt die Diskussion auch eine politische Komponente. Und wer zulässt, dass eventuell der gratis Wasserhahn von Google im Badezimmer registriert, dass ich nicht die Zahnpasta seines besten Kunden verwende und deshalb der Wasserhahn nur mehr halbtags funktioniert, solange ich nicht über mein Smartphone „die richtige“ Zahnpasta bestellt habe, sollten sich als Medienkonsument überlegen, ob es nicht doch sinnvoll ist, für gute redaktionelle Leistungen zu bezahlen.

 

Andy Marada
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Andy Marada ist Moderator in Österreich bei Radio Arabella und seit 1988 für und in Medienunternehmen als Redakteur, Moderatoren und Journalist tätig. andy.marada@marada.at