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Relaunch bei DASDING am 11. September: „Unser Ziel ist mehr Flexibilität“

Relaunch bei DASDING am 11. September 2023 (Bild: SWR)DASDING wird ab dem 11. September 2023 einen neuen Klang bekommen. Das junge Angebot des SWR erneuert das gesamte Sound-Design für die linearen und digitalen Ausspielwege. Daneben ist bei DASDING mit Lena Tiemann auch eine neue weibliche Station-Voice zu hören. Im Rahmen dieser Änderungen führt der Radiosender zudem den Musik-Slogan „DASDING – mehr als nur ‘ne Playlist“ ein. Veränderungen stehen auch innerhalb der täglichen Morningshow an, die künftig inhaltlich wie personell neu positioniert wird.

RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit den DASDING-Verantwortlichen Mira Seidel, Programmchefin, sowie Max Lotter, stellvertretender Programmchef und Teamleiter Radio, über den anstehenden Relaunch und die gewachsenen Anforderungen bei jungen Hörfunkangeboten.


DASDING: „Wir wollen keine ‚people-pleaser‘ mehr sein“

RADIOSZENE: Ab dem 11. September verordnen Sie dem Programm von DASDING verschiedene Veränderungen. Ganz offenbar fordert der sich immer schneller drehende Zeitgeist bei den jungen Milieus, aber auch gravierende Verschiebungen bei den Hörgewohnheiten Anpassungen in immer kürzeren Zyklen. Welche Gründe haben Sie geleitet hier aktiv zu werden?

Mira Seidel: Es klingt zwar absurd, aber unser Ziel ist mehr Flexibilität, um am Ende beständiger zu sein. Zumindest in der neuen Sendestrecke am Morgen. Unser Team besteht aus jungen Mitarbeitenden. Viele von ihnen wollen sich ausprobieren, wollen Abwechslung, statt sich über Jahre festzulegen. Um das zu ermöglichen, verabschieden wir uns nun von festen Duos am Morgen. 

Mira Seidel (Bild: © SWR/Christian Koch)
Mira Seidel (Bild: © SWR/Christian Koch)

Dass wir daneben noch mit einem komplett neuen Sounddesign rausgehen und einen neuen Claim im Programm haben, hat nur mit unserem eigenen Wunsch nach Weiterentwicklung zu tun. Da ist bei uns als jungem Angebot unser Drang nach Veränderung und Weiterentwicklung natürlich ähnlich groß wie bei unseren Mitarbeitenden…

RADIOSZENE: Ein Schwerpunkt des Relaunches ist eine neue Form der Morningshow. Mit welchen Neuerungen wollen Sie Ihre HörerInnen künftig in den Tag begleiten?

Max Lotter: Die erste Neuerung ist schon mal, dass wir den Titel „Morningshow“ abschaffen. Morningshows haben alle, wir aber haben mit „Morgens klarkommen“ bereits seit längerem einen Subtitel im Programm, der halten soll, was er verspricht: Wir wollen Orientierung geben. Das heißt aber auch, dass es morgens keinen bunten Blumenstrauß unterschiedlichster Themen mehr gibt. Stattdessen wollen wir uns viel ausführlicher als bisher mit dem Thema beschäftigen, das am Morgen wichtig ist.

DASDING Team von "Morgens Klarkommen" (Bild: SWR / DASDING)
DASDING Team von „Morgens Klarkommen“ (Bild: SWR / DASDING)

Dafür nutzen wir auch Kooperationen mit anderen, jungen ARD-Angeboten. Wenn die Show dadurch mal monothematisch und sehr spitz wird, dann ist das eben so. Wir wollen keine „people-pleaser“ mehr sein. Das weiß auch unser Team, das künftig aus zwei Hosts und vier Co-Hosts besteht, die in unterschiedlichsten Konstellationen moderieren werden. Gerade unsere Co-Hosts sollen, dürfen und werden auch mal anecken und Reibung erzeugen. 

RADIOSZENE: Viele deutsche Sender sind auf (fast schon verzweifelter) Suche nach neuen Moderatoren. Offensicht sehen sich junge Menschen bei ihrer Karriereplanung heute eher als Influencer im Web als im Sendestudio. Eine Entwicklung, die Sie bestätigen können?

Mira Seidel: Sie sagen das, als sei es was Schlechtes?! Im Ernst: Vermutlich ist der Trick, dass das eine das andere nicht ausschließt: Wir arbeiten mit einem jungen Team, alle sind mit Social Media aufgewachsen, alle sind es gewohnt, sich selbst darzustellen und über sich zu posten. Genauso wie es ja auch in unserer Zielgruppe gelebt wird. Deshalb ist auch richtig und wichtig, dass DASDING keine rein lineare Marke ist. Für uns ist digitaler Content auf Social-Media-Kanälen, in Webvideo-Formaten oder Podcasts genauso wichtig wie das lineare Programm. Warum also das eine nicht mit dem anderen verbinden? Wir gehen zum Beispiel immer öfter während Radiosendungen auf TikTok LIVE. Mit großem Erfolg! Die Reichweite steigt von Mal zu Mal. Und plötzlich ist die Radiomoderatorin eben auch Content-Creatorin und der Job hat einen ganz neuen Reiz.

Max Lotter: Nur: Klar ist auch, dass es bei uns sehr, sehr selten von 0 auf 100 geht. Im Gegenteil: In den letzten Wochen hatten wir recht viele Vorstellungsgespräche für alle Bereiche, von Praktika bis Vollzeitstellen. Das meiste davon waren Initiativbewerbungen, bei denen wir oft erstmal rausfinden müssen, was die Bewerberin oder der Bewerber denn genau bei uns machen will. Wir verstehen das als Kompliment an uns als Marke und natürlich auch als Arbeitgeber. Gleichzeitig bemerken wir schon, dass junge Leute lieber direkt ans Mikro oder vor die Kamera wollen, statt erstmal in der Redaktion zu arbeiten und sich ein gewisses Handwerkszeug drauf zu schaffen. Aber ohne das geht es bei uns aus Prinzip nicht.

 

„Es gibt immer noch Personalities bei DASDING wie auch in den anderen jungen Programmen. Aber das sind keine Idole, das sind eher Kumpels, die man gerne um sich hat“

 

RADIOSZENE: Wie hoch ist heute überhaupt noch die Strahlkraft eines Moderators beim jungen Radio? Manche Radiokollegen wollen sich ja – auch wegen mangelnder Alternativen – eher von Personalities unabhängiger machen…

Max Lotter: Mira hats ja eben gesagt: Fast alle Leute aus unserem Team sind mit Social Media aufgewachsen und wissen, wie man sich darstellt. Das macht es uns sogar leichter, sie weiterzuentwickeln, weil sie vielleicht schon eine kleine Fanbase auf Instagram mitbringen und wir – neben dem Radioprogramm – auch diesen Ausspielweg nutzen können, um jemanden groß zu machen. 

Mira Seidel: Das heißt aber auch, dass es nicht mehr „den bekannte Radiomoderator“ gibt, sondern wir vielmehr Köpfe aufbauen, die die Marke DASDING über alle Ausspielwege hinweg repräsentieren. Machen wir ja jetzt auch, indem wir drei bekannte Gesichter unseres Instagram- und TikTok-Accounts als Co-Hosts in die Morningshow setzen.

Max Lotter: Long story short: Es gibt immer noch Personalities bei DASDING wie auch in den anderen jungen Programmen. Aber das sind keine Idole, das sind eher Kumpels, die man gerne um sich hat. Und zwar überall, nicht nur, wenn man das Radio einschaltet.

Das widerspricht auch nicht unserem Plan, uns zum Beispiel in der Morningshow von einzelnen Namen unabhängiger zu machen. Um Haltung zu zeigen, um nahbar zu sein, brauch ich nicht den eigenen Namen im Showtitel, sondern viel mehr den Raum, das ausleben zu können. Und den Raum geben wir den Leuten.

RADIOSZENE: Wie hoch ist das Interesse Ihrer HörerInnen an Themen jenseits von Musik, Lifestyle oder Multimedia? DASDING hatte in der Vergangenheit immer auch einen guten Anteil an Inhalten aus Politik, Gesellschaft und Umwelt im Programm…

Max Lotter (Bild: privat)
Max Lotter (Bild: privat)

Max Lotter: Ich glaube, noch nie waren die Interessen unserer Hörerinnen und Hörer so vielseitig wie heute. Und zwar weit über Klimawandel, Female Empowerment oder Gleichberechtigung hinaus. Gerade in diesen Zeiten, in denen gefühlt alles teurer, riskanter und unsicherer wird, können wir mit DASDING helfen, in dieser verrückten Welt klarzukommen. Wir helfen jungen Leuten dabei, dass sie sich mit unseren Angeboten ihre eigene Meinung bilden können und wir haben Antworten auf die Fragen, für die im Schulalltag kein Platz ist. Von Podcasts über den Umgang mit Geld, schlimmen Krankheiten oder der Schuldfrage älterer Generationen über YouTube-Formate, die ermutigen „Nein“ zu sagen bis hin zu unseren „klassischen“ Radio- und Social-Media-Formaten, die auf Dialog aus sind. Noch nie war das Angebot von DASDING so vielschichtig, dass nicht jede Frage ihr passendes Format und ihre passenden Userinnen und User findet. 

Was dabei immer noch, und auch zu Recht, unser großer Vorteil ist: Als öffentlich-rechtliches Angebot werden wir als seriöse und verlässliche Quelle wahrgenommen. Das unterscheidet uns von sehr viel anderem Content im Netz.

 

„Noch nie waren die Interessen unserer Hörerinnen und Hörer so vielseitig wie heute“

 

RADIOSZENE: Sind im Zuge des Relaunches von Sound Design und neuer Station Voice auch neue Slogans im Einsatz?

Mira Seidel: Um auf den Punkt zu bringen, was wir eigentlich alles machen und leisten und um daraus gleichzeitig ein inhaltliches Versprechen zu machen, setzen wir künftig auf den Slogan „DASDING – mehr als nur ‘ne Playlist“. Denn – im Gegensatz zu Streamingdiensten – sind wir genau das! Wir sind mehr, wir sind dabei, wir sind vor Ort: Unsere Hörerinnen und Hörer bekommen bei DASDING eine kuratierte, moderierte Playlist mit Mehrwert wie Musik-Informationen, sie bekommen News und Infos verständlich erklärt. Und sie bekommen Themen und Inhalte aus ihrer Lebenswelt, ihren Bubbles, ihrer Region. Von dem breiten, digitalen Angebot darüber hinaus hat Max schon erzählt. Außerdem präsentieren wir Partys, Konzerte und Festivals und bilden auch diese Events im Programm ab. So weit sind Streamingdienste noch nicht…

RADIOSZENE: Die grundsätzliche Positionierung der Musik ist nicht Gegenstand der Veränderungen, wohl aber gehen Sie beim Sound Design neue Wege…

Max Lotter: …und das wird auch Zeit! Wir hatten ein futuristisches Klangbild im Ohr, das zur Mainstream-Musik passt, die sich ja auch ständig verändert. Und wir hatten Bock, auch hier mal ein bisschen retro zu sein. Deswegen haben wir uns endlich mal wieder an gesungene Elemente gewagt, die in den letzten Jahren ja eher die Ausnahme waren. Und wenn Sie mich fragen, hat das auch gut geklappt. Hören Sie sich zwei, drei Mal das Showopening von „Morgens klarkommen“ an und Sie verfolgt den restlichen Tag über ein kleiner Ohrwurm. Wollen wir wetten?

RADIOSZENE: Das Image von DASDING ist traditionell mit zahlreichen Events verknüpft. Ihre neue Premiumveranstaltung „DASDING Festival“ ging in diesem Jahr zum zweiten Mal über die Bühne. Wie wichtig sind Events dieser Größenordnung heute noch für den Imagetransfer beim jungen Publikum?

Mira Seidel: Ich freue mich über den Titel „Premiumveranstaltung“! Tatsächlich ist unser DASDING Festival ein Herzensprojekt von so vielen aus dem Team, die dafür auch in den letzten beiden Jahren hart gearbeitet haben. 

DASDING Festival 2023

Uns geht es nicht um große Namen und Headliner. Wir wollen jungen, nationalen Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne geben, wollen ihre Musik erlebbar machen. Denn das ist für unsere junge Zielgruppe nach der Corona-Zeit immer noch nichts Selbstverständliches – es gibt immer noch viele junge Leute, die noch nie auf einem Konzert oder Festival waren, die Live-Musik noch nie gespürt haben. Und da setzen wir an: Uns gelingt es, mit dem DASDING Festival einen Raum zu schaffen, in dem unsere Gäste gemeinsam mit ihren Freunden und mit uns ihre ersten Festival-Erfahrungen machen können. Ich war selbst letztes und dieses Jahr vor Ort und es überwältigt mich immer noch, wie glücklich diese jungen Besucherinnen und Besucher waren.

2024 werden wir in eine dritte Runde gehen – wieder als Ein-Tages-Festival, wieder auf dem Maimarktgelände in Mannheim, wieder mit dem gleichen Veranstalter. Das Booking läuft schon an!

 

„Wir dürfen nicht vergessen, dass der lineare Hörfunk in der jungen Zielgruppe nicht mehr die Hauptquelle für musikjournalistische Inhalte ist“

 

RADIOSZENE: Bei Durchsicht Ihres Sendeplans fällt auf, dass einige Musiksendungen am Abend nicht mehr zu hören sind. Ist die Zeit der Genreshows vorbei? Wie wichtig sind für Ihre Hörer musikredaktionelle Inhalte?

Mira Seidel: Dass wir vor gut einem Jahr zwei DJ-Sendungen gestrichen haben, hatte mehrere Gründe. Den „DASDING Plattenleger“ und die „Housesession“ hatten wir 23 Jahre im Programm. Aber ein „Senden wir, weil wir das quasi schon immer tun“ ist natürlich kein Grund, daran weiter festzuhalten. Schon gar nicht in einem jungen Angebot. Außerdem haben wir uns natürlich auch die Frage gestellt, ob es ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Rundfunkbeitrag ist, wenn wir jede Woche Geld für zwei Sendungen ausgeben, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag laufen, also einer Zeit, in der die Reichweite vergleichsweise überschaubar ist… 

Dass aber ganz grundsätzlich die Zeit von Genreshows vorbei ist, würde ich nicht sagen. Auch nicht bei der jungen Zielgruppe. Andere junge Angebote in der ARD sind da noch sehr konsequent. Wir bei DASDING setzen im Moment auf ein Mischmodell, haben montags noch elektronische Musik und donnerstags die „DASDING Sprechstunde“ mit HipHop, Rap und R’n’B. Wir haben aber auch jeden Abend „DASDING Play“, eine Sendung für neue Musik, für unbekanntere Acts und für Songs, die klar über die Tagesrotation hinausgehen. Hier wollten wir uns bewusst nicht durch Genre-Vorgaben limitieren. Denn das entspräche nicht der Entwicklung weg von sortenreinen Genres hin verschwimmenden Grenzen. Es gibt Songs, die im Kern Pop-Musik sind, die aber von HipHop und Trap beeinflusst sind – und teilweise noch Rock- oder Gitarren-Elementen beinhalten. Welchem Genre würden Sie diese zuordnen? 

Max Lotter: Und das Stichwort „musikredaktionelle Inhalte“ ist für mich natürlich eine Steilvorlage, um nochmal unseren neuen Slogan zu erwähnen… DASDING ist mehr als nur ‘ne Playlist. Die Einordnung von Songs und Lyrics, Infos zu gespielten Artists, Interviewtöne, Festivalberichte, neue musikalische Trends, musikalische Thementage, das alles macht für uns Radio aus. 

Dabei dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass der lineare Hörfunk in der jungen Zielgruppe nicht mehr die Hauptquelle für musikjournalistische Inhalte ist. Diesen Anspruch braucht es mit Blick auf das veränderte Mediennutzungsverhalten aber auch nicht. Es geht nicht um eine Konkurrenz zu anderen Plattformen, es geht eher um die Frage, was der beste Ausspielweg für welchen Inhalt ist und wie gut sich Ausspielwege dann verzahnen lassen. Lange, ausführliche Interviews und Reportagen sind zum Beispiel auf digitalen Plattformen besser aufgehoben. Dort sind sie zeitlich unabhängig abrufbar, Nutzerinnen und Nutzer können selbst steuern, wann, wo und wie sie konsumieren. Aber starke Töne daraus sind – mit Verweis auf das volle Produkt – natürlich spannende Hörfunk-Inhalte!

RADIOSZENE: DASDING ist beim Altersdurchschnitt mittlerweile das jüngste öffentlich-rechtliche Programmangebot in Deutschland. Welche Attribute muss ein junges Radio erfüllen, um auch künftig noch genutzt zu werden? Auch vor dem Hintergrund einer immer zahlreicher werdenden Konkurrenz durch Onlineangebote und Streamingdienste – sowie deren rasant gewachsener Beliebtheit beim jungen Publikum…

Mira Seidel: OK, wie viel Zeit haben sie noch für die Antwort?

Im Ernst, gerade mit Blick auf die vielen, vielen Angebotsalternativen ist völlig klar: Immer mehr passiert souverän, sowohl was die Zeit angeht, also wann ich Content konsumiere, als auch was die Tiefe angeht, also wie ausführlich ich einsteigen möchte. Audiothek und Mediathek bieten mir, was ich will, wann ich es will. Radio dagegen bedient die breite Masse und ist ein Nebenbei-Medium.

Nur: Es kann mich trotzdem überraschen – und zwar am besten dann, wenn ich nicht damit rechne. Zum Beispiel wenn ich Auto fahren und mich über den Verkehr ärgere. Dann freue ich mich über ein überraschend gutes Lied. Oder einen schlagfertigen Rausgeher des Moderators. Oder wenn ich mich morgens fertig mache, vielleicht etwas in Eile bin. Dann freue ich mich, wenn ich noch die ein oder andere schnelle Info aufschnappe, über die ich dann auch mit meinen Kommilitonen oder im Büro sprechen kann. Für mich ist das der Zauber eines guten Programms. Und bedeutet gleichzeitig, wandelbar zu bleiben und sich immer und immer wieder neu an den Bedürfnissen und Gewohnheiten der Hörerinnen und Hörer zu orientieren. Was machen sie wann – und wie können wir sie dabei einerseits unterstützen – und sie gleichzeitig zumindest zum Lächeln bringen.

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