BR24: „Was ins Ohr geht, bleibt im Kopf“

Veröffentlicht am 27. Sep. 2021 von unter Deutschland

Zu den größten Gewinnern der diesjährigen ma Audio gehören Infowellen wie SWR aktuell, MDR aktuell, NDR Info, RBB Inforadio und HR Info. Aber auch das Nachrichtenradio des Bayerischen Rundfunks, B5 aktuell, das nun seit 1. Juli 2021 BR24 heißt. Der viel gehörte Informationsleuchtturm im Süden ist bereits seit 6. Mai 1991 auf Sendung. Das Programmschema mit einer Stundenuhr im 15-Minuten-Takt für aktuelle News und redaktionelle Beiträge war damit Vorbild für alle in Folge eingerichteten ARD-Hörfunknachrichtenkanäle.

Bild: ©Oliver Helbig/Moment via Getty Images

Bild: ©Oliver Helbig/Moment via Getty Images

Über die Umbenennung sowie die Inhalte von BR24 sprach RADIOSZENE Mitarbeiter Michael Schmich mit Steffen Jenter, Leiter der Programmredaktion BR24 Radio/Audio (davor B5 aktuell) und damit Verantwortlicher für das Informationsradio BR24, die Nachrichten aller Hörfunkprogramme des BR sowie die Bereiche Wetter und Verkehr. 

 

„B5 aktuell hat in den Lockdown-Zeiträumen in Bayern 2020 und 2021 Nutzungsspitzen erzielt: Hier gab es Zuwächse gegenüber dem Vor-Corona-Zeitraum von 30 bis 60 Prozent“

 

RADIOSZENE: Das Inforadio des Bayerischen Rundfunks erhielt zum 1. Juli einen neuen Namen. Was sind die Motive für diese Umfirmierung? Die Welle B5 aktuell war doch recht erfolgreich im Markt verankert …

Steffen Jenter: Wir wollen Bayerns bester Informationsbegleiter sein – immer und überall, egal in welcher Nutzungssituation. Ob im Radio, als Podcast, in der App, im Web und im TV – die Menschen in Bayern müssen sich jetzt nur noch einen Namen merken: BR24. Das entspricht den veränderten Nutzungsgewohnheiten der Hörer und sorgt für eine bessere Verzahnung der einzelnen Angebote.

Steffen Jenter (Bild: ©BR/Lisa Hinder/ Max Hofstätter)

Steffen Jenter (Bild: ©BR/Lisa Hinder/ Max Hofstätter)

Auch nach außen hin ist der Markenauftritt damit klarer und einfacher. Aber auch künftig setzt BR24 im Radio auf eine hohe Akzeptanz beim Publikum. In den vergangenen Jahren hatte B5 aktuell zwischenzeitlich die höchsten Reichweiten seit Sendestart. Dieser Erfolg – quer durch alle Altersgruppen – soll weiter gesichert werden.

RADIOSZENE: Gibt es jenseits des Namenswechsels weitere organisatorische und programmliche Veränderungen?

Steffen Jenter: Radio, Fernsehen und TV bleiben eigene organisatorische Einheiten mit ihren jeweiligen Teams und Leitungen. Allerdings wird der inhaltliche und personelle Austausch auf allen Ebenen verstärkt. Neue Programmangebote werden von Anfang an crossmedial gedacht. Der BR24 Faktenfuchs läuft schon jetzt im Radio, im Netz und im Fernsehen in der BR24 Rundschau. Mögliche neue Podcast-Angebote werden bereits gemeinsam entwickelt. Im Radio und online gibt es das neue Format „BR24 drangeblieben“ – bei dem Themen nachgegangen wird, die aus den Schlagzeilen geraten sind. BR24 Community ist ebenfalls bereits auf Sendung und bringt die Fragen und Kommentare von Hörerinnen und Hörern sowie Online-Usern on air. Weitere gemeinsame Formate im Bereich des konstruktiven Journalismus sind in der Entwicklung.  

RADIOSZENE: Welche zusätzliche Ressourcen beinhaltet dieses crossmediale Konstrukt?

Steffen Jenter: Es gibt keine zusätzlichen Ressourcen, alles wird mit dem bestehenden Team umgesetzt.

RADIOSZENE: Laut ma 2021 Audio sind Informationsradios weiter auf Erfolgskurs. Wie sehr hat die Coronazeit diesen Trend befeuert?

Steffen Jenter: In der Corona-Lage hat sich das Informationsbedürfnis der Menschen noch einmal deutlich verstärkt, was zu Reichweitenzuwächsen für Informationsangebote auf allen Ausspielwegen geführt hat. So hat sich beispielsweise die tägliche Nutzerschaft unseres BR24-Digitalangebots 2020 mehr als verdoppelt und auch die Nachfrage nach der BR24 Rundschau im Fernsehen ist deutlich angestiegen. Aus internen Repräsentativuntersuchungen und der Auswertung unserer Livestreams wissen wir, dass B5 aktuell in den Lockdown-Zeiträumen in Bayern 2020 und 2021 Nutzungsspitzen erzielt hat: Hier gab es Zuwächse gegenüber dem Vor-Corona-Zeitraum von 30 bis 60 Prozent. Wichtig ist mir aber zu betonen: Corona hat einen Trend verstärkt, der schon länger zu verzeichnen ist. Die öffentlich-rechtlichen Inforadios werden in Zeiten von FakeNews, Filterblasen und einer stetig wachsenden Zahl von Anbietern als verlässlicher Anker geschätzt. Seriöse Informationen, Hintergründe, Einordnung, Analyse und die saubere Trennung von Meinung und Programm zeichnen sie aus.

 

„Informieren, nicht missionieren“

 

RADIOSZENE: Welche Segmente des BR24-Angebots sind Ihren Hörern besonders wichtig? Reine Schlagzeilenübersichten, Service oder vertiefende Beiträge?

Steffen Jenter: Gespräche mit Hörern, das Feedback per Mail und Telefon sowie Befragungen zeigen, dass besonders Erklärung, Hintergrund und Einordnung gefragt sind. Die reine Schlagzeile allein macht nicht den Erfolg von BR24 aus. Auch Informationen aus Bayern erfahren hohe Anerkennung. Besonders geschätzt wird das Thema des Tages, das wir vier Mal am Tag im Angebot haben. Und die Menschen wissen, hier gilt das Motto: „Informieren, nicht missionieren“.

RADIOSZENE: Die auf den ersten Blick recht gleichförmig ausgerichteten Stundenuhren scheinen ein Schlüssel für den Erfolg der Infowellen zu sein. Der Hörer weiß immer genau wann er was zu erwarten hat …. Wirtschaft, Politik, Sport, Kultur … alles hat zu festen Zeiten seinen Platz …

Steffen Jenter: Verlässlichkeit ist sicher ein wichtiger Punkt. Aber wir gehen nicht davon aus, dass zu einem bestimmen Zeitpunkt gezielt eingeschaltet wird – außer bei besonderen Ereignissen. Die Hörerinnen und Hörer entscheiden ganz nach persönlicher Lebenssituation und Zeitbudget.

RADIOSZENE: Zu welchen Situationen geben Sie diese festen Abläufe auf und reagieren Ereignisbezogen?

Steffen Jenter: Immer öfter. Wir übertragen öfter live Pressekonferenzen von Politikern als früher und ordnen die Inhalte danach ein, das Programm von BR24 Radio wird immer öfter aufgebrochen. Zudem sind wir regelmäßig live und in voller Länge bei wichtigen Sportereignissen. Und wir nehmen uns am Donnerstagabend mit dem Dossier Politik auch eine ganze Stunde Zeit für ein Thema. Ob bei Corona, Wahlen, Unwettern und so weiter – die Zahl der Sondersendungen hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Zudem steigt der Anteil von Gesprächen mit Expertinnen und Experten und Korrespondentinnen und Korrespondenten.

RADIOSZENE: Welche Rolle spielt bei Ihrer Themengewichtung die regionale Berichterstattung beziehungsweise das Landesgeschehen?

Steffen Jenter: In den letzten Jahren haben wir den Bayern-Anteil in der Prime- und Drive-Time verdoppelt. Die Regionalisierungsoffensive des BR schlägt sich also hörbar im Programm nieder. Der neue Claim von BR24 hält dies fest: „Hier ist Bayern“ – mit Berichten aus Bayern für Bayern aber auch mit dem bayerischen Blick auf Deutschland und die Welt. Die Landespolitik und die Entwicklungen im Freistaat sind so stark und prominent vertreten wie nie zuvor im Programm. Immer mit dem Ziel, den Freistaat in seiner ganzen Breite darzustellen, nachzufragen, exklusive Geschichten zu bringen und zugleich die Anregungen der Userinnen und User aufzunehmen.

RADIOSZENE: Gibt es Bevölkerungsgruppen, die Ihre Angebote besonders intensiv nutzen?

Steffen Jenter: Gerade in den Ballungsräumen, bei formal höher Gebildeten und von Männern wird das Informationsradio überdurchschnittlich genutzt. Aber der Erfolg von BR24 basiert auf der Breite der Zielgruppen – quer durch alle Altersgruppen und Milieus. Wir sind daher auch sehr froh, dass wir über den Corona-Zeitraum unsere Akzeptanz nicht nur in einigen der überdurchschnittlich politikinteressierten gesellschaftlichen Milieus ausbauen konnten, sondern gerade auch in der gesellschaftlichen Mitte und der unteren Mittelschicht.

 

„Hörerinnen und Hörer der Kultur- und Informationsprogramme der ARD nutzen deutlich stärker als die Publika anderer Programmformate auch Podcasts und Sendungen auf Abruf“

 

RADIOSZENE: Profitieren Nachrichtensender nicht auch in besonderem Maße vom allgemein sich verstärkenden Trend zum nicht-linearen Hören?

Steffen Jenter: Aus eigenen Untersuchungen wissen wir, dass die Hörerinnen und Hörer der Kultur- und Informationsprogramme der ARD deutlich stärker als die Publika anderer Programmformate auch Podcasts und Sendungen auf Abruf hören. Das gilt auch für die gehobenen Programme des Bayerischen Rundfunks und BR24, von deren Hörerschaft etwa 15 Prozent auch regelmäßig Wortangebote on-demand nutzen. Davon profitiert natürlich auch das Info-Angebot des BR und der ARD Audiothek. Allerdings gibt es auch viele erfolgreiche nicht-lineare Angebote, die eher dem Bereich der Unterhaltung zuzuordnen sind.

RADIOSZENE: Welche Rolle in Ihrer digitalen Strategie spielen Podcasts? Über welches Portfolio verfügen Sie hier?

Steffen Jenter: Podcasts spielen eine immer wichtigere Rolle. Der jüngste Erfolg ist „Jobstories, der Coaching-Podcast“, ein Angebot, das sich besonders an beruflich erfolgreiche junge Frauen richtet. Auch das „Thema des Tages“ ist als Podcast stark gefragt. Neu am Start ist „Frag mich! Die Nachrichten und ich“ – eine Kooperation von BR24 Radio und der Redaktion Kinder des BR. Zudem gibt es immer mehr Sonntagsmagazine, die von Anfang an von den Fachredaktionen des BR als Podcast konzipiert sind und auch linear ausgestrahlt werden. Hervorzuheben ist hier das politische Gesprächs- und Hintergrund-Format „Ein Thema, drei Köpfe“.

RADIOSZENE: Hat sich mit den Neuerungen auch der Charakter des Juniorprogramms BR24 plus geändert?

Steffen Jenter: Nein. BR24 live ist weiterhin ein Ereigniskanal und überträgt Landtags- und Bundestagsdebatten, Pressekonferenzen und Sport-Ereignisse, die nicht im Hauptprogramm in voller Länge übertragen werden.

Bild: ©Westend61 via Getty Images)

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RADIOSZENE: Zuletzt standen Hörfunkprogramme für eine zu passive Rolle als Vorwarnmedium bei Katastrophen – wie dem Hochwasser in der Eifel – in der Kritik. Wie vorbereitet ist BR24 auf den Fall der Fälle?

Steffen Jenter: Die jüngsten Hochwasser in Bayern haben gezeigt, dass BR24 für solche Fälle gut gerüstet ist. Wir haben auf allen Ausspielwegen die Menschen frühzeitig, stetig und umfassend informiert. Dabei wurde auch das Programmschema am Wochenende aufgebrochen. Zugleich gilt es immer wieder zu überprüfen, auch gemeinsam mit den Behörden: Kommen in allen denkbaren Situationen alle Informationen richtig und zuverlässig an? Stimmt die Gewichtung? Sind wir nicht nur inhaltlich und personell, sondern auch technisch optimal aufgestellt?

RADIOSZENE: In der Vergangenheit gab es erfolglose Anstrengungen auch private Nachrichtenradios in Deutschland zu etablieren. Aktuell scheint der Markt der Inforadios durch Streaminganbieter wie Spotify am wenigsten gefährdet. Wie sicher sind Sie, dass ein Medienkonzern eines Tages nicht doch Ihre eher komfortable Situation mit einem informations-basierten Audioangebot angreift?

Steffen Jenter: Das ist immer denkbar und absolut legitim. Gleichwohl machen wir uns keine Sorgen. BR24 ist in Bayern zuhause, nah dran an den Menschen. Zugleich haben wir als BR und im Verbund der ARD das Geschehen in Deutschland und auf der Welt immer im Blick. Das weltweite Korrespondentennetz ermöglicht auch bei internationalen Themen, in die Tiefe zu gehen. Und viele Menschen schätzen, dass wir einen klaren Programmauftrag und hohe Qualitätsmaßstäbe haben – fernab von wirtschaftlichen Interessen.

 

„Das Radio muss auch heute noch täglich neu erfunden werden“

 

RADIOSZENE: Welcher Anstrengungen bedarf es den positiven Nutzungstrend bei den Inforadios weiter fortzuschreiben?

Steffen Jenter: Auch künftig gilt: Was ins Ohr geht, bleibt im Kopf. Vor zehn Jahren noch haben viele nicht mit dem Audio-Boom gerechnet und angesichts neuer Web- und Social-Angebote das Ende des Radios vorhergesagt. Das ist nicht der Fall: Radiohören ist weiter sehr beliebt. Der Ausbau von abrufbaren Inhalten bleibt aber wichtig, genauso wie die stetige Verbesserung von Audio- und Mediatheken. Das Radio muss auch heute noch täglich neu erfunden werden. Wenn das gelingt, wird es erfolgreich bleiben.

 

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